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Full text of "Berg- und Gletscher-Fahrten in den Hochalpen der Schweiz"

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J 



I 

i 



Berg- und Gletscherfahrten 



in den 



Hoch&lpen der Schweif. 



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berg- und (.icmiininwim 



in den 



Hochalpen der Schweiz. 



.<** 



6. Stnder, M. Ulrich, J. J. Weileuraa. 



MH acht Abbildungen. 



AlMSk 



ZOrlcb 9 

bei Friedrich Schultheis, 

1859. 



1 



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5 /^0/ 



DON 



Vorwort 



Dar Eifer, die Biesen der Alpenwelt zu bezwingen, 

wachet von Jahr au Jahr. Bald wird kein Gipfel mehr 

wi finden sein, den nicht sehen ein menschlicher Fuss 

betreten; alle müssen nach and naeh diesem Schicksal 

TerfaUeo. 

Für den, welcher diesen Genuas kennt, ist dieses 
sehr begreiflich. Wer einmal von dieser Fracht gekostet, 
den verlangt stets nach Mehrerm and Etöherm. Auf den 
hehren Gipfeln der Alpen wirft man die ganee Last des 
Lebens von sich, und schwelgt im HimmeMther; schade, 
dans man wieder aar Erde sarückkehren mass. Aach die 
Wissenschaft gewinnt bei solchen Versuchen , es wird ihr 
manches Feld geöflhet, das Ihr bisher verschlossen ge- 
wesen. , 

Seit einer Reihe von Jahren haben die Drei, welche 
das Titelblatt nennt, theüs mit einander solche Berg- 
besteigungen versucht, theils schriftlich sich die Erleb-* 
nisse in diesen Regionen mitgetbeilt Der Gedanke lag 
nicht ferne, ihre Erfahrungen auch einem weitern Kreise 
bekannt zu machen, mmal das Interesse für solche 



— IV — 

Schilderungen stete wächst. Sie haben sich daher ent- 
schlossen, eine Reihe Bergbesteigungen zu veröffentlichen, 
die keinen andern Anspruch jnachen, als die Erlebnisse 
der Wahrheit gemäss zu schildern , die sich bei solchen 
Wanderungen darbieten. 

Leider ist uns der vierte im Bunde, Herr Georg 
Hoffinann in Basel, im Frühjahr 1858 durch den Tod 
entrissen worden. Ein langjähriger Bekannter von ihm, 
Herr Diakon Pestalozzi, hat ihm noch ein kleines An- 
denken gestiftet, das diesen Blättern vorangestellt ist. 
Wir selbst haben mit Freude die Erlaubniss seiner Hinter- 
lassenen benutzt , seinen Nachlass dieser Schrift einzuver- 
leiben. Es ist zwar ein Theil davon, die Besteigung 
des kleinen und grossen Windgellen, schon in den Alpen- 
rosen von 1853 erschienen; indessen, da ihm nur ein 
beschränkter Raum gestattet war, nur in gedrängten 
Umrissen, hier ist die Schilderung vollständig nieder- 
gelegt, wie er sie für sich zur Erinnerung niederge- 
schrieben, und mit der Besteigung, des Kreutzlistoekes 
und des Oberalpstockes vermehrt. Es ist dieses der voll- 
ständige Nachlass, denn Herr Hoffinann fand in spätem 
Jahren theils seiner Geschäfte, theils seiner Gesundheks- 
umstände wegen nicht mehr Gelegenheit, sieh in der 
frischen Luft der Berge zu erholen ; wohl hat er noch 
einige Ausflüge in das Erstfelderthal und die Göschener- 
alp gemacht, aber nicht mehr Zeit gefunden, dieselben 
in der Erinnerung festzuhalten; nur ein Fragment 
Tödireise konnte noch benutzt werden. 



— v — 

Herr Studer bat die Besteigung des Velao, die zu- 
eist im Berner Taschenbuch 1858 erschien, für diesen 
Zweck neu umgearbeitet, ond derselben die Besteigung 
des Grand Combin beigefügt Auch das Rinderhorn wurde 
tob ihm ebenfalls im Berner Taschenbuch von 1856 in 
poetischer Form geschildert, nun hier in Prosa nochmals 
überarbeitet. Ich selbst habe die dritte Besteigung des 
Tödi vorerst in dem dritten Bande der Mittheilungen der 
naturfoiscbenden Gesellschaft in Zürich — Zürich 1853 
bis 1855 — niedergelegt. Sie erscheint aber hier durcn 
die Versuche von Hegetechweiler , Dürler und Hoffmann 
vervollständigt, und enthält alles, was bisher in Be- 
ziehung auf diesen Berg geleistet worden. Auf ähnliche 
Art wurde der Monte Rosa behandelt, und alles, was 
sich über ihn sammeln Hess, der Reihe nach aufgeführt. 
Den Schluss bildet die anziehende Schilderung des Monte 
Generoso von Herrn Weilenmann, die wohl manchen zur 
Nachfolge reizen würde, wenn der Rigi der südlichen 
Schweiz mit den Bequemlichkeiten ausgestattet wäre, die 
der Rigi der Gentralschweiz in nur zu reichem Masse 
darbietet. 

Da aber auch die genaueste Schilderung, wenn sie 
bloss in Worten besteht , nicht ein ganz klares Bik} eines 
Gegenstandes zu geben vermag, so wurde jedem dieser 
Berge eine Abbildung beigegeben, die bei der Mehrzahl 
an Ort und Stelle aufgenommen wurde, und den Weg 
Schritt für Schritt verfolgen läset. 

So möge denn diese Schrift ihren Lauf beginnen, 



— VI — 

und Viele sur nähern Prüfung antreiben. Sie toll ein 
Wegweiser sein für den, welcher sich in diesen Regionen 
▼ersuchen will, und eine Erinnerung, wenn er, von den 
Bergen in seine gewohnte Umgebung Eurüokgekehrt, sieh 
in Gedanken nochmals in die ihm lieb gewordenen Ge- 
genden versetzen will. 



Ztrieh, den 21. Februar 1859. 



Melch. Ulrich, 



Georg Hoffmann von Basel. 



Aufgefordert, ein Lebensbild des im fünfzigsten Alters- 
jahr sei. verstorbenen Verfassers seiner in Zürich bei 
Füssli erschienenen Wanderangen in der Gletscherwelt zu 
entwerfen, glaubte ich dieser Aufforderung mich um so 
weniger entziehen zu sollen, als ich bei meinem oftmali- 
gen Aufenthalt in Basel es nie unterliess, diesem Freund 
der Urnerschen Hochalpen die Hand zu drücken, und mich 
von ihm auf diese hehren Mittelzinnen der schweizerischen 
Bergwelt im Geiste versetzen zu lassen. Es ging mir 
indessen mit diesem Mann, wie es uns Sterblichen oft 
geht mit Leuten, die wir nicht kennen; wir machen uns 
von ihnen eine ganz irrige Vorstellung. Als ich Hoffmanns 
Wanderungen der Gletscherwelt gelesen, und mich über- 
zeugt hatte von der Besonnenheit, Entschlossenheit, Kühn- 
heit und Beharrlichkeit, mit welcher dieselben begonnen 
und ausgeführt wurden, wollte es mir vorkommen, Hoff- 
mann müsse durchaus eine etwelche Aehnlichkeit haben 
mit einem sonnengebräunten Bergführer oder gar mit einem 
granitenen Gemsjäger; wie sehr aber erstaunte ich, als 
mir bei meinem ersten Besuche, im engen Ladenstübchen, 
an der schönen Eisengasse in Basel, ein schmächtiger, 
blasser, zart und feingebauter Herr, mit der Feder hinterm 
Ohr, entgegenkam. Er lächelte, als er meine Verwunde- 
rung sah, und bot mir die Hand ; an dieser Hand erkannte 
ich nun doch den Mann, den ich suchte, es war eine 
Hand, welcher man anfühlte, dass sie noch etwas anderes 
als nur die Feder zu führen verstehe. 

1 



— 2 — 

Georg Hoffmann war der Sohn würdiger Eltern, des 
Herrn Georg Rudolf, Chef einer Manufakturwaaren-Hand- 
lung in Basel (gestorben 1847), and der noch lebenden 
Frau Margaretha geb. Meier« 

Er wurde geboren den 1. Juni 1808 und war das 
älteste von fünf Geschwistern. Unter der treuen Pflege 
liebender Eltern wuchs er auf zu ihrer Freude* durch 
kindlichen Gehorsam und sanften Charackter ein guter 
Sohn und Bruder. Bis in sein zwölftes Jahr besuchte er 
die öemeirideschulen seiner Vaterstadt und die untern 
Klassen des Gymnasiums, ohne sich jedoch durch beson- 
dere Fortschritte auszuzeichnen. Die vom 12ten bis zum 
15ten Jahr in der Erziehungsanstalt der Brüdergemeinde 
zu Königsfeld zugebrachte Zeit trug viel zur Entwicklung 
und Stärkung seiner körperlichen und geistigen Kräfte 
bei; das dortige Anstaltsleben mit seiner anregenden Er- 
ziehungs- und Lehrmethode übte einen erfrischenden Ein- 
ffuss auf das stille Gemüth des Knaben: er lernte und 
arbeitete nicht mehr wie früher bloss aus Pflicht, sondern 
mit Lust. Das religiöse Element war Grund, Stern und 
Mittelpunkt des Ganzen, wirkte aber keineswegs entmuthi- 
gend oder verdüsternd, sondern belebend und erheiternd. 
Wenn man sah, mit welcher Freude die Knaben in einer 
lichten Stelle des Waldes ihre Plantagen bebauten, oder 
in einem nahen Teich einander auf selbstverfertigten 
-Schiffen Seeschlachten lieferten, konnte man nicht mehr 
zweifeln, dass die Methode des Hauses eine gesunde sei. 
Dieses Urtheil hat auch Hoffmann in späteren Jahren oft 
und in dankbarer Erinnerung abgelegt; 

Das löte Altersjahr brachte er theils zur Erlernung 
der französischen Sprache, theils zu seiner ferneren Aus- 
bildung zu Neuchatel in der Pension Piguet zu. Hier 
machte er eine ernste Erfahrung. Bei einer Spazierfahrt 
mit Freunden auf dem See vom Sturm überfallen, wurde 
er der augenscheinlichsten Todesgefahr nur wie durch ein 
Wunder entrissen ; die Hand, die noch retten kann, wenn 



- 3 — 

Rettung unmöglich scheint, hatte er nun kennen gelernt, 
uud yertrante ihr lebenslang mit heiliger Ehrfurcht. Nie 
nistete er sich zu einer Bergfahrt, ohne sich in diesem 
Vertrauen aufs neue befestigt zu haben, und den Segen 
davon hat er nach seinem eigenen Geständniss reichlich 
erfahren, — Nach seiner Rückkehr von Neuchatel erhielt 
er Unterricht und Weihe der Konfirmation von dem an- 
denkswürdigen und von ihm aufs innigste geliebten Seel- 
sorger Von Brunn, Pfarrer zu St. Martin , das war ganz, 
der, Mann, der die hochfahrenden Geister zu demtithigen, 
die schüchternen zu ermuthigen verstand. Also ermutbigt 
betrat nun Hofimann den Kaufmannsstand. Er machte 
seine Lernzeit in dem Colonialwaaren-Geschäft eines ange- 
sehenen Baslerhauses, und verliess es, mit den bessten* 
Zeugnissen versehen, nach 3 Jahren, um in Frankfurt 
*m Main als Volontär in ein ausgedehntes Manufaktur- 
Warengeschäft einzutreten. Hier vollendete er seine Bil- 
dung, machte eine Reise nach Holland, die seinen Gesichts- 
kreis noch mehr erweiterte, und kehrte dann ins väter- 
liche Haus zurück, um als treuer Sohn einem geliebten, 
bereits alternden , Vater eine Stütze zu werden. Und .er 
wurde es im schönsten Sinne des Wortes; Gewissenhaf- 
tigkeit, Pietät und kindliche Liebe waren die Triebfedern 
seines Thuns. 

Es konnte indessen einem tiefern Beobachter nicht 
verborgen bleiben, dass der Kaufmannsstand, für welchen 
Hofimann sich gebildet hatte, doch nicht das war, was 
seinem innersten Gemüth zusagte. Seine Lieblingsbeschäf- 
tigung war schon in früheren Jahren mehr wissenschaft- 
licher Art; vorzüglich zogen ihn mathematische Studien 
*to; damit verband er eine besondere Vorliebe und Fer- 
tigkeit in der freien Handzeichnung, wofür seine eigen- 
händig auf Stein gezeichnete Ansicht des Pilatus, welchen 
«r zuvor nach allen Richtungen bestiegen hatte, Zeugniss 
ablegt Gern hätte er diese Fächer zu seinem Lebensberuf 
erwählt, allein der Wunsch des Vaters, dass diess nicht 



— 4 — 

geschehe, galt dem gehorsamen Sohn als unabänderliches 
Gesetz. Es war kein leichtes Opfer, das er zu bringen 
berufen war, er hat es aber gebracht, und zwar mit. aller 
Heiteikeit «des Geistes, und sich ewr vorbehalten, die ihm 
so sparsam zugemessenen Mussestunden diesen edeln 
LieMingBfireachäften zu weihen. £s ruhte Aber auf diesen 
wenigen Mussestunden ein reicher Segen. Er hat in den- 
selben mehr zu Stande gebracht, als Mancher, der über 
seine ganze Zeit frei disponiren kann. Das (bezeugen neben 
vielen andern schriftlichen und künstlerischen Erzeugnissen 
seine Wanderungen in der Gletscher weit, und die von 
ihm selbst verfasste, so äusserst gelungene Schilderung, 
derselben, deren grössere Hälfte dem Publikum bereits 
bekannt ist, deren kleinere in den nachstehenden Heften 
erscheint. Es bezeugen diess die beiden Panoramen, das 
eine von Chrischona, das andere von Schauen* 
bürg, zwei vorzügliche Denkmaler seines stillen, beharr- 
lichen, Fleisses, meistens an Sonntagen nach angehörtem 
Gotteswort an Ort und Stella selbst mit gehobener Seele 
bearbeitet. 

Mit dem am 19. Februar 1847 erfolgten sei. Hin- 
schied des geliebten, immer noch im Beruf thätig gewe- 
senen, Vaters sank die Mussezeit unsers Freundes fast 
auf Null herab, und als vollends nach einigen Jahren der 
jüngere Bruder durch die Zeitverhältnisse einem andern 
Beruf zugeführt wurde, lag das ganze ausgedehnte Waaren- 
geschäft einzig auf seinen ohnehin geschwächten Schul- 
tern. Ueberzeugt, dass von seiner treuen Führung das 
Wohl der Familie abhänge, trat von nun an alles andere 
in den Hintergrund. In grosser Selbstverläugnung durch- 
lebte er die letzten Jahre seines Lebens, nicht selten von 
Brust- und Lungenleiden heimgesucht, immer aber heitern 
Geistes und unverdrossenen Eifers; in Tagen der Krank- 
heit von einer theuren Mutter und liebenden Schwester 
freundlich gepflegt, sonst aber am liebsten sich selbst, 
oder was ihm noch vorzüglicher war, andern helfend, 



— 5 — 

seinen wenigen Freunden immer zugänglich, sich mit il 
gerne In eine schöne Vergangenheit versenkend , bei der 
ßäckscbau auf sein Leben seinem Schöpfer dankbar für 
jede gute Gabe, dankbar aber besonders, dass er ihn 
geschickt machte zum Erbtheil der Heiligen; und als er 
nicht mehr die schönen Urnerberge schauen konnte, auf- 
schauend zu den Bergen, von welchen uns die Hülfe 
kommt, getragen von dem Geiste der Kindscbaft, der ihn 
lehrte Abba! schreien, und seinem Herzen das sanft*» 
müthige, friedfertige, liebestbätige Wesen verlieh. In sol- 
cher Weise sehen wir ihn seinem Ziele entgegengehen, 
immerdar wirkend, so lang es noch Tag war. Den 21. Ja- 
nuar 1858 näherte sich ihm die Nacht, da Niemand mehr 
wirken kann. Von einer heftigen Lungenentzündung be- 
fallen nahm die Erschöpfung aller seiner Kräfte so schnell 
Oberhand, dass er schon den 26. Januar frühmorgens im 
Heim entschlief. 

Zürioh , im Oktober 1858. 

Job« Pestalozzi. 



1 Der kleine Windgellen. 

Von Georg Hoffmann. 
Höhe 9240'. 3001,4 Meier 

Die beiden Thaler des Kantons Uri, das Schächen- 
thal und das mit ihm parallel laufende Maderanerthal, 
sind durch eine Gebirgskette von einander getrennt, welche 
sich in der Richtung von Osten nach Westen ausdehnt, 
und die in fünf grössere Felshäupter ausgezackt ist, welche 
zum Theil höher als 10,000' über der Meeresfläche lie- 
gen. Die Benennungsweise jener fünf hauptsächlichsten 
Spitzen leidet indessen an dem gleichen bedauerlichen 
Uebelstande, der im schweizerischen Hochgebirge häufig 
genug von den Reisenden empfunden wird, und der darin 
besteht, dass sehr oft der Name einer Bergspitze in dem 
Munde der Bewohner der Umgegend ganz verschieden- 
artig lautet, je nachdem sich der Fragende von dieser 
oder jener Seite her einem solchen Gebirgsstocke genähert 
hat. Der fremde Wanderer, der sich mit der Karte in 
der Hand auf irgend einen Höhepunkt in der Alpenwelt 
hinstellt | geräth oft in grössere Verlegenheit, wenn er 
einen einheimischen Begleiter zur Seite bat, als wenn er 
allein stände, denn häufig stimmen die Namen, die der 
Inländer angibt, durchaus nicht mit denjenigen überein, 
die in der Karte verzeichnet stehen. Diese Verschieden- 
heit in der Benennungsweise erklärt sich zum Theil daher, 
dass häufig die Besitzer hochgelegener Alpen denjenigen, 
Gipfeln, die sich unmittelbar über ihr Besitzthum erheben, 
die gleichen Namen beilegen, welchen jene Alpen selbst 
tragen, und denen sie dann nur noch die Zunamen, Stock, 
Hörn, Kopf u. s. w., beifugen, wie z. B. Blackenstock, 



— 8 — 

Kammlistock u. a. Da nun mehrentheils solche hohe Berge 
wenigstens auf zwei Seiten Alpen haben, so erklären sich 
auch diese Doppelbenennungen leicht. Noch eine fernere 
Ursache liegt darin, dass von etwas entfernter wohnenden 
Landleuten einem ganzen Gebirgsstocke mitunter der 
gleiche Name gegeben wird, mit dem die nächsten An- 
wohner eigentlich nur einen kleinern oder Nebentheil der 
Hauptgebirgsmasse bezeichnen. Um von manchen nur ein 
Beispiel anzuführen, wird in einem Umkreise von vielen 
Stunden der Urirothstock „Gütschen a genannt, obgleich 
diese Benennung eigentlich nur einem weit niedrigem 
Nebengipfel des Uri-Rothstockes zukommt. Da indessen 
dieser eigentliche Gütschen bis in den Vierwaldstättersee 
hineinreicht und er daher bei dem lebhaften Verkehr auf 
jenem Wasser Leuten aus allen benachbarten Kantonen 
bekannt ist, so nennen diese auch den mit dem Gütschen 
zusammenhängenden, aber von dem See entfernter liegen- 
den und darum ihnen weniger bekannten Uri-Rothstock 
ebenfalls nur Gütschen. Ausser diesen beiden Ursachen 
gibt es jedoch noch viele andere, welche zu doppelten 
und dreifachen Benennungsweisen hoher Bergspitzen Ver- 
anlassung geben, deren Aufzählung aber zu weit führen 
würde ; es ist nur zu wünschen, dass die eidgenössischen 
Ingenieure, denen die topographische Aufnahme für die 
neue Karte der Schweiz anvertraut ist, nach Kräften zu 
Beseitigung jener Verwirrung mitwirken; möchten dann 
aber nur auch die Hirten und Jäger solche Benennungen, 
welche einmal in der neuen Karte festgestellt sind, so 
viel möglich unter sich und gegen Fremde in Gebrauch 
setzen ! 

Unter den fünf Hauptgipfeln jener Gebirgskette, welche 
das Schächenthal vom Maderanerthal scheidet, trägt allein 
der erste oder am meisten östlich liegende, sowohl auf 
seiner Nord- als Südseite, — im Scbäch$nthale wie im 
Maderanerthale — den gleichen Namen Scheerhorn. Der 
nächst folgende Gipfel gegen Westen wird schon auf 



riererle! Weise benannt Auf seiner Nordseite oder Im 
Schächenthale nennt man ihn Bocksingel, Zingelstock, 
KJein-Rachi, während er jenseits im Maderanerthale fast 
tas8chliesslich unter dem Namen Hoch Kalkachyen 
(Felsen) bekannt ist Beide Berge sind durch einen Fels- 
kamm mit einander verbunden, in welchem sich eine von 
den Gemsjägern als Uebergangspunkt benutete Einsattlung 
befindet, die im Schächenthale das Krükeli, im Maderaner- 
thale die rauch-Kehle heiset. 

Das dritte Felsenhaupt in der Reihenfolge gegen 
Westen bezeichnen die Schächenthaler mit dem Namen 
Bnchi, die Maderanerthaler hingegen kennen diese. Be» 
oennungsweise kaum, sondern jener Berg wird von ihnen 
Alpgnoferstock genannt, nach der an seinen südlichen 
F088 sich lehnenden Sennerei Alpgnof. Bei der Benen- 
noogsart des vierten und fünften Gipfels zeigt sich nicht 
«Hein eine gleiche Verschiedenheit, sondern es herrscht 
darin eine völlige Verwirrung, die sogar unter den Be- 
wohnern jener Gegend selbst mitunter zu Miss verstand» 
nitsen führt 

' Der vierte Gipfel ist nämlich in den geographischen 
Karten, so wie bei den Bewohnern der Nordseite jenes 
Berges unter dem Namen grosser Windgellen, der 
fünfte unter dem des kleinen Windgellen bekannt, 
welcher letztere auch bisweilen, zufolge der an seinem 
nördlichen Abhänge am Rande eines Bergsees gelegenen 
SeeweKalp, der Seewelistock heisst Die Bewohner 
der Südseite hingegen bezeichnen jene beiden Berge sa, 
dass sieden grossen Windgellen Kalkstock, den 
kleinen Windgellen oder Seewelistock hingegen 
grossen Windgellen nennen. Es fügt sieb also hier, 
dass der gleiche Febstock auf seiner Nordseite klein, 
auf der Südseite gross genannt wird. Nun wird aber 
noch die Verwirrung dadurch vergrößert, das* die Bewoh- 
ner der Südseite, die Maderanerthaler, auch noch einen 
kleinen Windgellen anführen, nämlich einen Neben« 



- 10 '- , 

gipfel ihres grossen (oder des eigentlichen kleinen) Wind- 
gellen. Jener kleineWindgellen der Maderanertbaler 
bildet als äusserstes westliches Ende des ganzen mit 
dem Scheerhorne beginnenden Gebirgszuges gleichsam den 
Schlussstein, steht jedoch der geringen Grösse wegen bis 
jetzt noeh in keiner Karte angemerkt Dieser letztere kleine 
Windgellen zeichnet sich durch ein grosses Loch in einer 
seiner schroffen Felswände aus, durch welches man schon 
aus einer bedeutenden Entfernung den Himmel durch- 
scheinen sieht, und das von den dortigen Jägern das 
Fenster genannt wird. Den glücklichen Zufall von dem 
Vorbandensein des sogenannten Fensters benutzend, be- 
nenne ich in der nachfolgenden Erzählung den kleinen 
Windgellen der Maderanertbaler einfach mit dem Namen 
Fenster stock, bebalte dagegen die übrigen Namen bei, 
wie sie in den Karten bezeichnet sind; ich nenne also 
den vierten Gipfel von Osten her, nämlich den westlichen 
Nachbar des Rucbi oder Alpgnoferstockes, grossen Wind- 
gellen, den fünften Gipfel kleinen Windgellen, 
endlich den Nebengipfel dieses letztern, der noch auf 
keiner Karte angemerkt ist , F e n s t e r s t o ck. 

In einigen geographischen Büchern ist der grosse 
Windgellen als unersteiglich bezeichnet Auf meinen 
Mhern Alpenwanderungen hatte ich indessen von den Land- 
leuten jener Gegend mehrmals vernommen, der grosse 
Windgellen sei allerdings ersteigbar, wirklich erstiegen 
worden sei er aber nur zur Seltenheit von Jägern, noeh 
niemals aber von einem Städter oder von einem wissen- 
schaftlich gebildeten Reisenden. Dieser scheinbare Wider- 
spruch über die Zugänglichkeit des grossen Windgellen 
rührte indessen allein daher, dass ich damals meine Er- 
kundigungen ausschliesslich auf der Südseite jenes Berges 
einzog, wo also die Leute unter dem ersteigbaren grossen 
Windgellen den eigentlichen kleinen Windgellen verstanden. 
Die Verwechslung betraf übrigens nur den Namen, nicht 
die Sache, denn die gleichen Leute sprachen mir ebenfalls 



— ii — 

von der UnersteigUchkeit eines kahlen Felsstockes jener 
Gegend , welcher nach ihrem Ausdrucke etwas weiter 
hinten als der grosse Windgellen stehe, und den eie Kalk- 
stock nannten. Weil nun dieser Name auf keinen Karten 
vorkommt, so war mir nicht bekannt, ob der Kalkstoek 
höher oder niedriger als der bei den Hirten und Jägern 
im Maderanerthale für ersteigbar geltende grosse Wind- 
gellen sei Um durch eigene Anschauung von der Lajre 
und Beschaffenheit des grossen Windgellen und des 
Kalkstockes Aufklärung zu erhalten, entsehloss ich 
mich, die Besteigbarkeit des erstem zu benutzen, und 
einen Versuch zur Erklimmung der Spitze zu machen. 
Zu diesem Zwecke hatte ich einige Zeit vorher meinem 
vormaligen Begleiter Gedeon T rösch aufgetragen, wo 
möglich einen von. den Jägern auszukundschaften, welche 
vorgeblich schon auf dem Gipfel gewesen seien, und mir 
dann von dem Ergebnisse seiner Nachforschungen schrift- 
liche Nachricht zu geben« Diese lautete dahin, dass zwar 
öfters Gemsjäger in beträchtlicher Höhe am grossen 
Windgellen zu jagen pflegen, dass aber ein gewisser 
Johannes Epp im Waldiberg bei Golzern im Ma- 
deranerthale der einzige sei, von dem man mit Zuver- 
lässigkeit wisse, dass er die Spitze besucht habe, auch 
gebe dieser Mann die Ersteigung jenes Gipfels für nicht 
allsuschwierig aus. Da indessen dieser Jäger als einer der 
kühnsten Gänger bekannt war, so durfte ich zur Aus- 
führung meines Vorhabens doch nicht eine ganz leichte 
Arbeit erwarten. Ich Hess mich jedoch von meinem Vor* 
haben dadurch nicht abschrecken, sondern nahm mir vor, 
den Versuch zu wagen, und wanderte zu diesem Zwecke 
im Monat Juli 1844 in Gesellschaft eines Freundes vor* 
erat durch das Maderanerthal zur Wohnung des Gedeon 
Trösch auf Balmenwald, beider Alp Niederküsein, 
tarn mit demselben nähere Rücksprache zu nehmen. Wir 
beide übernachteten daselbst, besuchten aber am gleichen 
Abende noch den nahe gelegene« Hüf if irn. Dieser schönt 



- 12 - 

Gletscher im Hintergrunde des Maderaner- oder Kerste- 
ienthales, im Ruppletentbale, darf sich den berühm- 
tem des Berneroberlandes in Beziehung auf malerische 
Schönheit an die Seite stellen. Lange wurde dar Besuch 
des Hüfifirnes vernachlässigt, erst in neuester Zeit 
erfreut er sich einer stets wachsenden Zahl Verehrer, 
und noch nie ist ein Beisender unbefriedigt von ihm 
zurückgekehrt. Seine hochgethürmten Eisblöcke erscheinen 
ki ebenso mannigfachen und malerischen Gestaltungen wie 
bei andern Gletschern, die in einem besondern Rufe der 
Schönheit stehen. Die prachtvollen Eisgrotten und ihre selt- 
sam geformten Wölbungen, Säulen und Gänge schimmern 
hi den mannigfaltigsten Abstufungen eines magischen Licht- 
glanzes. Das Auge ruht erst mit Wohlgefallen auf den 
bläulich grünen mächtigen Eisstücken, welche dem Be- 
schauer am nächsten stehen. Dann gleitet der Blick un- 
willkürlich einwärts gegen die Tiefe, er sucht hineinzu- 
dringen in die geheimnissvolle feierlich stille Zauberwelt, 
deren Hallen ein reizender, vom hellsten Himmelblau 
allmälig in den Ton des Saphyrs übergehender Farben- 
schmelz erfüllt. Es gelüstete uns sehr, so tief wie mög- 
lich hineinzudringen in die prachtvollen Wundersäle der v 
Berggeister, desshalb krochen wir in die Oefihungen des"* 
Gletschers hinein, so weit es sich thun Hess. Der unan- 
gemeldete Zudrang der Fremdlinge behagte jedoch den 
unsichtbaren Wesen nicht; weil sie aber bekanntlich gut- 
mttthiger Natur sind, so Hessen sie eine Warnung voraus- 
gehen, bevor sie unsere Zudringlichkeit etwa mit Gefähr- 
dung an Leib oder Leben bestraften, und erregten dess- 
halb ein seltsames Knistern im Eise, um welches wir 
uns im Uebermuth nicht kümmerten, und unsere unter- 
irdische Entdeckungsreise mit gleicher Neugierde fort- 
setzten. Da mochten die Berggeister aus unserer Ver- 
stocktheit merken, wie trotzige und ungelehrige Wesen 
doch die Menschen sind ; dennoch trugen sie mit unsenn 
Unverstand langmtithige Geduld, und schickten uns eine 



— 18 — 

zweite Warnung zu in der Gestalt einiger kleiner Eis* 
körner, die sie gar zierlich zwischen den grossen Eia- 
sacken hindurch bis zu unsern Füssen hinabrieseln Hessen. 
Auf diesen deutlichen Wink machte T rösch plötzlich eine 
rückgängige Bewegung, und empfahl auch uns den schleu- 
nigsten Rückzug aus diesem schönen, aber doch schauer- 
lichen Eisgewölbe. Dieser Aufforderung unsere Führern 
leisteten wir um so schneller Folge, als wir ihm ansahen, 
dass er nicht zum Scherz warne. Er erklärte nämlich das 
Knistern im Eise und das Herabrollen der Eiskörner als 
die Vorzeichen von einem möglichen Einstürze irgend 
eines nahe gelegenen Eisstückes über unsern Häuptern, 
so dass ein längeres Verweilen leicht gefahrbringend hätte 
werden können. Ich fand den Gletscher seit meinem letzten 
Besudle vor zwei Jahren (1842) ziemlich verändert. Da- 
mals entströmte ihm der Eerstelenbach (der sich bei Am- 
8täg in die Reuss ergiesst) auf der rechten Seite, und 
fioss eine Strecke weit auf ziemlich ebenem Boden fort* 
Jetzt braust jenes wilde Bergwasser zur linken Hand mit 
donnerähnlichem Getöse aus einer Eishalle hervor, welche 
grösser und schöner geformt ist , als die ehemalige, und 
statt, wie früher, sogleich bei seinem Erscheinen auf 
einem beinahe ebenen Boden fortzufliessen, bricht sich 
nun der Bach durch ein enges Felsenbecken mit Tosen, 
und den Wasserstaub aufspritzend, gewaltsam Bahn* 
Durch diese Veränderung hat der Aubliek des Hüfifirnes 
noch mehr an malerischer Schönheit gewonnen. — Seit 
meinem ersten Besuche vor ungefähr zehn Jahren habe 
ich den Hüfigletscher verschiedene Male gesehen, und ihn 
jedes Mal um einige Klafter weiter vorgerückt getroffen* 
Ein Felsblock von der Höhe eines einstockigen Hauses, 
welcher etliche Klafter weit vom Gletscher entfernt lag, 
und auf welchen ich bei meinem ersten Besuche geklettert 
war, ist jetzt ganz und hoch mit Eis überdeckt, so dass 
keine Spur mehr von ihm zu sehen ist Es wird nun aller« 
dings ein solches Vorrücken auch an andern Gletschern 



- 14 — 

beobachtet, und es sind bekanntlich viele und genaue 
wissenschaftliche Untersuchungen darüber angestellt wor- 
den. Ebenso gibt es Gletscher, an welchen man ein Zurück- 
treten oder Abnehmen des Eises wahrnimmt. Aber selten 
finden sich vielleicht jene beiden Gegensätze des Vor- 
rückens und Zurücktretens in so bequemer Nähe beisammen, 
wie im Maderanerthale beim Hüfifirne und einem andern 
am Oberalpstocke in das gleiche Thal niedersteigenden 
Gletscher, dem Regenstaldenfird. Während der Hüfi- 
firn seit sehn Jahren (vielleicht auch seit viel länger) 
Stetsfort wächst, und seine Eismassen vorwärts schiebt, 
nimmt der Regenstaldergletscher von Jahr zu Jahr ab 
und zieht sich rückwärts. Bei dem Dorfe Bristen, % Stun- 
den von Amstäg, bemerkt man mit unbewaffnetem Auge 
in der Ferne die öde, und, wie es von weitem scheint, 
versandete Strecke Erdbodens, welche vor wenigen Jahren 
noch mit dem Eise des Regenstaldengletschers hoch über- 
deckt war. Merkwürdiger Weise ist die Neigung des Erd- 
reiches, auf welchem jene beiden ungleichartigen Gletscher 
ruhen, von solcher Beschaffenheit, dass man eher ein 
umgekehrtes Verhältniss des Wachtbums und Zurück- 
tretens des Eises vermuthen sollte; denn während der 
Boden des vorwärts dringenden Hüfigletschers eine ziem- 
lich schwache Neigung hat, folglich der geringe Fall des 
von oben nachrückenden Eises keinen bedeutenden, das 
Vorwärtsschieben der untern Eismassen bedingenden, Druck 
ausübt, ist hingegen die Neigung des Regenstaldenfirnes 
ausserordentlich steil, so dass auf den ersten Anblick 
weit naturgemässer scheint, dass- das untere Ende [des 
Gletschers von der Schwerkraft der von oben drückenden 
Eislasten vorgeschoben werde, oder mit andern Worten, 
dass der Gletscher wachsen müsse, während doch in Wirk- 
lichkeit ein Zurücktreten desselben stattfindet. Der Hüfi- 
gletscher steigt von Ost nach West zu Thale, der Regen- 
stal d engl etsch er von Süd nach Nord, die Entfernung beider 
in gerader Linie beträgt nicht- viel mehr als zwei Stunden, 



— 15 — 

hingegen steigt der Hüfifirn um ungefähr anderthalb tau- 
send Fuss tiefer hinab als der Regenstaldenfirn. 

Von unserm Ausfluge zum Hüfigletscher nach der 
Wohnung des Gedeon Trösch zurückgekehrt, ertheilte mir 
dieser während des frugalen Nachtmahles die gewünschte 
nähere Auskunft über den kleinen Windgellen oder See- 
welistock, worauf ich am folgenden Morgen in Begleitung 
meines Freundes nach Amstäg zurückwanderte, weil von dort 
aus sowohl die Wohnung des vorerwähnten Jägers Johannes 
Epp (welcher zwei Jahre später starb), als auch die Spitze 
des Windgellen auf dem kürzesten Wege zu erreichen war. 
Die Witterung hatte zwar diesen Morgen nicht den günstig- 
sten Anschein gehabt, allein gegen Abend war Besserung 
zu hoffen, und da sich in dieser Zeit auch Gedeon Trösch 
in Amstäg einfand, um uns zu Johannes Epp zu geleiten, 80 
verabredeten wir die Besteigung auf den folgenden Tag. 

Freitags den 26. Juli 1844 verliessen wir also am 
Frühmorgen Amstäg, und wanderten zu der Wohnung 
des Johannes Epp im Waldiberg. Kaum waren wir 
aber anderthalb Stunden über Waldiberg hinaus und 
in der Nähe einer unbewohnten Ziegenhütte angelangt, 
als vom Ylerwaldstättersee her mit überraschender Schnel- 
ligkeit ein dichter finsterer Nebel heranzog, welcher sich 
schon nach wenigen Minuten in einen heftigen Regen- 
guss verwandelte, der uns fünf volle Stunden in jene 
einsame, mit baufälligem Dache* bedeckte , Hütte bannte. 
Nach Verfluss dieser langen Zeit war natürlich an die 
fernere Besteigung des Berges nicht mehr zu denken, 
wir kehrten daher eiligst nach Amstäg zurück, Entmuthigt 
durch das Fehlschlagen unserer Unternehmung verliessen 
wir diese Gegend, und wanderten nach Altorf. Mein 
Freund, welchem alle Geduld ausgegangen war, zog von 
da sogleich weiter, mich hingegen bestimmte die gefällige 
Aufmunterung des Herrn Dr.'Lusser nach dem Zurathe- 
ziehen seines Barometers, die Sache nicht verlören zu 
geben, wesshalb ich am Sonntag Mittag nach Amstäg 



— 16 — 

zurückging. Wirklich hellte sieh während der Nacht de* 
Himmel auf; die Sterne blinkten hell und klar am Firma* 
mente, and der Mond beleuchtete die -kahlen Felsen des 
Windgellen. Da Verliese ich gegen 3 Uhr Morgens voller 
Hoffnung meine Ruhestätte und weckte den Gedon Trösch 
auf, der damals im nämlichen Wirthshause übernachte! 
hatte, und die Reise sehnlichst mitzumachen wünschte. 

Um 3 Uhr Montag den 29. Juli brachen wir auf, und 
wandten uns gegen Waldiberg, um daselbst unsern ge- 
meinsamen Führer Johannes Epp abzuholen. Gleich bei 
Amstäg steigt der Pfad durch dichte Waldung steil zui 
Höhe hinan, und so setzt sich der Weg in ununterbro- 
chener Steilheit bis zum Gipfel fort. Kurz vor Sonnen- 
aufgang traten wir aus dem Waldesdunkel auf einen Fleck 
schönen grünen, mit Obstbäumen besetzten, Mattlandes, 
wo wir eine freie Aussicht genossen, dabei aber auch am 
Firmamente eines schlimmen Vorzeichens für den heutigen 
Tag ansichtig wurden, nämlich der Morgenröthe. Der 
Fleck angebauten Landes, den wir so eben betreten hat- 
ten, ist mit mehrern Häusern besetzt, welche zusammen 
den Namen Frenscheberg führen. 

Bald nahm uns der Wald zum zweiten Male auf, bis 
wir abermals auf Waldiberg ins Freie hinaus traten. Von 
Amstäg bis hieher waren wir in anderthalb Stunden Zeit 
gelangt Vor dem Hause des Johannes Epp stehen 
etliche Zwergbäume und Staudengebüsch, von welchen 
Epp den Beinamen Staijdenberger führt. In seiner 
Wohnung labten wir uns mit warmer Ziegenmilch, und 
verplauderten dabei ein Stündchen. Hierauf, setzten wir 
unsern Weg unter dem Geleite unsers neuen Führers Epp 
fort, indem sich uns noch sein zwölf- oder dreizehnjäh- 
riger Knabe anschloss, ein munterer aufgeweckter Geia- 
bube, der seinem Vater keine Ruhe gelassen hatte, bis 
er ihm mitzukommen erlaubte. In diesem Alter sind die 
Ziegenhirten schon ziemlich geübt im Klettern, das tägliche 
Verweilen in der Wildniss macht sie bei steter Uebttng 



- 17 — 

schon frühe mit allen anwendbaren Vortheilen vertraut. 
Neuerdings stiegen wir eine Stunde lang durch Tannen- 
gehölz bergan, bis wir bei jener Ziegenhütte, in welcher 
wir am Freitag Schutz vor dem Regen gefunden hatten, 
das Ende der Baumregion erreichten. Diese Stelle heisst 
auf Bück, und die Hütte selbst das Niederstäffeli; 
eine 3 / 4 Stunde höher gelegene Hütte wird das b er- 
st äff eli genannt; es war die oberste und letzte Hütte 
auf unserm Wege, und wir langten daselbst nach 7 Uhr 
\m. Hier machte uns Epp auf ein niedriges, wenige Schritte 
von der Hütte entferntes, Gestrüppe von Föhrenholz auf- 
merksam, dessen Zweige in der Richtung von Nord nach 
Süd wagrecht über dem Erdboden sich ausbreiteten, so 
daas es schien, als ob man mit der Hand über die Zweige 
dieses Zwergbäumchens hingestrichen, und sie so gegen 
den Boden niedergedrückt hätte. Epp schrieb diese Er- 
scheinung der Gewalt der Winde zu, die an diesem Berge 
häufig mit grosser Heftigkeit toben. Wirklich rührt auch 
der Name des Windgellen daher, dass die ungestümen 
Winde an den senkrechten Wänden der, freistehenden 
Kuppen heulend zurückprallen (urnerisch zurückgellen). 
Auf dem Wege von Frenscheberg hieher machte uns Epp 
an einer entfernten Felswand auf die, im Anfang dieser 
Erzählung erwähnte , rundlichte Oeffnüng aufmerksam, 
durch welche der blaue Himmel sichtbar ist. Wie schon 
früher bemerkt, bildet jene durchlöcherte Felswand einen 
Theildes, von den Bewohnern dieser Gegend so geheissenen, 
kleinen Windgellen, welchen letztern ich aber zur Ver- 
meidung von Verwechslungen und mit Bezugnahme auf 
den Namen. jener Höhlung, den Fensterstock nannte. 
Vom Ob erstäff eli gebt der Pfad wieder eine Stunde 
lang über kräftiges wohlriechendes Alpengras bis in die 
Region der kahlen Felsen, deren Gebiet man bei dem 
sogenannten S tue k- Band, einer grossen weissen Fels- 
wand betritt, wo der Pfad aufhört. Von hier an wird theils 
über Felstrtimmer, theils über glatte Steinplatten, und bald 

2 



■Uk 



— 18 — 

rechts bald links schwenkend, mehr geklettert als ge- 
gangen,, indem der oberste felsige Theil des Berges ziem- 
lich steil ist; stellenweise muss man auch unter überhängen- 
den Felsklippen in gebückter Stellung durchkriechen. Als 
wir einmal eine kleine Felsschlucht hinankletterten, sah 
Trösch wenige Schritte von unö entfernt einen hellbrau- 
nen Gegenstand auf der Erde liegen; beim nähern Hin- 
zutreten fanden wir zu unserer Ueberraschung ein junges 
Murmelthier, dessen weitere Flucht einige hohe Steine 
verhindert hatten. Dieses Thier hielt sich bei unserer An-: 
näherung ganz stille, und hatte den Kopf in dem spär- 
lich zwischen den Steinen emporkeimenden Grase versteckt 
Nach kurzer Berathung ergriff es Trösch vorsichtig im 
Genicke, und schob es in einen unterbundenen Aermel 
seines Wamses. In dieser sichern Verwahrung machte das 
Murmelthier die ganze übrige Reise des heutigen Tages 
mit, und nachher nahm ich es zum Andenken in meine 
Heimat, woselbst ich es noch einige Zeit am Leben er- 
hielt. Unter den Felsstücken und Steintrümmern, über 
welche man theilweise aufwärts steigt, finden sich grosse 
Blöcke grünen und rothen Porphyrs, welcher einer schönen 
Politur fähig ist, und von H. Doctor Lusser in Altorf 
entdeckt wurde. .Die gleiche Steinart fand ich auch in 
grossen und kleinen Trümmern auf dem Gipfel. Als eine 
Merkwürdigkeit wies uns Epp in der Nähe der höchsten 
Spitze, da, wo die Euppe des Berges völlig freisteht, und 
in keinem Zusammenhange mit irgend einem andern 
hohen Berge ist, ein Bächlein trefflichen klaren Quell- 
wassers, das mit einem eigenthümlichen Murmeln und 
Gurgeln zwischen Steinblöcken hervorsprudelt, und gleich 
nach seinem Erscheinen wieder zwischen Steinritzen ver- 
schwindet. Nach der Behauptung unsers Geleitmannes, 
welcher auf seinen Jagdausflügen dieses Bächlein oft be- 
suchte, sei nicht zu ermitteln, wohin das Wasser seinen 
Lauf nehme, indem es weiter unten am Berge nirgends 
mehr zum Vorschein komme. 



— 19 — 

Am grossen Mythen bei Schwyz findet sich übrigens 
in der Nähe des Gipfels die gleiche Naturerscheinung, nur 
quillt das Wasser dort spärlicher als hier, und versiegt 
ra Zeiten ganz. Einige Becher voll aus der einladenden. 
Quelle gewährten uns eine erfrischende Labung auf dem 
kurzen Weg, den wir noch bis zum Gipfel zurückzulegen 
hatten. Dieser erhob sich über uns in bogenförmiger 
Gestalt und seine mit unzähligen spitzen Felsnadeln be- 
setzten Bänder erschienen aus der Entfernung wie ein mit 
Pallisaden umgebener Festungswall und zu ersteigen un- 
möglich. Die Höhe dieser Felsmauer betrug ungefähr 200 
Fuss, und da Epp bei ihrem Anblick ein wenig stutzig 
zu werden schien, so argwöhnten wir, er sei entweder 
nie auf der Spitze selbst gewesen, oder der Weg dahin 
sei ihm in dem Zeitraum von 8 Jahren, da er sie zum 
letzten Male erstiegen haben wollte, aus dem Gedächtnisse 
gekommen. Bald entkräftete jedoch der Jäger unsere 
Missdeutung durch eine geschickte Wendung gegen die 
Ostseite des Berges, wo es nur noch eines kurzen und 
bei einiger Vorsicht ungefährlichen Eletterns über ein 
schmales Band bedurfte, um uns auf den höchsten Scheitel 
des Berges gestellt zu sehen. Wenige Minuten vor 12 Uhr 
Mittags erreichten wir den Gipfel. Wir hatten also mit 
Einschluss der einstündigen Rast im Waldiberg genau 
9 Stunden Zeit gebraucht, um von Amstäg bis hieher zu 
gelangen. Die Witterung begünstigte uns ungeachtet der 
schlimmen Vorzeichen an diesem Frühmorgen fortwährend 
mit einem wolkenlosen Himmel, und die Aussicht auf die* 
sein Höhepunkte war mit Ausnahme der in Duft gehüll- 
ten fernen Ebene und eines Theiles der durch einzelne 
Nebelwolkea verschleierten Berneroberländer Gebirge voll- 
ständig. Meine erste Beschäftigung galt der Ermittlung 
über das wahre Verhältniss zwischen Kalkstock und 
grossen Windgellen. Der Kalkstock stand uns als 
ein scbreckbar schroffer und kahler Felskegel gegenüber, 
und war nur durch ein nicht sehr breites Firnthal von uns 

2* 



— 20 — 

getrennt. Ich vermuthete sogleich, dass der Kalkstock 
derjenige Berg sein müsse, der in den geographischen 
Karten als grosser Windgellen bezeichnet sei, und 
dass wir uns hingegen auf der Spitze des kleinen 
Windgellen befanden. Meine, der Karten unkundigen, 
beiden Führer behaupteten jedoch in Uebereinstimmung 
mit dem allgemeinen Urtheile der Bewohner des Madera- 
nerthales, dass wir auf dem grossen Windgellen 
ständen, und äusserten ihre Behauptung mit so viel Be- 
stimmtheit und Zuversicht, dass ich in meinem Urtheile 
schwankend wurde. Erst später erlangte ich durch H. Doctor 
Lusser die Gewissheit von der Richtigkeit meiner Ver- 
muthungen. 

Halten wir nun auf diesem erhabenen Standpunkte 
vollkommene Rundschau: Wenn wir sie gegen Osten be- 
ginnen, und in der Reihenfolge über Süd, West und Nord 
verfolgen, so eröffnet die Reihe der Gebirgshäupter so- 
gleich eines der höchsten in unserm Panorama, der maje- 
stätische Tödi, mit seinem langen gletscherbeladenen 
Rücken. Zu seiner Rechten, und unserm Standpunkte etwas 
näher gerückt, erhebt sich der zugespitzte Düssistock 
aus breiten Eisfeldern. Diesen ungefähr 10,000 Fuss hohen 
Felsstock bestiegen im Jahr 1842 kurz nach einander die 
Herren Professor Arnold Escher von der Linth und Major 
Fäsi-Freudweiler aus Zürich; ausser ihnen ist er bis jetzt 
nur von Gemsjägern bestiegen worden. Gedeon Tröscb, 
welcher seinen Gipfel schon mehrmals besuchte, schildert 
den Weg dahin, im Vergleiche mit dem unserer heutigen 
Reise, als etwas weniger schwierig. Die vereinzelt stehende 
Lage jenes Gebirgsstockes gestattet eine grossartige An- 
sicht der Eiswüsten und hohen Gebirge, welche den Düssi- 
stock rings umgeben. Wenden wir uns von ihm aber- 
mals nach Rechts, so stellt sich uns in noch grösserer 
Nähe der hohe vielfach zerklüftete und mit Gletschern 
belastete Ober alp stock entgegen. Links von ihm öflhet 
sieh das Brunn ithal mit dem in seinem Hintergrunde 



— 21 — 

liegenden Gletscher gleichen Namens. Zu seiner Rechten 
verfolgt man die Steigung des Etzlithales bis hinan 
zum Kreutzlistock, über welchen links der 7000 
Fnss hohe Kreutzlipass führt. Andere, mehrentheüs 
dem Kanton Graubünden angehörige, Hochgebirge ragen 
in grosser Zahl am Horizonte empor. Gegen Süden stellt 
sich uns der Bristenstock entgegen, eine Felspyra- 
mide, die unter die schönsten in diesem Alpenkreise zu 
zählen ist; mehrere Felsgräte, welche. am obern Theile 
des Berges zackig heraustreten und sich in seinem Gipfel 
vereinen, verleihen ihm fast das Ansehen einer gothischen 
Thurmspitze. Die Zwischenräume jener Gräte bilden Thal- 
schluchten, die im Frühling der Schooss einer Menge 
Lawinen werden , welche theils in gewohnten Bahnen 
unschädlich zu Thale gleiten, theils aber auch, nach 
schneereichen Wintern, über Stellen sich herabwälzen, 
die sonst für gesichert gehalten werden. So stürzte am 
13. März dieses Jahres Abends 10 Uhr eine überaus 
mächtige Lawine (sogenannte Staublawine) bis nach Am* 
stäg hinunter, und verursachte bedeutenden Schaden. 
Lenken wir den Blick vom Bristenstock ab, und richten 
wir ihn gerade unter uns an den Windgellen selbst, 
so leuchtet aus beträchtlicher Tiefe das liebliche Bild des 
stillen Golzer -Seeleins empor, dessen klares forellen- 
reiches Wasser mit dem zarten Grün der Alpenweiden 
eingefasst ist; die zerstreuten Häuser des Dörfleins G ol- 
eern, von welchem man bei unserm erhöhten Stand* 
punkte nur die weissen Schindeldächer aus dem Grün der 
Matten schimmern sieht, verleihen den Golzeralpen ein 
belebtes Ansehen. Eine in neuerer Zeit vom Windgellen 
in den See heruntergestürzte Lawine soll damals eine 
grosse Anzahl Fische , Krebse und Frösche an die Ufer 
geschleudert haben. — Richten wir von da unser Auge 
wieder zur Höhe empor, so schauen wir mit Staunen und 
Bewunderung in ein Labyrinth von Hochgebirgen hinein; 
blendend weisse Gipfel oder dunkle schwärzliche Fels* 



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kämme tauchen fern am Horizonte auf. In den Reihert 
der näher stehenden Gebirgshäupter bemerken wir beson- 
ders den Kröntlet, Mantliser, Titlis, Uriroth- 
stock. Tief unten breitet sich das ebene grüne Reuss* 
thal aus, durchschlängelt von der Reuss und der weissen 
Gotthardstrasse. Am Ende des Reussthaies glänzt der 
Büdliche Theil des Vierwaldstättersees, an seinen 
Ufern erheben sich einige Vorberge der Gletscherwelt, wie 
der Ober- und Niederbauen, derRigi u. s. w. Aber- 
mals in unmittelbarer Nachbarschaft des Windgellen er- 
scheint noch einmal die rauhere Gebirgswelt, in welcher 
uns besonders der felsige Ziegerwegstock, oder rich- 
tiger gesagt, Seeweli stock, begegnet, von dessen kah- 
len Wänden sich jedoch unser Auge alsobald abwendet, 
weil es sich von einem andern , lieblichem, Gegenstande 
angezogen fühlt: wir blicken nämlich auf die zwischen 
dem Seewelistock und dem kleinen Windgellen zu unsern 
Füssen sich ausbreitende Seewelialp, mit dem Berg- 
Bee gleichen Namens, hernieder. Der Seeweli-See ist 
jedoch nicht in seinem ganzen Umfange sichtbar, weil er 
sich zur Hälfte hinter einen, vom kleinen Wind gellen 
nach dem grossen Windgellen (Kalkstock) hinziehen- 
den Felsgrat verbirgt, der seiner rothen Steinart und seiner 
gezackten Spitzen wegen die rothen Hörnlein genannt 
wird. Indessen konnten meine Führer und ich mit unbe- 
waffnetem Auge einige Rinder wahrnehmen, die sich den 
Ufern des Sees näherten, in der klaren Fluth ihren Durst 
zu löschen. Nur ungerne verlässt das Auge wieder die 
freundliche Landschaft der Seewelialp, um nun die Muste- 
rung der Rundsicht, die wir mit dem Tödi begonnen 
hatten, zu vollenden. Ein riesenhafter Felsstock nimmt 
jetzt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch; sein nacktes, 
mit keinem grünenden Halme geschmücktes, düster graues 
Gestein ragt als eine schroffe Wand hoch in den blauen 
Aether. Es ist dieses der grosse Windgellen oder 
Kalkstock. Neben ihm reihen sich, im Profile gesehen, 



— 23 - 

der fiuchi oder Alpgnofers tock, das Scbeerhorn 
und die Gl ariden, welche sämmtlich mit Gletschern 
bekleidet sind , und * die mehr oder weniger ein eben so 
ernstes, fast düsteres, Aussehen haben, als ihr westlich 
stebender Vormann, der grosse Windgellen. 

Während der Betrachtung der Rundsicht wurden wir 
plötzlich durch ein fernes mehrstimmiges Jauchzen über- 
rascht, das aus der Seewelialp zu uns heraufschallte. 
Einige Hirtenknaben waren unsere , von der hellen Luft 
in scharfen Umrissen sich abgrenzenden, Gestalten gewahr 
geworden, während wir aus der Hohe herab sie mit unbe- 
waffnetem Au^ nicht sehen konnten, und uns auch nicht 
die Mühe gaben, das Fernrohr nach ihnen zu richten, 
hingegen erwiederten wir ihren Grass aus voller Kehle« 
Kurz nachher wurden wir durch den Anblick eines grossen 
schönen Gemsbockes erfreut, welcher in einiger Tiefe 
unterhalb unsere Standpunktes in der Gegend des Fen- 
sterstockes am sogenannten Römersbalmen er- 
schien. Vermutlich war das Thier durch unser Rufen 
aufgeschreckt worden, denn es schien mit Aengstlfchkeit 
eine bergende Zufluchtsstätte zu suchen. Dass es dieselbe 
nicht so bald fand, gab uns Gelegenheit, die ausserordent- 
liche Geschicklichkeit und Behendigkeit zu bewundern, 
mit welcher diese leichtfüssigen Geschöpfe die steinigte 
Wildniss gleichsam durchfliegen. Erst sprang die Gemse 
über einen Gletscher , und wandte sich einem Felsstocke 
zu, der aus dein Eise hervorragte. Wir glaubten, das 
Thier werde Schutz hinter dem Felsen suchen, allein mit 
Blitzesschnelle umging es ihn, und erschien auf der ent- 
gegengesetzten Seite, um über einen zweiten Gletscher 
zu flüchten. Auf diesem Wege hatte sich das Thier von 
uns entfernt; mitten auf dem Gletscher schien es nun 
seinen Entschluss zu ändern, kehrte um, und jagte unter 
unserm Standpunkte vorüber. Wenige Minuten hatten dem 
flüchtigen Wilde genügt, um einen Weg zurückzulegen, 
den ein Mensch binnen ebenso vielen Stunden kaum würde 



- 24 - 

durchschnitten haben. Jetzt war die Gemse einer Stelle 
nahe gekommen, über welche wir vor anderthalb Standen 
heraufgeklettert waren, und hier legte sich nun das äus- 
serst zarte Geruchsorgan, mit welchem jene Thiere begabt 
sind, recht augenscheinlieh an den Tag, denn kaum hatte 
sich die Gemse- jener Stelle genähert, als sie plötzlich 
wie von Schrecken ergriffen zurücksprang, und gestreckten 
Laufes den nämlichen Weg wieder davoneilte , den sie 
gekommen war. Hierauf betrat sie wieder jenen Gletscher, 
auf welchem wir sie zuerst entdeckt hatten, und tummelte 
sich eine Weile zu unserm grossen Vergnügen auf ihm 
herum. Zuweilen beschrieb sie mit ihrem whlanken bieg-* 
samen Leibe die schönsten Schlangenwindungen, dann 
setzte sie wieder über so steile Schneegehänge hinweg, 
dass ich oft unwillkürlich für das Leben des schönen 
Thieres bangte. Alle diese Bewegungen geschahen mit 
einer Leichtigkeit, ja mit einer Grazie, die sich nicht be- 
schreiben, nur bewundern läset. Endlich, nachdem die 
Gemse gleichsam alle ihre Springkünste auf dem gefähr- 
lichen schlüpfrigen Zirkus meisterhaft durchgeführt hatte, 
zog sie sich hinter einen Felsgrat zurück. Drei Monate 
später wurde dieser ungemein grosse Gemsbock von dem 
Jäger Josef Maria Trösch in Silenen, von welchem 
in den spätem Erzählungen weitere Erwähnung gethan 
wird, erlegt. Die Hörner sollen so lang gewesen sein, 
dass der gerade Theil derselben, von der Wurzel bis 
zum Anfange der Krümmung, von der grössten Hand nicht 
erspannt werden konnte. Kurz nach dem Verschwinden 
der Gemse erfreute uns der Anblick noch eines andern 
Edelwildes der Hochalpen. Ein Steinadler wiegte sich in 
unserer Nähe majestätisch in den Lüften. Epp versicherte 
mich, schon zweimal auf dem Gipfel des kleinen Wind- 
gellen, wo wir standen, Gemsen geschossen zu haben. 
Dieser Gipfel bildet einen ungefähr 100 Schuh langen, 
aber so schmalen Grat, dass kaum zwei Personen neben 
einander vorübergehen können« Die Nord- und Südseite 



- 25 - 

sind senkrecht abgerissen, und die Steintrümmer, mit 
welchen der Grat bedeckt ist, liegen nur lose aufeinander 
geschichtet. Meine beiden Begleiter errichteten zum An«* 
denken eine fünf Fuss hohe Pyramide aus Steinen, welche 
u« a. auch von Seelisberg aus mit einem guten Fern- 
rohre bemerkt wurde. Zwei Stunden waren uns auf dem 
Gipfel schnell entschwunden , als vom Vierwaldstättersee 
her plötzlich ein einzelnes kleines Nebenwölkchen, dessen 
sanftes Dahinschweben ich mit Wohlgefallen betrachtete, 
langsam gegen uns anrückte. Weit weniger Vergnügen 
fand Epp daran, denn kaum war er seiner ansichtig ge- 
worden, als er zum schnellen Aufbruche mahnte. leb 
fügte mich der Ansicht des Jägers, obgleich mir das kleine 
Wölkchen nicht zu Besorgnissen geeignet schien; wir 
nahmen also Nachmittags 2 Uhr vom Gipfel Abschied. 

Eine halbe Stunde weit mochten wir bergabgestiegen 
sein, als mich ein von allen Seiten schnell hereinbrechen- 
der Nebel nur zu bald überzeugte, wie begründet die 
Warnung des wetterkundigen Epp gewesen war, auch 
dachte ich dabei an das heutige Morgenroth. Um 3 Uhr 
gesellte sich zu dem Nebel ein kräftiger Begen, der nicht 
nur die Kleider durchdrang, sondern auch Fels- und 
Grasboden schlüpfrig machte ; wir wählten desshalb einen 
zwar weitern, aber weniger steilen Rückweg. Um 4 Uhr 
erreichten wir oberhalb der Alp Oberkäsern den Fuss 
einer Felswand, welche das Band genannt wird, und wir 
priesen uns glücklich, hier unter einer Bahn oder kleinen 
Felsenhölung ein dürftiges Obdach zu finden, denn in 
diesem Augenblicke ergoss sich der Begen mit besonderer 
Heftigkeit, auch rollte einmal ein Hagel von Steinen über 
unsere Köpfe mit einem solchen Getöse hinweg, dass ich 
es im ersten Augenblicke für den Donner eines Gewitters 
hielt. Nachdem das Unwetter während einer Viertelstunde 
mit aller Heftigkeit getobt hatte , erhob sich ein leichter 
Windstoss, der auf einige Augenblicke einzelne Lücken 
in den Nebel riss. Als an einer gewissen Stelle, welche 



- 26 — 

uns gerade gegenüber lag, auch einmal in Folge eines 
Windstosses der Nebel etwas dünner geworden war, 
zeigte sich plötzlich, wie hingezaubert, das aus Fels ge- 
formte und auf viereckigem Sockel stehende Brustbild 
eines riesengrossen Mannes. Das Profil von Stirne, Nase, 
Mund und: Kinn trug in deutlicher Zeichnung die Züge 
eines menschlichen Antlitzes, während die entgegengesetzte 
Seite oder der Hinterkopf viel Aehnlichkeit mit einem 
Thiergesicbte hatte. Gleich sonderbar, wie die Zeichnung 
der Gesichtszüge im Einzelnen, war die Haltung der 
ganzen Figur im Allgemeinen. Das Haupt stolz in die 
Höbe gerichtet, die Brust hervortretend, schien gleichsam 
der Mann die ringsum aufgeregte Natur trotzig zum Kampfe 
herauszufordern, und inmitten der Wolken, die, vom 
Winde gepeitscht, im wilden Reigen ihn umtanzten, sah 
ear mit ernster fester Miene von seinem erhabenen Throne 
in die weite Welt hinaus. Dieser wundersame Anblick 
ergriff uns Alle gleich sehr. Ich hatte zwar schon ähn- 
liche Gebilde von verwitterten Felsen gesehen, z. B. in 
der Nähe des Rosenlauigletschers, wo der Vorsprung einer 
Felswand einem pausbackigen Menschengesichte mit dicker 
plumper Stülpnase gleicht. Allein dort gehört einige Nach- 
hülfe der Phantasie dazu, um die Aehnlichkeit mit einem 
menschlichen Antlitze herauszufinden, und ein Fremder 
wird jenes Bild nicht leicht entdecken, wenn ihn nicht 
Fährer darauf aufmerksam machen. Hier hingegen zeigt 
gleich der erste Blick auf überraschende Weise die unver- 
kennbaren Gesichtszüge, so wie auch die stolze Haltung 
eines auf der Kante einer Felsmauer stehenden Mannes, 
dessen riesenhafte Grösse die Höhe einer Tanne erreicht« 
Dieses grossartige Standbild, welches wohl Jahrhun- 
derte lang den Stürmen getrotzt hat, ist in jener Gegend 
unter dem Namen des wilden Mannes bekannt, und 
der fromme Glaube jenes einfachen Gebirgsvolkes knüpft 
daran die Sage, dass einst in grauer Vorzeit ein wilder 
Jäger an einem hohen Feiertage eine Gemse verfolgt habe, 



— 27 — 

und er dann in dem Augenblicke in Stein verwandelt 
worden sei, als er im Begriffe stand, das fliehende Wild 
zu erlegen. Mein Führer Epp, welcher als ein vorzüg- 
licher Gänger galt, versicherte, man könne auf einem 
gefahrvollen Pfade dem wilden Manne ziemlich nahe 
kommen, es sei jedoch unmöglich, ganz zu ihm hin zu 
gelangen. — Nachdem uns der Nebel gerade die erforder- 
liche Zeit zur genügsamen Betrachtung des Naturwunders 
gegönnt hatte, zog er wieder seinen Schleier um dasselbe, 
und da gleichzeitig das ärgste Unwetter vorüber war, 
so beeilten wir uns , den noch ziemlich weiten Rückweg 
anzutreten. 

Ungefähr in Zeit einer halben Stunde, und nachdem 
wir in einem engen Felsenthälchen in der Nähe des 
wildenMannes ein kurzes Schneefeld auf unsern Berg- 
stöcken hinabgerutscht waren, erreichten wir die obersten 
Rinderweiden der Alp Oberkäsern, und mit ihnen wie- 
der den ersten Fusspfad. Hier bemerkten wir auch dicht 
am Wege drei jener Gruben, in welchen ehemals Eisen- 
erz gewonnen wurde ; wir fanden sie aber eingestürzt und 
verschüttet. Eine« vierte, gleichfalls verlassene, befindet 
sich höher oben, dicht am Aelpeli-Fir n, zwischen 
den Gipfeln des kleinen und des grossen Windgellen. 
Das Erz soll damals auf Thierhäuten zu Thale gebracht, 
und an der Isleten, am Eingange des Isenthales, geschmol- 
zen worden sein. Es war uns sehr angenehm, von nun 
an einen betretenen Pfad unter den Füssen zu haben, 
weil wir jetzt um so schneller zu Thale eilen, und dem 
Regen entfliehen konnten, der unaufhörlich auf uns herab- 
strömte. Endlich um 8 Uhr Abends langten wir bei ein- 
tretender Dunkelheit triefend von Nässe in Amstäg an. 
Wir hatten also vom Gipfel bis ins Thal hinunter bei 
raschem Gehen sechs Stunden Zeit gebraucht. Zu diesen 
hinzugerechnet die neun Stunden, die das Hinaufsteigen 
erforderte, nebst den zwei Stunden Rast auf dem Gipfel, 
treffen demnach 17 Stunden auf den heutigen Tag. 



— 28 — 

Von Freundes Hand erhielt ich folgende Strophen 
über die Sage vom wilden Manne. 

Aof den heitern Alpenhöhen 
Liegt des Sonntags heil'ge Roh, 
Drum die scheuen Gemse steigen 
Nach des Thaies Tiefen zu. 

Nieder an dem blanken Gletscher 
An des Felsens finsterm Schlund, 
Wo die Würzelchen und Halme 
Sprossen auf dem Weidegrund. 

Schleicht da leis herum ein Jäger, — 
Kennt der nicht den Feiertag, 
Wo doch sonst die Gemse sicher 
In dem Tbale weiden mag? 

»Wie? es sollte gar mich hindern 
Alter Zeiten alter Brauch? 
Jag' ich eine Gemse heute, 
Niemand sieht und hört es auch ; 

Denn wohl einen schönern Tag nicht, 

Und auch nimmer bessern Wind, 
Als wie heute mir sich bieten, 

Ich im ganzen Jahre find*. 

Schauet ruhig da ein Gemslein 
Ihn noch einmal an und gross, 
Wie er spannt des Bogens Sehne, 
Wie er zielt und drücket los. 

Doch auf einmal ihn dorchschauerl's, 
Dringet kalt durch Mark und Bein, 
Glied um Glied erstarrt dem Jäger, 
Und verwandelt sich in Stein. 

Ob der Tag auch und die Jahre 
Weiter dran yorübergebn, 
An der Stelle bleibt der Jäger 
Ewig unbeweglich stehn. 

Und die schlanken Gemslein hüpfen 
Munter um den Felsen her, 
Denn sie fürchten lang, schon lange. 
Nicht den grimmen Jäger mehr. 



- 29 — 

2. Der Oberalpstock. Piz Tjötschen. 

Von Georg Hoff mann, 
Höhe 10,250'. 3329,3 Meier. 

Der Anblick des mit Oletscbern umgürteten Ober- 
alpstockes erregte auf meinen verschiedenen Ausflügen 
in die turnerischen Hochalpen jedes Mal meine besondere 
Aufmerksamkeit, und erweckte in mir die Lust zu einem 
nähern Besuche desselben. Dieser Gebirgsstock ist der 
Höchste in der nördlichen Hälfte des Kantons Uri, und 
liegt auf der Gränzscbeide von Bünden in dem Verhält- 
nisse, dass letzterm Kantone der grösste Theil des Berges 
angehört. Der romanische Name des Oberalpstockes 
ist Piz Tjötschen, seinen deutschen leitet er von einer 
gewissen Oberalp her, die jedoch mit jener bekanntern 
Oberalp, welche am Gebirgspässe zwischen Andermatt 
und Dissentis liegt, nicht zu verwechseln ist. Die erstere 
Oberalp befindet sich nämlich etwa fünf Stunden von 
Amstäg im Hintergrund des Sellenenthales. Dieses 
enge Hochthal birgt eine furchtbar wilde Bergschlucht, 
Sell^nentobel genannt, in welcher sich ein äusserst 
scnöner Wasserfall befinden soll. Die Oberalp liegt in 
bedeutender Höhe, und war früher als eine ertragreiche 
Alp bekannt; im Sommer 1831 aber verursachten grosse 
Regengüsse einen gewaltigen Gletschersturz, welcher vom 
Oberalpstock herkommend verheerende Steintrümmer auf 
jene Alp wälzte, und sie zur unfruchtbaren Einöde um- 
wandelte, so dass jetzt die Hütten verlassen und halb 
zerfallen dastehen. Bei meiner Anwesenheit auf dem klei- 
nen Windgellen bemerkte mir Gedeon Trösch, dass ein 
gewisser Joseph Maria Trösch von Silenen, ein 
sehr gewandter Gänger und Jäger, den Oberalpstock er- 
stiegen habe. 

Bei meiner Rückkehr vom Windgellen naob Amstäg 



- 30 — 

bot sich mir die gewünschte Gelegenheit, jenen Joseph 
Maria Trösch zu sprechen. Auf meine Anfrage an ihn, 
ob es wahr sei, dass er den Oberalpstock erstiegen habe, 
antwortete er mit. einem bestimmten Ja. Hätte ich kein 
näheres Interesse für jenen Berg gehabt, so würde ich 
— wie es schon manchem Touristen ergangen ist — 
ohne Bedenken in mein Notizenbuch eingetragen haben, 
„dass Joseph Maria Trösch von Silenen den Oberalpstock 
erstiegen habe." So aber verlangte ich nach weitern Mit- 
theilungen über die Beschaffenheit des Gipfels und des 
Weges dahin, und da gestand denn jener Mann, dass er 
zwar schon mehrmals am Oberalpstock Gemsen gejagt 
habe, auf dem Höchsten (er meinte den Gipfel) aber 
noch nie gewesen sei, und er auch nicht wisse, wie es 
damit aussehe. Dieser Trösch hatte mich übrigens nicht 
absichtlich zweideutig berichtet; der Fehler lag darin, 
dass meine ersten Fragen nicht klar genug gestellt waren, 
denn ich lernte ihn später als einen Wahrheit liebenden 
offenen Charakter kennen. Nachdem ich den Wunsch aus- 
gedrückt hatte, die Besteigung des Oberalpstockes zu ver- 
suchen, die Ausführung aber wegen Mangel an genügen- 
der Zeit auf ein künftiges Jahr verschieben müsse, erbot 
sich der gleichfalls anwesende, etwa 24 Jahr alte, Sohn 
des Trösch, der schon damals in der Geschicklichkeit des 
Felsenkletterns und des Jagens seinen Vater übertraf, 
diesen Herbst zur Jagdzeit einen Versuch zur Erklimmung 
der höchsten Spitze zu machen, und mir dann von seinen 
Entdeckungen schriftliche Nachricht zu geben. Wirklich 
erhielt ich im Herbste desselben Jahres ein Schreiben, 
worin mir die glückliche Erreichung der Spitze auf einem 
nicht allzugefährlichen (wie sich der Jäger 
ausdrückte) Wege gemeldet wurde. Zuerst war damals 
der alte Trösch auf Kundschaft ausgegangen, hatte^ aber 
eine ßichtung gewählt, die ihn in ein solches Felsen- 
labyrinth hineinführte, dass er ein ferneres Vordringen als 
vollkommen unnütz aufgab, und zurückkehrte. Wenige 



— 31 - 

Tage später unternahm sein Sohn Maria Trösch die, 
Arbeit von einer andern Seite, und war dann auch so 
glücklich die Spitze zu erreichen. Auf seiner Rückkehr, 
beim Hinabsteigen über ein steiles Schneefeld, hatte er 
den Unfall, in eine Schicht nassen aufthauenden Schnees 
zu gerathen, welche mit ihm zu rutschen anfing, und wo- 
bei er so tief hineinsank, dass er beinahe ganz im Schnee 
begraben wurde. Mit höchster Anstrengung rettete er sich 
auf ein nahes Felsstück, von welchem er nun zusah, wie 
jene Schicht Schnee nach wenigen Augenblicken als mäch- 
tige Lauine mit Donnergetöse zu Thale stürzte. Auch 
wirkte nachher das Schneewasser, das bei jenem Ereig- 
nisse sein Gesicht benetzte, so ätzend auf seine Haut, 
dass sie sich gänzlich ablöste, und er sich während drei 
Wochen beinahe vor Niemand durfte sehen lassen. 

Ueberzeugt von der Ersteigbarkeit der höchsten Spitze, 
suchte ich im nächst folgenden Sommer 1847 den jungen 
Maria Trösch in seiner Alpenwohnung im Etzlithale 
auf. Der Weg dahin führt von Am s tag in Zeit einer 
halben Stunde durch das Maderanerthal zu dem Berg- 
dorf e Bristen, hinter welchem der schäumende Ker- 
stelenbach auf einer hölzernen Brücke überschritten 
wird. Ein nicht steiler Weg geleitet von hier in einer 
Viertelstunde zur zweiten, über den Etzlibach führenden 
Brücke, woselbst das Etzlithal beginnt, welches sich 
hier vom Maderanerthale im rechten Winkel abwendet. 
Von dieser letzteren Brücke steigt der Pfad ziemlich steil 
eine halbe Stunde weit zur Alp Herrenlimi, und dann 
etwas ebener in einer starken Viertelstunde zur Alp 
Kreutzsteinrüte; endlich in einer fernem starken 
Viertelstunde zu einer Gruppe Alpenwohnungen, von wel- 
chen die Hälfte auf dem rechten, die andere Hälfte auf 
dem linken Ufer des Etzlibaches liegen, und die zusam- 
men im vordem Etzliboden genannt werden. Die 
Entfernung von Amstäg bis dahin beträgt im Ganzen zwei 
starke Stunden, und ich befand mich nun hier an meinem 



— 32 — 

träten Ziele, nämlich an dem Wohnorte meines künftigen 
Führers Maria und seines Vatörs Joseph Maria 
Trösch. Von hier aus sollte der Gang nach dem Ober- 
alpstocke unternommen werden, und wenn die Witterung 
bei meinem Eintreffen in der Alp nicht schwankend ge- 
wesen wäre, so würden wir zur Erlangung eines Vor- 
sprunges von zwei Stünden noch denselben Tag bis in 
die Alp Gulmen gewandert sein. In der That hatten wir 
wofalgethan, am gleichen Abend nicht mehr weiter zu 
gehen, denn nicht nur regnete es während der Nacht, 
sondern es fiel ein so förmliches Unwetter ein, dass ich 
nicht weniger als drei Tage und vier Nächte in Hoffnung 
auf besseres Wetter bei dem Vater Trösch zubringen 
musste. Als nun vollends am dritten Tage auf den Höhen 
ein starker Schnee gefallen war, der sogar bis zu unserm 
Wohnorte herabreichte, da war auf viele Tage hinaus an 
die Besteigung des Oberalpstockes nicht mehr zu denken, 
und ich kehrte am vierten Tage unverrichteter Dinge nach 
Hause zurück. 

Angespornt von der voraussichtlichen Möglichkeit, bei 
günstigen Umständen unter Leitung des wackern jungen 
Maria Trösch mein Vorhaben ausführen zu können, 
kehrte ich drei Wochen später bei bessern Witterungs- 
verhältnissen nach dem Etzlib öden zurück, konnte in- 
dessen, ungeachtet meines rechtzeitigen Eintreffens da- 
selbst, nicht mehr am gleichen Abende weiter wandern, 
da der junge Trösch auf den Höhen mit Wildheuen be- 
schäftigt war, und erst am Spätabend, mit einem schweren 
Bündel beladen, nach Hause zurückkehrte. Die Nacht 
wurde daher auf dem Heulager in der Wohnung des 
Trösch zugebracht. 

Am folgenden Morgen den 13. August 1847 früh um 
3 Uhr, begann die Wanderung nach dem Oberalp- 
stock bei dem Scheine einer Fackel, die Maria Trösch 
vor mir her trug, da um diese Zeit noch ziemliche Dun- 
kelheit herrschte. Unser erstes Ziel war die Höbe des 



— 83 — 

7000' (i. M. erhabenen Kreutzlipasses, eines 
Bergpfades, der von Uri nach Bünden (Dissentis) führt. 
Zar Erreichung jener Höhe müssen zwei Hochthäler, das 
Etzlithal und das Kreutzlithal, durchwandert wer- 
den. Da nun die Alphütten im vordem Etzliboden 
beinahe in der Mitte von der ganzen Thallänge liegen, 
so blieb für uns nur die Zweite, etwas grössere, Hälfte 
des Etzlithales übrig, die ungefähr zwei Stunden be- 
trägt. Der Weg durch dieses Hochthal führt auf dem 
linken Ufer des Etzlibaches in der Richtung von Nord 
nach Süd bei der Alp Liggergen vorbei in IV4 Stunden 
zur Rossbodenalp, welche am Fusse des Ross- 
bodenstockes liegt, und ihren Namen daher erhalten 
haben soll, dass in frühern Kriegszeiten die Pferde aus 
den ebenen Theilen des Landes in dieses abgelegene Thai 
geflüchtet- wurden. Ein zweiter Rossbodenstock findet 
sich einige Stunden südlicher in der Nähe von Ursern 
oder Andermatt. Von der Rossbodenalp gelangt man 
wieder in einer Stunde an das obere Ende des Etzli- 
thales, an die Stelle, wo das, in einem rechten Winkel 
von West nach Ost umbiegende, Ereutzlithal beginnt. 
Diese Stelle wird der Kreutzlistutz genannt. Das 
Rreutzlithal ist vom Kreutzlistutz bis auf die 
Höhe des Passes eine Stunde lang, und mit vielen Stein- 
trümmern erfüllt, auch trifft man dort, selbst in den heisse- 
sten Sommermonaten, mehr oder weniger grosse Strecken 
Schnees an. Zur Rechten, oder gegen Süden, ist dieses 
Thal von dem Kreutzlistock, zur Linken, oder nördlich, 
von dem Weiten alpstocke «eingegränzt. Der Gipfel 
dieses letztern Gebirgsstockes erscheint auf der Nordost- 
seite eine Strecke weit schräg abgeplattet, wesshalb der 
Weitenalpstock in jener Gegend oft auch der Ge- 
plattete genannt wird. Eine dritte Benennung, mit welcher 
der gleiche Berg zuweilen bezeichnet wird, ist kleinen: 
Oberalpstoek, oder auch nur einfach Oberalp stock. 
Im Gegensatz zu diesem Oberalp stock wird derjenige 

3 



_ 34 — 

Gebirgsstock, den wir uns heute zum Ziele auserlesen 
hatten, der hohe Oberalpstoek, oder gewöhnlich nur 
der hohe Oberalper genannt. Auf der Höbe des 
Kreutzlipasses, den wir seit unserer Abreise vom 
Etzliboden in 3^4 Stunden erreichten, befindet man 
sich an der Gränzscheide zwischen Uri und Bünden. Vor 
sich hat man da die ganze Gletscher- und Felsmasse 
des hohen Oberalpstockes, der sich von hier gross- 
artig ausnimmt. Zur Rechten windet sich der rauhe Ge- 
birgspfad des Kreutzlipasses über den Fuss des Kreutzli- 
stockes in das Strimthal, oder, wie die Urner es 
nennen, bündnerisches Etzlithal, nach Tavetsch 
und Dissentis. In frühem Zeiten stand auf der Höhe 
des Kreutzlipasses ein eisernes Kreuz, das später 
durch ein hölzernes ersetzt wurde, von welchem aber jetzt 
nur noch der Stock, ohne Querbalken, dastand. Nach einer 
viertelstündigen Rast wandten wir uns von diesem Passe 
links gegen Norden ungefähr im rechten Winkel, so dass 
wir also jetzt wieder parallel mit dem Etzlithale wander- 
ten, jedoch in der umgekehrten Richtung, von Süd nach 
Nord. Wir trafen von nun an keinen betretenen Pfad 
mehr, sondern schritten eine Stunde lang am östlichen 
Fusse des Weitenalp stock es hin über ein breites, 
mit Gras bewachsenes, Band, welches sich zwischen den 
steilen Felswänden jenes Gebirgsstockes pnd einem Gletscher 
hinzieht, der den Weitenalpstock vom Oberalp- 
stock trennt Jenes Band, auf welchem zuweilen Schafe 
geweidet werden, nennen die Hirten im grünen Gras. 
An einer geeigneten Stelle stiegen wir dann auf den 
Gletscher hinunter. T rösch wusste mir keinen Namen 
von demselben anzugeben; am füglichsten könnte er 
Strim-Gletscher genannt werden, da er am obersten 
Ende des Strimtbales liegt. Auf diesem Gletscher befand 
sich damals nur weniger fester Winterschnee, auch hatte 
er sehr wenige Spalten. Da er tiberdiess ziemlich eben 
liegt, so konnten wir ihn schnell und gefahrlos seiner 



- 35 - 

Breite nach überschreiten, wozu es efte halbe Stande 
erforderte. Nun befanden wir uns am eigentlichen Fasse 
des Oberalpstockes. Es war 8 ! /2 Uhr Vormittags, als 
wir das Hinansteigen des untersten und zugleich steilsten 
Schneefeldes begannen. Wir hatten damals das Glück, 
den Schnee in einer besonders günstigen Beschaffenheit 
anzutreffen, indem er weich genug war, um mit ziemlicher 
Sicherheit auftreten zu können, und doch wieder nicht 
ejne zu grosse Weichheit besass, die den Fuss mehr als 
nöthig in den Schnee einsinken lässt, was bekanntlich 
das Betreten steiler Gletscher sehr mühsam macht. Diese 
vorteilhafte Beschaffenheit des Firnschnees machte sowohl 
das mitgenommene Seil als auch die Fusseisen entbehr- 
lich. Ungeachtet dieser Vortheile benutzten wir etwas 
später doch gerne zum raschern und bequemern Fortkom- 
men den festen Felsboden, obgleich derselbe in gleicher 
Steilheit wie das Schneefeld bergan stieg, hingegen dem 
Fusse mehr Sicherheit bot, da er mehrentheils aus Stein- 
trümiAern (Gneis) bestand , welche in grossen Blöcken 
übereinander geschichtet lagen. In eine beträchtliche Höhe 
gelangt, sahen wir uns genöthigt, die Felsen zu verlassen, 
und wieder auf den Gletscher hinüberzusteigen, der sich 
vor uns als ein schmaler, von zwei Felsgräten eingeschlos- 
sener, Streif zur Höhe hinanzog. Nachdem wir diese 
Schneekehle passiert hatten, traten wir eine Viertelst 
unterhalb der Spitze abermals auf die Felsen übe*. 
setzte ich mich etwas erschöpft nieder, und hielt Umschau 
über denjenigen Theil der Gegend, welcher in meinem 
Gesichtskreise lag. Sowohl die Gletscher in der Nähe, als 
auch diejenigen, welche sich noch in weitester Ferne zeig- 
ten, strahlten in dem blendenden, aber auch fast ton- und 
schattenlosen Glänze der hohen Mittagssonne, was ihnen 
ein eigenthümlich blasses, fast geisterhaftes, Ansehen gab. 
Nur an eine» einzigen Stelle am fernsten Horizonte ge- 
wahrte ich eine Gruppe sehr hoher Schneeberge, die in 
einen zarten rosenrothen Schimmer gekleidet erschienen, 

3* 




— 36 — 

welcher mit dem bekannten Alpenglühen nach Sonnen* 
Untergang viele Aehnlichkeit hatte. * Nach dem Urtheile 
Sachverständiger war jenes Gebirge höchst wahrscheinlich 
der Saasgrat im Wallis; 

Um 127 2 Uhr Mittags war der letzte Felsgrat erstie- 
gen, und wir standen nun auf dem höchsten Punkte des 
Oberalpstockes, nach einer Wanderung von 9 l / 2 
Stunden. Zunächst mögen einige Andeutungen über die 
örtliche Lage und Beschaffenheit des obersten Theiles 
jenes Berges aus dem Grunde vorausgehen, weil er, aus 
den nördlichen Gegenden der Schweiz betrachtet, nur einen 
einzigen Gipfel zu haben scheint, während er aus drei 
verschiedenen Spitzen besteht. Ueberdiess kann, aus der 
nördlichen Ferne gesehen, der vorderste Gipfel leicht für 
den höchsten gehalten werden, da er den mittlem, und 
wirklich höchsten, Gipfel, der dicht hinter dem erstem 
steht, beinahe völlig verdeckt. Denken wir und eine ge- 
rade Linie, welche von Nord nach Süd gezogen wird, so 
finden wir am nördlichen Ende oder dem Anfangspunkte 
der Linie den zweithöchsten Gipfel des Oberalpstockes in 
Gestalt eines grossartigen, viereckigen, Felsenthurmes, der 
senkrecht mit unersteigbaren glatten Wänden aus der 
übrigen Gebirgsraasse emporsteigt. Südlich von diesem 
ersten/ zweithöchsten, Gipfel, und kaum auf Büchsenschuss- 
weite von ihm entfernt, hebt der höchste Gipfel sein fel- 
siges, schneeloses, Haupt noch um 8 bis 10 Fuss über 
seinen Nebenbuhler empor. Wir finden diesen letztern 
Gipfel als den zweiten in der Reihenfolge der gedachten 
Linie, und auch er ist gegen Norden senkrecht abgerissen, 
wodurch eine Kluft zwischen den beiden Nachbarspitzen 
gebildet wird, welche einen schauerlichen Eindruck auf den 
Hinabschauenden ausübt, da sie auf eine verhältnissmässig 
geringe Breite eine Tiefe von nahezu 600 Fuss hat Die 
Höhe bestimmte ich vermittelst des Hinabwerfens von 
Steinen und einem einfachen Sekundenpendel. Auf der 
Süd- und Ostseite dieses höchsten Gipfels steigt der 



— 3* — 

Gletscher sehr hoch hinauf, was, von weitem gesehen, 
zu der irrigen Meinung verleitet, als sei die höchste Spitze 
ganz mit Gletscher bedeckt. Der dritte und niedrigste 
Gipfel endlieh liegt am ßchlusspnnkte der Linie, und ist 
in gerader Richtung ungefähr eine halbe Stunde von dem 
höchsten Gipfel entfernt. Vom Kreutzlipass aus wäre er 
näher und leichter zu ersteigen als jener, und er mag 
auch etwa 300 Fuss niedriger sein. Von der höchsten 
Spitze aus würde der Besuch dieses südlichen Gipfels 
mehrere Stunden erfordern, wenn überhaupt der Ueber- 
gang möglich ist. 

Wenden wir uns wieder zu der höchsten Spitze, so 
finden wir sie in der Gestalt eines, wenige Fuss breiten 
und einige Klafter langen, Grates, der sich im rechten 
Winkel mit der gedachten Längen-Linie, also von Oft 
nach West, ausdehnt, und gerade an der Stelle, wo sich 
die Linie von Ost nach West mit derjenigen von Nord 
nach Süd kreuzt, finden wir die höchste Stelle des Gra- 
tes, und somit des ganzen Gebirgsstockes. Auf diesem 
Punkte errichtete T rösch eine Pyramide, oder ein soge- 
nanntes Steinmannli, welches ohne Zweifel lange halten 
wird, da es mit Geschicklichkeit aus möglichst schweren 
Steinen erbaut ist. (Drei Jahre später, im Sommer 1850, 
sah ich diese Pyramide noch aufgerichtet stehen.) An 
seinem Fusse verbargen wir eine mit einem Zettel ver- 
sebene Flasche. Die Witterung, die mich während des 
Hinaufeteigens sehr begünstigt hatte, begann während 
ansers Aufenthaltes auf dem Gipfel eine andere Wendung 
zu nehmen. Die meisten Gebirgsbäupter hüllten sich nach 
and nach in weissHcb-graue Nebel, die zuletzt nur noch 
den Bück in die nähern Thäler gestatteten; auch jenes 
rötbliche Gebirge sah ich hier oben nicht mehr. Ein 
reizendes Bild bot hingegen der, lange Zeit von der Sonne 
beschienene, Kanton Graubünden, welchen man zum 
grössten Theile übersehen konnte. Eine Menge, anschei- 
nend von Einem Punkte ausgehende, Gebirgszüge breiteten 



- 38 - 

sich fächerartig vor mir aus. Zwischen ihnen gewährten 
die grünen, theils mit Dörfern belebten, Thäler ein lieb- 
liches Bild, und unzählige zerstreute Alpenwohnungen, 
auf weissgetünchtem niedrigem Gemäuer erbaut, erglänz- 
ten noch in der weitesten duftigen Ferne. Während die 
niedrigem Bergspitzen schon geraume jSeit in Nebel ge- 
hüllt waren, erwehrte sich desselben der Oberalpstock 
noch ziemlich lange. Immer dichter und enggeschlossener 
rückten jedoch die grauen Nebelwolken heran, auch mahnte 
die sehr vorgerückte Zeit zum Aufbruche. Wir schickten 
uns daher um 3 3 / 4 Uhr Nachmittags an, den Gipfel nach 
einem mehr als dreistündigen Aufenthalte daselbst wieder 
zu verlassen. 

Der von der Mittagssonne stark erweichte Firnschnee 
sicherte unsere Tritte auch an den steilsten Stellen, und 
wenn auch zuweilen eine Schichte Schnee mit uns zu 
rutschen anfing, so konnten wir uns doch jedesmal wieder 
aus derselben herausarbeiten. Seil und Fusseisen Hessen 
wir auch jetzt unbenutzt. Der günstige Zustand des Firn- 
schnees kam uns übrigens sehr erwünscht, denn der immer 
dichter werdende Nebel trieb uns zum möglichst raschen 
Abwärtssteigen an. Wirklich erreichten wir schon um 6 Uhr 
den jenseitigen Rand des Strimgletschers; demnach 
hatten wir in Zeit von 2 l / 4 Stunden einen Weg zurück- 
gelegt, welcher zum Hinaufsteigen das doppelte Mass, 
nämlich 4 l / 2 Stunden, erfordert hatte. Nach einer kurzen 
Rast von zehn Minuten langten wir nach Verlauf von 
fernem vierzig Minuten auf der Höhe des Kreuziipasses 
an, von welcher wir uns um 7 Uhr entfernten, um jetzt 
die letzte Strecke Weges zurückzulegen. Es war schon 
dunkel und der Nebel begann sich in Regen aufzulösen. 
Um 8 Uhr befanden wir uns bei der Alp Gulmen oder 
Gulmet am Fusse des Kreutzlistockes, in. der Nähe vom 
Ereutzlistutz. Hier beabsichtigte ich die Nacht zuzu- 
bringen, und am folgenden Tage bei günstiger Witterung 
in Gesellschaft meines Führers den Kreutzlistock zu 



— 39 — 

besteigen. Da indessen die Hütte sehr klein war, und 
Trösch notwendiger Geschäfte wegen auch sonst gerne 
nach Hause ging , so trennte er sich von mir, um bei der 
stockfinstern Nacht und bei dem herabströmenden Kegpn 
den Heimweg einzuschlagen. Ich erfuhr später von ihm, 
es sei so finster gewesen, dass er die grossen weissen 
Steine, die hin und wieder am Wege liegen, vom dunk- 
lern Grase nicht habe unterscheiden können, und dass er 
bei jedem Tritte mit dem Stiele eines Beiles, das wir zur 
Gletscherreise mitgenommen hatten, erst prüfen musste, 
ob er nicht an einen Abgrund gerathe. Wirklich fiel er 
einmal trotz aller Vorsicht kopfüber ein zehn Fuss hohes 
Felsstück hinunter, jedoch glücklicherweise ohne sich be- 
deutend zu beschädigen; auch brachte er einige Zeit in 
einem, in der Dunkelheit aufgefundenen, leeren Stalle zu, 
worin er in seinen, vom Regen ganz durchnässten, Klei- 
dern sehr \om Frost litt Endlich erreichte er seine Woh- 
nung im vordem Etzliboden des folgenden Morgens 
bei Tagesanbruch , nachdem er volle sieben Stunden auf 
einem Wege zugebracht hatte, den er in einer leidlichen 
Nacht in weniger als zwei Stunden würde zurückgelegt 
haben. Naehdem sich während der Nacht der Himmel 
entleert hatte, schien des folgenden Morgens wieder die 
Sonne, nur wehte der Föhnwind etwas stark. Ich setzte 
mich vor der Gulmen-Hütte ins Grüne, um den Trösch 
zu erwarten, der mich hier zur Besteigung des nahen 
Kreutzlistockes abholen sollte. Wirklich erschien der wort- 
getreue junge Mann ungeachtet seiner gehabten Unfälle 
tmd der übel zugebrachten Nacht; allein der Föhn trieb 
bedeutende Nebelmassen den Bergspitzen zu, und Wetter- 
kundige behaupteten, die Nebel würden an diesem Tage 
nicht mehr aus den Bergen weichen, was auch die Erfah- 
rung bestätigte. Bei solchen Aussiebten verzichtete ich 
auf den diessmaligen Besuch des Kreutzlistockes, und ging 
dagegen mit Trösch in die, seinem Vater gehörige, Alp 
im Stock, .westlich gegenüber vom Weitenalpstock, wo 



— 40 — 

die Leute mit Sammeln and Trocknen des Wildgrasetf 
beschäftigt waren. Dort bot sich mir eine kleine Entschä- 
digung für das Fehlschlagen der heutigen Reise, indem 
mir der seltene Anblick eines Lämmergeiers zu Theil wurde, 
der vom Kreutzlistock herkommend nicht weit von uns 
vorüberschwebte, und sich dann ungefähr in doppelter 
Schusßweite von der Hütte auf einem kleinen Felsen nieder- 
liess. Abends kehrte ich mit Trösch ins Etzlithal zurück. 
Tagreise. zu der Besteigung des Oberalpstockes am 

13. August 1847. 

Hinaufsteigen.. Aus dem 



vordem Elzlibodea 


3 Uhr Vormittags 








Rossbodenalp 


4 


« 


15 M. 






1 St. 


15 M. 


Kreutzlistutz 


5 


M 


15 - 






1 - 


— 


Kreülzlipass 


6 


- 


15 - 






1 - 


— 


Hast 


« 


- 


30 - 




15 M. 






Strimgletscher Anfang 


7 


^ 


30 - 






1 . 


* — 


Rast 


8 


. 


— 




30 M. 






Fugs des Oberalpstockes 


8 


. 


30 = 




■ 


♦ ___ 


30 - 


Gipfeides Oberalpstockes 


12 


" 


30 - 






4 - 


— 


Vom Nachtquartier bis 










auf den Gipfel im Ganzen 










45 M. 


8 St. 


45 M. 


Aufenthalt auf dem Gipfel 


* 






3 St. 








Hinabsteigen. 
















Abreise vom Gipfel 


3 


- 


45 - 










Ende des Strimg 1 eis eher s 


6 


- 


— 






2 - 


15 - 


Rast 


6 


• 


10 - 




1011. 






Kreutzlipass 


6 


• 


50 - 






— 


40 - 


Rast 


7 


• 


— «» 




10 M. 






Gulmenalp 


8 


" 


■"■■■ 






1 - 


— 


Vom Gipfel bis in die 










Alp Galmen zurück 








3 St. 


20 M. 


3 St. 


55 M. 


Rasten 












4 - 


5 - 


Die ganze Tagreise hin 


r 






und zurück 

r 












16 St. 


45 M. 



X 



— 41 — 



3. Der Kreutzlistock. 

Von Georg Hoff mann. 
Höhe 8500'. 

Längs der südöstlichen Grenze des Kantons Uli läuft 
ein Gebirgszug, welcher unter dem allgemeinen Namen 
Krisp altkette bekannt ist. Diese Gebirgskette zählt 
verschiedene, mehr oder weniger hohe, Gipfel, unter welchen 
einer der bemerkenswertesten der Kreutzlistock ist, 
an dessen Nordseite aus nicht bedeutenden Gletschern 
der Etzlibach entspringt, der als eine der Reuss*- 
quellen zuerst durch dasEtzlithal fliesst, dann imMa- 
deranerthale mit dem Kerstelenbache sich vereinigt, 
und bei Amstäg in die Reuss fällt. Ein zweiter Gebirgs- 
bach entspringt an der Ostseite des Kreutzlistock es, 
aus dem, zwischen diesem und dem Oberalpstocke liegen* 
den, Strimgletscher, und wie der Etzlibach von Süd 
nach Nord zu Thale flieset, so strömt dieser letztere in 
der entgegengesetzten Richtung von Nord nach Süd, und 
bewässert in Beinern Laufe das Strim- oder S tremser - 
oder bündnerische Etzlithal, indem er sich der 
ersten Quelle des Vorderrheines zuwendet, worein er 
sich nahe bei Tavetsch ergiesst Der Name dieses Ba- 
ches ist mir unbekannt; wahrscheinlich wird es ein roma- 
nischer sein. Vermutlich fliegst noch ein dritter Bach von 
der Südseite des Kreutzlistockes gleichfalls der ersten 
Quelle des Vorderrheines zu, weil sich in dieser Richtung 
ein enges Hochthal hinabzieht, das ohne Zweifel auch 
von Wasser durchströmt ist. Am Fusse des Kreutzli- 
stockes führen ferner zwei Aipenpässe vorüber, welche 
aus dem Elanton Uri in das bündnerische Rheinthal, na- 
mentlich nach dem von den Urnern viel besuchten Dis- 
sentis hinabgeleiten. Der bekanntere ist der bei der Be- 
steigung des Oberalpstockes bereits angeführte 
Kreutzlipass, der in sieben Stunden von Amstäg nach 



— 42 — 

Dissentis durch das Strimtbal führt Der zweite über- 
steigt am westlichen Fusse des Krentzlistockes einen 
Felskamm, der jenen Berg mit dem benachbarten Matsch 
verbindet Dieser letztere Weg ist zwar ebenso gefahrlos 
zu betreten als der Kreutzlipass, er wird jedoch aus* 
schliesslich nur von denjenigen Urner'schen Aelplern be- 
nützt, welche sich Geschäfte halber auf die nach Dissen- 
tis und Tavetsch gehörenden hoch gelegenen Alpen begeben 
müssen, wohin dieser Pfad allerdings bedeutend abkürzt. 
Da mich im verflossenen Sommer 1847 die schlechte 
Witterung an der Besteigung des Ereutzlistockes verhindert 
hatte, so fand ich mich Sonntag Abends den 13. August 
1848 bei günstigem Witterungsverhältnissen zur Wieder- 
holung jenes Versuches bei meinem vorjährigen Führer 
auf den Oberalpstock, Maria Trösch, ein. Dieser konnte 
jedoch wegen Einsammeln des Wildheues dieses Mal mein 
Begleiter nicht sein, hingegen erbot sich dazu sein Vater 
Joseph Maria Trösch, der als leidenschaftlicher Jä- 
ger jene Gegend häufig durchstreift hatte. Unter seiner 
Begleitung verliess ich also Montags den 14. August 
Morgens gegen 5 Uhr dessen Wohnung im vordem 
Etzliboden, und wanderte thalaufwärts über die Alpen 
Liggergen und Rossboden den in dem Abschnitte 
„Ob er alpstock" schon beschriebenen Weg bis in die 
Alp Gulmen, in welcher ich voriges Jahr auf dem 
Rückwege vom Oberalpstocke die Nacht zugebracht hatte. 
Eine halbe Viertelstunde von Gulmen entfernt liegen 
die Alphütten von Muttenmatt, oder nach der dorti- 
gen Sprach weise, Mullersmatt Ein in ihrer Nachbar- 
schaft stehender, äusserst steiler, nadeiförmig zugespitzter 
Felsstock wird nach denselben Mut tenmatt stock (dort 
Mullersmattstock) genannt Diese schroffe schnee- 
lose Pyramide ist, so viel ich mich erinnere, von den 
beiden Trösch , Vater und Sohn , zur Zeit der Gemsjagd 
erstiegen worden , was aber der Alte so ziemlich als ein 
Wagestück ausgab; ihre -Höhe schätzte ich über 10,000 
Fuss, da die aufgebende Sonne schon eine Weile ihren 



— 43 — 

* 

Gipfel röthete, während der benachbarte, über 9400 Fuss 
hohe Bristenstock noch ziemlich lange im Schatten der 
Dämmerung blieb. Die beiden Alpen Gulmen und Mut- 
tenmatt liegen auf einer kleinen Ebene, die von den 
Felsen des Kreutzlistockes im Halbkreise eingegrenzt wird, 
and die in frühern Zeiten leicht der Grund eines Bergsees 
gewesen sein mag. Die gleichen Felsen bilden auch den 
vorhin besprochenen Kamm, der den Kreutzlistock 
mit dem Mutsch verbindet, und über den jener Gebirgs- 
pfad geht, welcher in die Alpen des Tavetscherthales führt. 
Diesen Kamm nennen dort die Hirten die Mittelplatte, 
und es stürzen sich über ihre mitunter schroffen Wände 
mehrere nicht bedeutende Wasserfalle nieder, deren Ge- 
wässer sich in den! halbrunden Thalbecken von Gulmen 
und Muttenmatt vereinigen, und nun als Etzlibach 
dem Maderanerthale zuströmen. 

Von den Hütten derMuttenmattalp aus begannen 
wir um 7 3 / 4 Uhr Vormittags die Erklimmung des Kreutzli- 
stock es. An der Nordseite dieses Berges, an welcher 
wir uns jetzt befanden, tritt selten der feste Fels zu Tage ; 
vielmehr scheint hier der ganze Gebirgsstock ein einziger 
Trümmerbaufe zu sein, dessen Tafel- oder Plattenförmige 
Steinblöcke (Gneis) in ihrer Uebereinanderschichtung viele 
grössere und kleinere Räumlichkeiten und Höhlungen bil- 
den, welche zum Theil ein ziemlich bequemes Obdach 
darbieten. Nach Uebersteigung eines Grates erschien jen- 
seits in geringer Tiefe unter uns eine kleine Hochebene, 
deren kahler weisslicher Felsboden mehrere , jedoch sehr 
kleine, Bergseen von höchstens einigen Klaftern im Durch- 
messer enthielt. Dieses felsige Hochthal war in frühem 
Zeiten, laut der Erzählung meines Führers, ein ergiebiger 
Platz für die Gemsjagd; er selbst hatte an dieser Stelle 
einst an Einem Tage drei Gemsen erlegt Hier wies mir 
auch T rösch in einiger Entfernung jenen Fusspfad, wel- 
cher abkürzend aus dem Etzlitbale in die bündneriscben 
Hochalpen führt; ich bemerkte, dass er eigentlich mehr 
dem benachbarten Mutsch als dem Kreutzlistock 



— 44 — 

entlang führt. Es blieb uns nun noch die letzte Strecke 
Weges bis zum Gipfel übrig; sie bestand in einem sanft 
ansteigenden, mit Trümmern überdeckten, Kamm, welcher 
in Zeit einer halben Stunde erstiegen war. Nun befanden 
wir uns auf der Spitze um 10 3 / 4 Uhr Vormittags, nach 
genau dreistündigem Marsche von Muttenmatt, und nach 
sechsstündigem vom Etzliboden an gerechnet Aller- 
dings hatten wir uns auf dieser Wanderung nicht sonder- 
lich beeilt, und sowohl in den Hütten von Muttenmatt als 
auch in denen von Gulmen den Sennen einen Besuch gemacht. 
Der Gipfel deS Kreutzlistockes ist nicht eigent- 
lich eine Spitze, sondern nur der erhöhteste Böcker eines 
langen Grates , in den sich der obere Theil jenes Berges 
zuschärft, und welcher, beim Mutsch ^beginnend, in gera- 
der Linie von West nach Ost bis zu dem obersten Punkte 
des Kreutzlistockes in sanfter Ansteigung fortläuft. Bei 
diesem obersten Punkte oder Gipfel wendet sich der 
Kreutzlistock plötzlich und scharf gegen Süden, und dieser 
letztere Theil des Berges liegt auf bündnerischem Ge- 
biete, und hat auch einen Gipfel, der beiläufig 200 Fuss 
höher ist, als derjenige, auf welchem wir standen, und den 
wir leicht in einer halben Stunde hätten erreichen können ) 
seinen Namen wusste mir Trösch nicht anzugeben. Ueber 
die Einsattlung zwischen den beiden einander so nahe 
stehenden Gipfeln zieht sich die Markscheide von Uri und 
Bünden. Die schnelle Umwandlung vom schönen in reg- 
nerisches Wetter benahm uns die Lust zum Besuche der 
bündneriscben Spitze, gegentheils nöthigte uns bald ein 
feiner Nebelregen, Obdach zu suchen in einer der vielen 
Höblungen und Klüfte , welche durch die Uebereinander- 
sehichtung der plattenförmigen Felstrümmer gebildet wor- 
den sind. Ein kurzer Sonnen blick lockte nns um 3 Uhr 
Nachmittags wieder ins Freie hinaus, und indem da meine 
Blicke zufällig auf den hohen Muttenmattstock und 
seine Umgebung fielen, gewahrte ich am Fusse jenes 
Riesen in einer dunkeln Bergschlucht einen grossen Fleck 
Schnee und nebenan noch eine andere glänzende Fläche, 



— 45 — 

deren bläuliche Färbung viele Aehnllchkeit mit der Farbe 
des Gletschereises hatte. Die tiefe Lage jener glänzenden 
Fläche widersprach jedoch der Möglichkeit vom Vorhat 
densein einer so grossen Masse Eises. Mein Führer gab 
mir Ausschluss über die räthselhafte Erscheinung, indem 
er mir das vermeintliche Gletschereis als einen Theil des 
bläulichen Spillauer-Sees erklärte, der also in dieser 
vorgerückten Sommerszeit noch von Schnee umlagert war, 
während die nahe dabei liegende Alp gleichen Namen« 
bereits mit Kühen befahren wurde. Die Hütte der Alp 
Spillau soll nahe am Ufer dea Sees stehen. Hohe Fels** 
bäupter, wie der Mutscb, Muttenmattstock, die 
beiden Wichel u. a. umlagern im enggescbtassenen 
Kreise den See und die kleine Alptrift, was jenem nicht 
unbeträchtlichen Bergwasser einen grossartigen, wild roman- 
tischen, Charakter verleiht. Freunde einer erhabenen Alpen- 
natur, welche jene sehenswerthe Gegend zu besuchen 
wünschen, begünstigt dazu der doppelte Vortheil, einer 
wenn auch nicht bequemen , doch immerhin Schutz und 
Nahrung bietenden Wohnlichkeit, und eines ganz ungefähr- 
lichen Zuganges. Für einen kürzern Besuch von Amstäg 
aus bis wieder dahin zurück würde ein Tag genügen. Zu 
diesem Zwecke würde man zuerst das Etzlithal bis zur 
Alp Muttenmatt hinansteigen, dann rechts in eine schlucht* 
artige Oeffnung einbiegen, durch welche sich der nicht 
beschwerliche Weg bis zum Spillauer-See hindurch win- 
det, welcher letztere von Muttenmatt aus in Zeit von 
zwei Stunden erreicht wird. Eine halbe Stunde weiter als 
der Spillauer-See stehen auf einem Hügel drei Stein- 
mannli. Es ist diese Stelle der häufige Sammelplatz nfun- 
terer Hirtenknaben, welche sich damit vergnügen, das 
wundervolle Echo zu rufen, welches hier jede, selbst mit 
gedämpfter Stimme, gesprochenen Worte klar und ver- 
nehmlich wieder gibt. Es befindet sich am nördlichen Fusse 
des Rossstockes zwischen dem Schächenthale und 
dem Muottathale ein zweiter Spillauer-See, welcher 
mit dem hier geschilderten nicht zu verwechseln ist. 



/ 



— 46 — 

Um 4 Uhr Nachmittags stiegen wir von der Spitze 
des Kreutzlistockes über die Trümmersteine wieder hin- 
unter, und wählten zu unserm Rückwege die dem Weiten- 
alpstocke zugekehrte Seite des Berges, indem uns jene 
Richtung an einer Stelle vorüberführte, welche in frühern 
Zeiten wegen ihrer Ergiebigkeit an Bergkristallen bei den 
Urnern in hohem Rufe stand. Jetzt noch werden viele 
Mineralien, die als vom Gotthard stammend verkauft wer- 
den, am Kreutzlistocke und am Stotzigrate im benach- 
barten Brunnithale gegraben. Der ergiebigste unter allen 
jenen Fundorten befand sich aber ehemals an eben jener 
Stelle , der wir uns jetzt zuwandten. Sie liegt ungefähr 
eine starke halbe Stunde unterhalb der Spitze des Kreutzli- 
stockes, und wir trafen daselbst noch auf Spuren einer 
ehemaligen, aus rohen Steinen aufgeführten, Hütte; auch 
angebranntes Holz fand sich noch vor. An diesem Orte 
wurden im vorigen Jahrhundert äusserst grosse und 
schöne Stücke ausgegraben, die einen Erlös von mehrern 
1000 Gulden eintrugen. Da die Grube völlig ausgebeutet 
ist, so steht sie längst verlassen, und ist auch zum Theil 
eingestürzt. Eine Strecke weit tiefer am Berge führte 
mich Trösch zu einer in neuerer Zeit entdeckten und 
ziemlich ergiebigen Stelle, die aber zufallig gerade unter 
Lawinenschnee begraben lag. Indessen förderte mein Be- 
gleiter nicht weit davon nach einigem nur oberfläch- 
lichen Nachgraben etliche ordentliche Stücke hellbraun 
gefärbter Kristalle zu Taget Zum weiteren Nachgraben 
hatte Trösch die erforderlichen Instrumente nicht bei 
sich. Ueberdiess trieb uns der immer mehr sich ver- 
düsternde Himmel eilig dem Thale zu; allein trotz unsers 
raschen Fortschreitens kam uns der Regen noch zuvor, 
und begoss uns eine Stunde lang, ehe wir die Wohnung 
des Trösch im vordem Etzliboden erreichten, 
was gegen 8 Uhr Abends geschah. 



,r 



— 47 — 

4. Der grosse Windgellen. 

Von Georg Hoffmaoo. 
Höhe 9818' = 3189,4 Meter. 

Bei der Beschreibung des kleinen Windgelle» 
ist erwähnt worden, dass der grosse Windgellen 
oder Kalk stock eines jener Gebirgshäupter sei, welche 
das Schächenthal von dem Maderanerthale trennen, und 
dass er westlich mit dem kleinen Windgellen, öst- 
lich mit dem Ruchi oder Alpgnoferstock zusammen- 



Von welcher Seite man den grossen Windgellen 
auch betrachten mag, so stellen sich seine gewaltigen 
Felswände in grosser Schroffheit dar; er erscheint dess- 
halb im Winter grösstenteils schneefrei, und im Sommer 
schmückt ihn nirgends ein grünes Fleckdien. Auf seiner 
Nordseite steigt er als eine einzige ungeheure Wand bis 
zu den grünen Matten der Sittlialp hinunter; den Fuss, 
seiner Südseite bekleiden die weissen Decken des Aelpeli- 
und des Stäffelgletschers. Sogar die Gemsen meiden 
den Kalkstock, indem seine kahlen Felsen nicht ein- 
mal jenen genügsamen Thieren die bescheidene Nahrung 
bieten. Dagegen gewährt er ihnen zuweilen lebenrettende 
Zufluchtstätte. Es geschieht nämlich häufig, dass Jäger 
auf dem Stäffelgletscher den Gemsen nachstellen, 
und wenn es dann diesen gelingt, sich auf den kleinen, 
aber schroffen, Felsabsturz hinaufzuschwingen, der sich 
längs jenem Gletscher hinzieht, und so auf den Kalkstock 
zu entkommen, so sind sie vor allen weitern Nachstellun- 
gen gesichert; denn, soviel bekannt ist, hatte sich bis 
jetzt noch kein menschlicher Fuss an die steilen Wände 
des grossen Windgellen gewagt.. Ein einziger Jäger über- 
schritt einst bei Verfolgung einer Gemse den südwest- 
lichen Fuss jenes Felsstockes, ein schauerlicher halsbre- 



— 48 — 

chender Weg, den ich später aus geringer Entfernung zu 
betrachten Gelegenheit hatte. Dieser Jäger war Johannes 
Epp im Waldiberg, der gleiche, der mich 1844 auf 
den kleinen Windgellen geleitete. Herr Doctor Lusser 
in Altorf, bekanntlich ein in den Alpen seines Heimat- 
kantons vielbewanderter Mann, war gleichfalls der An- 
sicht, dass der grosse Windgellen kaum werde er- 
steigbar sein, da er aus Kalk bestehe, (daher sein zweiter 
Name Kalkstock), welcher in grossen Platten zu Tage 
trete. Forschte ich bei Jägern aus der Umgegend nach 
der vielleicht dennoch möglichen Ersteigbai keit des Kalk- 
stockes,, so zeigten sie wenig Vertrauen dazu und 
schüttelten zweifelnd den Kopf. In dem muthvollen jungen 
Maria Trösch, demselben, der mich auf den Ober- 
alpstock geleitet, hatte, fand ich allein den Mann, der die 
Sache der Ueberlegung werth hielt, und der richtig ur- 
t heilte, dass die Hoffnung für das Gelingen einer solchen 
Unternehmung nicht aufgegeben werden müsse, so lange 
noch kein ernstlicher Versuch gemacht worden sei; nur 
bedinge er sich zu diesem vielleicht schwierigen Gange 
einen zweiten Begleiter nach eigener Wahl, was ich na- 
türlich gerne gewährte. Beim reiflichem Ueberdenken zeigte 
sich jedoch die Schwierigkeit, eben einen solchen zuver- 
lässigen und dabei gewandten Begleiter zu finden. Den 
Epp aus dem Waldiberg hätte Trösch gerne gewählt, 
aber der war vor einem Jahre gestorben. Ein gewisser 
Hans Gammen, ein Freund und öfterer Jagdgefabrte des 
Trösch wurde von letzteren als der kühnste und gewand- 
teste Gänger im Kanton Uri gerühmt, und wäre daher 
wohl der erwünschteste Begleiter gewesen, aber er wohnte 
in dem ziemlich entfernten Dorfe Göschenen. Die Wahl 
fiel endlich auf den jungen Melchior Trösch, Bru- 
derssohn und Nachbar meines ehemaligen Führers Gedeon 
Trösch im Balmenwald bei Niederkäsern. Diesen 
kannte Maria Trösch nicht nur als geübten Berg- 
steiger, sondern auch ajs einen mit den nähern Umge- 



- 49 — 

bongen des grossen Windgellen vertrauten Jäger. 
Ueberzeugt, dass ich mich jenen beiden Männern, Maria 
und Melchior Trösch, in jeder Beziehung anvertrauen 
dürfe, und dass ich in ihnen die besten Gänger aus der 
Umgegend zur Seite habe, entschloss ich mich, bei der 
Rückkehr vom Kreutzlistock, einmal einen bestimmten 
Versuch zur Bezwingung des sogar von den Jägern ge- 
miedenen grossen Windgellen oder Kalkstockes 
eu machen. An diesem Entschlüsse hatte, ich gestehe es, 
theilweise auch einiger Ehrgeiz Antheil. 

Es wurde die Abrede getroffen, dass ich am Abend 
des 15. August 1848 in Gesellschaft des Maria Trösch 
bei Melchior Trösch in der Alp Balmenwald zu- 
sammentreffen sollte. Von dort wollten die beiden Jäger 
in der Frühe des folgenden Morgens vorerst auf Kund- 
schaft ausgehen, und beaugenscheinigen, ob und von 
welcher Seite man dem Kalkstock beikommen könne. 
Das Ergebniss ihrer Forschung sollten sie mir dann Abends 
in der Alp Bernertsmatt mittheilen, woselbst wir uns 
alle drei zu vereinigen gedachten, um dann, im günstigen 
Falle, am folgenden Tage die eigentliche Erklimmung in 
Angriff zu nehmen. Unser Zusammentreffen hatte an jenem 
Abende» wie abgeredet, stattgefunden, und zur weitern 
Ausführung unsers Planes verliessen also die beiden 
Männer Mittwochs den 16. August Morgens um 3 Uhr 
die Wohnung im Balmenwald bei klarem Mondschein, 
während ich erst gegen 10 Uhr in Begleit des Gedeon 
Trösch den Weg nach der etwa zwei Stunden entfern- 
ten Alp Bernertsmatt antrat. Der Pfad führt durch 
Waldung ziemlich steil bergan, bis man oben plötzlich 
auf einer wohl zwei Stunden langen und über eine halbe 
Stunde breiten schönen Alptrift anlangt, auf welcher wir uns 
zuerst derjenigen Alp näherten, weichein den Staffeln 
genannt wird, und von welcher die Alp Bernertsmatt 
in westlicher Richtung ungefähr eine Stunde weit entfernt 
ist. Ich war überrascht von der grossartigen Gebirgsan- 

4 



- 56 - 

sieht, die sich hier dem freien Blicke Öftnet, und da ich 
hinlängliche Müsse zu % Beobachtungen hatte, weil zu 
erwarten stand, dass die beiden Jäger doeh nicht vor 
Abend nach Bernertsmatt zurückkehren würden, so 
verweilte . ich in der Nähe der Staffel hätten eine ge- 
raume Zeit, und, mit meinem Begleiter ins Grüne gela- 
gert, hielt ich Musterung über die mit Gletschern bepanr- 
zerten Riesen, die in Reihe und GHed uns gegenüberstanden. 
Da glänzte gegen Osten, uns cur Linken, das lange Eis-* 
fcld des Hüfifirnes, eingegrenzt auf der nördlichen Seite 
von dem kahlen Bockzingel und dem Scheerhorn, auf der 
südlichen von dem Hüfi- und dem Düssistocke. lieber 
einem Felsabbange am Fusse des rauhen Düssistockes 
lagen gleich einer Oase in der Wüste die freundlichen 
Matten des Hüfi- Aelpeli; zwischen dem Düssistocke 
und dem zur Rechten ihm gegenüberstehenden Ober«* 
fruttstocke und Bänckestooke entdeckt man den 
Eingang ins Bmnnithal, und begrüsst hier die zwei 
schönen sehenswerthen Wasserfälle des Stäubers und 
des Lammerbaches. Dicht vor uns hob der hohe 
Oberalpstock das '«Haupt weit über seine Gefährten 
empor, die Abflüsse ans seinem gewaltigen Gletscher 
stürzten über schroffe Wände bis in den Grund des Ma- 
deranerthales hinunter, wo sie sieb mit dem Kerstelen- 
bach vereinigen. Hierauf öffnete sich zwischen den Ver- 
bergen des Oberalpstockes und dem malerischen Bristen- 
stock abermals ein grünendes Hochthal, nämlich das vom 
Etzlibache durchströmte Etzlithal. Längs dem Fusse 
der sämmtlichen genannten Gebirge, vom Düssistock bis 
zum Bristenstock , breitete sich die ganze Länge des 
Maderanerthales mit seinen zahlreichen Alpenwohnangen, 
Weiden, Wäldern, Wasserfällen und Lawinenverheerungen 
vor uns aus. Wir überblickten dieses lange Thal in der 
Vogelperspektive vom Hüfifirne bis zum Dörfchen Bristen. 
Den dunkeln Thaiesgrund durchzog der Silberfaden des 
schäumenden Kerstelenbaebes* Kehrten wir uns um, dann 



— 51 — 

surrten uns gaim in der Nähe die kahlen gewaltigen 
Felsmassen des Ruchi (hier Alpgnoferstoek), des grossen* 
Windgelleo (hier Kalkstock) und des kleinen Windseiten* 
Jhier grosser Windgellen) entgegen. Ich wqt überrascht 
"on der Grossartigbeit der gansen Umgebung, und gewiss 
würde kein Freund erhabener Alpennatur die 4 f / 2 Stun- 
de» Weges, die von Amstäg xu einem Gange Wehe» 
erforderlich sind, bereuen, da namentlich schon die Reise 
an sich genussreicb ist, indem der kürzeste Weg an dem 
lieblichen Golse r 8 ee und dem Dörfchen gleichet! Na* 
mens vorbeiführt* Nur möchte ich zu einem allfälligen 
Nachtquartier die wohnlichere Alp Berner ts matt em-* 
pfehtea, bei welcher man sieh ganz der gleichen Aussich* 
erfreut, wie der hier geschilderten. 

lieber der Anschauung der grossartigen Gebkgsweh 
vergassen wir übrigens keineswegs die auf Kundschaft 
ausgegangenen- jungen Männer. Zu verschiedenen Maien 
richtete ich mein Fernrohr auf den Kalkstock, der hier 
nun grössten Theüe sichtbar ist, aber kein lebendes We- 
sen war an den kahlen Felsen m entdecken, mir leichte 
Wolken triebe» dort ihr neckendes Spiel. AUmälig über« 
zog sieh sogar auch in unserer Nihe der bisher heiter ge- 
bliebene Himmel in bedenklichem Grade. Zwei kleine 
Wölkehen, die vereinzelt über das Thal dahinzogen, 
erklärte mein Begleiter als sichere Vorboten von nächstens 
einfallendem Schneegestöber. Wir verliessen daher unsern 
Standpunkt, und lenkten unsere Schritte langsam gegen 
die Alp Bcrnertsmatt. Als wir uns gegen 2 Uhr Nach* 
mittags der Hütte genähert hatten, merkten wir an der 
zogelehnten Thtire, dass gegenwärtig Niemand au Hause 
sei; wir legten desshalb unsere Gerätschaften einstweilen 
ia der Nähe der Hütte auf einem grossen Felssteine nie- 
der. Iu diesem Augenblicke sahen wir die beiden Jaget 
m geringer Entfernung einen Hügel herabsteigen und auf 
Qbs lueäen ; sie schienen frisch und wohlgemuth. Ihr so 
frühes Sufüokkehcen liess mich alsobald schliessen, .ihr 

• 4* 



— 52 — 

Versuch sei missglückt, denn im gelungenen Falle würden 
sie sicherlich nicht schon in der Hälfte des Tages wieder 
zurück sein. Wie sehr überraschte mich daher ihre Er- 
Zählung von dem glücklichen Erfolge ihrer Reise, un<^ 
dass es ihnen sogar geglückt sei, die höchste Spitze zu 
erreichen, was sie durch Errichtung eines Steinmannli auf 
der Spitze des Ealkstoekes bewiesen. Nach genauer Be- 
zeichnung der Stelle konnte jenes Signal selbst mit unbe- 
waffnetem Auge erblickt werden. Als ich mein Erstaunen 
über ihre frühe Rückkehr ausdrückte, gaben sie mir als 
Grund davon den gegenseitigen Wetteifer an, mit dem es 
Einer dem Andern im Bergsteigen zuvorthun wollte. Aus 
ihren übrigen Erzählungen erfuhr ich, dass sie um 10 Uhr 
den Gipfel erreicht hatten, dass sie sich aber wegen der 
scharfen Luft, die ihnen den Athem abschnitt, nur eine 
halbe Stunde daselbst aufhielten, und gemeinschaftlich 
das Steinmannli aufrichteten , [das von ihrer gelungenen 
Besteigung Beweis geben sollte. Die Aussicht in die Ge- 
birgswelt gegen Süden war ihnen grösstenteils durch 
Nebel verschlossen, aber gegen Norden drang ihr Blick 
bis in die weitesten Femen, und sie waren erstaunt über 
die Menge Gewässer, über alle die Seen und Flüsse, 
Häuser und Ortschaften, die ihnen aus den grünen Ebenen 
entgegenglänzten. Meine Nachfragen über die Schwierig- 
keit oder NichtSchwierigkeit der Besteigung selbst beant- 
worteten sie nur oberflächlich, und merklich zurückhaltend ; 
ich konnte nur von ihnen erfahren, dass, nachdem ihr 
geübter Blick aus einiger Entfernung die einzig ersteigbare 
Seite des Berges entdeckt hatte, sie am Berge selbst zwei 
etwas missliche Stellen fanden,) die erste gleich am An- 
fange, wo man vom Stäffelgletscher auf die Felsen hin- 
übertritt; die zweite ganz oben nahe an der Spitze, die 
innen besonders, auf dem Rückwege Schwierigkeiten bot. 
Dort mu88te eine glatte Platte passiert werden, auf wel- 
cher, um über dieselbe hinunter zu gelangen, derjenige 
der beiden Männer, welcher die am stärksten genagelten 



— 53 - 

Schuhe trag, «eine FussbeUeidung ausziehen musste. 
Fusseisen und Beil, mit welchen sie versehen waren, hat« 
ten sie nicht in Gebrauch gesetzt Bei ihren Ersählungen 
sprachen sie mir wiederholt zu, dass ich Morgen nur 
getrost mitkommen solle, sie wollten mich schon sicher 
hinaufgeleiten. — Soweit war nun alles in Ordnung; die 
Möglichkeit der Ersteigung des Kalkstockes war erwiesen, 
und die tüchtigsten Leute zur Ausführung meines Planes 
hatte ich mit mir. Allein der Himmel schien mit meinem 
Vorhaben nicht einverstanden , denn je näher der Abend 
heranrückte, desto mehr Wolken und Nebel häuften sich 
in der Atmosphäre, so dass man zuletzt draussen vor der 
Hütte keine zehn Schritte weit sehen konnte. Schon nach 
Sonnenuntergang regnete es stark, und während der Nacht 
hörte ich beständig die unwillkommne Musik des Prasseins 
der schweren Regentropfen auf dem Schindeldache der 
Hütte. Am folgenden Morgen, Donnerstags den 17. Au- 
gust, als wir uns früh um 4 Uhr von der Lagerstätte mit 
der Absicht erhoben, uns wieder dem Thale zuzuwenden, 
sah es mit dem Unwetter noch ärger aus als während 
der Nacht. Der Regen ergoss sich in Strömen, und um 
6 Uhr donnerte es noch dazu, was die Sennen als ein 
sicheres Merkmal von bevorstehendem Schnee verkünde- 
ten. Missstimmt und kleinlaut über die Vereitelung 
unters Vorhabens sass ich mit den beiden Trösch vor 
dem Feuer, das unter dem Käsekessel knisterte. Glück- 
licherweise befand sich noch ein Mann in der Hütte, 
der durch seine ungekünstelte Fröhlichkeit und seine 
muntern Witze uns mitten in der Verstimmung manches 
sauersüsse Lächeln abzunöthigen wusste. Dieser Mann 
war einer der beiden Brüder, deren Gastfreundschaft wir 
seit gestern Abend in Anspruch genommen hatten, näm- 
lich der Senn der Alp Bernertsmatt, Namens Lorenz. 
Als wir einmal in der Ungeduld jenen Sennen, welcher 
damals zunächst an der zugelehnten Tbüre sass , baten, 
er möchte hinausschauen und forschen, ob es nicht bajd 



.— 54 — 

mit dem Wetter bessere, sah er nur schwere regengestt- 
ttgte Wolken über dem Thale hängen. Da zog der lustige 
Mann den Kopf zurück , und , sieh gegen uns wendend, 
meinte er, es sei jetzt „z'Bode niede* so, dass man 
Fluelen mit Löffeln suchen müsste. Gegen S Uhr ging 
vollends die gestrige Verausverkündigung des Gedeon 
Trösch, so wie die heutige der Sennen, in Erfüllung, 
indem es tüchtig zu schneien anfing« Nun riethen meine 
Führer zum schnellen Aufbruche , damit wir nicht noch 
gar im lockern nassen .Schnee nach Hanse waten müssten, 
und ich kehrte also mitten im Unwetter nach Amstäg 
zurück. An den beiden folgenden Tagen glänzte der 
Himmel wieder im reinsten Blau, da jedoch alle Höhen 
der Umgegend mit frischem Schnee überkleidet waren, 
so wäre im Verlaufe der nächstfolgenden Tage eine Wie- 
derholung des Versuches doch nicht möglich gewesen, 
denn um den Kalkstock zu ersteigen, ist nicht allein 
gänzlicher Mangel an Schnee erforderlieh, sondern es 
müssen auch die Felsen vollkommen trocken sein, weil 
sie an jenem Gebirgsstocke durch die Feuchtigkeit so 
schlüpfrig werden, dass sie dadurch vollkommen unzu- 
gänglich sind , was allfällige -künftige Besteiger dieses 
Gebirges wohl zu beachten haben, und wovon ich tfaeil- 
weise selbst die Erfahrung machte. 

In der Hoffnung auf - besseres , Gelingen benützte ich 
meine diessmalige Anwesenheit in der Umgegend von 
Amstäg , um Sonntags den 20. August eine zweite Vor* 
abredung zu treffen. Zu diesem Ende verfügte ich mich 
am Vormittage nach Bristen, da ich versichert sein 
konnte, nach Beendigung des Morgengottesdienstes meine 
beiden Führer daselbst anzutreffen. Allein so schön die 
beiden verflossenen Tage gewesen waren, so fing der 
Himmel schon wieder an, sich bedeutend 2m umwölken, 
und unser Ausharren in Bristen bis Abends brachte uns 
mir die Gewissheit, dass auch diessmal wieder die Unter- 
nehmung vereitelt sei. 



— 55 — 

Ungleich günstigere Aussichten in Beziehung auf die 
Witterung eröflheten sieh mir etwa 10 Tage später, als 
ich sehen länget in meine Vaterstadt zurückgekehrt war. 
Da drängte midi das Bewosstsein , bei guter Witterung 
min Ziel erreichen an können, za einem dritten Versuche, 
and ich verfügt« Blieb desshslb auf dem schnellsten Wege 
noch einmal naeh Amstäg* Dort hatte ich in Bezug auf 
meine erneuerte Verabredung mit den beiden Trösch die 
Freude, au sehen , dass mich diese» Mal alle .Umstände 
weit mehr begünstigten, als die beiden letzten Male , so 
dass ich am Tage meiner Ankunft) unter dem Geleite des 
Maria Trösch, noch bis in die Alp Bernef tsmatt 
gelangen konnte* Der kürzeste Weg von. Amstäg nach 
|ener Alp führt in Zeit von 4y 2 Stunden auf einem be- 
quemen sichern Pfade, dicht bei dem klaren > malerisch 
gelegenen , Golzersee vorüben Kaum war. ich mit 
Trösch in Bemertsmatt angelangt» so wälzten sich schon 
wieder bedenkliebe Nebelwolken heran, durch deren dich- 
ten Schleier von Zeit an Zeit, der Wiederschein fernen 
Wetterleuchtens zuckte, und auch in den steilen Fels- 
wänden des Buehi brummte mit gedämpfter Stimme 
der rollende Donnen So. schien es, als ob sich das Blatt 
abermals aum Schlimmen wenden wollte» Uebeidiess wollte 
mein z weiter Führer Melchior Trösch ungeachtet 
aller Verabredung und der schon eingetretenen Dunkel- 
heit immer noch nicht erscheinen* Sollte ihn wohl, dachte 
ich, die. Erwartung angünstiger Witterung von seinem 
Kommen abgebalten haben? Solchen und ähnlichen trüben 
Vorstellungen nachhängend, setzte ich mich draussen vor 
die Hütte, während drinnen die Sennen mit Zubereitung 
der Nachtmahlzeit beschäftigt waren. Ich sass noch nicht 
lange in meine Gedanken vertieft» als mir durch den Ne- 
bel hindurch über dem Tbale plötzlich eine, sonderbare 
Bötbe entgegenleuchtete, die je länger je stärker wurde. 
Es schien, als ob eine Feuersbrunst ha Thale ausge- 
brochen wärt. Die herbeigerufenen Sennen beschwichtigten 



— 56 — 

jedoch alsobald meine Besorgniss , und verwandelten sie 
mir sogar in Freude, indem sie erklärten, jene Helle rühre 
von einer Fackel her, die wahrscheinlich der sehnlichst 
erwartete MelchiorTrösch bei dem nächtlichen Dun- 
kel zum Hinaufsteigen angezündet habe, was auch wirk- 
lich der Fall war. Ebenso vernahm ich von jenen Männern 
über den Witterungszustand zuversichtliche Trostesworte; 
sie verkündeten auf Morgen wenigstens einen schönen 
Vormittag. So legte ich mich .dann mit erleichtertem 
Herzen zur Ruhe. 

Früh um 3 Uhr des folgenden Morgens, Donnerstags 
den 31. August 1848, war ich mit meinen Führern schon 
munter und auf den Beinen. Noch machten sich Nebel- 
wolken und der gestirnte -Himmel die Oberherrschaft strei- 
tig ; doch durften wir auf die Dauer von mehreren Stun- 
den gute Witterung erwarten. Von zuversichtlicher Hofihuag 
beseelt, schieden wir nach einem stärkenden Frühmahle 
um 372 Uhr von der Hütte und ihren Bewohnern. Die 
Richtung nahmen wir gegen Nordost, und wanderten zu- 
erst über eine rauhe, jedoch nicht steile, Schafweide ; dann 
über Steintrümmer, unter welchen sich eine Menge eisen- 
haltigen Schiefers befindet. Hier, am Fasse einer Fels- 
wand, soll nämlich die Stelle gewesen sein, die als An- 
sammlungsplatz für das Eisenerz diente, das in frühern 
Zeiten weiter oben am Berge gegraben, und über jene 
Felswand hinunter geworfen wurde« Von hier schleppte 
man dann das Erz auf Thierhäuten ins Maderanerthal 
hinab. Ich nahm eine Probe dieses Erzes mit. In Zeit 
von anderthalb Stunden (5 Uhr) sahen wir uns am Rande 
des Stäffelgletschers. Das Eis war eine ziemliche 
Strecke weit vom Schnee befreit, und obgleich es mit 
vielen Schrunden durchzogen ist, so liess sich doch ein 
Weg finden, auf welchem wir der Mehrzahl derselben 
ausweichen konnten; auch liegt der Gletscher ziemlich 
eben. Seine Umgebungen sind äusserst wild, in Gestalt 
eines Halbkreises umschliessen ihn hohe senkrechte Fei- 



— 57 — 

sen (nämHch zur Linken der Kalks tock, gerade vor uns 
und zur Rechten die schroffen Wände der hohen Bchye). 
Wir überschritten den Gletscher längs dem südlichen oder 
rar rechten Hand liegenden Bande, dann bogen wir scharf 
gegen Korden um, in gerader Richtung dem Kalkstocke 
entgegen. Am Fosse desselben angelangt fand ich, dass 
die Wanderang über den Gletscher eine starke Stande 
gedauert hatte. Die Sonne, ging eben auf und föthete 
prachtvoll die höchsten Bergspitzen. Nun zeigte sich aber 
die Schwierigkeit, einen Uebergang vom Gletscher auf 
den Foss des Kalkstöckes zu finden, indem das Eis überall 
vom Felsen abstand nnd dergestalt eine mehrere Schritt 
breite, ziemlich tiefe und vom Schmelzwasser durchströmte, 
Kluft bildete. Damals , als meinen Begleitern der erste 
Versuch geglückt war, bot sich ihnen eine an den Fels 
lehnende Schneebrücke dar, die ihnen den Uebergang vom 
Gletscher auf den Felsen bei Anwendung einiger Körper- 
gewandtheit noch zur Noth gestattete. Wäre damals der 
Schnee nur um einen einzigen Fuss niedriger gewesen, 
so hätten sie, ihrer Aussage zufolge, onverrichteter Sache 
wieder umkehren müssen. Heute fanden sie nun, «dass 
dich während der Zwischenzeit von zwei Wochen, wäh- 
rend welchen sehr warme Witterung geherrscht, die Höhe 
jenes Schneehügels um wenigstens vier Fuss vermindert 
habe , mithin die Benützung desselben unanwendbar sei, 
und es daher gelte, einen neuen Uebergangspunkt auszu- 
kundschaften« Nach kurzem Umherspähen entdeckten wir, 
einige Klafter von dieser Schneebrücke entfernt, die ein- 
zige Stelle, an welcher ein Versuch gewagt werden konnte. 
Sie bestand gleichfalls aus einem über die Kluft sich 
wölbenden Schneehügel, der sich zwar an die Felsen des 
Kalkstockes anlehnte , jedoch gegen uns eine etwa zehn 
Fnss hohe und vollkommen lothreehte Wand bildete, welche 
ohne Hülfsmittel durchaus unersteigbar war. Glücklicher 
Weise führten die beiden Jäger Stöcke bei sich, an deren 
oberm Ende ein eiserne? Doppelhacken befestigt war, 



- 58 — 

Dieses Werkzeuges bedienen sieb vorzugsweise die KriBtaJl* 
graber zu ihrer Arbeit, desshalb e& „Gräbel" genannt 
wird. In neuerer Zeit führen es aber auch die Jäger mk 
sich , und es leistet, namentlich beim Hinabsteigen über 
sehr steile und gefährliche Schneefelder, treffliche Dienste* 
erfördert jedoch einige Uebung in der Handhabung. Mit 
Hülfe dieser Grabet konnten ; meine Begleiter die Sohne*» 
wand um mehrere Fusse tiefer abgraben, wodurch es uns 
möglich wurde, den Scbneehügel zu erklettern, und den 
Felsboden zu erreichen. Nun hielten wir eine kurze Rast, 
und nahmen einige leibliche Stärkung zu uns. Um 7 Uht 
rüsteten wir uns zur Ersteigung des Kalkstockes. Wir 
befanden uns an seiner Südostseite, an welcher sich der 
Berg etwas minder steil erhebt, als an den übrigen* ohne 
Zweifel unzugänglichen, Seiten. Die Steigung der Felsen 
war zwar bedeutend, doch konnten wir. den grössten Theil 
des Weges gehend zurücklegen, und waren nur selten ge- 
nöthigt, die Hände zur Nachhülfe zu gebrauchen. Die 
Grundlage unter den Füssen war theils eine feste, aua 
nicht allzu glatten Felsplatten bestehende, theils eine 
lockere, nämlich verwitterte Steintrümmen Freilich kamen 
sehr viele Stellen vor, an welchen man „ins Lautere" 
sieht, so z. B« eine kleine Viertelstunde unterhalb des 
Gipfels, wo ein Felsgrat überschritten werden muss, der 
zwar höchstens 50 Schritte lang, hingegen kaum einen 
Fuss breit ist, und zu dessen beiden. Seiten sich tiefe 
Abgründe öffnen. Diese Stelle war damals besonders 
schwierig wegen eines heftig wehenden kalten Windes. 
Einmal kamen wir auch an einem hübschen Felsenthore 
.vorüber. Ton Pflanzen war ausser einigen kleinen, dem 
Auge kaum bemerkbaren, Steinflecbten keine S^ur zu 
finden. Die Felsart bestand durchgängig aus weisslich- 
grauem Kalkschiefer, zur Seltenheit mit Quarzadern hori- 
zontal durchzogen , deren Breite zwei bis dr*i Fuss be- 
tragen mochte« Ich las an einer Stelle einen eigentümlich 
geformten Stein auf, welcher einige Zoll lang war, und 



— 59 — 

mf Hüfte aas Qaars, zu? Hälfte ans Schiefer bestand. 
Der fromme Sinn meiner Begleiter wollte die Gestalt eines 
Muttergotteebilde* darin erkennen, und sie beneideten mich 
sichtlich um diesen Fund. Gegen 9 Uhr Vormittags, folg* 
Heb nach einer Wanderung von niebt völlig 5 1 /* Stunden, 
begrüsste ich auf dem Gipfel das -stattliche, von meinen 
Füh r ern erbaute, Steinmannli, an dessen Fasse ich beute 
dfate mit einem Zettel versehene Flasche barg. Somit 
hatte denn ein lange genährter Wunsch seine Erfüllung 
geftmden, und der gefürchtete Kalkstock war mit weniger 
Schwierigkeit bezwungen, als ich vorher zu hoffen gewagt. 

Der Gipfel des Kalkstockra oder des grossen Wind- 
gellen besteht aus zwei Zwillfngsspitzen, die auch aus 
grosser Entfernung noch bemerkbar sind, und welche in 
dfer Richtung von Ost nach West neben einander stehen. 
Wir befanden uns auf der östlichen Spitze ; die westliche 
Ist dem Anscheine nach unersteiglich , zwischen beiden 
Mögt eine 500 Fuss tiefe Kluft, in welcher sich auch in 
den wärmsten Sommermonaten Schnee befindet. Die Ent- 
fernung beider Spitzen von einander ist ungefähr von der 
Tragweite einer Stutserkugel. Das westliche Hörn hat 
nach unserer Schätzung die gleiche Höhe, wie das öst- 
liche; sollte ein Unterschied stattfinden, io kann er höch- 
stens zwei Fuss mehr oder weniger betragen. Jede der 
beiden Spitzen bildet eine ungefähr 15 Schritte lange 
flehneide, von welcher diejenige des östlichen Gipfels von 
Nordwest nach Südost, diejenige des westlichen von Nord 
nach Süd läuft. 

In Beziehung auf die Aussteht traf ich es nicht ganz 
günstig. Wohl prangten gegen Süden unzählige Berg- 
spitzen mit ihrer blanken Gletscherbekleidung im reinsten 
Sonnenglanze, und gewährten einen erhabenen Anblick, 
allein' gegen Norden verwehrte ein zwar niedriges, aber 
dichtes Duft- und Nebelband alle Fernsicht Dort lag 
derjenige Theil der Rundsiebt, welcher meine Begleiter 
bei ihrer ersten Ersteigung so entzückt hatte, nämlich die 



- 60 — 

# 

flache Gegend mit ihren Seen * Flüssen, Ottschaften und 
Strassen. Als ich einige Tage später nach Basel zurück-* 
gekehrt war, erzählte man mir von einem Gewitter, wel* 
dies an dem gleichen Morgen, an dem ich mich auf der 
Spitze des Kalkstockes befand, plötzlich ans einem dich- 
ten, nahe bei der Stadt auf dem Rheine gelegenen, Nebel 
entstanden sei Ein sehr auffallendes Wechselverhältnisg 
zwischen der Höhe und Niederung zeigte sich auch diesen 
Morgen in Beziehung auf die Temperatur. Seit unserer 
Ankunft auf dem Gipfel wehte bis Mittag ein scharfer, 
schneidender, Wind, welcher mir die Hände erstarren 
machte, so dass ich den ixt die leere Flasche bestimmten 
Zettel nur mit Mühe schreiben konnte. Erst zwischen 12 
und 1 Uhr liess der Wind etwas nach, und alsobald 
machte sich auch eine grössere Wärme fühlbar. Em 
durchaus umgekehrtes Verhältniss war nun bei der Tem- 
peratur des Thaies eingetreten. Ich vernahm nämlich bei 
meiner Rückkehr, dass während dieses ganzen Vormittags 
eine lästige drückende Hitze geherrscht hatte, und dass 
es erst nach der Mittagsstunde, in Folge eines plötzlich 
eingetretenen kühlen Windes, angenehmer geworden sei. 
Demnach hatte um jene Zeit ein vollkommner Austausch 
der Wärme zwischen der Höhe und der Niederung statt- 
gefunden. 

Das allmälige Auftauchen von Nebeln um die Mittags- 
zeit machte einen raschen Aufbruch rathsam ; wir schieden 
desshalb von dieser Höhe nach einem vierstündigen Auf- 
enthalte Vi vor * Uhr, gerade als es anfing, etwas war-, 
mer und behaglicher zu werden. Beim Hinabsteigen hatte 
ich Gelegenheit, die bekannte Wahrheit, dass das Berg- 
absteigen ungleich schwieriger ist als das Hinansteigen, 
aufs Neue an mir selbst zu erproben. Der schmale Kamm 
wurde zwar ohne Schwierigkeit überschritten; als wir 
jedoch bei der glatten Platte anlangten, gab es einen un* 
willkommnen Halt Diese Platte, von ungefähr dreifacher 
Manneslänge , senkt sieb sehr steil abwärts > und bietet 



- 61 — 

Nirgends einen genügenden Anhaltspunkt für Füsse oder 
Bände, sie muss daher sitzend passiert werden. Auf dem 
Rückwege von der ersten Ersteigung des Kalkstockes war 
Maria Trösch Torangegangen, und Melchior Trösch 
ihm gefolgt, der Eine mit ausgesogenen Schuhen, und 
nicht ohne einiges Stutzen von Seite des Letztem. Heute 
wurde die Reihenfolge so geordnet, dass Melchior 
Trösch den Anfang machte, ich die Mitte einnahm, und 
Maria Trösch zur bequemen Uebersicbt über ' das 
Ganze die Reihe schloss« Mein Vormann setzte sich also 
nieder, zog seine Fussbekleidung aus, und rutschte vor- 
sichtig über die Platte hinunter. Da nun diese nicht eine 
glatte schiefe Ebene bildet, sondern in der Mitte bauch«« 
artig gewölbt ist, so entzog mir die hervortretende Wöl- 
bung den fernem Anblick meines Vormannes gänzlich, 
sobald er das Ende der Platte erreicht hatte. Allein nicht 
nur von ihm, sondern auch von dem ganzen untern Theile 
des Berges sah ich nichts mehr; es schien zwischen dev 
Stelle, an welcher ich sass, und zwischen dem 2000 Fuss 
tiefer liegenden Stäffelgletscher ein vollkommen leerer 
Raum zu sein. Bereits hatte auch ich meine Schuhe aus- 
gezogen, um meinem nun unsichtbaren Vormanne zu fol- 
gen; da machte mich der Anblick der Ungeheuern Tiefe 
bei dem scheinbaren Mangel irgend eines vermittelnden 
Gegenstandes stutzig, und ich zögerte, die seltsame Fahrt 
ins Werk zu setzen. Mein Nachfolger mochte wohl die 
Ursache meiner Zögerung errathen, denn er fragte mich, 
ob er mir zur Sicherheit das Seil umbinden solle. Diess 
verneinte ich zwar , weil sich mein Ehrgeiz dagegen 
sträubte, da ich bis jetzt auf allen meinen Alpen Wande- 
rungen noch nie fremde Nachhälfe angenommen hatte j 
allein ehe ich mich versah, schlang Maria Trösch da» 
Seil um meinen Leib, und hielt nun dessen Ende lose 
in seinen Händen, bis ich über die Platte hinuntergeglitten 
war. Diese .Platte war zwar die schwierigste Stelle am 
ganzen Berge, es gab jedoch noch manche andere miss- 



- ea - 

liebe Punkte zu passireu. So war an vielen „heitern" 
Stellen das Gestein verwittert oder „faul" ; dann mussten 
wieder dünne Feienadeln, welche wie Spitisthürmchen eines 
gothischen Baues aussahen! Angesichts von Abgründen um- 
klettert werden. Doch hinderten uns diese Umstände nicht 
am unausgesetzten Vordringen, und meine Führer fanden 
sich so genau zurecht, dass wir, ohne den kleinsten Um* 
weg machen zu müssen, mitten durch das Felslabyrinth 
an der gleichen Stelle den Fuss des Kalkstockes wie- 
der erreichten, an welcher die Ersteigung begonnen 
hatte Zum Hinabsterjen vom Gipfel Ms Weher gebrauch- 
ten wir IV2 Stunden. Auf dem Oletscher überraschte uns 
der Nebel in so starkem Grade, dass wir kaum einige 
Schritte weit sehen konnten, wodurch das Umgehen der 
breitern Spalten etwas schwierig wurde, doch wählten 
auch hier meine Führer die Richtung so trefflich, dass 
wir in Zeit einer Stunde den richtigen Endpunkt des 
Gletschers erreichten. Es war 3 Uhr Nachmittags. Hier 
hielten wir eine kurze Rast, um einige Erquickung zu uns 
zu nehmen; dann wurde der Weg über Alptriften fort- 
gesetzt, auf denen sich keine Spur eines Pfades zeigte, 
und wo endlich meine Begleiter zu zweifeln begannen, 
ob wtr uns noch in der rechten Richtung nach Bernertsmatt 
befänden, indem der immer mehr sich verdichtende Nebel 
keine sichere Kenntniss unserer örtlichen Lage gestattete. 
Schon stiegen desshalb Besorgnisse in uns auf, als plötz- 
lich die dunkeln Massen der Hütten von Bernertsmatt aus 
dem Nebelgrau vor uns auftauchten, so dass wir uns mit 
dem wohlthuenden Gefühle errungener Sicherheit um halb 
5 Uhr Abends unter das schirmende Obdach begeben 
konnten. Während unsere kurzen Aufenthaltes in Bernerts- 
matt verwandelte sich der Nebel in Regen, und da auch 
auf den folgenden Tag keine bessere Witterung zu hoffen 
stand, so entschlossen wir uns, heute noch ins Thal 
hinabzusteigen, statt uns hier oben der anfitaglich gehoff- 
ten Ruhe zu überlassen. Mehr laufet*! als gehend eilte 



— 63 — 

ich mit Maria T rösch bergab. Mein zweiter Führer 
Melchior T rösch schied unweit Bernertsmatt von uns, 
am den nächsten Weg nach seinem Wohnorte Balmen* 
wald einzuschlagen. Unaufhörlich ergoss sich der Regen, 
und es wurde bei dem trüben Himmel bald sehr dunkel« 
Im Dorfe Bristen brannten schon die Lichter, als wir 
daselbst anlangten, und da hier der Regen endlich etwas 
nachzulassen begann, so verschafften wir uns im Wirth»» 
hause eine aus langen Holzspänen verfertigte Fackel, wie 
sie in dieser Gegend allgemein gebräuchlich sind, und von 
welcher man in den meisten Häusern Vorräthe findet 
Eine halbe Stunde später zogen wir dann in die gast- 
liche Herberge in A ms tag ein, zwar mit durchnässter 
Haut, doch auch mit dem befriedigenden Bewusstsein, 
durch Beharrlichkeit und festen Willen ein Ziel erstrebt 
zu haben, dessen Erreichbarkeit bisher erprobte Jäger be- 
zweifelt. 



— 65 - 



5. Der Hont Vclan im Wallis. 

Ton Gottlieb S lad er. 

Höhe: 3764 Met. = 11588 Par. F. 

Die vorherrschend aus Glimmerschiefer bestehende Ge- 
birgsmasse des* Mont Velan erhebt sich nordöstlich 
vom Hospiz des grossen St Bernhardsberges , im Hinter- 
gründe des Entremonttbales, zwischen Wallis und Piemont 
Sein mächtiger Nachbar ist im Nordosten der Grosse 
Combin, der den Mont Velan an Höhe noch um 1673' 
übertrifft Den Reisenden, der, von Italien herkommend, 
endlich die Passböhe erstritten hat, und Angesichts des 
Klosters zwischen den kahlen, mit sparsamer Vegetation 
und vereinzelten Baadern von unvergänglichem Schnee 
gezierten Felshörnern des Mont Mort und der Chenaletta 
dem Gestade des melancholischen Sees entlang wandelt, 
überrascht der Anblick jenes hohen, fast horizontal aus- 
gedehnten Schneerückens, der dort in" seiner riesenhaften 
Grösse hinter den grauen Mauern des Klostergebäudes 
so» der engen Thalöffnung hervortritt, und als ein Bau- 
wejk, nicht von Menschenhänden aufgeführt, sich gegen den 
Himmel wölbt Die steile Wand des Berges wird durch 
eine Reihe paralleler, in vertikaler Richtung bis an den 
Gipfelrand emporsteigender Felsenpfeiler gestützt, zwi- 
schen derem dunkelm Gestein der reine Schnee, der die* 
runsenförmigen Zwischenräume bekleidet, in blendendem 
Weiss hervorbricht Diese eigentümliche Gestaltung cha- 
rakterisirt in malerischem Bilde die westliche Ansicht des 
Mont Velan. — Aus Süden, von Aosta aus gesehen, lässt 
sich die schön gewölbte Firnkuppe, so wie sie dem dun- 
keln, sie umfassenden, Felsenkleide entsteigt, mit einer 
weissen Rosenknospe vergleichen, wie sie der Blätterhülle 
sich entwindet, die sie schützend umschliesst. Die zier- 
liche Form dieses Alpengipfels lenkt die Aufmerksamkeit 





- 66 

des Wanderers am Ufer der Dora auf sich, wenn auch 
daneben der Combi» stober und mächtiger seine wilde 
Majestät entfaltet Als eine Schnee bedeckte Pyramide 
lässt sich der Mont Velan von dem obern Theile des 
Genfersee's und von den Höhen des Waadtlandes hinweg 
erkennen. Es wird ihm dort auch der Name Pain de 
Sucre beigelegt. 

Die Höhe des Mont Velan über der Meereefläeb« 
wurde von Murrith barometrisch bestimmt auf 10,380 
Pariserfuss. Nach den trigonometrischen Höhemnessungeit 
durch Berchthold und Müller erbebt er sich eu einer 
Höhe von 11,674 Foss. Einer seiner neuesten Besteiger, 
Herr Flantamour, dagegen, nachdem er eine genaue Ni- 
vellirung von Genf bis zum Hospiz des grossen StBem- 
hardsberges vorgenommen hatte, berechnete dieselbe wohl 
am richtigsten auf 11,588 Pariserfuss, eine Höhe, die 
derjenigen des Balferins im Saastbal oder des Gross - 
hörn 8 in Lauterbrunnen gleichkommt. 

Der Mont Velan wurde zum erstenmal am 30. 
August 1779 von Herrn Murrith, damaligem Prior aal 
dem grossen StBernhard, in Begleit des Gemsjägers Ge- 
noud, erstiegen. * Bis zum Jahr 1834 sollen nur zwei 
weitere Besteigungen stattgefunden haben, die eine durch 
einen Engländer unter der Führung zweier Jäger aus 8t 
Pierre; die andere im Jahre 1826 durch die Herren 
D'Allfeves und Marquis, zu jener Zeit Klostergebt-» 
liehe auf dem StBernhard. Diese beiden muthfgen Berg* 
Steiger unternahmen die Reise ohne Führer. Sie verreisten 
um 2 Uhr. Morgens vom Hospiz, schlugen den Weg durch 
das Valsoreythal ein, und gelangten, über den Vaisopey- 
gletscber emporsteigend, zur Mittagszeit auf die Spitze. 
Da sie es der Sehründe wegen nicht wagen durften, auf • 



* Videt Boorrit, Description des Alpes Tom. I. pag. Bl 
Geneve 1781. 



— «7 - 

deia nämlichen Weg* zurückzukehren, versuchten sie über 
-de» Grat htatinterzuklettorn, der das Thal von Etreubles 
voo den Entremonttbale scheidet, and erreichten um 8 
Uhr Abends glücklich das Hospiz. Seither wählte man 
stets diesen letzteren Weg zur Besteigung des Berges, 
Derselbe wurde im Ferneren bestiegen: Im Jahr 1834 
von vier Männern aus StPierre, nämlich: And. Dorsat, 
Vater, Grlgoire Genoud, Frangojs Ballay und 
Pierre Victoire Morey; im Jahr 1885 von einem 
Franzosen, Hub. Lacroix-Romond, in Begleit des 
Frangois Marquis und Franyois Ballay von St. 
Pierre; im Jahr 1853 wieder von vier Männern aus St. 
Pierre, And. Dorsat, Sohn, Auguste Dcnsat, Da» 
siel Ballay tind Ferdinand Frossard, und ein 
Jahr später i. J. 1854 unternahm eine Gesellschaft von 
acht Männern aus St. Pierre die Besteigung. Von dieser 
letzterwähnten Gesellschaft wurde damals der Pfad, der 
durch die sogenannte' „Ttaversäe de la lui di pierre* 
fährt, angelegt Im nämlichen Jahre bestiegen zwei Eng- 
ender ift Begießt des And. Dorsat und des Pierre 
Nicola« Morey von StPierre den Velan. Im Jahr 
*#&5 wurde derselbe einmal von Hrn. Emil Planta- 
laour, Dlrector der Sternwarte in trenf, in Begleit der 
Führer And. Dorsat, Pierre Victor Morey, Daniel Ballay 
und Ferdinand Morey, ein andermal von zwei Engländern 
und Hrn. Ciavendier Meilland, in Begleit der Führet 
And. Dorsat, Daniel Ballay und Louis Frossard er- 
stiegen. 

Von der Passhöhe des grossen StBernhards aus be- 
trachtet scheint der Mont Velan in so unmittelbarer Nähe 
sieh au befinden, dass man allerdings zu der Vermuthung 
verleitet wird, dessen Besteigung lasse sich am kürzesten 
von da ans unternehmen. Allein es liegt zwischen der 
Passhöbe und dem Velan noch ein ansehnlicher Zwischen- 
raum, der durch «teile Gebirgsgrate und rauhe Hoobthäler 
ausgefüllt Ist, und dessen Dasein man nicht Ahnt, weil die 

5* 



— 6* — 

Masse; des Berges unmittelbar an den nächsten Felshöben 
anzustehen scheint. Ein Versuch, in direkter Linie der- 
selben nahe zu komme», würde nnr zu bald die Tau* 
schung offenbar machen. Alan hätte zuerst den Grat der 
Pointe de Barasson zu übersteigen, um jenseits nach der 
Einsattelung des Col de Menouve herunter zu klettern; 
zwischen diesem und dem Velan läge aber erst noch die 
scharfkantige Gebirgskette hingelagert, welche in der Pointe 
de Menouve kulminirt, und überschritten werden müsste, 
um den unmittelbaren Fuss des Mont Velan zu erreichen. 
Will man aber diese Hindernisse umgehen, und die Reise 
dennoch vom Kloster aus unternehmen , so ist man ge~ 
nöthiget, vorerst bei l l /2 Stunden weit nach der Ebene 
von Proz hinunterzusteigen, und von da aus die Erstei- 
gung zu beginnen. Der beste Stationsort ist daher un- 
streitig die Cantine von Proz. Dieses Wirtschafts- 
gebäude Hegt ungefähr eine Stunde oberhalb dem Flecken 
St Pierre, an der Strasse nach dem grossen StBernhardf 
mitten auf einer sanft ansteigenden, baumlosen Ebene 
»Plan de Proz" genannt, gegen welche sowohl da» 
Thal, das von der Höhe des Passes, niedersteigt, als die 
Gebirgsschlucht, welche durch den Gol de Menouve 0* 
schlössen wird, wie flieht minder die Graben und Runsen, 
durch, welche die Wasser von den Gletschern des Mont 
Velan gegen Westen und Norden niederströmen, aus-* 
münden. Die Höhe der Cantine de Prot über dem Meere 
dürfte auf 5800' angeschlagen werden. 

Ganz besonders von den letztgenannten Besteigen! des 
Mont Velan ward die Aussicht, die man von diesem 
hohen Gipfel geniesst, als eine der schönsten Alpenausr 
siebten gerühmt. Die Erwartung eines solchen Genusses, 
sowie die Aufsicht auf die ungewöhnlichen Situationen 
und neuen Anschauungen, welche eine Wanderung in die 
Region des ewigen Eises stets mit sich bringt, verbunden 
mit den sichersten Zeichen eines bevorstehenden hellen, 
sonnigen, Tages, reizten denn auch meinen Reiöege&brten, 



— 69 — 

den gewandten Bergsteiger Herrn Weilen mann von 
St Gallen, und mich, unsere soeben vollendete Reise in 
die Gebirge der Tarentaise mit einer Besteigung des 
Mont Velan zu krönen. 

Wir waren am 28. August 1856 von Aosta aus nach 
dem Hospiz des grossen StBernfaards hinaufgestiegen, und 
konnten daselbst neuerdings Zeugen und Mitgenossen, der 
berühmten Hospitalität sein, die, trotz den Anfeindungen, 
die zu einer -politisch aufgeregten Zeit auch gegen dieses 
Kloster auf eine nicht zu billigende Weise geltend ge- 
* macht wurden, mit immer gleicher Humanität und Freund- 
lichkeit an Tausenden ausgeübt wird, die Jahr aus Jahr 
ein diesen rauhen Alpenpass überschreiten. Am 29. Au- 
gust, im Laufe des Nachmittags , verliessen wir mit Ge* 
fählen des Dankes das Kloster, und stiegen durch das nackte 
Todtenthal bis zur Captine de Pro z hinunter, wo 
wir ein recht leidliches Unterkommen, dienstfertige WirthS- 
lente und eine billige Rechnung fanden. 

Die erste Vorsorge war die Bestellung eines tüchtigen 
Führers. Zu dem Ende ward ein Bote nach StPierre ge- 
sendet, um den Velan-Fübrer „par excellenee" Andreas 
Darsat, *) den Sohn unseres Wirtbes, heraufzubescheideir« 
Er traf auch wirklich nach Verlauf einiger Stunden ein, 
und zwar In Begleit eines andern Mannes Namens Pierre 
Vi et o ixe Morey. Dorsat erklärte uns, dass er bereit 
sei, uns* auf den Mont Velan zu führen, dass er aber die 
Führung nicht allein unternehmen wolle, weil man einige 
„mauvais pas" zu passiren habe, wo die Hülfe eines zwei- 
ten Führers uneriässlich sei. Er sehlug uns seinen Be* 
gleiter, einen kräftig aussehenden, untersetzten Mann, der 
den Mont Velan ebenfalls schon bestiegen hatte, als 
solchen vor, und wir nahmen keinen Anstand, in diesen 
Vorsehlag einzugehen, und uns mit den beiden 



*) nieset »waefcer* junge Mann* ist wtther gestorben» 



— 70 — 

um den Preis an verständigen, der nach aagcnomnunet 
Taxe für jeden auf Fr. 20 bestimmt wurde. Die Abreise 
ward auf Morgens 3 Uhr festgesetzt, and den Führern 
überlassen, die eriorderlichen weitem Zubereitungen t6 
treffen. 

Unterdessen harrten wir der Abendtafel , Indem wir 
es uns aal dem breit gesessenen Bophn bequem machten* 
welches den einsigen>Comfort in dem einfachen, im Uebrir» 
gen mit einem soliden Tisch und einigen harte* Stählen 
anagerüsteten, Wirthsebaftazftnmer bildete, und vielleicht 
seift langen Jahren den Stolz des aken Gardisten Oorsat 
und seiner geschäftigen Ehehälfte ausmachte Bei Tische 
haften wir uns der Gesellschaft sweier Ingenien» an er* 
freuen* Sie waren mit der Leitung der Vorarbeiten für 
den Bau des Tunnels durch den Col de Menoave betreut , 
und hatten ihr Standquartier vor der Hand noch in der 
Oantine von Pro« aufgeschlagen. Es lag zunächst in ihrer 
Absicht, an der Stelle , wo der Tunnel geöflnet werden 
sollte , eine Winterbauhütte aur Beherbergung der Ar- 
heiter so errichten, und einen provisorischen Weg dabin 
mm Transport des Baumaterials ansnlegen. Wie naturlich 
bildete die in Aussiebt stehende Verkehrastrasse, welche 
durch Abschneiden des beträchtlichen Winkels, den die 
Strasse ober den grossen StBernhard von StPierre bis 
Etroubles verfolgt, und vermittelst der Sprengung eines 
Tunnels dureh den Col de Menonve die direkteste Ver- 
bindungslinie zwischen der ganten westlichen Schwell und 
dem Piemont emele* soll, einen Hauptgegenstand der Unftea- 
Jutltung. Schon ist die grösstentheils neu konstante Fahr- 
rtrasse von Martinach bis nach StPierre, ja selbst bis 
«nr Cantine von Pres vollendet Das wilde Entramontthal 
ist mit Ausnahme der letaten Strecke von der Cantine 
hananf tum Hospis dem ungehinderten Verkehr «njäng- 
lieh gemacht, nnd nur da, wo der Reisende die am Wege 
liegenden Ortschaften, besonders die im hohem Thelle des 
Thaies gelegenen, passirt, wird er durch die ärmlichen 



— :71 — 

Häuser, dl« scheue Bevätteerrog, die unglücklichen Cr*- 
timngeatahen f die engen schmutzigen Cfasen und das 
aotsetsüche ätratsenpdaster genau wieder an den Zustand 
ertaett, wie er ihn actum vor df eisstg Jahren angetroffen 
haben mag; wem er die modernen Hotels in Abrechnung 
-bringt, <fie hier and da als Symbole der neuen, Aera ihre 
wfaimmernden Angelharim fceraasstreeken* » — Von der 
Alaine de Pros kmweg beabsichtigt man nun aber das 
Thai, das nach dem Kloster hinauffahrt, westlich nur Sehe 
•ms lassen, und die Strasse in mancherlei Zfoksackwendungen 
an dem statten Abstora des Torrent de Menonve hinauf 
«eh der Plaine des Gerätes nnd nach dem noch höbern 
Plan de la Table Ina an den Fuss des öol de Menouve 
emporsafährea. Unter dem Col de Menouve durch soft 
mit einem Kostenaufwande yob Fr. 800,000 ein 2458 
Meter oder 7566,80 Pariserfiiss langer Tunnel in schnür- 
gerader Linie durch den Berg gebrochen, nnd auf der 
jyiemonte&ischen Seite von Etreuble* aus eine neue Strasse 
in vielfachen Windengen Ws hinauf zur Mündung des 
Tunnels angelegt werden. 

Was uns jedoch schon mehrere einsichtige Leute der 
Umgegend bemerkt. halten, bestätigten unsere Tiscbgenos* 
sen, dass nämlich ihter Ansiebt nach der Tunnel zu hoch 
j»ro)ektirt sei, und ea im Isteresse des Verkehrs wünsch- 
<bar wäre* wenn derselbe einige hundert Pubs tiefer enge* 
legt würde. Sie behaupteten, dass bei der Höhe und 
Wildheit: den Berges und wegen Lawinengefahr der Zu- 
gang *u dem Tunnel In der rauhen Jahreszeit für mehrere 
Monate unterbrechen werden dürfte, während bei einer 
Tieferlegong desselben nicht nur der regelmässige Verkokt 
gesicherter, sondern auch eine namhafte Steigung des We- 
ges vermieden wirde. Es scheint auch wirklieh der ganze 
Erfolg dieses grossen Unternehmens wn der Vermeidung 
dieser mit Grand befürchteten Uebeletäade abzuhängen, 
und indem man die laut gewordenen Stimmen in Erwfh 
£uag sog, hatte man Hern Ingenieur Merlan mir näheren 



- 72 — 

Pfflfttag c|«r Saebe an Ort und Stelle gesendet Diese* 
acblifgt nun vor, den Tunnel; um 241 Meter tiefer anatt- 
legen. . Er würde alsdann 3681 Meter lang, läge mmm 
immerhin noch 2.081 Meter oder 6406 Parteerfuse über 
dem, Meere, und würde tfomit an Höhe den höchsten 
AJpenatrayen. gleich kommen; der ununterbrochene Gtar 
brauch des Passes aber wäre gesicherter, und gegenüber 
dem vermehrten Kostenaufwande für die Anlage des Tunr 
nels würde die kostspielige Erstellung und der Unterhalt 
eines grossen Stück Weges wegfallen. Es sollen im Sinne 
dieses neuen Planes zwischen der schweizerischen Bundes- 
behörde und der königlich sardinischen Regierung Unter- 
handlungen angebahnt, und das letzte Wert noch nicht 
gesprochen worden sein. Unterdessen sind seither die Ar- 
beiten suspendirt worden. 

Samstag, den 3 0. August — gerade auf den 
nämlichen Tag, aber 77 Jahre später als die erste Be- 
steigung des Mont Velan durch Prior Murrith stattgefun- 
den — verliessen wir zur abgeredeten Stunde mit unseres 
beiden Führern die Cantine von Proz, versehen mit den 
notwendigsten Lebensmitteln (Brod, Käse, Fleisch und 
Wein) und ausgerüstet mit einer Axt, einem Gletscherseil 
und unsem oft erprobten Alpenstocken. 

Es war noch ziemlich finster. Eineeine Wolkenstreife» 
durchzogen den Himmelsraum; daneben flimmerten .die 
Sterne mit seltenem Glanz, und das Hinanfblicken an 
diejBe fröhlich blitzenden Leuchtkugeln, die die Hand des 
Allmächtigen in dem unendlichen Welträume festhält, 
erheiterte unser Gemüth und hob die Hoffinmg auf das 
Kommen eines schönen Tages. Schweigsam schritten wir 
fort durch die nächtliche Stille. Eigentfaümliche Empfin- 
dungen durchwogten die Brust •— Empfindungen, wie sie 
sich in solchen Augenblicken kund geben, wo man oakithig 
auszieht, um einem noeh unbekannten, ami hoher Alpen*» 
zinne sich auserkoren Ziele zusustenem > das <so wichen 
Genuss verspricht, wo sich .aber: auch sdic^Gedanke m 



— 78 — 

veHcr Macht aufdrängt, welche ungeahnte Gefahren und 
Schwierigkeiten bis zum letzten Schritte droben, und wie 
selbst am Ziele noch ein plötzlicher Utnstatid das Ge- 
folgen erfolglos machen kann. Denn hat der unverzagte 
Wanderar auch die Gefahren überwunden, den Schwierig* 
keiten and Hindernissen Trotz geboten, oder sie vorsich- 
tig gemieden, hat er mit Mühe und Anstrengung das Ziel 
erreicht, glaubt er je tat endlich die Früchte der sauren 
Arbeit gemessen au können, so kann ein leichter Nebel, 
der sich unversehens um den Gipfel lagert, ein eisiger 
Wind, wie er nicht selten auf jenen Höhen blast, selbtft 
physisches Unbehagen, in Folge allzugrosser Erschöpfung 1 , 
den Genuas vollständig vereiteln oder doch in hohem 
Masse schwachen, — und mit Wehmuth muss der Ge- 
täaschte die Stätte verlassen, wo er seine Wünsche, seine 
Hoffnungen und Erwartungen, mit denen er den harten 
Gang angetreten, aurücklässt. Es bedarf daher für solche 
Unternehmungen einen gewissen Grad von Entschlossen- 
heit und Resigoationsgabc, und man betritt die Wanderung 
nicht ohne innere Bewegung. Mit Lust und zugleich mit 
Bangen wendet sich das Auge nach dem fernen hohen 
Ziel, das kaum au erkennen .an den Sternenhimmel zu 
gränzen scheint Sinnend bleibt es an den dunkeln, riesen- 
haften Gebirgswänden haften, zwischen denen sich der 
sehwindfiohte Weg emporziehen muss, und welche in ihrem 
Schoosse vielleicht manche gefährliche Stellen bergen, 
deren Anblick, wenn sie plötzlich offenbar würden, eeibtft 
den kühnsten Wanderer zurückzuschrecken vermöchte. 
Allein, wenn auch momentan leise Bedenken das Gemttfh 
in eine ernste Stimmung versetzen, so wird dasselbe durch 
den Beiz des Abenteuerlichen einer solchen Wanderung, 
durah das begeisternde Bewußtsein, sich in jene hohen, 
länderbeherfscbenden Bäume zu erbeben, wohin der Fuss 
nur weniger Menschen gedrungen ist, durch die Ahnung 
des treulichen Genusses, der dort den glücklichen Sieger 
ertafekt* wieder aufgeweckt Der hehre Frieden, der auf 



— n ~ 

d*n stfUeo Hohen thront, bringt. Bube in de» erregten 
Geist Der Mutb belebt sich im Gefühl der eft sähe* eh* 
bewährten physischen Kraft, und der Anblick der barg» 
gewohnten, festen Tritts und in ruhigem GMchmuftb 
yoraascfareitenden Führer hebt da* Selbstvertrauen «ad 
die Zuversicht. 

Nachdem wir ungefähr eine Viertelstunde weit nnl 
der breiten Saumstrasse, die naeh dem StJBernhard führ I, 
sanft über die Ebene von Pro« binangestiegen waren, 
bogen wir links ab, und verfolgten einen schmalen* stei- 
nigten Fusspfad, der im Dunkel der Nacht nur der. Kun- 
dige auszuspähen fähig war. Auf diesem stiegen wir nafth 
dem Berge genannt: Montagne du Plan du Jean, 
empor« Kings in der Nähe breitete» sieb baumlose Tra- 
ten aus, kaum dass die untersten Berghalde» noch rat 
niederem Gesträuche sparsam bewachsen waren» Yen 
eigentlicher Waldung ist schon auf der Ebern von Pro« 
keine Spur mehr zu sehen, Sie beginnnt erst bei StPierre. 
Die Alp Plan du Jean liegt hart am Fasse des Moni 
Velan, und das tief eingeschnittene Tobel eines Gletscher- 
wassers trennt sie von dem steilen Gehänge des H*eb- 
tbales, das sieh im Süden nach dem Gol de läenotrte 
hineinsieht. — Dünne Nebelstreifen umzogen die achwarse 
Bergmasse des Velan und verschleierten den begtatschar» 
4en Gipfel ; aber so wie wir auf Ziekzacksteigen längs den 
begrasten Halden ziemlich rasch in die Höhe gelaogt 
waren, trat dieser letztere scharf und deutlieh ans dem 
Nebel heraus, und dicht über ihm funkelte das Sternbild 
<d*s Orion in wunderbarer Pracht Dieser Held mit dem 
goldenen Schwert und dem leuchtenden Gürtel, der einst 
ein Riese und gewaltiger Jäger, nun seit Jahrtausenden 
am Himmel seine Nachtwache häk, schien uns in seine 
Nähe au. winken. Am nordöstlichen Horizont dagegen 
schimmerte es hinter den scbarlen Gebif gekauten immer 
bell« und beiler. — Die nächste Umgebung Hess sieh 
itUmälig deutlicher eekenna». Dicht vor uns stiegen schroffe 



- 75 — 

Gmatetage empor, dl« oben In einen Felsenkopf endeten* 
Zur Rechtet) befand sich jenes*, Tobel , au» dem der 
Gtatsckecbacb, TorrsntPerohe genannt, hervorrausebte. 
Im Hintergründe dieses Tobel», rechts von jenem Felsen»- 
köpf, erhob sieb ekrforchtgebietend der riesige Kamm des 
Mont Vela», «mgürtet von einem flachen Gletscher, auf 
den uns die Führer als auf den uns bevorstehenden Weg 
hinwiesen, und dessen Abfluss sich in das Tobel ergess. — 
Das Hillansteigen an jenen Grashüngen wird „la moatde 
de Zantoni" genannt Da wo der Absturz steiler und 
felsiger zu werden beginnt, wendet sieh der Pfad links 
ab, und wirft sieb den schroffen TrüflNnerfaalden der steil- 
recht aufstrebenden Berghohe entlang durch die sogeheis*- 
sene »traversfo de la Im di pirie (pierre)" schief hinüber 
bis su einem niedrigeren Funkte der Höbenkante, welcher 
folgend man bequem wieder die Stelle gewinnt, die man 
beim Hinaufklettern in geteder Richtung über den Felsen- 
hopf erreicht hätte* Unterdessen hatte sich der Geeicht*- 
kriiß erweitert* Mitten ans den nackten Gipfeln des St 
Bernhards trat das weisse Antlitz des Montblanc hervor, 
und sein Wiedersehe» vermochte ein mildes Licht auf 
die farblose, vom düstesn Dämmerschein des grauenden 
Morgens umfangene, Gegend zu werfen« Indem wir über 
ejp ödes, hinter jenem Feleenkepfe liegende» Felstrümmet- 
revier, das mit dem Kamen »les rocheis da Plan dn 
pas tt belegt wird, von Stein su Stein springend, bhiweg- 
# schritten , kämen wir der Krone des Berges nahe. Hart 
su unserer Linken , doch ohne ihn zu berühren , Hessen 
wir den Gletscher von Pieudey, der den nordwest- 
lichen Absturz des Mont Velao bekleidet, und bald breitete 
eich der flache., sanft ansteigende „gkeier de Pro*" vor 
nnsern Augen aus. Dieser Gletscher, der auch „glacier 
de Pettamont" und placier de Menouve" genannt wird, 
umsieht gleich einer kristallenen Terrasse den höchsten 
Kamm oder die Krone des, Mont Velao. Die mittlere 
H$he desselben über dem Meere mag auf 8500 Fw» enge- 



/ 



— 7« — 

«cblagenwerden, so data sich -die Gebirgsmasse noch ü 
'3000 Fuss höher erhelft. — Um den Gletscher zuerrei<- 
chen, mossten wir ein hart gefrornes, zu unserer Rechten* 
sich ziemlich jäh abdachendes Sehneefeld überschreiten, 
"wo mir aus Grand der etwas schwach benagelten Fuß- 
bekleidung die Unterstützung eines der Führer sehr -wohl 
zu statten kam. Der Boden war so fest und glatt, döss 
der Fuss oft vergebens einen Haltpunkt suchte. Meinem 
Reisegefährten und den beiden Führern gelang «der Uebei*- 
gang vermittelst der besser bewaffneten Sohlen und bei 
jüngerer Muskelkraft leichter, sonst wäre man genöthigt 
gewesen, das Beil zur Hand zu nehmen, und unter bedeö- 
. tendem Zeitavfwande Stufen einzubauen. Ein erprobter 
Alpenstock und solide Bergschuhe sind aber die unent- 
behrlichsten Dinge zu einer Gletscherwanderung. Von der 
zweckmässigen Beschaffenheit der Schuhe hängt oft das 
Leben und die Rettung des Reisenden ab. Weiches aber 
dauerhaftes Leder, starke Doppelsohlen , die sich njofeit 
biegen, und durch ihre Festigkeit sichern Stand verleihen, 
ringsum mit scharfen Nägeln gekrönt, welche an glatten 
Gras- und ßehneebalden, auf Eis und an kahlem, abcbäs*- 
sigem Gehänge einzugreifen vermögen, das sind die Haupt- 
erfordernisse einer guten Fußbekleidung auf Reisen 1h 
die Hochalpen; Die Fussbekkidungskünstler in d/en Städten, 
welche in der Regel ein Publikum zu bedienen haben, 
das selten die schöngepflasterten Strassen, die ebenen 
Trottoirs und Spazierwege, oder die breiten, nicht allzuoft , 
bekiesten Chausseen verlässt, vermögen sich keinen Be*- 
griff zu machen , was für Strapatzen so ein Bergsctah 
auszustehen bat, und in weiche Verlegenheiten und sclbet 
Gefahren ein unpraktisches Schuhwerk den Besteiger Drin* 
gen kann. Es sollte daher ein jeder von ihnen eine solche 
Gletechertour einmal in eigener ßerson mitmachen, er 
würde dabei Erfahrungen sammeln, <tte Arn selbst auf 
seiner Handwerksreise nicht geboten werden. — Nach 
-einer Arbeit von etwa 1«5 Minuten war tdas Scbneefold 



- fr 7 ~ 

Überschritten, und wir betraten dfe sehöne Eisfläche dt# 
„glacier de Pro*". Bis hieher hatten wir ungefähr 27 4 
Stunden Zeh gebraucht Einer wettern Stande bedurfte es, 
um: das Hochplateau des Gletschers seiner Länge nach 
von Norden nach Süden zu überschreiten, und den Fuss 
des mäehtigen Felsenpfeilers zu erreichen, der vom Ende 
de* Gletschers gerade gegen die höchste Kuppe des Ber- 
ges emporsteigt, und den zugänglichsten Weg dahin bieten 
soll« Mit Leichtigkeit schritten wir auf dem ebenen, mit 
wenigen unbedeutenden Schrunden durchzogenen, Gletscher 
fort, und mit Behagen athmeten wir die reine, stärkende 
Alpenluft. — Unterdessen hatten sich die stolzen Gipfel 
der Montblanckette im Schimmer der aufgehenden Sonne 
gtiröthet, und als diese ihren vollen Glanz auf die Berge 
warf, schienen dem Montblanc wahre Lichtfluthen zu ent- 
strömen, gleich als wenn eine zweite Sonne im Westen 
aufsteigen sollte; aber fast schreckhaft erschien im Hinter- 
gründe dieser grell beleuchteten Riesengestalten der Himmel 
tief dunkelblau, beinahe 'schwarz, während über ihren 
Häuptern leichte Wolken, seh wach kupferroth gefärbt, 
sich bemerkbar machten. Es war diess eine Erscheinung, 
wie ich sie gewahrte > als ich im Jahr 1849 mit Herrn 
Professor Dlrich den Monte Rosa bestieg, und beim 
Gang über den Gornergletscher Himmel und Erde die 
ersten Strahlen der aufgehenden Sonne empfingen. Der 
finstere Horizont, und das unheimlich rothe Gewölke an 
dem sonst klaren Himmel -*- Erscheinungen, die auch 
damals sich zeigten — versehwanden zwar an jenem 
Tage bald vor dem reinen Glänze des Morgens, sie waren 
aber die Vorzeichen eines heftigen Nordwindes gewesen, 
der wesentlich dazu beitrug, dass' wir nicht im Stande 
waren , die höchste Spitze zu erreichen. Auch diesamal 
löste sieh die anfängliche bange Besorgniss einer Umge- 
staltung des Wetters in befriedigende Wahrnehmungen 
auf — \ denn in Kurzem hatten sich jene rothen Wolken 
verloren 1 und die drohende Himmels wand einem klaren 



— n — 

Horizonte Hat* gemacht; bald aber Hess« sich die ersten 
ßpuren eines heranbreehenden Windes fohlen. 

Als wir am Fasse jenes Felsenpfettem angelangt waren, 
der wie ein riesiger MeÜcnzefgcr unsere Schritte lenkte, 
erkannten wir sogleich, dass uns hier einer jener „mau* 
vaia pas" bevorstand , anf die uns unsere Führer vorbe- 
reitet hatten. — Vom Rande des Gletschers sog sieb 
nämlich eine schroffe Eishalde bis an den untern Saum 
der Felswand empor. Diese Bishalde war von einer klaf- 
fenden Spalte, dem sogenannten Berrsehrund, durch- 
brochen, die sich parallel mit der Felsenwand dicht an 
ihr hinzog und sieh aufwärts gegen eine Scbneekehle zu 
verengte. Diese Spalte musste an ihrer engsten Stelle 
überschritten werden, um den Felsen zu gewinnen. Zu 
einer frühem Jahreszeit wäre diess leichter gewesen $ denn 
je später im Sommer man die Oletscherregionen betritt, 
um so zerklüfteter wird man dieselben antreffen. Wir 
mussten an der jähen Schneehiide emporsteigen, welche 
hart gefroren war und stellenweise baares Glatteis zeigte. 
Es war keine lange Strecke zurückzulegen, und einzelne 
heruntergefallene, im Eise festsitzende oder kaum hervor- 
tretende, Steine gaben dem Fass hie und da einen Stütz* 
pnnkt Gleichwohl war die Sache misslich, und wenn 
auch beim Ausgleiten nicht gerade Lebensgefahr bevor» 
stand, so hätte man sich durch einen plötzlichen Rutsch 
an dem scharfen Gesteine oder an den harten Eiskanten 
empfindlich verletzen können. Mit ausserordentlicher Ge- 
wandtheit und Kühnheit schwangen sich die beiden Führer 
an diesem glatten Gehänge empor, schritten dann ohne 
Mühe über die schmale Eiskluft hinüber an die Felswand, 
und wählten sich zwischen vorragenden gewaltigen Blöcken 
einen sichern Stand aus. Sobald sie diesen gefunden, 
warfen sie, zuerst Herrn Weilenmann , das freie [Stück 
des festgehaltenen Seiles zu, der sich dasselbe um die 
rechte Hand schlang, und mit 4er linken die eiserne 
Spitze des Stockes mit aller Kraft in das Eis schlagend, 



— 79 — 

das sichere Bollwerk glücklich erreichte, wm dann auf 
gleiche Weise mir gelang. 

Jetzt galt es den steilen Malakoff an erstürmen, der 
sieh mit seinen fast senkrechten Mauerwänden , seinen 
mächtigen Brustwehren und Bastionen, himmelhoch vor 
ans emporthürmte. Zum Glück waren keine Feuersehlttnde 
auf uns gerichtet, und wir konnten in aller Gemtithsruhe 
die furchtbare Festung erklettern. Es war ein rauher Weg! 
Bald musste man sich auf schmalen Vorsprängen um 
glatte Felswände berumwinden , bald in den Ritzen und 
Furchen, die die Natur gegraben, sich aufwärtsscbiebeu, 
bald auf den zackigen Kanten des kahlen Gesteins empor- 
klettern. Bei einem schwindelfreien Kopf und der nöthi- 
gen Vorsieht war indessen dabei keine Gefahr vorhanden. 
Munter rückten wir vorwärts, hie und da mit stiller Lust 
in den Abgrund blickend, der sich unter uns öffnete, und 
dessen zunehmende Tiefe für uns der Massstab war, wie 
wir Schritt für Schritt dem Ziele näher kamen, — oder 
das Auge werfend auf die weissen Gipfelreihen, die in 
stets mächtigerer Zahl dem Horizonte entragten. 

Seit ungefähr Fünfviertelstunden waren wir schon an 
dem steilen Felsgebirge emporgeklettert, und noch schien 
das Klettern kein Ende nehmen zu wollen. Wir machten 
daher, auf die Einladung unserer Führer, auf einer etwas 
geebneten Stelle einen kurzen Halt, um uns mit einem 
Glase Wein und. etwas Speise zur Weiterreise zu kräfti- 
gen. Es hat dieses Plätzchen von den Velan-Führem 
den bezeichnenden Namen „l'Aiguille du däjetiner" er* 
halten , weil dasselbe in der Regel von den Besteigern 
des Berges zu einem Ruhepunkt benutzt wird. Die oben 
und zur Seite etwas hervorragenden Felsen, die vor dem 
kalten Winde einigen Schutz bieten, machen es hiezu sehr 
geeignet. Man lässt sieb auch eine flüchtige Rast um so 
lieber gefallen, als eine solche nach einer fast inständigen 
Wanderang, die kein Sonntagspaziergang ist, wirklich Noth 
that Uebrigeus wirft man gern von dieser hochgelegenen 



•»- 80 — 

SC8tte ; (ihre Höbe darf wohl aof 10,000' angeschlagen 
werden) zum ersten Mal einen ruhigen, prüfenden Blick 
auf die herrMobe Gebirgswelt, die vom Glanz der Morgen*» 
sonne verklärt, in weitem Horizonte sieb auszudehnen be- 
ginnt, und in ihrer schönen Gruppirung ein wenn auch 
noch beschränktes und nur stückweise sichtbares Bild des 
erhabenen Gemäldes giebt, dessen ungeschmälerten Anblick 
man oben zu erwarten hat. Schon übersieht man zu seinen 
Füssen den vielgipfligen Gebirgsstock des 8t Bernhards- 
bmges. Mitten aus den dichtverschlungenen Massen winkt 
freundlich das Hospiz, und schimmert der Spiegel des kleinen 
Alpenaee's. Der Montblanc steigt in seiner ganzen Pracht 
empor. Die Schneegebirge Piemonts entfalten ihre zahl- 
losen Gipfel, und aus. weiter Ferne tauchen die Gebirgszüge 
der Tarentaise hervor. Ein solcher Anblick lässt plötzlich 
alle Mühen vergessen, und wirkt aufs neue die Begeiste- 
rung, die den Mutb zu den letzten Anstrengungen verleiht. 

Nach einer halben Stunde Rast, während welcher wir 
uns tapfer bestrebt hatten, der Bedeutung des Namens 
unseres Ruhesitzes durch einen kräftigen Angriff auf unsern 
Mundvorrath Ehre anzuthun, fing das Klettern wieder an. 
Ein recht scharfer und heftiger Nordwind hatte sich ein«* 
gestellt Wir bedurften der Bewegung, um uns zu er- 
wärmen. Trotz des feurigen Wallisers, den wir getrunken, 
bemächtigte sich Kälte unser, und sie wurde so empfind- 
lich, dass wir es nicht für Luxus erachteten, die fast 
erstarrenden Hände in die warmen Handschuhe zu stecken, 
ein Schutzmittel, das kaum noch genügte, den beissenden 
Frost abzuwehren. 

Beim Aufbruch von der Aiguille du dljeüner hatten 
uns die Führer auf eine noch bevorstehende, des starken 
Windes wegen etwas missliche, Passage gefasst gemacht 
Wir kamen zu dieser Stelle, als wir, um von dem Pfeiler, 
den wir erklettert, an die Hauptmasse des Berges zu 
gelangen , ein scharfkantiges Schneejoch zu passiren hat- 
ten , von welchem gegen Nord und Süd sehmale, zwischen 



— 81 — 

Felsgräte eingebettete Sebneehalden , stierst einige Fuss 
weit etwas sanft , dann aber plötzlich fast senkrecht ab- 
fielen und bis zum Gletscher hinunter führten. Der Wind 
blies so arg, dass man sich recht klein machen und die 
Beine weit auseinander spreizen musste, um nicht hin- 
untergerissen zu werden. Mit Vorsicht und unter dem 
energischen Mahnen der Führer, den Alpstock fest in 
den gcfrornen Schnee hineinzutreiben, gelangten wir in- 
dess glücklich hinüber. 

Wir waren bisher noch ununterbrochen im Schatten 
emporgestiegen, und hatten d esahalb um so mehr von der 
Kälte zu leiden gehabt. Mit Jubel begrüssten wir daher 
den ersten warmenden Strahl der Sonne, welche bei der 
Wendung um eine Felsenkante endlich vor unser Ange- 
sicht trat; mit Jubel gewahrten wir zugleich, dass wir 
uns dem obersten Felsenrande merklich näherten , der die 
glänzend weisse Schneekuppe des Gipfels umkränzt. Nach 
einer fortgesetzten Steigung von gut % Stunden von der 
Aiguille du dejeüner hinweg, meistens über kahles Schie- 
fergestein, erreichten wir den höchsten Rand jener Felsen- 
krone. Da lag vor uns, welche Wonne ! die sanft gewölbte 
Gipfelkuppe. Raschen Schrittes und in weniger als einer 
Viertelstunde stiegen wir über den funkelnden Firnteppich 
hinauf zum leuchtenden Ziele. Es war Vormittags neun 
Uhr , als wir nach einer sechsstündigen Wanderung auf 
dem höchsten Gipfel des Mont Velan, 11,588' über dem 
Mittelmeer standen. Unser Entzücken über die unver- 
gleichliche Rundaussicht, die uns hier zu Theil ward, 
liess uns nicht mehr an die Anstrengungen deuken, welche 
dieser Genuas gekostet hatte. Die hochgespannten Er- 
wartungen waren übertroffen, und wir konnten mit aller 
Wahrheit in das Urtheil unserer Vorgänger einstimmen, 
dass -diese Aussicht unstreitig eine der schönsten und 
grossartigsten sei von allen, die sich weit und breit von 
den Gipfeln der Hochgebirge darbieten mögen. 

Der Augenblick, in welchem man den obersten Gipfel 

6 



~ 82 — 

eines hoben Berge« betritt, ist dir den Ftanfed grossarti- 
ger Naturscenen stets mit lebhaften Empfindungen be- 
gleitet. Sein« Seele schwelgt in stillem Behagen, wenn 
er — ■ nachdem es lange an den Wänden des Berges 
-herumgeklettert war, über sieh immer neue Thikme von 
riesigem Gestein, unter sich den wachsenden Abgrund, 
zu beiden Seiten die steil aufstrebenden zackigen Flanken 
des Gebirge erblickend, kaum die Müsse sieh gönnend, 
zuweilen ein flüchtiges Auge auf das sich entrollende 
Gemälde zu werfen — endlich mit freudiger Ahnung die 
Höbe erreicht, und nun auf einmal, wie mit einem Zau- 
berschlag, das weite Rund von Thälern und Bergen um 
sich gelagert siebt Zwar schienen die Werke der mensch- 
lichen Cultur, ja der Mensch seibat, ver dem grossen 
Schauplatz, der sich hier zu unaern Füssen und vor un- 
eern Blicken öffnete, verschwunden zu sein, und wir 
fühlten uns einsam mitten in der starren todten Natur. 
Aber in diesen starren todten Massen spiegelte sich der 
Strahl der göttlichen Allmacht* Ein hehrer Frieden ruhte 
über dieser Welt von Gipfeln» Ein milder Glanz gab 
ihnen ein festliches Aussehen,, und im Lichte der durch- 
sichtigen Atmosphäre prangten sie In solcher Klarheit 
und Frische, wie wenn sie jeden Morgen neu von dem 
Zauber schöpferischer Veijüngungskraft berührt wütden. 
Ea war. ein herrlicher Anblick, diese flimmernden Schnee- 
flächen und Eij&egel* diese riesigen Felspyramiden, diese 
dunkelgrünen Alpenzüge, wie sie in. mehrfachen Reihen 
üher- und hintereinander aus dem Duft der tiefen Tbäler 
emporsteigen, zu betrachten,, und ihre schönen Formen* 
ihre seltsamen Yerschlingungen mit dem Auge zu ver- 
folgen l 

Doch, ich darf dem geneigten Leser nicht zumuthen, 
sieh zum genauem Studium dieses Rundgemäldes von der 
scharfen* kalten Bise durchwehen zu lassen, sondern lade 
ihn ein, uns nach einer ersten flüchtigen Umschau einige 
Schritte hinunter bis zu den obersten Felsen des süd- 



- 83 — 

lfehut Gi^felgebänges Kü begleiten, wo wir, von dem 
schneidenden Winde etwas geschützt, mit mehr Behag- 
lichkeit das Panorama betrachten können. 

Die Aussicht des Mont Velan zeichnet sich sowohl 
dsrch ihre namhafte Ausdehnung, als noch mehr durch 
die malerische Gruppirung und den grossartigen Charakter 
der verschiedenen mächtigen Gebirgskörper ans, die das 
Ange von hier überblickt. - Nur gegen Nordosten durch 
die nahe Masse des Gombin gehemmt, schweift der Blick 
in allen andern Richtungen frei über das nächstliegende 
Chaos von Gebirgen hinaus, und es sind hauptsächlich 
drei Gruppen, das majestätische Massiv der Mont» 
blaue- Kette* der schimmernde Krane der Graji- 
sehen Alpen, und gegenüber der erstem die herrliche 
Gruppe des Monte Rosa mit dem Kern der Pennini- 
eehen Alpen zwischen Wallis undPiemont, welche jede 
in itaer Art die Bewunderung fesseln. Geben wir uns der 
Betrachtung des Panoramas im Einzelnen hin! Unwill- 
kürlich fällt der erste Blick auf den breiten, weissen Gipfel 
des Montblanc, der mitten unter seinem gewaltigen 
Hofetaate thront, und dem an Höhe alles sich beugen 
qn»s* Die Montblanc-Kette umfasst beinahe den 
gausen wo st Hoben Horizont. Man erblickt sie in einer 
Lfingen^Ausdehnung^ von ungefähr sechs Schwehserstuhden 
vom Gel de la Seigne hinweg bis zu den Spitzen von 
{Nny* Zwfecben den kahlen Felsenpfeilern, welche die 
hohe» Gipfel tragen, lasten zerklüftete Gletscher, die an 
den höchsten Firnbuchten beginnen, und fast durchgehends 
bis tief hinab sichtbar Bind , wo sie den granitnen Fuss 
des Berges umklammern. Zunächst am Col de la Seigne 
jgfhebt sich die Pointe de Glacier, den Gletscher 
der AUde- blanche auf ihrer Flanke tragend. Auf sie 
Jolgt die Aiguille de Miage. Dann richtet sich der 
Montblano fet seinem Stolpe empor, von dem Glet- 
scher vo* Brenva bekränzt. Ihm zur Rechten ist der 
Gel de Glast sichtbar* Alsdann erhebt sich der schwane 



- 84 - 

l$iesenkegel der Grande Jorasse, deren Fuss. eben- 
falls mit einem weitbin leuchtenden Gletscher gepanzert 
ist Eine Reihe von scharfgezackten Gipfeln, über welche 
man den Scbneekamm der Aiguille du Midi hervor- 
ragen sieht, verbindet die Grande Jorasse mit der pracht- 
vollen Pyramide der Pointe du Mont Dolent.. Die 
Gletscher von Amlro und Triolet steigen von die- 
ser hohen Zinne durch die breiten Thalbuchten herunter. 
Die vordere Seite der Pointe du Mont Dolent ist mit 
dem prächtigen Gletscher von Mont Dolent ge- 
schmückt. Ferner erblickt man die Tour de la Neuve 
mit dem gewaltigen Glacier de la Neuve, denClo- 
cher de Portalet mit dem Glacier de Portalet, 
und die Pointes d'Orny mit den Gletschern von 
Orny und Salena, welche an die Grenzkämme des 
Trient-Gletschers hinanreichen, Hier stuft sich diese Ge- 
birgskette steil und felsig ab. — Mit der Montblanc- 
Kette am Fuss des Mont Dolent vermittelst der grüne», 
schneegefleckten First des Col de Ferret festgeknüpft, 
erhebt sich in zweiter Linie und bedeutend niedriger der 
wilde Gebirgsstock , der in den Gipfeln der Grande 
Ross&re und der Fortzons eulminirt. Diese Gruppe 
charakterisirt sich sowohl durch ihre Nacktheit als durch 
ihre eigenthümliche, in schief aufgerichteten unter sich 
parallelen Felstafeln ausgeprägte Struktur. Zwischen den 
kahlen Felsgebilden sind die muldenförmigen Verklüftug- 
gen, und die von den Kamm-Einschnitten herunterlaufen- 
den Kehlen und Runsen mit ewigem Schnee und kleinen 
Gletschern angefüllt, unter deren letztern die Glacier 
de Fortzons und d'Angrouniettas sichtbar sind. 
Diesseits dieser Gebirgsreihe liegt tief zu den Füssen des 
Schauenden der gesammte Gebirgsstock des grossen 
St. Bernhardsberges in weitem Raum ausgebreitet. 
Es ist ein fast formloses Gemisch von kahlen Felsen, daran- 
hängenden Schneeflecken und begrasten Bergterrassen. Grau, 
grün mi weiss sind die eiazigen Farben, die hier herrschend 



— 85 — 

sind. Winzig klein, aber als vielgesegnete Stätte menschen*- 
freundlicher Thätigkeit und uneigennütziger Hingebung, 
glänzt uns- aus diesem öden Chaos das von der Sonne 
klar beleuchtete Hospizgebäude wieder entgegen, das 
auf der Marke zwischen Italien und der Schweiz jährlich 
Tausenden von Pilgern zur willkommenen Zufluchtsstätte 
dient. Auch der kleine See zeigt strahlend seinen Was- 
serspiegel. Aber in den unscheinbaren Felsenhügeln, die 
ihn umgrenzen, vermag man kaum wieder jene ansehn- 
lichen Alpengipfel zu erkennen, deren imposante Massen 
den St Bernhardspass einschliessen , — jene aussicht- 
reichen, mühsam nur zu erklimmenden, Spitzen des Mont 
Mort, der Qhenaletta, der Pointe de Drohnaz 
and den Pain de Sucre. Sie entschwinden fast dem 
forschenden Auge, und nur die näher liegenden Gebilde 
der Pointe de Barasson und der Pointe de Me- 
nouve zeichnen sieb durch schärfer ausgeprägte Profile 
aus. Die Spitze der Drohnaz mit dem kleinen Gletscher 
an ihrem nördlichen Gehänge brachte mir jene köstlichen 
Stunden in Erinnerung, die ich am 3. August 1825 mit 
einem Freunde in der Gesellschaft eines der Klostergeist- 
lichen dort zugebracht hatte. Damals befand ich mich 
mitten in einer mir ganz fremden Gebirgswelt Es war 
das erste Mal, dass mir der Anblick der penninischen 
und grafischen Alpen erschlossen war. Die Namen ihrer 
Gipfel und Gletscher waren mir grösstenteils unbekannt, 
und mit Erstaunen betrachtete ich ihre grossartigen Massen 
und den Reichthum an kühnen Gipfelformen. Einige spär- 
liche Aufschlüsse über die Nomenklatur erhielt ich von 
anserm freundlichen Führer. Heute lag das gleiche 
Panorama, aber in ungleich grösserer Ausdehnung und 
Mannigfaltigkeit, vor mir ausgebreitet Jetzt aber war 
mir diese Welt nicht mehr fremd. Hatte ich doch seit 
jener Zeit diese Gletscherreviere in vielfachen Richtungen 
durchzogen, manches Felsenjoch überschritten, manchen 
hohen Gipfel erstiegen, manches wilde Alpenthal durch-* 



- 86 - 

wandert! Diese in Gkmc der Sonne blinkenden Zinnen 
schauten mich wie alte Bekannte an, und schienen mir 
ein freundliches Willkommen zuzurufen. Es war mir r als 
befände ich mich unter den Gliedern eines mir befreun- 
deten Familienkreises, und ich fühlte die voHe Bedeutung 
der Worto Byrons: 

»Wer sich des Hochlands Blau jo f s junge Herz geschrieben, 

Wird jeden blauen Gipfel lieben , 

In jedem Fels wird er ein Freundesantlitz grüssen, 

Und jeden Berg im Geist an seinen Busen »ciiliessen.« — 



Wenden wir uns gegen Süden! Da fällt der 
zunächst in die grünen Gründe des Thaies von £trou> 
bles, und auf das baumreiche Becken, in welches das 
Val Pell ine ausmündet; er verfolgt den Lauf des 
Buttier bis da, wo sieh der Bergstrom in der sonnigen 
Wiesenfläche des Aosta-Tbales mit der Dora Baltea 
vereiniget, und weilt auf den Zinnen und Thürmen der 
alten Stadt Aosta, die da unten in der fernen duftigen 
Tiefe ruht Die weitere Ansieht des Thalbodens wird 
links durch die äusserten Gebirge des Val PeHine, rechts 
durch die hohe Gebirgskette verdeckt, welche in den 
Gipfeln des Mont Pa41£t und der Beccade Verto- 
sam culminirt, und vermittelst des Gol de Serena an 
die Grande JRossfero sieh anschliesst. Aber hinter diesen 
Gebirgen und jenseits des Aosta-Thales ragt in einer 
Ausdehnung von nahe an zwanzig Schweizerstunden die 
mächtige Alpenkette der Grajisehen Alpen , die dieses 
Thal von der Tarentaise , dem Val Locana und der 
piemontesiscben Ebene scheidet, hoeb an den Horizont 
empor, und von ihren hundert reich umgletsekerten Scbnee- 
und Felsengipfeln kann keiner sich dem Auge des Schauen* 
den entziehen. Da entfalten sieh zur Linken des Col de 
la Seigne die Firnwäile der Gletscher von Chavannas 
und der aussichtreiche Gramont. Man übersieht die Ge- 
bitfsejnsenbing des kleinen St. Berrihardsberges; 



— 87 — 

Weiter fällt der Bück, immer von Westen gegen Osten 
vorrückend, aal die Gipfeigrappe der Glaciers des 
Rnitors, auf den Mont Ormelune, die Aigaille 
de la Sassiere, den Monte di Galisia und die 
Sehiieehäapter des Grand Paradis. Zwischen dem Val 
de Savavanche und dem Val de Gogne prangt die höbe. . / 
Spitze des Pie ,<Le_Cogne in ihrem weissglänzenden ' ^ " * 
Firakleide. Dann folgen die ausgedehnten Eiswüsten der 
Glaciers de Valeigie und Valmontey. Näher ge- 
rückt erhebt «ich die stolze Becca di Nona. Ihr zur 
Linken erscheint die Rosa de Banchi und die Pointe 
de Tersiva, ein sehr hober Sehneekegel zwischen Cogne 
aad Cfcamponrcfeer. Noch wirft sich der Gebifgskamm in 
einer Menge von anbekannten Gipfeln auf, bis er sich an 
seinem ästiicfaen Ende nach dem Thalgrund der Dora 
zwischen Donnas und Ivrea abstuft. Das Auge kann sich 
fast nicht sattsefces an dem Reicbthum von Formen und 
an dem erhabenen Charakter dieser Alpenkette, die hier 
ht alles ihren Verzweigungen entfahet im. Es dringt bis 
so hintern* in die einsamen Hocbthäler hinein , die ihrem 
vergletscherten Schoosse entspringen, und gegen das Thal 
der Dora baltea ausmünden. Namentlich sind es die 
Thäler von Grisanche, Rhämes und Savaranehe, 
welche, da sie dem Beobachter fast gerade gegenüber 
hegen, «einen Blicken in ihrer ganzen Längenausdehnung 
geöffnet sind, so dass der schimmernde Streifen des Thal* 
bachee, der sie durchströmt, dem Auge entgegen blickt. 
Aber diese hocbaufgezackte Gebirgskette begrenzt* nicht 
«Jamal den Horizont, sondern sie wird an manchen Steilen 
noch überragt von entfernteren Gebirgen. Schon hinter 
der Einsenkung des Col de la Seigne ist der hohe Grat 
des ColdesFours, und hinter diesem eine flache Berg*' 
kappe sichtbar, die sich durch ihre Tafelform auszeichnet, 
and" welche tief in Sarvoyen zwischen Albertville und 
Cfaambety liegen muss. Hinter dem kleinen St Bernhard 
zeigen aich in weitem Kranze die Gebirgsreiben , welche 



— 88 — 

dem obern Is&retbal und den Tbälero südlich von Mon- 
tier entsteigen. Nur an vereinzelten Gipfeln haftet dort 
noch ewiger Schnee. Ueber diese fernen, dunkeln Berg- 
reihen hinweg fällt aber der Blick wieder auf eine Gruppe 
hoher, schneebedeckter Gipfel, in denen man die Grandes 
Roasses zwischen St. Jean de Maurienne und Boarg 
Oisans erkennen muss, und welche sich in einer geraden 
Entfernung von circa 24 Stunden von der Spitze des 
Mont Velan befinden. — Hinter den Firnkämmen der 
Ruitors-Gletscher steigt die Aiguille du Mont Pourrjr 
empor, die sich zwischen den Thälern von Tignes und 
Peisey erhebt, von einigen andern Schneegipfeln der Ta- 
rentaise umgeben. Endlich zeigt sich noch hinter den 
Grenzkämmen des Savaranöhe-Thales die Schneespitze des 
Mont Iseran, und der hohe vergletscherte Grat der 
Levanna. Da wo steh die Gebirgskette an ihrem öst- 
lichen Ende nach dem Thal der Dora abstuft, ist dem 
Blick eine Ausflucht auf eine kleine Partie der lombar- 
diöchen Ebene gestattet. Die Entfernung ist aber so 
gross, dass einzelne Gegenstände, ja nicht einmal Wald 
und Feld unterschieden werden können. Die neblicbte 
Ferne ist von einem blauen Bergzuge begrenzt, der wohl 
als der Ap pennin zu bezeichnen ist, wenn er auch in 
gerader Entfernung etwa 38 Schweizerstunden von uns 
absteht — Links von dieser GebirgsöSnung steigen Gi- 
pfelreihen in vielfachen Gliedern wieder empor, die Thäler 
von Pelline, Tournanche, Challant und Gressoney 
umscbtiessend, und mit ihnen beginnt der östliche Hori- 
zont. Wir überfliegen diese Gipfelreihen rasch , denn dort 
fesselt unsere Bewunderung der Nebenbuhler des Mont- 
blanc, der majestätische Monte Rosa. Der Gebirgsstock 
des Monte Rosa, indem er jene Gebirgsreiben an Höhe 
weit überragt, streckt seine zahlreichen Hörner gleich 
einem fein ausgezackten Diadem von reinem Silber in 
das dunkle Firmament empor, und das blendende Weiss 
seines Firnkleides gewährt einen herrlichen Anblick. Man 



- 89 — 

erkennt tod der Rechten *zor Linken zählend , folgende 
Gipfel: Die Vincent-Pyramide, die Parrotspitze, 
den Lyskamm, die Zumsteinspitze, die höchste 
Spitze, und das Nord-End. Das schneebelastete Breit* 
hörn ist als Pussgestelle vor diese gewaltige »Masse hin- 
gelagert Tiefer dehnt sich in riesigen FelsmAuern und 
mit Gletschern behängt die Gebirgskette aus, die die 
obersten Theile der Tbäler von Tournanehe und PeUine 
von einander scheidet, und welche in den Zinnen des 
Mont Juin und des Mont Albert eulminirt Mehr im 
Vordergrunde erblickt man den Mont Gel 4e mit seinem 
Eisrücken* und die kahlen umgletscherten Wände, welche 
«wischen dem Tbale von Ollomont und Pelline. aufgestellt 
sind. Zur Linken des Monte Rosa sind die Riesen der 
Penninen kette aufgethtirmt, die zwischen dem Wallis 
und Piemont eine mächtige Scheidemauer bilden. In eigen* 
thtimlicber Gruppirung folgen sich: Matterhorn (zwischen 
diesem und dem Monte Rosa vermögen noch die fernen 
Schneefirsten des Weisstbo.rs und der Cima de Jazi 
hervorzutauchen) , Dent de Rong, Dents des Bon» 
quetins, dann wieder entfernter: Dom, Mischabel, 
Nadelgrat; in näherem Gliede: Dent Blanche, Mo- 
ming, Pigne de l'Arolla, la Rouinette, nnd am 
Schlüsse dieser vielgliedrigen Armee, von denen die ge- 
nannten nur die Heerführer sind, steht hochaufgeriebtet 
der grosse Mont Combin. Von der Pigne de FArolia 
sieht man den gewaltigen Gletscher von Breney nieder- 
steigen, und von diesem durch den niedrig scheinenden 
Felsgrat des Otemma de Bagne getrennt, entfaltet der 
grosse Cbermontahe oder Otemma-Gletseher seine 
ganze schimmernde Pracht» Hinter dem höchsten Firn- 
rücken dieses Gletschers tritt fast unscheinbar aber sehr 
kenntlich der Mont Collen hervor, der durch sein viel- 
fachtönendes Echo dem Wanderer die Richtung weist, 
wenn er über die Eiswüsten des, AroHa-Gietscbers nach 
dem Val PeUine hinüberschreitet, und in seiner voll- 



— 90 — 

fttfedtgei» Ehtwkkebmg überschaut man den zerrissene» 
Kamm, der zwischen dem Eismeere de« Cheraiontane- 
Gletschers lind dem tief eingeschnittenen ValPettine empor* 
steigt — Doch, lasst uns noch einige Augenblicke an dem 
grossartigen Bilde des Comb in verweilen, der uns so 
nahe siebt, dass er kaum 5 / 4 Stunden in gerader Linie 
Ten uns entfernt liegt. Er zeigt uns seinen höchsten Gi- 
pfel mit der nordwestlich zu einer «weiten Spitze aus- 
laufenden Schneekante, und seinen westliehen Absturz, der 
In einer einzigen beeisten Wand von beiläufig 6000 Fuss 
vertikaler Höbe bis in das Thal des Vaisorey-Gletsehers 
sieh hinabsenkt. Hoch oben am Absturz bildet sich der 
Gletscher von Sonadon, der an dem steilen Gehänge 
anklebt, und bis an den Fuss des Berges hinunterreicht. 
Mehr der nördlichen Kante zugewendet, lastet ein anderes 
in zwei Zungen gespaltener doch nicht so tief herabhän- 
gender Gletscher an jenem Absturz, der den Namen 
GUeier de Sex de Metain trägt Südwärts löst steh 
tob 4er Gipfelmaase des Combin eine vergletscherte Ver- 
zweigung ab, welebe gegen den Mont Avril und den 
Mont Gelle ausläuft In der Grateinsenkung zwischen 
diesen beiden Gipfeln erblickt man tief unter sieh den 
Gebifgaübetgang des Col de Fengtre, über welche» 
sich im Jaht 1541 der Reformator Calvin nach der 
Schweiz flüchtete, um den Verfolgungen in Aosta au 
entgehen. Mit Wohlgefallen ruhte das Auge auf den» 
grünen Alpen» die das weite Becken am Fuss des Ool 
äs Fen&re bis hinüber an jene kahlen Felsmauem vwv* 
sahen OUomont und dem Val Pelline ausfüllen, und auf 
den kleinen blauen Seen, die diesen Alpenteppich schmü* 
eken* Herwärts im Vordergrunde sieht man ebenfalls tief 
zu seinen Füssen die nackten Felsenzinnen der Aiguil- 
les de Valsorey, welche den Mont Combin mit de» 
fimwnhüllten Felsstufen des Mont Velan verbinden, uni 
als eine durch die Natur selbst gezeichnete Lttndermarko 



— 91 — 

swiacben dem ValsorajMHetseher und dem Tbale von 
Oilomont aufgestellt sind. 

Wenden wir uns endlich nach Norden um, so sehen 
wir das Entremont~Tbal fast in seiner gäasen Aue» 
deknung an unsern Füssen geöffnet, nur die nne zunächst 
liegenden Theiie sind von den yoitretenden Stufen des 
Munt Yelan selbst verdeckt. Westwirts ist das Thal 
umschlossen von den reichbegrasten Beigzttgen, die da»» 
selbe vom Vai de Ferret trennen, während es ostwärts 
tob de*. hohen wilden Kämmen der Chaine Blancbo 
and der Rochers d'Aires eingedämmt ist, die sieh vom 
Oombin ablösen, and hinter deren gesackter First noch 
die begletscherten Gipfel des kleinen Mont Combi» 
and der File des Follats hoch und wild hervorragen. 
Das Ange verfolgt den Lauf der Dranse, und den viel" 
gewundenen Streifen der fit Bernbardsstrasse bis gegen 
Sembrancfaier hinaus. Dort steht sur Linken als Vor* 
poaten die kleine grüne Pyramide des Catogne, and 
zwischen ihm und dem niedrigen Bergrücken der Pierre 
aVoie und des Leuvron am Ausgang des Bagne-Thal* 
ÜUlt der Blick auf die Fläche des Rhonethaies, die sich 
von St- Maurice bis an den Gentersee ausbreitet Der 
blaue Wasserspiegel des Lern an selbst ist gans deutlich 
siebtbar, obsehon der nächste Uferrand in gerader Linie 
13 Sebweiserstunden von uns entfernt ist Darüber hin* 
aas erstrecken sich, in ihrem Detail nicht mehr erkenn- 
bar, die Hügelketten und Ebenen der Waadt bis an den 
Jura hm. Auf der linken Seite. des Rhonethales erhebet» 
sieh in der Ferne die Savoyerberge, die dasselbe vom 
Thal von N. D. d'Abondance scheiden, und näher gerückt 
tbünnt sich die stolze Dent du Midi mit ihrer geaaofe» 
ten Felsenkrone hoch empor. Ihr aar Seite sHms die 
Tosr de la S&illi&re, die Felsen von Roan und an- 
dere hegletseherte Gipfel sichtbar, die sich nach den» 
Bnet hineieben , der aber selbst hinter dem nördlichen 
AQsteuf der Montblanc- Kette verborgen liegt. Zur Rechten 



- »2 - 

des Rhonethals beginnt mit der hoben Oent de Mordes 
die Kette der Berner- Alpen, die in den . Gipffein des 
Moeuveran, der Diablerets, des Oldenbornes bis 
zum Sanetseh verfolgt werden kann. Die Zinnen der 
Dent du Midi nnd des Moeuveran überragend, schiiesst 
der dunkle Gürtel des Jora den fernen Horizont ein, und 
hinter diesem ist noch in langer, ziemlich scharf abge- 
grenzter, Linie eine zweite Gebirgsreiha zu gewahren, 
welche wir, wenigstens in ihren gegen Norden su liegen«» 
den Theilen, wo die erste, hohe Wand des Jura die 
hintern Parallelketten desselben verbergen muss, wohl 
mit Grand für den Gebirgszug der Vogesen halten 
müssen, wenn auch dessen direkte Entfernung nicht weni- 
ger als 46 Sebweizerstunden beträgt. Liegt doch der 
Ballon d'Alsace vom Mont Velan aus gesehen gerade in 
der Direktion der Moeuverankette. Endlich bemerken wir 
noch zwischen dem kleinen und grossen Combin, wo der 
vertiefte Verbindungsgrat eine Ausflucht in die Ferne ge- 
stattet, die Gebirgsketten des Bagne-Thales, und die Partie 
der Berner-Alpen vom Rawyl bis zur Gemmi mit den 
Gipfeln des Bohrbachsteins, des Gletscherborns, 
des Strubel« tind des Rinderhorns, mit «reichem sich 
die Schilderung des Panoramas sehliesst. 

Ueberlassen wir uns noch einige Minuten dem Ein- 
druck dieses herrlichen Rundgemäldes, das in der schön- 
sten Klarheit um uns aufgerollt ist, und stellen wir einig« 
Vergleiehungen an mit den Natnrscenen, die uns andere 
Gipfel der Hochalpen bieten I Die Aussicht von der Jung- 
frau ist mehr erhaben als schön. Ja, auf das Gemüth 
des Sterblichen, der zum ersten Mal ihre Zinne betritt, 
und dem sie die cofossalen, in ihrer ernsten Pracht fast 
unheimlich aussehenden, Bilder des Umkreises enthüllt, 
wirkt sie wahrhaft erschütternd. Das Bunte, das-Reizende 
fehlt! Kein blauer See erfreut von dort das Auge; denn 
auf den Spiegel des Thunersees blickt es so tief hinunter, 
daas er, an Farbe und Charakter einem düsteren Alpen« 



— 93 — 

ste ähnlich, zwischen öden, baumlosen Berghohen zu 
liegen scheint Die lieblichen Landesflächen sind zu enV 
fernt um ihren Reiz zu entfallen. Das trübe 'Grau , das 
sie wie eine Dämmerung bedeckt, verschwimmt in dem 
finstern Dunst, der den weiten Horizont gestaltlos um- 
zieht, und keine Formen, keine Farbe mehr erkennen läset. 
Selbst das Blau des Himmels ist verschwunden. Man starrt 
befremdet in den dunkeln Weltenraum hinaus, und sehnt 
sieh nach dem schönen Erdenhimmel. Im weiten Kreise 
begrenzt von, den farblosen Niederungen oder dem düsteren 
Horizonte breitet sich eine Welt von zerrissenen Glet- 
schern, sehneeigen Hochthälern, mannigfach verschlun- 
genen Firn- und Felsenkämmen aus , über welcher man 
in schauerlicher Einsamkeit thront, und welche unter dem 
schwarzblauen Firmamente von dem gebrochenen Licht- 
schimmer einer mattstrahlenden Sonne beleuchtet ist! — 
Der Tödi, der die ganze östliche Schweiz dpminirt, und 
der an Höbe dem Mont Velan nahe kommt, bietet einen 
ufienneselichen Gesichtskreis dar. Ja, man kann sägen, 
man sieht nur zu viel! Das Einzelne verschwindet unter 
dem Ganzen, und auch dort verschwimmen die entferntet) 
Niederungen in neblichten Dunst, und das ungeheuere 
Alpengebiet, das man übersieht, zeigt wenige einzelne, 
grossartige Gruppen oder Gebilde, die das Auge vor-r 
zugsweise fesseln. Die Berner-Hochalpen und der Bernkia 
sind schon zu entfernt, um einen sehr imposanten Ein- 
druck hervorzubringen. Dagegen erhält die Aussicht vom 
Mont Velan ihren hohen Reiz gerade durch das gross- 
artige, malerische Bild, und den so verschiedenartig aus- 
geprägten Charakter der einzelnen sichtbaren Gebirge*- 
gsuppen. Das Spezielle tritt lohnend hervor. Das Auge 
umflfl sich nicht ermüden , ein unabsehbares Gewirrt 
gleichförmiger Bergketten zu entziffern; jede bat ihr be- 
sonderes Gepräge, und es kann sich kaum satt sehen an 
den rscharigezeichneten schönen Formen der überall deut- 
lich hervortretenden Gipfelgestalten. Man schaut noch an 



■ 



- »4 - 

die ftsrtienMtopter des Montblanc mA Cembta empor, tmd 
empfindet in dem überwältigenden Eindruck die Macht 
ihrer Grösse, und dennoch gicbt der weite Gesichtskreis 
Zeugnis* von der Erhabenheit des Standortes, und mit 
Stola beherrscht der Blick tausend mächtige Gipfel, die 
steh vor ihm beugen müssen. Wenn ich vom weiten Ge- 
sichtskreis spreche, so erinnere ich daran, dass awa* die 
Montblanc-Kette de» Horizont in einer geraden Entfer- 
nung* die zwischen vier und acht Schweiaerstunden 
differirt, m Westen abschneidet; dass der nicht mehr als 
zehn Stunden entfernte Monte Rosa den östlichen Hori- 
zont begrenzt, dass aber die Durcbschnittalinie des. sicht- 
baren Horizontes von Sttden nach Norden oder vom Ap- 
pennin bis an den Vogesea eine Ausdehnung von circa 
84 Stunden hat. — Von den mir bekanntsten Hoebge- 
birgspanotamen dürfte dasjenige der Alt eis der Ana- 
sicht des Mont Velan im Hauptcharakter nahe kommen. 
Ja, es mnsa selbst zugegeben werden, dass dort das 
landschaftliche Bild der reizenden Lsndtsfläche, die wie 
ein unabsehbarer Garten vor dem Schauenden ausgebrei- 
tet ist, dem Panorama einen Grad von Lieblichkeit und 
Mannigfaltigkeit verleiht 9 den der Anblick des Rhone- 
thales* des Lernen» und dar wegen ihrer grossen Entfer- 
nung schon nicht mehr klar erkennbaren Niederungen der 
schönen Waadt im Bundgemälde des Mont Velan nicht 
an erreichen vermag. Was aber das eigentliche Gebirge?» 
panorama betrifft, so bietet der Mont Velan entschiedene 
Vorzüge vor der Alteis dar. Denn , wenn auch im Süden 
der zackige Gürtel der penntnischen Alpen von jenem 
Gipfel aus. gesehen, noch erhabenere Formen und colos- 
eatare Gipfelgestalten aufweist, als sie von unserm Stand- 
punkte ans die lange Beine der Grafischen Alpen anr 
Schau trägt, so steht dort am östlichen Horizont das 
Massiv der höchsten Beroer-Alpen, die dem Beobachter 
ihr «nschSnes Querprofil anwenden , an Schönheit sewoW 
der Forum und des Äussern Sohmnckes, als an interes- 



— SS — 

sanier Grupeimog des» herrUobeu Bilde de* Meute Bus* 
«od dm Riesengestalten des Mattenfaeins, der Dens Blanche, 
dos Combin und ihren gleiehbärtigen Nachbarn, weiche die 
reich« Ausschmückung des östlichen Rundbildes des. Most 
Vdan ausmachen, bedeutend nach. Besonders aber stellt 
sieh der Vertag der Veian- Aussicht heraus, wejNi wir 
den westlichen Theil ihres Gesichtskreises betrachten, und 
den Prachtanbliek, den die Montblanc-Kette gewährt, 
jenem Bilde der westlichen Altelsaussicht entgegen seteen, 
wo in fast gleichförmigen Gipsesreihen, ohne sehr ech*» 
benen Charakter, ein weites Gebiigschaoa sieh vor den 
Blicken entrollt. 

Erhabener «od reicher als die Ansticht vom lient 
Veten dürfte sieh dagegen das Panorama Tom groasen 
C o m b i n gestalten. Die, nämlichen Gebirgsketten in ihrer 
maleriechen Grappiraag und in ihren ausgeseichaetcn For- 
men ha. sieb fassend, bietet dasselbe den Vereng eines 
bedeutend erweiterten Horizontes« Gans besonders muss 
dort der östliche Gesichtskreis, der vom liont Vakn 
ans durch da» Massiv der nahen Gombinkette beschränkt 
wird) dem ungehemmten Blick neue Tirilier, neue Gebirge, 
neue* Gletechesreviere enthüllen* Indessen liegt die Ve*» 
mntlmng nahe, ee möchte sieh auf dem Gipfel des* Com- 
bat die Höhendiiereas von 1673 Pariser Fuss auch in 
ihren paohthciligen. Einflüsse» geltend machen, und den 
Genua» der Aussicht in manchen Beziehungen vetkünv- 
mern« £• ist mehr als wahrscheinlich , dasa aus Grund 
des schwächeren Reflexes des Sonnenlichtes, und infolge 
der mit der vertikalen Entfernung annehmenden Undureh* 
sicktigkek der tiefere» Luftschichten, aul jenem höheren 
Standpunkte das an dem weiten Horizonte aufgerollte 
Süd weder vea dem mannigfaltigen Farbenscbmucfce be- 
lebt ist, noch die scbarlsusgspfägte Proilsctcfanung er* 
kennen lässty «ui eben so wenig die deutliche und ltlaee 
Anschauung jedes etaaeftnen Gegenstandes gewährt, welche 
Vorauf e gerade die Aussiebt vom Hont Velan in so hohem 



— 96 — 

lftfdse auszeichnen, — dass vielmehr selbst die näheren 
Gestalten in düsterem farblosen Gewände erscheinen, dass 
der entferntere Gesichtskreis vollends getrübt, unklar sich 
zeigt, und sonnt das Gemälde , wenn es auch an Gross- 
«rtigkait und Umfang das des Mont Velan übertrifft, doch 
des eigentlichen Reises und malerischer Schönheit ent- 
behrt* 

Während vier vollen Stunden bewunderten und stu- 
dürten wir das herrliche Panorama, und ich benutzte diese 
Zeit , der heftigen Bise und der empfindlichen Kälte Trotz 
bietend, rar Auinahme einer flüchtigen Skizze desselben. 
Es waltete eine feierliche Stille, eine wahre Sabbatruhe 
um uns her; nur von den Windstössen unterbrochen, unter 
denen die Luft seufzend erbebte und erzitterte. Kein leben- 
diges Wesen nahte sich uns* Pas einsige Geschöpf, das 
uns zu Gesicht kam, war eine todte Fliege, die mein 
Begleiter auf dem Gipfel des Velan aus dem Firne hob, 
und mit nach Hause brachte. . Herr Prof. Perty in Bern 
hatte die Güte, den Namen dieses Insektes zu bestimmen. 
Es beisst Syrphus balteatus nach Linnd oder Scävä 
neetarea nach Fabricius, und ist eine Bewohnerin der 
Ebene, welche zufällig in diese Höhe gelangt sein musste. 

Nachdem die Mittagstunde vorüber war, liess auch der 
Wind etwas nach. Die Sonne gewann an Wärmekraft, 
und unser Aufenthalt auf der hohen Felsenspitze fing au. 
behaglicher und angenehmer zu werden ; allein die Zeit 
drängte zum Aufbruch. Die Proviantsäeke wurden aus- 
gepackt, ein frugales Mahl gehalten, und sodann schick- 
ten wir uns zum Rückzug an* 

Wie sehen oben angedeutet werden , bildet der höchste 
Gipfel des Mont Velan eine sanft gewölbte Schneekuppe, 
welche 4 bis 5000 Quadr.-Fuss Oberfläche halten mag. 
Diese Kuppe dominirt den Sehneegrat des höchsten Kam* 
mos , der in nördlicher Sichtung fortläuft, und an seinem 
ä&ssersten Ende steil gegen die niedere Felsenspitze des 
kleinen Mont Velan abstürzt Gegen Süden läuft das 



— 07 — 

ftfemiieh jähe Gehänge des höchsten Gipfels in 
sehmalen Felsgrat aus, der sieh nach kurzem Laufe sei* 
theilt, und tbeüs gegen Kordosten sich wendet, wo er den 
Yerbindungskamm mit dem Grand Combin bildet, theik 
aber in fortgesetzter südlicher Sichtung sich hinabsenkt, 
und in semer tieferen begrasten First den Scbeidegreft 
zwischen dem Thal von Ollomont und demjenigen Ton 
Etroubles bezeichnet Südostwärts senken sieh von den 
obersten Schneewänden der Gipfelkuppe tbeüweise. ge- 
waltig zerklüftete Hochfirne hinunter in jenes felsemus* 
mauerte Gletscherthal, das von dem grossen Valaorey- 
Gletscber ausgefüllt ist. 

Zur Rückreise standen uns drei verschiedene Wege 
offen. Erstens derjenige , auf welchem wir hinaufgestiegen 
waren. Zweitens hatten wir die Wahl von dem Feispat, 
auf welchem wir wenige Schritte unterhalb dem Gipfel 
unsere. Lagerstätte ausgesucht hatten, quer an den er- 
weichten Schneehüngen des westlichen Absturzes auf 
der Seite des Thaies von Etroubles nach der Gratemsen- 
knng zwischen der Mont Velan-Masse und der Pointe de 
Menouve niederzusteigen, und von da den Gletscher von 
Proz zu betreten, wo wir mit dem am Mergen von uns 
eingeschlagenen Wege zusammengetroffen wären. Drit- 
tens konnten wir über den Valsorey-Gletscber hinunter- 
steigen, und dureh das Valsorey-Tbal hinans nach St. Pierre 
gelangen , wohin wir für jeden Fall unser Gepäcke hatten 
befördern lassen. Obschon dieser letztere Weg der Firn- 
schründe wegen etwas gefährlich schien, und auch mehr 
Zeit in Anspruch nahm als jeder der beiden andern , so 
leuchtete er uns doch vorzugsweise desshalb ein, weil er 
uns dureh die Geheimnisse eines neuen uns noch fremden 
Gletscherreviers führte. Die beiden Führer waren bald 
mit unserem Wunsche einverstanden, und um V/ 2 Uhr 
setzten wir uns in Marsch. 

So köstlich und begeisternd der Augenblick der An-? 
kmft auf dem Gipfel eines hohen Berges ist, wenn der 

7 



— 98 — 

Gwiuss einer herrlichen Aussicht den muthigen Besteiger 
in ungetrübter Klartieit überrascht, so schwer ist der 
Augenblick des Scheidens, so schmerzlich ist es, eine 
solche weit über den Grenzen des gewöhnlichen Men- 
schenverkehrs liegende Stätte 20 verlassen, und wieder 
nach der fernen Fläche des Thaies, in das oft so flache 
Treiben der Menschen zurückzukehren; unwillkürlich von 
dem peinlichen Gedanken erfüllt, diesen Ort reichen Ge- 
nusses nie mehr zu betreten. Man kann sich kaum zum 
Weggehen entschliessen, man zögert mit jedem Schritt, 
und sucht stets noch mit flüchtigem Blick die interessan- 
testen Bilder des Umkreises zu erhaschen, um sie fest 
dem Gedäcbtniss einzuprägen. 

Wir hatten unsere Zeit gut zu Rathe gezogen, wir 
hatten das grossartige Panorama bis ins Einzelne durch- 
forscht, vermittelst des vortrefflichen Tubus meines Reise- 
gefährten alle Verschlingungen der Gebirgsketten ausge- 
späht, die einzelnen Gebilde aufs Genaueste beobachtet, 
die entferntesten Gegenstände ins Auge gefasst, so dass 
das Gesehene unserem Geiste stets in seineir ganzen 
Schönheit und Treue vorschweben wird. Gleichwohl hät- 
ten wir uns noch stundenlang mit ungeschwächter Be- 
geisterung seiner Betrachtung und Bewunderung hingeben 
können, wenn nicht die vorgerückte Zeit und die Gefahr, 
auf misslichen Wegen von der Nacht überfallen zu wer- 
den, uns ernstlich den Rückzug geboten hätten. 

Wir marschirten zuerst ganz ungenirt über den sanft 
geneigten Firn, den Pfeilern entlang , welche in dem Masse, 
wie wir tiefer stiegen, als riesige Marksteine zwischen 
Wallis und Piemont sich zu unserer Rechten emporrich- 
teten. Diese Pfeiler waren auf der Nordseite mit einer 
nach dem Firn verlaufenden Schneedecke bekleidet, wäh- 
rend sie südwärts in schroffen Felswänden abstürzten. 
Nicht lange waren wir über die schöne Firnfläche dahin 
gewandert, als deren plötzlicher, steiler Abfall und mäch- 
tige Schrunde uns nöthigten, zum Felsgrate unsere Zu- 



— »9 - 

flacht zu nehmen, der jene Pfeiler bildete. Weiter eben 
wäre' es kaum möglieh gewesen, über diesen hinwegzu- 
schreiten, weil die emporstrebenden Pfeiler, in die er ach 
auszackte, in gewissen Distanzen durch tiefe Einschnitte 
unterbrochen waren. Hier aber gestaltete sieh der Grat 
zu einer zusammenhängenden Felsenkante, welche jedoch 
sehr steil abfiel. Das Hinunterklettern war daher etwas 
schwierig. Kopf und Auge mussten fest und sicher sein, 
um nicht zu schwindeln. Zur linken Seite fielen jähe 
Firnhalden gegen den wildzerklüfteten Hochfirn ab, zur 
Rechten fussten die schroffen Felswände im Thalkessel 
von Ollomont Das rauhe zum Theil verwitterte Gestein, 
aas welchem die einige Schuh breite Oberfläche der Fei* 
senkante bestand, erleichterte jedoch das Vorrücken. Wir 
kletterten behutsam abwärts, bis wir uns ungefähr im 
Niveau befanden mit einer unteren flachen Terrasse jenes 
Hochfirnes, den wir beim Beginn seines ersten steilen 
Abfalls hatten verlassen müssen, um uns dem sichern 
Felsen zuzuwenden. Eine fast trichterförmige Kluft trennte 
uns aber noch von dem flachen Firnrücken. Um auf die- 
sen zu gelangen , mussten wir uns der abschüssigen, har- 
ten, schneeigen Trichterwand entlang quer hinüber ziehen. 
Bei einer früheren Tageszeit wäre diess kaum möglich 
gewesen, ohne mit dem Beil Stufen in die Wand zu 
hauen. Jetzt war die oberste Scbneekruste so weit durch 
Schmelzung gelockert, dass wir solcher Nachhülfe .ent- 
behren, konnten. Wir erreichten denn auch glücklich die 
Firnebene; aber obwohl sie 'sich in saniter Abdachung 
hinunterzog, und der Firn dem äusseren Schein nach 
wenig zerklüftet schien, so befanden wir uns der ver- 
borgenen Schrunde, und der erweichten und daher nicht 
mehr ganz tragfähigen Firnmasse wegen, auf etwas ge- 
fährlichem Boden. Es wurde desshalb das lange Seil zur 
Hand genommen, und jeder musste sich dasselbe, in hin- 
reichender Distanz von seinem Vordermann, um den Leib 
binden lassen. DorsaJ, selbst an das Seil gebunden, 

7» 



— 100 — 

sohritt behutsam voran, tnid prüfte fast jedesmal, bevor 
er welter schritt, die nächste Stelle der vor ans sich 
aasbreitenden Firndecke, ob sie uns zu tragen vermöge. 
So ging es mathig über den glänzenden Teppich vor«» 
Wirts, den tiefer gelegenen Schneeterrassen zu. Wohl 
nrassten einzelne, ans mit offenen Rachen angähnende, 
Schlünde, deren Tiefe wir nicht zu ermessen vermochten, 
mit Vorsicht umgangen, andere mit keckem Sprung über- 
schritten werden. Zuweilen versank das eine Bein eines 
der Wanderer plötzlich in einer verdeckten Spalte, deren 
Dasein man selbst bei der grössten Aufmerksamkeit nicht 
ahnen konnte, und es fühlte sich freischwebend in einem 
luftigen Räume ; aber das schützende Seil Hess den lieber» 
raschten nicht weiter sinken, and es bedurfte einer ge- 
ringen Anstrengung, um sich auf den sicheren Grund 
hinauf zu schwingen* 

Allmälig erhob sieh die Masse des Hont Velan wie- 
der in Riesengrösse über unsern Häuptern empor. Das 
Firnrevier, das wir durchwanderten, nahm je mehr und 
mehr die Gestalt eines zwischen hohen Wänden einge- 
keilten Thaies an, dessen Boden noch die staffeiförmige 
Bildung beibehielt, die wir schon wahrgenommen hatten. 
Hit der Tiefe nahmen aber die zwischen den Thalstufen 
aasgespannten flachen Zwischenräume an Längenausdeh- 
nung zu, und wir sahen, wie zu unseren Füssen der 
grosse Valsorey-Gletscher, welcher sich allmälig 
der Firnmasse entwindet , bereits das Bett eines fast eben 
fortlaufenden Thalbeckens von beträchtlicher Längenaus- 
dehnung in seiner ganzen Breite ausfüllt Wie viele hun- 
dert Fuss dick die Firn- und Eismasse auf dem eigent- 
lichen Thalgrunde lastete, konnten wir nicht beurtheilen* 
Der Wind hatte zu dieser abgeschlossenen Wildniss 
keinen Zugang mehr; mit intensiver Kraft reflektirte das 
Sonnenlicht von dem blendenden Firn. Statt des Frostes 
in der Höhe empfanden wir eine tot unerträgliche Hitze, 
Blaue Schneebrillen vermochten zwar unsere Aagen vor 



— 101 — 

der Blendling zu sobütaen, aber die Haut des Gesiebte« 
und Halses mussten wir den zerstörenden Elementen Preis 
geben. — Staunend betrachtete unser Auge die unge* 
heuern, drohend übereinander geschichteten and wildzer» 
Uüfteten Firnmassen, welche von den Seiten wänden des 
Mont Velan in unersteigliehen Bollwerken gegen das Firn- 
thal sich niederzuwälzen schienen. Jede Fernsicht war 
längstens verschwunden. Zu unserer Rechten traten die 
Aiguilles de Valsorey als eine hohe kahle Felsen-* 
nmuer mit vielfach ausgesackten Zinnen am Südrande des 
Gletscherthaies unmittelbar aus dem Eise empor. Ueber 
die tiefste Einsenkung des Grates, der sich von den Aiguilles 
de Valsorey nach dem Mont Velan hinaufsieht, soll es nicht 
sehr schwierig sein, nach Ollomont hinüber zu steigen. 
Dorsat sagte uns, dass Männer von dort diesen Pass ge- 
brauchen, um an dem Felsgehänge des Mont Velan Mi-* 
neralien zu suchen» Etwas weiter vorwärts hatten wir die 
majestätische Masse des Grand Com bin, dessen be- 
gletsoherte Felsenwände fast senkrecht gegen den Val- 
sorey-Gletseher abstürben, fortwährend im Gesichte. Dorsat 
betrachtete diese mächtige Berggestalt mit prüfenden Blicken, 
und meinte, es sollte möglich sein, ihren höchsten Gipfel, 
und zwar gerade von dieser Seite aus , zu erklimmen. 
Wir bewunderten die grossartige Seenerie unserer Um- 
gebungen , und schritten munter vorwärts durch die schöne 
Firnwtiste. Da sahen wir, durch Dorsat, der sie mit sei- 
nem kleinen Jägerperspektive erspähte, darauf aufmerk- 
sam gemacht, auf einer mit sparsamer Weide geschmückten 
Felsenhöhe zu unserer Linken eine Gemse ruhig grasen. 
Sie schien unsere Nähe nicht zu ahnen. Ein greller Pfiff 
der Führer machte sie aufblicken und davonjagen. — 
Eine letzte steil abschüssige und von weiten Klüften zer- 
rissene Thalstufe zwang uns neuerdings den Firn zu ver- 
lassen, und uns eine Strecke weit längs den Schnee- und 
Geröllhalden des nördlich von uns liegenden Berggehän- 
ges hinzuziehen, um den flachen Gletsoherboden in der 



— 102 — 

Tiefe zu gewinnen. Unten am Fetegehänge angelangt, 
betraten wir das feste Eis des Gletschers. Hier bedurfte» 
wir des Seiles nicht weiter , weil keine trügerische Schnee- 
decke mehr dem Auge die verborgenen Schrunde verbarg. 
Zahlreiche Spalten, die rasch auf einander folgend den 
Gletscher quer durchzogen , und oft von bedeutender 
Längen- Ausdehnung waren, Hessen uns zwar Anfangs 
nicht so geschwind vorrücken, als wir es wünschten, 
doch auch diese Spalten wurden zusehends seltener und 
kleiner, so dass wir zuletzt die schöne Gletscherfläche 
im Laufschritt durcheilen konnten. Da wo der Valsorey- 
Gletscher den Fuss des Grand Combin berührt, biegt er 
sich in sanfter Krümmung gegen Norden um. Kurz vor 
seinem Auslauf vereinigen sich mit ihm zwei' andere 
Gletscher. Der eine kommt zur Rechten vom Mont Com- 
bin hinunter und trägt den Namen Glacier de So na- 
don. Der andere bricht zur Linken aus den Firnbuchten 
des Mont Velan hervor und heisst: Glacier de Tzeu- 
dey. In dem scharfen Winkel, der durch den Zusammen- 
stoss dieses letztgenannten Gletschers mit dem Valsorey- 
Gletscher entsteht, befindet sich ein temporärer See, der 
sich zur Zeit der Frühlingsschneeschmelze dort erzeugt, 
und gewöhnlich in der zweiten Hälfte Juli, wenn sich 
das Wasser eine unterirdische Bahn durch das Eis ge- 
fressen hat, ausläuft. Dieser kleine See oder Wasser- 
sammler wird la Gouille de la Vassüe oder la 
Grande Gouille genannt, und soll, gleich dem Aletsoh- 
See, schwimmende Eisblöcke tragen, die von dem Zu- 
sammenstürzen der Uferwände herrühren. Die Felsspitze, 
an deren Fuss sich die Grande Gouille befindet, wird 
Montagne de la Gouille oder auch Mont Noir 
genannt, und bildet die äusserste Spitze des Felskammes, 
der sich zwischen dem Valsorey- und Tzeudey-Gletecher 
von dem Gipfel des Mont. Velan herunterzieht. Wir rich- 
teten unsere Schritte nach der „Grande Gouille" hin, 
fanden aber nur den ausgetrockneten Trichter, und auf dem 



— 403 — 

leeren Grunde die Eisstücke, die früher auf der Wasser- 
fläche schwammen* Was den G.lacier de Sonadon 
betrifft, so ist die Eismasse da, wo sie sich mit dem 
Valsorey-Gletscher vereiniget, nur von geringer Mächtig- 
keit, und besteht eigentlich nur ans dem Eisabiall und 
der vorgeschobenen Gandegg des auf den höheren Fels- 
eätzen lastenden Gletschers. Schon bevor wir dem Sona- 
don-Gletscher nahe getreten waren, hatten wir einen 
kleinen Seitengletacher bemerkt, der an dem Felsenfnss 
-des Gr. €ombin gegen den Thalkessel des Valsorey- 
-Grletschers hinabsteigt, und von unsern Führern Glacier 
de la Lisette genannt wurde. — Vier ganze Stunden 
lang waren wir nun fast ununterbrochen über Eis und 
Schnee hinuntergestiegen, als wir endlich das Ende des 
Gletschers erreichten, der mit steilem, gebrochenen Ab- 
stürze in den hintersten Boden des Valsorey-Thales ab» 
fallt. An der Stelle, wo der Absturz begiqnt, traten wir 
ab dem Gletscher , indem wir die niedrige östliche Rand- 
moraine, d. i. den Felstrümmerwall, der die Ränder 
eines jeden Gletschers in mehr oder minder mächtigem 
Masse bekleidet , überschritten, und mit Wollust den Fuss 
zum ersten Mal wieder auf weichen, grünen Rasen setz* 
4en. Zur Seite des Gletscher-Absturzes auf schmalem 
Sehafwege durch eine Bergverklüftung niedersteigend, ge- 
langten wir nach einer halbstündigen Wanderung zu den 
vor uns liegenden Alpenhütten von Valsorey, wo wir den 
trockenen Gaumen mit frischer Milch erquickten. 

Der Abend rückte heran. Die Wanderung durch das 
baumlose Alpenthal von Valsorey hinaus, auf gebahn* 
ten Pfaden, war ein labender Spaziergang. Vor unseren 
Blicken, in weiter Entfernung, und doch so scharf und 
deutlich hinter den. sonnigen Berghöhen im reinsten Hori- 
zont ausgeschnitten , zeigte sich in der Flucht der engen 
Thaiöflnung der gezackte Gipfelkamm der Dent du 
Midi bei St Maurice, .deren Anblick in uns die lebhafte 
Erinnerung an ihre. vor. 14 Tagen, vollbrachte Besteigung 



- 104 - 

hervorrief. Die näheren Gebirge mit Ihrem grünen Alpen« 
teppicb oder ihrem Felsenkleide prangten me verklärt 
in dem herrlichsten Lichtschimmer der Abendsonne. Ueber 
uns wölbte sich der wolkenlose Himmel im schönsten Blas. 
Hin und wieder mussten wir stille stehen, und einen Blick 
rückwärts senden nach dem Biesengebilde des Mont Veto, 
der wieder seine ganze Majestät entfaltete, and dessen 
reine Firne wunderschön im milden Gold der Abendsonne 
leuchteten. Unsere Gedanken verweilten mit Wonnegefühl 
auf jener blendenden Schneekuppe, die in sanfter Kugair 
form zwischen den seharfgezackten Felsenpfeilern hervor* 
tauchte, und auf deren funkelndem Teppich wir vor weni- 
gen Stunden noch eine Welt zu unseren Füssen bewundert 
hatten 1 — Wir hielten uns fortwährend am rechten Ufer 
des ungestüm daherbrausenden Thalbaches, la Dranse 
de Valsorey genannt, der von den Gletschern des 
Hont Velan genährt wird. Fast an der Ausmündung des 
Valsorey-Thales in das Hauptthal von Entremont stürzt 
sich die Dranse in hohem, sehenswerthem Fall über eine 
Felsenstufe hinunter in die Tiefe einer engen, wilden 
Felskluft , durch deren schauerliches Dunkel sich der wilde 
Gletscherbach mit dumpfem Gemurmel fortwälzt, bis er 
seine trüben Fluthen mit der Dranse des St. Bernhards- 
berges unterhalb Bourg St. Pierre vereiniget Ueber diese 
Kluft fuhrt von St. Pierre der Weg nach dem St. Bern- 
hard auf malerischer Brücke. — Nach einem Marsehe von 
anderthalb Stunden erreichten wir den letztern Ort, der 
beim Ausgang des Valsorey-Thales mit seiner abge- 
schlossenen Gruppe dicht aneinander gebauter steinerner 
Häuser auf grünem Wiesenplan plötzlich zu unsern Füs- 
sen sichtbar wurde. 

Wie verschieden sind die Gefühle, am frühen Mor- 
gen des Auszugs zu einer abenteuerlichen Wanderung, 
wo die Phantasie erfüllt ist mit den Hoffnungen eines 
hohen Genusses, aber auch mit den Ahnungen von Ge- 
Jahren und Mühseligkeiten , und mit Zweifeln des Gelin- 



— 105 — 

geiiB — oder am Abend, wenn man mit gesunden 
Gliedern, mit dem frohen Bewusstsein, das angestrebte 
Ziel glücklich erreicht zu haben, mit einem kleinen An- 
fing von Stolz im Herzen über das bestandene Wagniss, 
vor dem vielleicht Tausende zurückgeschreckt wären; im 
Innern bewegt von dem Gefühl des Dankes für die Be- 
wahrung durch Den, ohne dessen Willen kein Haar vom 
Haupte fällt, das Gemüth tief ergriffen von den Eindrücken 
einer gewaltigen Natur, deren Bilder sich der Erinnerung 
unauslöschlich eingeprägt haben, — an der sicheren Stätte 
anlangt, wo man Ruhe findet für den ermüdeten Kör- 
per, und wo die erregte Seele in angenehmen Träumen 
am Nachgenusse des Erlebten schwelgen kann! 

Von solchen Gefühlen bewegt, hielten wir nach eine 
I2stündigen Wanderung unsern Einzug in Bourg St. 
Pierre, und fanden im Hotel »au Dejeuner de Napo- 
leon* ein befriedigendes und billiges Quartier, — ja, 
gewiss ein harmloseres als der erste Consul Bonaparte, 
als er in den Tagen vom 17. bis 20. Mai 1800 ein Heer 
von 30,000 Mann über den grossen St. Bernhard führte, 
um in den Ebenen Piemonts die berühmte Schlacht bei 
Marengo zu schlagen, welche das Schicksal Italiens, Frank- 
reichs und Europas umgestaltete. — Zum Andenken an 
die Anwesenheit dieses ausserordentlichen Mannes, der 
überall Spuren seines Riesengeistes zurückliess, und der 
unter den eisbepanzerten Riesen des Alpengebirges selbst 
zum Antäos ward, indem er alle Hindernisse besiegt:, 
die sie seinem kühnen Marsch entgegensetzten, winkt 
dem Wanderer jene Inschrift einladend entgegen , und er 
wird sich gern bestimmen lassen, eine kurze Rast zu 
halten, und hier im Schoosse einer immer gleich grossen 
Gebirgsnatur den vergänglichen Geschicken jenes grossen 
Mannes nachzudenken. 



- 107 - 

6. Der Grand Gombin im Wallis. 

Von Gottlieb 8 tu den 
Höhe: 4308 Met. = 13261 Par. F. 

Der grosse Combin ist ungeachtet seiner bedeutenden 
Höhe von 13261 Pariserfoss von den Touristen lange 
Zeit unbeachtet geblieben, und hauptsächlich wohl aus 
dem Grunde, weil, er schweizerischer Seite, seiner zurück* 
geschobenen Lage wegen, aus der Tiefe der Thäler fast 
nirgends — oder doch nur in sehr verkümmerter und 
unkenntlicher Gestalt erblickt werden kann. Es sind z. B. 
einige Stellen im. Hintergrunde des Bagnes-Thales , wo 
man seines östlichen Gipfelabfalles ansichtig wird. Um 
ihn in seiner ganzen Schönheit bewundern zu können, ist 
es nöthig, Standpunkte in weiter Ferne, oder auf hohen 
Bergspitzen zu suchen, von wo aus gesehen sein silber- 
gekröntes Haupt den weissen Scheiteln seines imposanten 
Hofstaates zu entragen vermag. Auf der blauen Wiege 
des Leman, von den fruchtbaren Hügeln der Waadt, von 
den Gipfeln des Jura von der Dole bis zum Chasseral, 
von den Zinnen des Moleson , der Dent de Brenleire, des 
Ochsens und Stockhorns, von den hohen Kämmen der 
Gebirgskette, die das Thal der Rhone gegen Norden ein- 
sehliesst , erscheint dem Forschenden sein lichtes Bild am 
blauen Horizonte. Unter den leicht zugänglichen, nahen 
Standpunkten sind es fast nur die unmittelbaren Umge- 
bungen des Passüberganges Über den grossen St. Bern- 
hard, wo man freilich schon in verkürztem Profil seine 
Riesengestalt neben dem Mont Velan emportaucben sieht; 
aber so wilden und trotzigen Aussehens, dass sie wenig 
zu dessen näheren Bekanntschaft einladet. Dagegen blickt 
der grosse Combin frei und kühn hinüber nach den pie- 
montesischen Alpen und Bergen, und hinab in das schöne 
und fruchtbare Thalbecken von Aosta. Die Bewohnet 



— 108 — 

dieser alten Römerstadt haben ihn täglich vor Augen; 
sie liebep aber mehr ihre sorgfältig gepflegten Weinberge 
und Maisfelder, ihre üppigen Wiesen und Weiden, als 
die nnwirthbaren Gipfel von Eis und Schnee, und es mag 
von dort aus kaum je ein Versuch gemacht worden sein, 
diesen Gebirgsriesen zu bezwingen. 

Bevor wir es nun unternehmen wollen, eine topo- 
graphische Skizze des Gombin au entwerten , so weit uns 
das unvollkommene Studium seiner Lage und Gestaltung 
dazu fähig gemacht bat , müssen wir ein Yerhältniss er- 
örtern, welches leicht zu einer Begriffsverwirrung über 
Marne und Lage dieses Berges führen kann« Degenige 
Gipfel, der sowohl im Thal von Entremont als im Aostar 
Thal unter dem Namen Grand Combin bekannt ist, 
und unter dieser Benennung auf den Karten und in 
Berchtholds Triangulation des Wallis erscheint, ist bis- 
her von den Bewohnern des Bagnes-Thales die Graf- 
fionneyre genannt worden. In diesem Thale aber be- 
finden sich noch zwei andere hohe Gipfel, welche den 
Namen Combin tragen. . Der eine derselben steigt nörd- 
lich von der Graffionneyre, und von dieser durch den 
CorbassiirerGletscher getrennt, mit seiner schönen kegel- 
förmigen Firnspitze als ein Glied jener mächtigen Gruppe, 
empor, welche zwischen dem letztgenannten Gletscher, 
dem Alpenthal von Stfry und dem Thal von Entremont 
aufgestellt ist, und gleieh einem riesigen mit ewigem 
Schnee und Eis bepanzerten Festungswall die Graffion- 
neyre beschirmt Die Bewohner von Lourtier und die 
Hirten von Corbassföre heissen diesen Gipfel den Grand 
Combin« Wir wollen ihn fortan zum Unterschiede vom 
eigentlichen grossen Combin oder der Graffionneyre den 
Combin von Corbassi&re nennen. Es ist unzweifel- 
haft diejenige Spitze, welche nach den Messungen von 
Berebtold und Müller eine Höbe von 12868 Fuss über 
dem Meere hat Der andere Gipfel gehört der näm- 
lichen Gebbgsgruppe an, steht aber etwas mehr gegen 



- iod — 

Nordwesten vor, und bildet einen Theil des Kammes , de? 
das Bagne-Thal vom Entremont-Tbal scheidet Er ist 
bei den Bewohnern dieser beiden ThKler unter dem Na- 
men „Petit Com bin" bekannt, und hat nach Berchtold 
und Müller eine Höhe über dem Meere von 11337 Fuss. 
Indem er sein breites begletschertes Hanpt gegen Norden 
kehrt, wird er seiner Form und Höhe wegen zuweilen 
mit der Graffionneyre verwechselt. Sein nördlicher Ab* 
stürz fasset in dem hintersten Grunde des Bergthaies von 
Slry, während er durch den Firnkamm der File de Follat 
mit dem Combin von Corbass&re, vermittelst des hohen 
Grates der Chaine de Maison blanche aber mit dem West- 
ende der Graffionneyre oder des grossen Combin ver- 
banden ist, mit dessen Topographie wir uns in einigen 
Andeutungen beschäftigen wollen. 

Der grosse Combin liegt auf der Grenze von Wallis 
und Piemont, kn Hintergründe des Thaies von Corbas- 
Biire. Dieses abgelegene, den Blicken des Touristen fast 
entzogene, Hochthal ist eine südwärts sich hineinziehende 
Verzweigung des Thaies von Bagnes. Es mündet gegen- 
über der Häusergruppe der „Granges neuves* in das 
Hauptthal aus, und oberhalb der äussersten steilen Berg- 
Btufe ist die Thalsohle ihrer ganzen Länge nach mit dem 
Eiskörper des Corbassi&re- oder Säry-Gletschers 
ausgefüllt. Dieser Gletscher, dessen äusserste Grenze hoeh 
oben an jener Stufe liegt, so dasB er aus der Tiefe des 
Bagnes-Thales kaum wahrgenommen werden kann, zieht 
sich bei einer Breite von vielleicht einer Viertelstunde 
zwischen den hohen Gebirgskämmen, die ihn zu beiden 
Seiten einschliessen , 'Stufenförmig aufwärts. Zwischen den 
einzelnen, durch die Bödenformation bedingten, Stufen oder 
ansteigenden Stellen des Gletschers, wo derselbe in wild- 
zerklüfteten, drohend aufeinander gethürmten Eisgestalten 
jedem menschlichen Fusstritte den Zugang verwehrt, dehnt 
er sich wieder in fast horizontalen Strecken aus, wo die 
Eisfläche nur von schmalen Spalten durchzogen ist, und 



- 110 — 

leicht überschritten werden kann. Zwischen der Becca 
de Plan Golin und dem Combin.de Corbassi&re biegt 
flieh der Gletscher nach Südwesten um, und dort ist es, 
wo sich aus dessen hintersten Hoehfirnen, welche bei dem 
Biegungspunkt eine Höhe von etwa 8000 Fuss über dem 
Meere erreicht haben mögen, längs dem Südrande des 
Gletschers die breite Gestalt des grossen Gombin noch 
5000 Fuss hoch emporschwingt — weniger durch kühn 
aktwickelte Formen, als durch seine gewaltige, fast schwer- 
fallig anzuschauende Masse, und das blendende Weiss 
seines reinen Firsgewandes die Bewunderung auf sich 
siebend. Das schroffe Gehänge des Berges ist durch- 
gehends mit ewigem Eis und Firn bekleidet, und nur an 
einzelnen kleinen Stellen kommt der nackte Fels in glat- 
tem Absturz zum Vorschein. An das Gehänge lehnt sich 
ein Felsenriff, das gegen den Gletscher hinausragend einen 
vorgeschobenen Fuss des Berges bildet, gleichsam den 
ersten Tritt der Riesentreppe, die zu dem Gipfel hinauf- 
führt. Die nach Osten gewendete Seitedieses Riffes stellt 
sich als eine vertikale Felswand dar. Der flache oder 
doch nur sanft gebogene Rücken desselben ist mit einer 
Schneedecke belastet, welche längs dep oberen Rande 
des kahlen Fels^bsturzes ebenfalls scharf abgeschnitten 
ist , und das Auge ihre Mächtigkeit beurtheilen lässt, die 
wohl auf 40 — üO Fuss angeschlagen werden darf. — 
Südwärts stuft sich der grosse Combin in unersteigbaren 
glatten Eis- und Felswänden theils unmittelbar in den 
tiefen Kessel des Bergthaies von Ollomont, theils nach 
einer vorspringenden Gruppe wilder Horngestalten ab, 
zwischen deren schwarzen Spitzen zerklüftete Gletscher 
in zungenförmigen Gestalten gegen jenes Thal hinunter- 
hängen — und so wie er sich von Norden her durch 
sein leuchtendes Scbneegewand auszeichnet , kehrt er den 
üppigen Baumgärten des Valpellines und den Weinbergen 
von Aosta, so wie den reichen Alpen und zahllosen Berg- 
gipfeln von Piemont und Savoyen vorzugsweise sein 



- in - 

dunkles Felsenkleid zu. — Der höchste Grat des 
Combin läuft in seiner Normalrichtung von Westen nach 
Osten, and schwingt sich zu mehreren Gipfelerhebungen 
empor. Die westlichste Spitze, wir wollen sie mit a. 
bezeichnen, mag auf 12000 Fass Höhe ansteigen. Sie 
krönt die eisbedeckten Felswände des westlichen Ab- 
sturzes , die sich fast stufenlos bis in das Thal des gros- 
sen Valso rey-Gletschers hinabsenken, und auf ihren 
steilen Flanken mit den Gletschern von Sez de Mätain 
und Sonadon belastet sind, von denen der letztere bis 
in jenes Thal hinunterreicht. Ton der Spitze a. steigt 
der schmale Kamm steil und scharf nach der zweiten 
und höchsten Spitze (b) empor, welche sich 13261 Fuss 
über dem Meere erhebt Nordöstlich von derselben lehnt 
sich eine dritte, etwa 100 Fuss niedrigere Spitze an, 
die wir mit c. bezeichnen wollen. Beide sind mit einan- 
der durch einen eingesenkten Schneegrat verbunden, und 
stehen so dicht aneinander, dass z. B. aus nordöstlicher 
Richtung betrachtet , sie einem und demselben Gipfel an- 
zugehören scheinen. Die Spitze c. ist die einzige, bis 
dahin erstiegene, Spitze des Combin. Sie steigt als steiler 
Kegel am Bande eines Firnplateaus empor, das sich niit 
seiner gegen den Südabfall scharf begrenzten Kante in 
fast horizontaler, südöstlicher Richtung gegen die ausser* 
ste östliche Spitze (d) hinüberzieht. Dieselbe mag immer- 
bin eine Höhe von 12000 Fuss behaupten. Ostwärts ist 
sie in breiter schroffer, mit Eis bepanzerter Felswand 
abgerissen. Am Fusse dieser Wand breitet sich ein 
scbneexeiches Bedien aus, welches gegen Norden von 
den Abstürzen der Becca de la Liaz, gegen Süden 
von dem scharfkantigen Grat der Tour de Boussine 
und der Pointe de Boussifre umschlossen ist, welche 
beiden Kämme von der Spitze d. ausgehen. Aus jenem 
Becken drängt sich auf stark geneigter Terrasse der Glet- 
scher von Zessettaz gegen die steilen Abstürze der 
Montagne de Boussine vor, den oberen Rand dieses 



— 112 — 

Berges mit seinen thurmförmig aufgezackten Eismassen 
belastend. Der südliche Abfall der Spitzen c. und d. 
bildet die furchtbare Wand eines tiefen Kessels, in wel- 
chem der Gletscher von Mont Durand seinen Ursprung 
nimmt. Derselbe windet sich in östlicher Krümmung hin- 
aus, und mündet zwischen den Alpen von Chermontaae 
und Boussine in das Thal der Dranse, dessen Grund 
er mit seiner gewaltigen Masse eine ansehnliche Streeke 
weit vollkommen sperrt, so dass sich der Thalbach sei- 
nen Weg tief unter dem Eise hindurch, der Wanderer 
aber den Seinigen über die wellenförmig aufgeworfene 
Eisfläche des Gletschers suchen muss. Zwei hohe Gräte 
dämmen das unwirthbare Seitenthal des Durand-Gletschers 
ein. Der eine wird durch eine Abzweigung des Haupt- 
kammes der Alpenkette gebildet, welcher sich vom Com- 
bin in mehr südlicher Richtung nach dem Mont Avril 
und dem Col de Fenßtre hin erstreckt; der andere stuft 
sieb von der Spitze d. über die blendende Spitze der 
Tour de Boussine nach der Alp Boussine hinab, und 
trennt das Thal des Durand-Gletschers von dem Becken 
des Gletschers von Zessettaz. — Was die geographische 
Stellung betrifft, welche der grosse Combin im Alpen- 
gebiet einnimmt , so steht derselbe mitten auf dem Haupt- 
kamm desjenigen Theils des penninischen Alpenzuges, 
der sich in mannigfach gebrochener Linie vom grossen 
St. Bernhard ostwärts nach dem Monte Rosa ausdebpt, 
und die Schweiz von Italien scheidet Gegen Norden 
entsendet der Combin zwei Gebirge Verzweigungen , die 
sich von seinen beiden äussersten Endpunkten ablösen. 
Die eine, die westlichere, bildet den fortlaufenden Scheide- 
kamm zwischen den Thälern von Entremont und Bagnes. 
Sie wirft sich in den wilden Gipfeln der Chaine de 
Maison blanche, des kleinen Combin, mit der an- 
grenzenden Gruppe der Follats und des Combin von 
Corbassifere, ferner der Becca de la Laine, der 
Becca de Jazie und der Becca de Midi zu Höhen 



— 113 — 

von 8 bis 12000 Fuss und darüber auf, und endet in 
dem waldumkränzten Alpenrücken des Sixblanc «wischen 
Sembrancbier und Cbables. Die andere östlicher liegende 
Verzweigung scheidet das Thal von Corbassiere von dem 
Hauptthale von Bagnes. Sie trügt die hohen, mit .ewi- 
gem Schnee bedeckten Gipfel, genannt: Becca de la 
Liaz*), Mont de Zemette, Becca de Plangolin 
oder les Autanes de Corbassifere, und endet nach 
kurzem Lauf in der steilen grünen Spitze der Becca de 
Corbassi&re, welche mit der gegenüber aufgerichteten 
Becca de Se'ry, gleich zwei riesigen Wachtthürmeit, 
den engen Eingang in das Gletscherthal von Corbassiere 
beherrscht. 

Nachdem wir versucht haben, dem Leser ein Bild 
von der Lage und äusseren Beschaffenheit des grossen 
Combin und seiner erhabenen Umgebungen vorzuführen, 
gehen wir zu den Bestrebungen über, welche zum Zweck 
der Erklimmung dieses Berges gemacht worden sind. — 
Es ist erstaunlich, was in den letzten Jahrzehenden in 
Bezug auf die Ersteigung hoher, ja der höchsten, Berg- 
gipfel geleistet worden. Was früher nur dem kühnen 
Naturforscher, oder einzelnen Männern, welche der tief 
einwohnende Trieb nach dem Genuss grossartiger Natur- 
anschauungen auf die begletscherten Zinnen der Alpen 
führte, vorbehalten war, das ist jetzt fast alltägliche 
Sache geworden. Wege werden gebahnt auf die unwirth- 
barsten Höhen ; Gasthäuser oder wenigstens Herbergen in 
den Wildnissen des Gebirges, in den Kegionen des ewi- 
gen Eises angelegt. Fast kein Alpengipfel bleibt mehr 
gesichert vor dem menschlichen Fuss. Der Nimbus der 
Unbesteigbarkeit ist von manchem trotzigen Felsenbaupte, 



*) Statt dieses Namens steht auf meiucr Karle der Südtbäler 
des Wallis , gestützt auf die damaligen Angaben von Bernbai d 
Trolltet , irrtbümlich der Name P. de G raffe neyre , welcher dem 
Gr. Combin angehört. 

8 



— ' 114 — 

das bisher für unzugänglich galt, verschwunden. Die 
öden Gletscherhöhen, die tiefgeborgenen Abgründe, wo 
sonst nur des Windes Stöhnen, der Donner des Himmels, 
der Schall der Lawine, der schrille Ton des Königs der 
Lüfte oder der Pfiff eines Gemsthieres ertönte, wieder- 
Italien jetzt nicht selten von dem Jauchzen muthiger 
Wanderer, die dem Echo in seiner Felswohnung rufen, 
damit ihnen aus der schauerlichen Einsamkeit doch eine 
menschliche Stimme entgegenklinge. Was treibt die Men- 
schen hinauf über die Wolken auf die schwindlichte» 
Zinnen hoch in den Himmel ragender Fels- und Eisborge? 
Was treibt sie an , sich während stundenlangen Wande- 
rungen über zerklüftete Gletscher , über scharfgezackte 
Gräte, über Schnee, und nacktes Gestein an schauerlichen 
Klüften hin, Entbehrungen, Anstrengungen und Wagnis- 
sen auszusetzen, welche so selten, und auch dann noch 
in der Kegel nur für wenige Augenblicke, mit dem er- 
warteten Genüsse gekrönt werden ; — sei es , dass Kälte 
oder Ermattung oder der Zeitbedarf zum langen Rück- 
wege den Reisenden zwingen, das Ziel wieder zu ver- 
lassen , nachdem er es kaum erreicht bat ? Bei der ge- 
ringeren Zahl der heutigen v Bergerklimmer liegt wohl der 
Beweggrund in wissenschaftlicher Forschung, oder in je- 
nem tief im Innern der Brust liegenden Gefühl der Be- 
wunderung der erhabenen Bilder der Alpenwelt; in dem 
Streben, sich je mehr und mehr mit ihr vertraut zu 
machen, ihre Schönheiten auch in den verborgensten 
Winkeln aufzusuchen, und keine Mühe, keine Gefahr zu 
scheuen, um sich den köstlichen Genuss zu verschaffen, 
den ein Blick in diese wunderbare Welt von hohem, 
übersichtlichem Standpunkte aus gewährt* Denn da treten 
die oft räthselhaften Verschlingungen der Gebirgssysteme, 
die, aus der Tiefe gesehen, nicht selten nur in verscho- 
bener oder verkümmerter Gestalt erscheinenden Gipfel- 
formen, die geheimnissvoll verborgenen Gletscherthäler, 
die grünen Hochplateau* mit ihren Alpenseen frei und 



— iis — 

offen vor Augen Um jedoch von solchen mit Müh« er- 
kauften Anschauungen den rechten lohnenden Gewinn und 
Genus» zu haben, bedarf ea eines vorhergehenden, Stu- 
diums und eines schon hohen Grades von Kenntniss der 
Berge , ohne die es unmöglich ist , sich in dem von je- 
nen Hochgipfeln aus sich offenbarenden Chaos von nahen 
und fernen Berggestalten zu orientiren, die zu Hunderten 
dem ausgedehnten Horizonte entsteigen. Denn der Haupt- 
genuss auf solchen ungewöhnlichen Standpunkten besteht 
weniger in dem durch den geschwächten Lichteffekt und 
die grosse Entfernung der Gegenstände gestörten Reiz 
der malerischen Schönheiten des Naturbildes, als vielmehr 
darint die Construktion eines ansehnlichen Theiles des 
Alpengebietes , die Verbindungen und den Zug ganzer 
Gebirgsketten und ihrer Verzweigungen, die Form ihrer 
Gipfel, ihre äussere Beschaffenheit, ihren eigentümlichen 
Charakter, die plastischen Verhältnisse des Bodens über- 
haupt, den Lau! der Thäler und Flüsse, die Ausbreitung 
der Vegetation und Cultur mit einem Blicke zu über- 
schauen, — aber auch in dem weiten Kreise der ringsum 
in die Lüfte ragenden Gebirgshäupter manches durch 
nähere Bekanntschaft befreundete, nah und fern auftau- 
chende, durch die Jahrtausende der Zeit gefurchte Ant- 
litz wieder zu erkennen, und sich der mannigfaltigen 
Erlebnisse zu erinnern, die dessen Bekanntschaft vermit- 
telt haben* — Viele jedoch wage» sich aus blosser Mode- 
sucht oder frivoler Neugierde und Renommisterei , ohne 
alle vorbereitende Studien , ohne höheren Zweck, oft unter 
Gefahr ihres Lebens, in jenq Regionen des ewigen Eises. 
Fremde , ohne die geringste Kenntniss des Landes zu be- 
sitzen, kommen aus fernen Gegenden her, wollen die 
berühmt gewordenen höchsten Gipfel der Alpen oder ir- 
gend eine noch ungekannte, nie bestiegene Spitze der 
Gletscherwelt erklimmen, grollen über ihre Führer, wenn 
unübersteigliche Hindernisse i%rem Fortkommen in den 
Weg treten; oder wenn sie, mit Hülfe schwerer Geld- 

8* 



— 116 — 

Opfer, das Ziel erreicht haben , was ist der Gewinn ? 
Mühe und Anstrengung, und Befriedigung der Ehrsucht 
oder Eitelkeit. Sie betreten den Gipfel, erblicken rings 
um sich eine starre Welt von Bergen und Eiswüsten, 
von kahlen Alpen und neblichten Thalgründen , ohne sich 
in diesem Chaos zurechtfinden zu können, ohne zu wissen, 
was sie vor Augen haben, als was sie aus den mangel- 
haften und unzuverlässigen Angaben der Führer schöpfen 
können. Sie schauen in eine fremde Welt hinaus, die sie 
nicht durch bunten Farbenreiz fesselt. An keiner befreun- 
deten Gestalt haftet ihr Auge. Das Gefühl lässt sie kalt, 
und dieses Gefühl innerer Kälte wird bei dem Mangel 
an lebhafterem Interesse und warmer Begeisterung netßh 
gesteigert durch das von äusserem Frost und Ermüdung 
erzeugte Unbehagen — denn die Tage sind selten, wo 
auf hohen Bergspitzen von 11000 Fuss und darüber die 
Temperatur mild , und der Aufenthalt ein behaglicher ist. 
Kaum haben solche Leute daher einen gleichgültigen 
Blick auf die vor ihnen aufgerollte fremde Welt gewor- 
fen, so kehren sie dem Ziel ihres Strebens den Rücken, 
und treten mit Windeseile den Heimweg an. Auf diese 
Weise werden nicht selten Besteigungen des Montblanc, 
des Monte Rosa, der Jungfrau und anderer hoher Berg- 
gipfel unternommen. Solche Unternehmungen sind eine 
Thorheit, und die Leute selbst zu bemitleiden, — denn 
ihr Genuss steht in keinem Verhältniss mit den Opfern 
und Anstrengungen. Weder sie selbst, noeh das gebil- 
dete Publikum, noch viel weniger die Wissenschaft, 
tragen einen reellen Gewinn davon , wohl aber gefähr- 
den sie Gesundheit und Leben, um eines Scheingenusses 
willen, der ihre Eitelkeit kitzelt. 

Im Jahr 1851 drang der Verfasser in der Absicht, 
unter günstigen umständen den Versuch zur Besteigung 
des Grand Combin zu unternehmen , in die Wildnisse des 
Bagnes-Tbales ein. Er genoss die Gastfreundschaft bei 
den Hirten der Alp Corbassi&re, und erstieg in Begleit 



— 117 — 

seines Führers Job. von Weissenfluh von Oberhasle und 
des Gemsjägers Benjamin Felley von Louitier den bis 
damals noch von Niemanden bestiegenen Gipfel des 
Gombin von Corbassi&re, um sieb vorerst in dieser 
ibm fremden Gebirgswelt zu Orientiren, und eine pas- 
sende Stelle zu einem Bivouac am Fusse des grossen 
Gombin ausfindig zu machen , sowie auch die Zugänglich* 
keit des Berges selbst, und die einzuschlagende Richtung 
in Augenschein zu nehmen. Einfallende Nebel und eine 
vollständige Regennacht vereitelten jedoch die Ausfüh- 
rung seines Vorhabens, und er musste den Wanderstab 
weiter setzen, ohne seinen Zweck erreicht zu haben. In 
dem Kopfe des jungen, entschlossenen, Felley blieb aber 
der Eifer zu Auffindung eines Weges auf den grossen 
Gombin oder die Graffionneyre, wie ihn die Bagner 
nennen, zurück. Er munterte seine Kameraden zur Theil- 
nähme auf, und rastete nicht, bis endlich im Jabr 1856 
gemeinschaftlich ein ernster Versuch gemacht wurde. 
Benjamin Felley, sein Bruder Moritz, Kaspar 
Moulin und Juvence Brucbet von Lourtier, alles 
tüchtige Bergsteiger und Gemsenjäger, brachen zu dem 
Zweck im Juli desselben Jahres auf, und trachteten von 
der Ost- und Südseite her, zuerst über die Tour de Bous- 
sine emporsteigend, und wenige Tage nachher von der 
Alp Chermontane aus den Weg über die Kämme des 
Mont Avril einschlagend, den Gipfel" zu erklimmen, aber 
ohne dass ihnen diese Versuche glückten. Gleichwohl 
Hessen sie sich nicht von ihrem, nun einmal mit fester 
Willenskraft gefassten, Vorhaben abschrecken. Wenn sie 
anfangs im Glauben gestanden, die Erklimmung des gros- 
sen Gombin möchte von der Seite des Corbassi&re-Glet- 
schers die meisten Schwierigkeiten darbieten, so waren 
sie durch die Erfahrung belehrt, dass er auf den von 
ihnen eingeschlagenen Wegen unerreichbar sei. Im darauf- 
folgenden August wagten daher die nämlichen Männer 
einen dritten Versuch in der von ihnen bis dahin gemie- 



- 118 - 

denen Richtung, und siebe! er gelang. Am 19« nahmen 
sie ibr Nachtquartier auf der Alp Corbasai&re. Am 20. 
reisten sie zwischen 2 und 3 Ubr von dort ab, drangen 
auf dem Corbassifere-Gletscher vor, bahnten sich ihren 
Weg längs den endlosen Schneewänden hinan, und er« 
reichten um 12 Uhr die von uns mit c. bezeichnete Spitze. 
Ich theile hier den Brief mit, durch welchen mir x Ben}a- 
min Felley im darauffolgenden Sommer die Sunde der 
glücklichen Besteigung des grossen Combin mittheilte: 

Bagnes (Valais) 23. August 1857. 
Monsieur, 

II y a 4 ans, sur le Combin *), oü j'eus l'avantage 
de vous conduire, je pris Pengagement de m'assurer, s'il 
ne serait possible d'arriver sur la cime, appeläe la Graf- 
fionneyre, et de vous en Icrirc. J'al aujourdhui le plaisir 
de vous dire, Monsieur, que nous avons fait cette d6- 
couverte depuis pr&s d'un mois **), et que ces jours 
derniers nous y avons conduit un voyageur Anglais, le 
seul, qui depuis vous ait fait I'ascension du Combin seule- 
ment. Cette fois nous n'avons pas eu moins de 2 pieds 
de neige fraiche ä rompre. Par le temps qu'il fait, il 
serait tr&s facile, d'y retourner cet automne. Persuad£ 
que, t$t ou tard, vous voüdrez vous mfrne jouir de Pad- 
mirable panorama, qu'offre cette cfme la plus flevfo de 
nos Alpes peut-6tre; que lä encore j'aurai le plaisir de 
vous accompagner. 

Je vous präsente, Monsieur, mes salutations bien 
empress£es 

Benjamin Felley. 



*) Bier ist der Combin vou Corbassiere gemeint. 

**) Es irrt sich der Schreiber um ein tranzes Jahr. Die Er- 
steigung geschah Anno 1856. Die daberi^en Ansahen sind aus 
den mündlichen Uerrchien jener Männer selbst pesrhÖpft. 



— 119 — 

So war denn die Bahn gebrochen; eine der höchsten 
Spitzen der Alpen, die man lange für unersteigbar hielt, 
ja fast nicht einmal kannte, ist gleichsam dem öffent- 
lichen Verkehr übergeben, nnd den muthigsten Bergstei- 
gern ein neues, ihrer Aufmerksamkeit würdiges, Ziel In 
die Grenze des Erreichbaren gestellt. Es sollte auch nicht 
lange auf seine Besucher warten. Von zwei Engländern, 
welche, wie jener Brief andeutet, im Jahr 1856 den 
Combin von Corbassiire bestiegen hatten, kehrte der 
eine im Jahr 1857 nach Lourticr zurück, und unternahm 
anter der Leitung von Benjamin und Louis Felley, 
und in Begleitung seines eigenen Führers, Namens Si- 
mon aus Chamounix, die Besteigung, die auch trotz dem 
frisch gefallenen Schnee glücklich gelang, obschon sie 
die Laterne zu Hülfe nehmen mussten, um noch gleichen 
Tages nach der Alp Corbassifere zurückzukehren. Von der 
nämlichen Seite wurde der grosse Combin am 3. August 
1858 von einem Deutschen , dessen Namen der Verfasser 
nicht erfahren konnte, unter der Führung des Moritz 
Felley und Lucian Fi 11 e bestiegen. Während nun 
die Möglichkeit der Besteigung des grossen Combin von 
dem Bagnes-Thale aus infolge der Bemühungen jener 
wackeren Männer von Lourtier gesichert war, denen die 
Ehre der ersten Entdeckung des Weges zukommt, — 
tassten auch einige unternehmende Gemsjäger des Thaies 
von Enrremont den Entschluss, von dieser Seite die Be- 
steigung des Combin zu versuchen. Am 18. Juli 1858 
reisten nämlich die beiden Brüder Daniel und Emanuel 
Ballay, Seraphin und August Dorsaz des Morgens 
um 2 Uhr vom Dorfe St. Pierre, am Fusse des grossen 
St. Bernhards, ab. Sie stiegen nach der Alp En haut 
empor, überschritten den TorrentdelaTrnic, erkletter- 
ten den Felsenkamm der „Maison blanche", welcher das 
Valsorey-Thal von dem hintersten Becken des Corbas- 
sifere-Gletschers scheidet, und von hier den fast durch 
die Natur des Berges vorgezeichneten Weg verfolgend, 



- 120 — 

den ihre Vorgänger bereits erforscht hatten, gelang es 
ihnen, um 11 Uhr die von den Männern von Bagnes 
zuerst erstiegene Spitze ebenfalls zu erreichen. Die Rück- 
reise nach St. Pierre wurde am gleichen Tage in 6 
Stunden vollbracht. 

Viermal war somit die Spitze des grossen Combin 
von schwachen Sterblichen bezwungen worden. Zum fünf- 
ten Mal waren es die Herren J. Bücher, Mitglied des 
schweizerischen Nationalrathes , in Regensberg , J. J. 
Weilenmann in St. Gallen, der kühne Besteiger des 
Piz Linard, und der Verfasser dieses, welche am 10. 
August 1858 das Unternehmen ausführten, und obscbon 
dasselbe mit keinem günstigen Erfolge gekrönt war, so 
dürfte 'es doch zum Verständniss der Sache dienen, wenn 
ich hier eine kurze Schilderung dieser Expedition folgen 
lasse, — um so mehr, als uns über die vorhergegan- 
genen jeder einlässliche und belehrende Bericht fehlt. 

Es war an einem schönen Sonntag- Abend, als wir 
drei Bergwanderer, nachdem wir den rauhen Gebirgs- 
kamm, der zwischen dem Nendazthal und dem Thal von 
Bagnes aufgepflanzt ist, überstiegen hatten, im Dorf 
Lourtier ankamen. Lourtier ist das hinterste Dorf im 
Bagnes-Thale , und liegt bereits 3429 Fuss über, dem 
Meere. Auf der kurzen Strecke ebener Strassenbahn, 
die durch das Dorf führt, belustigten sich bei unserer 
Ankunft mehrere junge Männer mit Kugelwerfen, und 
als ich mich nach meinem mir befreundeten Führer Ben- 
jamin Felley bei ihnen erkundigte, biess es, er befinde 
sich auf einem der Maiensässe, etwa 3 Stünden vom 
Dorfe entfernt. — Auf solchen Bescheid muss man sich 
in jenen Bergthälern, wo die Bevölkerung ein fast noma- 
disches Leben führt, um je nach der Jahreszeit den zu 
besorgenden Landarbeiten obzuliegen, nicht selten gefasst 
machen, wenn man nach bekannten Personen Nachfrage 
hält. Ja, man trifft zuweilen ganze Dörfer leer an, deren 
Bevölkerung sammt und sonders ausgezogen ist, und einen 



— 121 — 

im Bereich ihrer zeitweiligen Beschäftigung liegenden 
Stationsplatz bezogen bat, und wehe dem fremden Rei- 
senden, wenn er, ermattet und stärkungsbedürftig, einer 
ihm auf grünem Wiesenplan von weitem entgegenlachen- 
den Häusergruppe in der freudigen Erwartung zueilt, 
dort zu finden, wessen seine lechzende Zunge oder sein 
ausgehungerter Magen bedarf, und ihn dann' in den Gas- 
sen lautlose Stille umgiebt, und er jegliche Wohnung, 
bei welcher er anklopft, verschlossen findet Bitter ge- 
täuscht wird er die unheimliche Stätte verlassen, und 
mit weniger sanguinischen Hoffnungen die benachbarte 
Ortschaft aufsuchen, wo ihn vielleicht das gleiche Miss- 
geschick erwartet. — Einer jener Männer gab sich als 
der Bruder des Gesuchten zu erkennen. Er nannte sich 
Moritz Felley, bot uns freundlich die Hand, und lud 
uns ein, in seinem nahestehenden Wohnhause Quartier 
zu nehmen, welcher Einladung wir um so williger folg- 
ten, als sich bekanntlich Lourtier zur Zeit noch in jenem 
Culturzustande befindet , der keine Wirthshäuser und keine 
Restaurants, sondern die freiwillige Gastfreundschaft kennt. 
Der Reisende , der einige Jahre später diese Gegend be- 
tritt, wird vielleicht seinen Wegweiser auf einer heraus- 
hängenden Tafel erblicken, auf welcher in grossen Let- 
tern der Name „Hotel du Mont Combih" zu lesen sein 
wird ; ist doch bereits die Rede davon, für die Fremden, 
die das Thal bereisen wollen, ein Gasthaus auf der Alp 
Mauvoisin, gegenüber dem G&roz-Gletscher, zu 'errichten. 
— * Wir wurden durch die etwas dunkle Küche in das 
Wohnzimmer geführt, wo der lange hölzerne Tisch bald 
mit einer Schüssel Milch, Käse und Schwarzbrod be- 
schwert wurde. Mit trefflichem Appetit ausgerüstet, thaten 
wir dem Dargebrachten alle Ehre an. Während dem 
Nachtessen trat Bernard Trolliet in das Zimmer, und 
begrüsste mich als einen alten Bekannten. Er ist Senn 
auf der Alp Vingthuit, war aber heute, weil es Sonntag 
war, zufällig nach dem etwa 5 Stunden von jener Alp 



- 122 - 

entfernten Dorfe heruntergestiegen , und hatte von unserer 
Ankunft Nachricht erhalten. Trolliet war seiner Zeit der 
beste Gemsjäger und der kundigste Bergmann im Bagnee- 
Thale, und die topographische Darstellung dieses Thaies 
auf meiner Karte der südlichen Wallisthäler beruht we- 
sentlich auf seinen persönlichen Angaben. — Unterdessen 
war es spät geworden. Noch hatten wir keinen festen 
Plan zur Besteigung des grossen Combin gefasst; wir 
wollten Morgen, wenn Benjamin Felley ebenfalls anwe- 
send sein würde, noch nähere Erkundigungen über die 
Beschaffenheit des Weges einziehen, um sodann unsere 
EntSchliessungen zu nehmen. Es war damit keine Zeit 
verloren, indem wir auf keinen Fall weiter vorrücken 
konnten, als nach der 4 Stunden entfernten Alp Cor- 
bassi&re. Mit diesem Vorsätze begaben wir uns nach der 
uns in der oberen Kammer eines nahegelegenen leeren 
Gebäudes angewiesenen Schlafstätte, und konnten uns 
eines leidlichen Schlafes erfreuen. 

Der Tag des 9. August erschien in voller Pracht, 
und brachte Heiterkeit und Wanderlust in das Gemüthe. 
Benjamin Felley war, auf die ihm überbrachte Kunde 
hin, schon in der Nacht hergekommen, und bewillkommte 
mich am Morgen mit sichtlicher Freude des Wiedersehens. 
Während dem Genüsse des Frühstückes, das uns die ge- 
schäftige Hausfrau bereitet hatte, musste er uns über die 
bisherigen Besteigungen des Combin genauen Bericht er- 
statten. Das Wesentliche davon habe ich aber mitge- 
theilt. Im Verlauf seiner Erzählung gerieth er in solchen 
Eifer, dass er ganz unvermerkt von dem ihm nicht sehr 
geläufigen reinen Französisch in seine Landessprache über- 
sprang, und gemüthlich darin fortführ, bis ihm ein don- 
nerndes Halt! zugerufen wurde, damit er sich besinne, 
dass er keine Landeskinder als Zuhörer vor sich habe, 
die das „Kauderwelsch" seines Thaies verstehen. Da wir 
aeinem Bericht entnahmen, dass die Besteigung des gros- 
sen Combin sich ganz ordentlich ausführen lasse, und 



- 123 - 

kein halsbrechendes Wagestück sei, wie denn auch die 
jüngste Besteigung durch einen Herrn aus Berlin heute 
vor 10 Tagen recht gut gelungen war, so vermochten 
wir Angesichts des in strahlendem Glanz erwachten Ta- 
ges der Lust nicht länger zu widerstehen, auch diesem 
Gipfel unseren Besuch abzustatten, und entschlossen uns 
zum Abmarsch. Benjamin und Moritz Felley waren 
willig, uns zu begleiten, und da sie die Hülfe eines 
dritten Führers für notbwendig erachteten, so wurde ihr 
Vetter Kaspar Moulin dazu auserkoren. Der Preis 
ward für jeden Führer auf Fr. 30 bestimmt. Rüstig musste 
nun Hand ans Werk gelegt werden, um die erforderli- 
chen Vorbereitungen zu treffen. Die unentbehrlichen Ge- 
räthsehaften — eine Axt, ein Gletscherseil und mehrere 
Schaffelle als Decken — wurden zur Stelle gebracht 
Sodann musste für den nöthigen Proviant auf mehrere 
Tage gesorgt werden; denn wir gedachten vom Gombin 
nicht wieder in das Thal hinunterzusteigen, sondern uns 
über das Gebirge nach dem Entremont-Thale zu wenden. 
Mit Schwarzbrod, Käse und Wein war das Haus schon 
versehen. Das Brod war zwar* hart wie Holz. Besseres 
Brod, Zocker, Cafe* u. dgl. Dinge konnten wir uns von 
dem anderthalb Stunden weit entfernten Dorfe Chables 
kommen lassen ; im Gefühl , dass es für unser Vorhaben 
würdiger sei, uns von vornherein mit Entbehrungen ver- 
traut zu machen, wollten wir auf solche Nachhülfe ver- 
zichten. Gleichwohl schickten die Männer einen Boten 
hinunter, um dort Zucker und weicheres Brod zu holen. 
Der Wein war ganz erträglich ; er stammte aus den Be- 
ben von Fully, wo sonst ein vorzüglicher Wein wächst. 
Dort besitzen die hablicheren Einwohner des Bagnes- 
Thaies ihre eigentümlichen Weinberge, die sie durch 
Kauf an sieh gebracht ; wie die Einfischthaler die ihrigen 
in Siders und Salgesch. Ein Besitztbum, 7 Stunden von 
Lourticr entfernt, dessen Besorgung Mühe und Zeitauf- 
wand erfordert, bis das jährliche Produkt am Ort seiner 



— 124 — 

Bestimmung eingekellert ist. Der Wein, der mitgenom- 
men wurde, ward in winzige hölzerne Fässchen gefaest, 
die weit praktischer als die zerbrechlichen Bouteillen oder 
Krüge sind. — Zu dem jungen Käse schickte sich in- 
dessen noch etwas nahrhaftere Speise, und kaum hatten 
wir unsere Zustimmung biefür ausgesprochen, so holte 
einer der Brüder Felley eine gewaltige Hammelskeule, 
welche, seit wenigstens zwei Jahren eingesalzen und aus- 
gedörrt, ihrer Erlösung aus der finsteren Speisekammer 
harrte. Dieses Cabinetsstück war mit einer fast V2 Zoll 
dicken Fettrinde bekleidet , und verbreitete einen Parfüm, 
der bis in weite Ferne drang , und unseren Geruchsorga- 
nen nöthigen Falls auch in finsterer Nacht zum Weg- 
weiser dienen konnte. Diese patente Zugabe zu unserem 
Lebensmittelvorratfa wurde von Felley mit prüfenden 
Blicken angesehen, ob sie uns wohl dienen möge, und 
alsdann, um gesotten zu werden, in den Kessel geworfen, 
der über dem prasselnden Feuer hieng. Unterdessen ver- 
plauderten wir die Zeit, und als uns die Hausfrau von 
dem frischen Bouillon anerbot, nickten wir beifallig zu, 
und freuten uns auf die tlem Magen bevorstehende La- 
bung. Aber, arge Täuschung! Da erhielt jeder von uns 
einen zinnernen Teller voll dunkelgelber Brühe, die von 
starkriechendem Fett strotzte, und auf deren Oberfläche 
allmälig eine Menge kleiner brauner Dingerchen auftauch- 
ten, und darin umherschwammen. £s schienen diess 
Käferlarven oder Maden zu sein, wie sie in der alten 
Gerste vorkommen mochten, die mit dem Fleisch gesot- 
ten wurde, von der aber in der Brühe nichts erschien. 
Man kann sich denken, wie sich unsere Gesichtsmuskeln 
zu reizenden Formen verzogen, als wir dieses Gericht 
gemessen sollten. Kaum gekostet, schob einer nach dem 
andern stillschweigend seinen Teller von sich weg, und 
Hess sich durch die fragende Miene der Wirthin nicht 
irre machen. Wir waren seit der kurzen Zeit unseres 
Hierseins noch keine ächten Lourtianer geworden, um an 



- 125 - 

einem solchen Festtagessen Wohlbehagen zu empfinden. 
Es sollte freilich mit uns noch anders kommen. Drei 
Tage später, als wir auf der Becca de Jazie mit den 
Ueberresten des Fleisches Mittagstafel hielten, schabten 
wir mit Begier die letzten geniessbaren Fasern von den 
Knochen weg x , um uns daran zu erquicken. — Jetzt 
nahten die Zubereitungen zu unserer Expedition ihrem 
Ende, und es handelte sich darum, die verschiedenen 
Gegenstände nebst unserem kleinen Gepäck unter die drei 
Führer zu vertheilen. Aber bekanntlich sind die Walliser 
im Allgemeinen ein bequemes Volk, und nicht grosse 
Freunde vom Lasttragen. Sie meinen, dafür hätten sie 
ihre zähen Pferde und ihre berggewohnten Maulthiere, 
und wenn es immer angeht, reiten sie selbst gern mit. 
Es war uns daher keine grosse Ueberraschung , als die 
Führer den Vorschlag machten, bis zu unserem Nacht* 
quartier auf der Alp Corbassi&re einen ihrer Vierfüsser 
mit dem Gepäcke zu beladen; weil es, wie sie sagten, 
gar so unbeliebig sei , in der Mittagshitze mit der schwe- 
ren Bürde auf dem Rücken den steilen Berg hinanzu- 
keuchen. Wir nahmen keinen Anstand, ihnen diese Er- 
leichterung zu gewähren; da es uns aber drängte, die 
dumpfe Wohnstube einmal zu verlassen, und uns in 
Gottes freier Natur zu ergehen, so wurde ausgemacht,, 
dass wir mit Benj. Feliey vorausgehen, und auf Corbas- 
sifere den Nachtrab erwarten sollten. Gesagt, gethan! 
Es war eine wirkliche Lustwanderung. Ueber uns wölbte 
sich der Himmel wolkenlos in dunkelm Blau. Die steilen 
Gebirgswände , mit dem Teppich grüner Alpen oder 
dunkler Waldung bekleidet, stiegen zu beiden Seiten der 
engen Thalspalte im Glanz der Sonne zu riesenhafter 
Höhe empor. Trotzigen Aussehens war vor unseren 
Blicken thaleinwärts die schwarze Felsengestalt des Mont 
Pleureur aufgerichtet, und verdeckte die entfernteren 
Schneegipfel. Noch eine Strecke weit führte uns der Weg 
dicht dem rechten Ufer der Dranse entlang aufwärts. 



- 126 - 

Dieses gewaltige Wasser, das in des Ungeheuern Eis- 
kellern des Otemma-GleUchers entspringt, und von den 
Gletschern dos Col de Fen&re, des Mont Durand, von 
Zessettaz, Breney, Lire rouge, G&roz und andern mehr 
reichlichen Zuwachs erhält, wälzt sich furchtbar tosend 
und sehäumend in felsigem Strombette daher, und ge- 
staltet sich an manchen Stellen bu mächtigen Wirbeln 
und hoch aufspritzenden Stürzen. Es ist «ine Natur, so 
wild und so grossartig, wie sie nur in den gletscher- 
umkränzten Südthälern des Wallis zu finden ist. ~ 
Ausserhalb den Hütten von ^Granges neuves" (4540') 
setzten wir aui schmaler Brücke an das linke Ufer des 
Stromes über, und betraten einen gebrauchten Alpweg, 
der sich längs den theilweise mit Geröll überführten Gras- 
halden, und zwischen schattigen Gebüschen und kleinem 
Gehölze durch nach einer schmalen Wiesenterrasse hin- 
aufwand, von welcher ipan das oberste Gehänge eines 
ireien Alpenrückens erreichte , der sich an die schroffen 
Basenwände der Beeca de Corbassiere anlehnt, und 
deren äussersten, steil abgebrochenen, Ausläufer bildet 
Nach einem Marsch von 3 bis 3 1 /} Stunden langten wir 
auf dieser lieblichen Berghöhe an. Wir befanden uns hier 
auf dem vordersten Läger der Alp Corbassiöre. Mit- 
ten auf dem schmalen Rücken lag die Alphütte. Rings 
um sie weidete das Vieh, und der Senne trat heraus, 
um uns zu begrüssen. Er bot uns freundlich Milch an, 
die wir auch mit wahrem Wohlbehagen aus vollen Schüs- 
seln genossen. Die rauhe Witterung hatte die Hirten ge- 
zwungen, schon so frühe wieder dieses Läger zu bezie- 
hen, und mit Bedaaern ward uns die Kunde, dass die 
noch etwa 3 / 4 Stunden weiter einwärts gelegenen Hütten, 
wo wir zu übernachten gedachten, leer stehen. Es war 
uns jedoch sehr viel daran gelegen, heute noch so weit 
als möglich vorzurücken. Daher wurde mit dem Eigner 
der Hütte eine Kapitulation angestrebt, und von ihm die 
Zusage ausgewirkt, uns den uöthigen Bedarf von Heu 




— 127 — 

zur Lagerstelle, sowie ein Quantum Milch ,und einen 
Kochkessel durch seine Kriechte hintragen zu lassen. 
Nachdem unsere Gemüther infolge dieser Verständigung 
beruhiget waren, streckten wir uns, in Erwartung un- 
seres Kachtrabes, zwischen dem gemüthlich grasenden 
und schnaufenden, oder zum Wiederkäuen gelagerten Vieh, 
und von der Sonne angelächelt, harmlos auf dem Rasen- 
teppich aus; die einen, einem sanften Schläfchen sich 
überlassend , die anderen jnit Aufmerksamkeit das schöne 
Naturgemälde bewundernd, das sich vor uns entfaltete, 
und uns vom Augenblick der Ankunft an überrascht hatte. 
Da lag zu unseren Füssen, in einer Tiefe von etwa 300 
Fuss, die weissschimmernde , zerklüftete, Eisfläche des 
Corbassi&re-Gletschers, die uns ihre ganze breite 
Stirne darbot. Man hatte vorzugsweise des Gletschers 
unterste Partie vor sich , und gewahrte , wie er sich 
gegen seinen vordersten Abfall ausspitzte, und in dicken, 
mannigfach zerrissenen, Eislappen an dem kahlen Fels- 
gehange hinunterbieng. Thalaufwärts gesehen, stieg er 
in übereinander gethürmten Zacken, Kegeln und Würfeln 
zu einem hohen Bollwerke empor, das den Anblick der 
hinteren Partien des Gletschers den Blicken verbarg. 
Jenseits des Gletschers, den Fuss unter seine Eislaaten 
bergend, erhob sich die schlanke grüne Pyramide der 
Becca v q n S£ry. Ihr zur Linken waren prächtige 
Schneekuppen sichtbar, die unsere Bewunderung auf sich 
zogen. Da dehnte sich der Kamm der File des Fol- 
lats ans, von. dessen bauchigem Schneegipfel sich wild 
gebrochene Firne bis an den Rand des grossen Eisstromfes 
herunterzogen. Zur Linken der Follats schwang sich die 
Masse des Com bin von Corbassiferc mit ihren gleich* 
sam das feste Gerippe bildenden Fclsenkanten, und den da- 
zwischen ausgespannten blendenden Firnwänden zu dem 
schönen weissen Kegel empor, der die Spitze bildet In 
stiller Majestät standen diese stolzen Gebilde vor una, 
Mannend ruhte das Auge au ihren herrliehen Formen, 



— 128 — 

und wurde von der Reinheit und dem Schimmer ihres 
leuchtenden Firngewandes fast geblendet» Lichte Wölk* 
chen spielten 'um die greisen Häupter dieser Riesen, und 
schienen sie mit leichten Banden an das dunkelblaue 
Firmament des Himmels zu knüpfen, während der lange, 
bis tief in die bewohnten Alpen dringende, Gletscherstrom 
gleichsam die starre Welt des ewigen Winters dort dro- 
ben mit dem fröhlichen Reiche bewegten Lebens und 
tippiger Fruchtbarkeit vermittelte. Als dunkler Scbluss- 
rahmen dieses Gemäldes strebte der Gipfel der 8335 Fuss 
hohen Becca de Corbassiere in die Lüfte. — Aber 
siehe! was spitzen die Ziegen auf dem Hüttendach und 
auf den Felsplatten in unserer Nähe die Ohren, und recken 
die Köpfe thalwärts ? was rumoren die Schweine, die dort 
in gemüthlichem Behagen dicht aneinander gelagert sich 
im warmen Sonnenstrahl philosophischen Träumen hin" 
gegeben hatten? Nur die Kühe lassen sich nicht aus 
ihrer Haltung bringen. Eine Bürde, die dem Rücken 
eines Kameeies Ehre gemacht hätte, bewegt sich den 
Berg hinauf, und wie sie näher kommt, streckt ein 
Maulthier seinen Kopf und seine Beine daraus hervor. 
Das flinke Thier nähert sich in behenden Zickzackwen- 
dungen mit seinem Treiber rasch dem Hügel, auf dem 
wir weilen. Ihm folgen in geringer Entfernung Moritz 
Felley und Kaspar Moulin, und bald findet sich die ge- 
sammte Reisecaravane bei einander. — An einer passen- 
den Stelle, oberhalb der Hütte, wurde das Thier seiner 
Bürde entlediget, das Gepäcke unter die Männer vertheilt, 
und wohlgemuth schritten wir der Nachtberberge zu, die 
wir in der Entfernung von etwa % Stunden vor uns er- 
blickten. Ein schmaler, unebener, Weg führte uns den 
begrasten Berghalden entlang, welche sich vom Rande 
des Gletschers nach dem Grat emporzieben, der sich von 
der Becca de Corbassiere in südlicher Richtung über die 
kleine Einsattelung des Col des Pauvres nach der 
Becca de Plangoliti hinzieht, und sieben die Kämme 



— 12? — 

der Becca 4e la Liaz anscUiesst. Der Col des 
P au v res , dessen Höhe wir von unserem Wege aus in 
einer guten Stunde hätten erklimmen können , vermittelt 
einen schwierigen Uebeigang nach der Alp Boccaresse, 
und ins. Haopttbal der Dranse, in das man bei den 
Hütten von Mag&ia hinuntersteigen kann. — Ein armer 
Mensch, der im Sommer den Alpen nachzog, um sich 
seine Nahrung zu erbetteln, soll einst auf diesem Pfade 
verunglückt, und von dajier der Name entstanden sein, 
den mein früherer Führer Weissenfiuh treffend in „ Bettler* 
Lücke" übersetzte. — Eine kurze Strecke weit konnten 
wir über den Gletscher vorrücken. Der Gang über die 
rauhe Eisfläche, auf der wir die gerade Linie einschlu- 
gen, war kürzer .und angenehmer, als den steinigen, durch 
Rnnsen hie und da unterbrochenen, Grashalden entlang. 
Da, wo der .Thalboden eine ziemlich steile und hohe 
.Stufe bildet, über welche der Gletscher in wilder Zer- 
klüftung hinansteigt,, verliessen wir das Eis, und unweit 
dem Gletscberrande , wo aui kleiner Rasenfläche eine 
niedrige steinerne Hütte lag, erreichten wir unser Nacht- 
quartier. Trümpier benachbarter Hütten zeugten davon, 
dass der nahe. Gletscherbach schon beträchtliche Zer- 
störungen angerichtet hat, -und seine Umgebungen fort- 
während bedroht. Der kleine Eingang der Hütte war 
durch aufgethürmte Holzstücke versperrt; denn eine Thüre 
wäre schon zu grosser Luxus gewesen. Per Verhau wurde 
weggehoben, und der Holzvorrath versprach uns treffliche 
Dienste für die bevorstehende Nacht — denn es ist eine 
rauhe, wilde Alp, die schon weit von der Grenze des 
Baumwuchses entfernt liegt Wir richteten uns in dem 
engen, dunkeln Baum der verlassenen Hütte so comfor- 
iabel als möglich ein. Der mitgebrachte Heuvorrath und 
die Schaffelle wurden in dem hintersten, durch Felsplat- 
ten etwas erhöhten , Tbeil ausgebreitet. Am Heerde wurde 
ein tüchtiges Feuer angefacht, und von Kaspar Moulin, 
4er zum Leibkoch der Gesellschaft befördert wurde, mit 

9 



~ 130 — 

Hülfe der Choeolade, womit glücklicher Weise einer von 
uns durch die vorsorgliche Hand seiner Hausfrau ausge* 
rüstet war, ein wohlschmeckender Trank bereitet So 
lange es noch Tag war, wurde die Umgegend unseres 
Nachtlagers gemustert. Die Aussicht von dieser Alp wird 
sehr beengt durch die schroff ansteigende Bergstufe, die 
den Thalwinkel schliesst, und die hohe Gandegg des 
Gletschers, die man vor Augen bat Kaum vermag die 
oberste Spitze des Gombin von Corbasstöre noch da- 
hinter aufzutauchen. Ein etwas vollständigeres Bild ge- 
währt der Firnkamm der File des Follats, und thalaus- 
wärts starren die nackten, spitz ausgezackten, Wände der 
Avoulons und die Becca von SAy an dem nahbegrenzten 
Horizonte empor. Aber mit etwas beunruhigter Miene 
betrachteten wir die düsteren Nebel, die sich immer 
dichter vor den blauen Himmel lagerten, wie unheim- 
liehe Geister an den Gebirgskuppen klebten, und den 
Einbrach der Dunkelheit beförderten, ohne dass ein schei- 
dender Sonnenstrahl durch seinen Abschiedskuss die Firne 
erglühen Hess , und uns selbst durch eine letzte Begrüt* 
sung mit der frohen Hoffnung des Wiedersehens getröstet 
hätte. — Die Choeolade war unterdessen trefflich gera* 
then , und wir versprachen unserem wackeren Moulin eine 
glänzende Empfehlung zu geben , wenn er sich als Ober- 
koch in irgend einem Hotel ersten Ranges anmelden wolle. 
Zu guter Zeit zogen wir uns unter unsere Decken von 
Schafwolle zurück; nicht ganz ohne Besorgniss, das 
Wetter möchte sich für die vorhabende Expedition nicht 
so ganz günstig gestalten; wollte doch auch das beson- 
ders laute Tosen des Gletscherbaohes, und die Melodie, 
mit welcher er uns durch die nächtliche Stille das Wie- 
genlied sang, einem unserer Führer nicht so recht ge- 
fallen. 

Schon um 2 Uhr waren wir alle wieder wach. Das 
Tosen des Gletscherbaches tönte durch das Schweigen 
der Finsterniss wieder an unser Ohr, und wurde nur 



— 131 — 

durch das Knistern de« Feuers gedämpft, das sofort auf 
dem Heerde aogeifindet wurde. Der übrig gelassene Best 
der Ghocolade diente zum wärmenden Frühstücke , und 
wohlgemuth schickten wir uns zum Abmärsche an. Da 
hiess es aber ans dem Munde des bedächtigen Benjamin 
Felley : die Dunkelheit sei zu gross , um auf dem schma- 
len steinigen Pfade vorwärts zu kommen; es sei rathsam, 
so warten, „jusqn'ft Taube du jour". Wirklich war es 
noch tiefe Nacht unter dem schwarzbewölkten Himmel, 
an dem auch kein Sternlein flimmerte, das uns zur 
schwachen Leuchte hätte dienen können. Wir mussten 
uns der Ordre fügen« Es war die erste Geduldsprobe am 
heutigen Tag. Wir sollten deren noch mehrere erleben! 
Das warme Lager Wurde zwar wieder aufgesucht, aber 
die gespannte Erwartung liess uns nicht schlafen. Halb 
schlummernd, halb schwatzend wurde die Zeit des Har- 
rens zugebracht» Endlich trat der ersehnte Augenblick 
ein, wo es hiess: „mettons nous en route!" Es war 
etwas vor 4 Uhr, als wir beim schwachen Chanen des 
Tages die Hütte von Corbassifere verbessen, und einer 
hinter dem andern auf dem schmalen Schafwege hinan- 
stieg, der uns den steilen Schiefer- und Grashalden ent- 
lang auf die Höhe jener Bergstufe führte, die sich aus 
dem engen Thalkessel erhebt In ungefähr einer Stunde 
hatten wir dieselbe erreicht, und uns dem Rande des 
höheren Gletscherplateaus genähert Noch gieng es fast 
während einer halben Stunde längs der immer schmäler 
werdenden Hügelkante zur Seite des Gletschers über die 
von Thau getränkte Schafweide fort, bis wir, das letzte 
fruchtbare Land verlassend, die Moraine und bald darauf 
den Gletscher selbst betraten. Dieser schmale Strich be- 
grasten Landes zwischen dem Gletscher und den steilen 
Bergwänden trägt den Namen: „les herbes de Pan- 
fiossidre", und wird im höchsten Sommer mit Schafen 
beweidet — Der Tag war vollends angebrochen, aber 
düstere Nebel hatten theilweise die Berge auf verdächtige 

9» 



— 132 — 

Weise umhüllt. Erst hier wurden wir des grossen 
Comb ins ansichtig, und sahen, seine stolze Gestalt im 
Hintergrande des Gletschers emportaucben, und während 
sonst über die ganze Gegend ein unheimliches Düster 
schwebte, spiegelten sich dort die herrlichen Firnwände 
golden im Sonnenlicht, und belebten unsere stille Hoff- 
nung, die Königin des Lichts werde über Nebel und 
Finsterniss Herr werden. Vor unseren Blicken dehnte 
sich die Gletschermasse aus, wie mit Panzerringen von 
parallelen Spaltenlinien quer durchzogen. Per breite, in 
mattem Silberschein flimmernde, Rücken zog sich sanft 
ansteigend in terrassenförmigen Anschwellungen gegen 
Westen sich herumbiegend empor, und seine weniger 
zerklüfteten flachen Vertiefungen zeigten uns ungefähr 
die Richtung, die wir zu verfolgen hatten. Auf unserer 
linken Seite war das Gletscherthal wie mit einer 3 bis 
4000 Fuss hohen Riesenmauer von senkrechten Fels* 
wänden eingeschlossen, deren Zinne mit der schöne« 
Schneekuppe der Becca de la Liaz. gekrönt ist. Jen* 
seits des Gletschers, uns gegenüber, thronte auf ihrem 
yorgebogenen Fussgestell, welches eine schöne Firndecke 
wie mit einem Kissen von weisser Seide bekleidete, die 
blanke Kegelspitze des Comb in von Corbassi&re. 
Ihrer Nähe wegen erscheint sie von hier weniger schlank; 
vielmehr in etwas plattgedrückter Form. Die Oberfläche 
des Gletschers war rauh und hart. Wir zogen uns vor- 
zugsweise dem Südrande entlang , wo die schmalen Spal- 
ten nicht das geringste Hinderniss darboten. Es war eine 
Lustwanderung zu nennen , über diese unabsehbaren 
Strecken von Eis hinzuschreiten. Da die Anzeigung eine 
sehr sanfte war, so. gelangte man ohne Anstrengung, ja 
fast unvermerkt, von einer Terrasse zur andern. So wie 
wir die höheren Regionen betraten, nahm allmälig der 
Firnschnee den Platz des festen Eises ein, aber auch 
dieser war fest und gerade so tragfähig ,, dass wir, ohne 
zu gleiten und ohne einzusinken, mit Leichtigkeit darüber 



- 133 — 

hinmarsohiren konnten. — Ein Rudel von 5 Gemsen, 
welche, durch unser Erscheinen aufgeschreckt, mit gros- 
ser Behendigkeit das Weite suchten, bis sie endlich als 
Weine Pünktchen auf der Firnfläche sich verloren , — 
belebte die Einöde, die uns umgab, und über welcher 
die Stille des Grabes ruhte. Schon als wir vom Land 
stiessen, tun den Gletscher zu betreten, hatten uns die 
Führer auf eine Gemse aufmerksam gemacht, welche 
hoch oben auf dem Grate stand, wo der Col des T£n£- 
lons blancs zwischen den Felsen der Becca de la Liaz 
und dem Mont de Zemette eine Einsenkung des Kammes 
bildet, über welche kühne Jäger nach dem Gletscher von 
Plangolin und der Alp Boccaresse (sprich: Bozaresse) 
niederzusteigen vermögen. Das wilde Bagnes-Thal ist 
überhaupt noch reich an Gemsen , trotz dem dass die 
jährliche Patenttaxe auf das Hochgewild nur Fr. 5 be- 
trägt, und trotz dem dass manche Jagdliebhaber es auf 
die Ehre nehmen, und in der Gefahr, entdeckt und mit 
Schwerer Busse belegt zu werden, selbst einen Reiz fin- 
den , ohne Bezahlung der Taxe auf die Gemsjagd zu 
gehen : die unzugänglichen Jagdreviere und Schleichwege 
wohl kennend , wo ihnen weder ein eifersüchtiger Neben- 
buhler, noch ein beeidigter Aufseher ins Gehege kommt. 
Immerhin machen die gewissenhafteren Schleichjäger es 
sieh zur Aufgabe, nur die offene Jagdzeit zu benutzen, 
um dem verbotenen Waidwerke nachzugehen. — Wir 
waren dem grossen Combin jetzt nahe gerückt, und 
konnten dicht zu unserer Seite die wild gebrochenen 
Gletscher-Abstürze seines nördlichen Gehänges betrach- 
ten. Hier möchte es kaum einem menschlichen Fusse 
vergönnt sein, emporzuklimmen! Wir mussten vorerst 
noch jene firnbedeekte vorspringende Felsenstufe um- 
gehen, die sich gegen den Gletscher ausbeugt, um die 
Firne zu gewinnen, die deren Rückseite mit einem wei- 
ten Mantel bekleiden. Am Fuss dieser Firne angekom- 
men, befanden wir uns in dem hintersten Winkel des 



«!_/.. *. 



- 134 — 

Corbassföre-Gletschera. Eine schöne flache Schnee-Ebene 
breitete sich vor uns ans. Lines ihrem westlichen Bande 
sackten sich in scharfen Kanten die obersten Spitzen der 
Ghaine de maison blanche auf, welche das Becken 
des Corbassifere-Gletschers von dem Valsorey-Thale schei- 
det, und fast in gleicher Höhe mit uns, kaum eine Viertel- 
stunde weit , gewahrten wir die schneeige Lücke zwischen 
jenem Felsenkamm und dem Posse des Corabin, über 
welche die Bewohner des Entremont-Thales herttberstei- 
gen, wenn sie den Gombin erklimmen wollen. Wir waren 
bis hieber während ungefähr 2*/% Stunden in anfangs 
südlicher, dann in mehr westlicher föchtung auf dem 
Gletscher fortgeschritten. Jetzt machten wir eipe Wen- 
dung nach Südosten, und begannen in dieser Richtung 
an dem blendenden Schneegebänge gegen den danlieh 
flach ausgespannten Schneerücken jener Felsenstufe hinan- 
zusteigen. Das Gehänge wurde steiler und das Ansteigen 
mühsamer. Wir befanden uns 1 aber auch schon in einer 
ansehnlichen Höhe. Zwischen dem wogenden ftebel hin- 
durch erkannten wir jenseits jener Lücke an den „Mai- 
sons blanche»" , in ungefähr gleicher Höhe mit uns , die 
schön gewölbte schneeige Zinne des Mont Velan, und 
der Montblanc fieng an, sein stolzes Haupt über unsere 
sich beugenden Umgebungen zu erheben. Auch in nord- 
östlicher Richtung tauchten weit entfernte Berggipfel hin- 
ter der Nebeldecke auf, und die liebliche Sonnenbeleuch- 
tung, in der sie wie verklärt zu uns herüberstrahlten, 
gab auch unserer Hoffnung wieder Raum. Der Mangel 
an eigenem Sonnenlicht, denn der Nebel hatte nun auch 
die früher im Goldglanz schimmernden Schneewände .des 
Combin umhüllt, brachte uns zwar den Vortheil, dass 
der Sehnee uns nicht blendete; dennoch warfen die weit 
ausgebreiteten Firne einen eigentümlichen Schimmer von 
sich, dessen Intensivität durch keine dunkeln Gegenstände 
gebrochen wurde , so dass wir es für gerathen fanden, 
unsere Augen mit blauen oder grünen Gläsern zu be- 



;* 



— 135 - 

wafaen« — Während 4l/ t Stunden waren, wir, unausge- 
setzt maxsehirt, so dass es uns bedankte, es sei an der 
Seil, sich durch eine leibliche Stärkung auf die noch be- 
vorstehenden, oder eigentlich erst beginnenden, Strapatzen 
kampffähig su inachen, lütten auf den» Schneeteppich, 
der als ein spiegelreines Tischtuch vor uns ausgebreitet 
Jeg, hielten wir eine kurze Bast Die Proviantsäcke 
worden geöffnet, und die erste Flasche Fullywein mit 
Wohlbehagen geleert Die ausgediente Flasche und ein 
Kjfrbcfaen mit Eiern, die eigentlich weniger zum Ver- 
speisen alß «um Schute gegen die Haut vor dem Reflex 
des Sonnenlichtes und der scharfen Luft hätten gebraucht 
werden sollen, wurden auf der Haltstelle zurückgelassen, 
und mit frischem Muthe der Marsch fortgesetzt Wir 
mnssten an Schneehalden hinanklettern, welche in weiter 
Ausdehnung mit den Eistrümmern herabgestürzter Glet- 
scherstücke bedeckt waren. Das Durchschreiten dieser 
holperigen Masse war etwas unangenehm, und wir waren 
froh, das glatte Firngehänge wieder zu betreten. Mit der 
vorrückenden Tageszeit gestaltete sich die Firnmasse wei- 
cher, und dieser Umstand erschwerte das Steigen, weil 
der Fuss bei jedem Schritte in den gelockerten Schnee 
einsank. Auch der Nebel umgab uns zusehends dichter, 
ao dasa wir nichts weiter unterscheiden konnten, als die 
aufsteigende Schneebahn, die uns fast wie eine natürlich 
angelegte Strasse die Richtung unseres Weges zeigte — 
und die glatten Eishäoge, die in entsetzlicher Steilheit 
die obere Wand des Berges bildeten, deren entlang uns 
jene achmale Schneestufe emporfübrte. Dennoch sprach 
Keiner ein Wort von Umkehr. Wir hatten unser Ziel im 
Kopf; es war uns schon nahe gerückt , und so lange ein 
Funke von Hoffnung auf einen lohnenden Erfolg aus dem 
flimmernden Nebel strahlte, gaben wir unser Vorhaben 
nicht auf. — Unverzagt gieng es vorwärts. Ungefähr in der 
Mitte der Bergeshöhe angelangt, von der Fläche des Glet- 
schers von Corbassfö* bis auf den Gipfelkamm gemessen, 



— 136 — 

verlor sich jene Sehneebafan in ein von tiefen Firnklüftett 
durchzogenes Gehänge, so dass wir sie nicht weiter ver- 
folgen konnten. Wir hatten vielmehr den Punkt erreicht, 
wo wir die Richtung unseres Weges von Südost in Süd* 
west umändern, und trachten mussten, die zu unserer 
Rechten ansteigende steile Firnwand zu erklimmen. Das 
war aber keine so ganz leichte Sache. An der Stelle, 
wo es möglich schien, sie zu erklettern, war dieselbe 
von uns durch eine etwa 2 Fuss weite Kluft getrennt, 
deren Tiefe wir aber nicht ermessen konnten. Zu nahe 
an den Rand dieser Firnkluft durften wir uns nicht bin- 
wagen, aus Besorgniss, die weiche Schneedecke möchte 
unter uns einbrechen, und mit uns in die Tiefe stürzen. 
Die jenseitige Kluftwand stieg noch etwa 7 Fuss über 
das Niveau unseres Standpunktes, oder den diesseitigen 
Rand der Kluft fast senkrecht in die Höhe, und erst von 
da an zog sich das Firngehänge weniger steil empor. 
Es war diess, wie wir uns nachher überzeugten, eigent- 
lich die einzige missliche Stelle der ganzen Wanderung, 
und 8 Tage später wäre der Uebergang infolge der Er- 
weiterung der Spaltenöflhung kaum mehr möglich gewesen. 
Zehn Tage früher konnten die damaligen Besteiger des 
Combin diesen Schlund ohne Anstand passiren. Da- 
mals war der grosse Abstand zwischen dem diesseitigen 
Kluftrand und dem jenseitigen ersteigbaren Firngehänge 
nicht in solchem Masse vorhanden , sondern man ver- 
mochte ungehindert auf diesem zu fassen, so wie man 
den Schrund überschritt Aber auch heute wussten die 
Führer bald Rath. Zwei lange Bergstöcke wurden .in 
einer Höhe von elwa 5 Fuss über der Oefinung der Spalte 
horizontal in die jenseitige Firnwand, fest genug eingebohrt, 
damit sie als Stützpunkte für den Fuss dienen konnten. 
Alsdann liess sich Benj. Felley dem Rande des Scbrundes 
so nahe als möglich auf Hände und Knie nieder. Sem 
Bruder Moritz stellte sich auf dessen Rücken und Schulter» 
benutzte diese sanft sich emporhebende lebendige Treppe, 



* 



- !87 - 

so wie die eingebohrten Stöcke ale Stützpunkte für seinen 
Fnss, und schwang sich dann, mit den Händen tief ein- 
greifend, flink und kräftig nach dem oberen, weniger steil 
abgeschnittenen and in seiner Masse auch mehr gelocker- 
ten, Firngeb&Bge empor, bis er eine sichere Stellung ge- 
wonnen hatte. Als er diese erreicht, wurde ihm das Seil 
angeworfen, ein zweiter Führer band sich dessen unteres 
finde am den Leib, and konnte mit Hülfe desselben nun- 
mehr* leichter hinaufklettern. Auf gleiche Weise wurden 
Wir übrigen und das Gepäcke hinaufgezogen. Nur de* 
letzte Führer musste das Manöver mit etwas mehr Un* 
Bequemlichkeit ausführen, weil er die Stütze der beiden 
Alpenstöcke entbehrte, die man mit dem Übrigen Gepäcke 
hinaufgewunden hatte. Wir waren endlich alle auf sicherem 
Grande angelangt, und blickten etwas beruhigter. nach den 
endlos scheinenden Firnhalden empor, die wir noch zu er* 
klimmen hatten. Die Abdachung war nicht sehr steil, so 
daas wir ohne Schwierigkeit vorrücken konnten ; allein an 
der zunehmenden Beengung des Atbmens, Mattigkeit in den 
Gliedern und Schläfrigkeit, an welchen Erscheinungen fast 
Alle, selbst die Führer, litten, erkannten wir, dtass wir 
bereits eine bedeutende Höhe erreicht haben mussten. Wir 
vermochten nicht mehr, ununterbrochen bergan zu steigen, 
sondern ein öfterer kurzer Halt war ein dringendes Bedarf- 
mse. Einzig Herr Weilenmann blieb von diesen Einwir- 
kungen unberührt, und eilte, gleich einer leichtfüssigen 
Gemse, dem Gros der kleinen Armee voran. Es schien 
wirklich etwas vermessen von Herrn Weilenmann , dem 
sonst vorsichtigen und erfahrenen Bergsteiger, sich bei 
dem drohenden Nebel in diesen unbekannten Regionen eo 
aliein vorauszuwagen ; allein das Bätbsel löste sich, als 
er mir später mittheilte, dass er, schon ungefähr von un- 
serem ersten Haltpunkte an , die Spuren des Deutschen 
verfolgt habe , der am 3. August den Berg bestiegen, und 
welche mit Ausnahme jenes Theils, den eine Lawine mit 
Firnblöcken überschüttet hatte, beständig sichtbar gewesen 



— 138 — 

■den, und zwar je steiler der Hang, je deutlicher. Nur 
auf dem hohen Plateau , das wir bald erreichten , seien 
aie fast verschwunden, am letzten steilen Kegel ab« 
wieder unverkennbar hervorgetreten. Diese Thatsache ist 
ein Beweis, wie lange solche Spuren im Schnee oft hal- 
ten. Wir andern glaubten nur die Spuren unseres Vor* 
gängers Weilenmann au sehen. Nur in der oberen Wand 
jener Firnspalte hatten wir, gerade so hoch, dass wir 
es auch benutzen konnten, ein tiefes Loch von einem 
Stock bemerkt, das noch von der lotsten Reisegesellschaft 
herrührte* 

Nach einem Marsche von nahesu 5 Stunden von un- 
serer ersten Haltstelle hinweg , gelangten wir auf die Höhe 
des schönen Schneeplateaus , das zwischen der Spitze d. 
und c. ausgespannt ist Ein prachtvoller Blick auf die 
jrrossartigen Umgebungen, und über ferne Thäler und 
Gebirge wäre uns hier geöffnet gewesen , wenn der dichte 
Nebel uns denselben nicht mitsogen hätte. Aber nicht nur 
wollte dieser nicht weichen, sondern es begann vielmehr 
in kleinen, reinen, Eiskristallen aus demselben zu schneien, 
und doch hatte er eine solche Helligkeit, dass man jeden 
Augenblick erwartetet die Sonne werde ihn durchbrechen, 
and uns ihr freundliches Antlitz schauen lassen. Kaum 
vermochten wir, in geringer Entfernung von uns, die dem. 
Sehneeplateau in steiler Kegelform entsteigende Spitze e. 
su erkennen, welche unser Zielpunkt war. Sie kehrte uns 
Ihre südliche, in steilen Felsabstürzen abgerissene Wand 
au, während ein Mantel von Schnee die übrigen Seiten 
bedeckte.. Wenn wir gegen den äusseren, scbarfbegrenz- 
ten, Band des Schneeplateaus, das wir nun in nord- 
westlicher Richtung überschritten, vortraten, und dar- 
über hinaus blickten, so weit es der überhangende Firn 
gestattete , so starrte uns ein nächtlicher Abgrund ent- 
gegen. Wir vermochten eben nur die obersten, glatten 
Felsen der diesseitigen Wandung zu unterscheiden. Tiefer 
lag neblicfate Ffosterniss, die das Auge nicht an duck» 



"*?• 



— 139 — 

dringen vermochte. Die Führer sagten mig, in dieser 
Tiefe liege der Gletscher von Ment Durand^ der 
zwischen den Bergen von Cfaermontane und Bousstne in 
das Thal der Dranse ausmündet In diese Tiefe fielen 
anch die Feisabstünse der Spitze e. hinunter. — Als wir 
am; Fasse dieses spitzen Kegels angekommen waren, stand 
uns die letzte mühsame Arbeit bevor» Wir wählten zur 
Erklimmung die schmale, seh wachgewölbte, östliche Wand 
des Kegels, denn das nördliche Gehänge schien dafür in 
steil zu sein, und an der südlichen Felswand emporzüklettern, 
wäre schlechterdings unmöglich gewesen. Glücklicher Weise 
war die Firndecke nicht au hartem Eise gefroren, son- 
dern die etwas weiche Masse gestattete dem Fuss Stapfen 
su treten. So konnte man bei einiger Vorsicht die Gefahr 
des Ausgleitens meiden, und in gedrängten Zickzack» 
Wendungen langsam dem Ziele näher rücken, indem einer 
hinter dem andern die Stapfen seines Vorgängers beflutete. 
Es bedurfte allerdings eines schwindelfreien Kopfes, an 
dem jähen Schneedache hängend, unter sich die Abgründe 
sich erweitern , über sich die steile Kegelwand sieh immer 
schmäler auskeilen au sehen. Gegen den Gipfel au nahm 
die Steilheit ab, dagegen gestaltete sich die bisherige 
Kegelwand allmälig zu einem schmalen, sich ausspitsen» 
den , Firnrücken , in scharfer Kante gegen den südlichen 
Felsabsturz begrenzt, während das nördliche Gehänge in 
seiner obersten Abdachung noch einigen Baum zum siehe*» 
ren Vorwärtsschreiten darbot Nach eider guten Stande 
mühsamen Steigens, vom Fusse des Kegels hinweg, er» 
reichten wir endlich dessen höchste Spitze« Es war 12 9 /« 
Uhr. Wir hatten somit zu deren Besteigung 9 volle Stun- 
den gebraucht. Man durfte dem höchsten, nach Süden 
gekehrten, Rande des schmalen, wenige Schritte lang sich 
ausdehnenden, Gipfels nicht zu nahe traten, weil er ans 
einer Masse leicht brüchigen .Firnschnees bestand, der die 
Felsenkrone des südlichen Absturzes als eine gesimsartig 
vorragende Wand von mehreren Füssen Höbe überwölbte. 



— 140 — 

Die Alpensiöeke konnte man mit Leichtigkeit durch diese 
Masse schlagen, und ein unvorsichtiger Schritt wäre hin- 
reichend gewesen, uns der Gefahr eines rettungslosen 
Sturzes in die Tiefe des Abgrundes auszusetzen. Wir 
wählten uns daher eine sichere Lageratelle an der nörck 
Hoben Abdachung des Gipfels, wo wir uns, 3 oder 4 
Schritte unterhalb dem höchsten Gipfelrande gegen Nor- 
den gekehrt, auf den feinen Firnschnee, der die höchsten 
Abhänge des Combin auf dieser Seite durchgebends be- 
kleidet, niederliessen. Aber welche Gefühle wogten in uns? 
Was war der Lohn unseres Strebens, unserer Beharrlich- 
keit, unseres Muthes? Da sassen wir zwar alle gesund 
und wohlbehalten , aber in gedrückter Stimmung , auf der 
Spitze des grossen Combin, 13000 Fuss über dem Meere, 
und sahen von dem unermesslichon Panorama, das sich 
von hier ans bei klarem Wetter gegen die Schweiz, Sa- 
voyen und Piemont, und noch in weitere Fernen von 
Frankreich und Sardinien ausdehnen muss , auch nicht 
die geringste Spur. Ringsum hüllte uns Nebel ein. Nicht 
einmal die nahen Gipfel äea Combin selbst waren sicht- 
bar. Kaum vermochten wir auf wenige Schritte hin die 
Beschaffenheit unseres eigenen Standortes zu erkennen, 
und wir mussten die lebhafteste Phantasie zu Hülfe neh- 
men, um uns in der That vorzustellen, dass wir uns auf 
der Spitze des grossen Combin, und nicht auf irgend 
einer anderen unscheinbaren Scbneekuppe befanden, von 
der wir vielleicht gerade in. diesem Momente tausendmal 
mehr hätten sehen können, als hier in dieser Welt von 
Nebel. Genug! wir mussten uns männlich in unser Schick» 
sal fügen.' Hatten wir doch ohne Unfall das angestrebte 
Ziel erreicht, und lag es nicht in unserer Macht, den 
Wolken des Himmels zu gebieten , ^sich zu unseren Füsden 
au legen. Schmerzlich ahnend , welch' erhabenes Gemälde 
hinter dem dunkeln Vorhang aufgestellt liege, den za 
lüften es nur eines leichten Windhauches bedurfte, starr- 
ten wir lautlos in das trübe Gran hinaus, und achteten 



1 
I 



— 141 — 

kaum des Schnees, der ununterbrochen in den feinsten 
•Sternchen auf uns heraiederficl , wenn nioht die Besorg«» 
<niss sieb geregt, er möchte bei. längerer Dauer die Spuren 
unserer Fusstritte verwischen, und die Ftifarer dieser Be- 
sorgnis* wegen nicht zur Eüe gemahnt hätten* Uebrfgens 
war die Temperatur mild. Trete dem fallenden Schnee 
zeigte das Thermometer + 6° Rlaumur. Einer der Führer 
hatte es nicht .einmal der Mähe werth gehatten, während 
.des halbstündigen Aufenthaltes auf der Spitze sieh mit 
.seinem Bock, den er zum Steigen ausgezogen hatte, zu 
bekleiden, und doch litt er keineswegs an Kälte. 

Der Rückweg bot keine besonderen Schwierigkeiten 
•dar. Mit etwas mehr Vorsicht, als beim Hinaufsteigen, 
musste man an dem steilen Kegel hmunterklettern, weil 
die Gefahr des Ausgleitens grösser war. Mit Mühe ver- 
mochten wir auf dem weiten Plateau am Fusse des Ke- 
gels durch den frisch gefallenen Schnee die Spur unseres 
•Weges zu verfolgen, und doch war diess die einzige 
Bürgschaft des guten Gelingens. In der Folge inachte 
mich Herr Weilenmann aufmerksam, dass es ihm aufge- 
fallen sei, wie schon oben auf der Spitz«, aber auch 
•noch hier auf dem Plateau, der Laut unserer Stimmen 
so gedämpft und eigenthümlioh tönte. Ob der starke Schnee- 
fall oder die Höhe unseres Standortes die Ursache war, 
vermag ich nieht zu entscheiden. — Glücklich trafen wi 
die Uebergangsstelle bei der Firnkluft,, und mit Hülle des 
Seiles gieng der Sprung nach dem jenseitigen Kluftrand 
leicht von Statten, indem uns einer der voran gesprun- 
genen Führer, zu Vermeidung jedes Unglückes, in die 
offenen Arme auffieng. Bei der ersten Haltstelle wieder 
angelangt, bedurfte es der geschärften Aufmerksamkeit 
und der sicheren Ortskunde der Führer , die dort liegen 
gelassenen Gegenstände, unter der sie bergenden Schnee- 
decke aufzufinden. Eine kurze Rast und Stärkung wurde 
übrigens nicht für überflüssig erachtet, denn noch stand 
uns eine mühsame Wanderung bevor. Die .Firnfelder, die 



— 142 - 

wk von hier an. zu durchschreiten hatten, waren von 
Klüften durchlogen, deren Dasein wir, der frischen Schnee- 
decke, wegen, nicht überall gewahren konnten. Zudem 
war die Firnmasse locker geworden, und hätte bei dar 
geringsten verborgenen Höhlung unter ans einbrechen 
müssen. Das Gehen wurde daher mühsam, und zur 
Sicherheit mussten wir uns an das Seil knüpfen, was 
die freie Bewegung immerhin beengt, weil sie durch das 
Sehrittmass des Vorder- und Hintermannes bedingt wird« 
So weit der Firnschnee den Corbassföre-Gletscher bedeckte» 
begleitete uns ununterbrochen leichtes Schneegestöber*; 
tiefer gestaltete sich der Schnee zu feinem Regen , der 
aber vollends aufhörte, bevor wir noch den Ausgangs- 
punkt am Gletscher erreicht hatten. Nach einem Marsche 
von 4*/g Stunden verliessen wir das Eis, und betraten die 
Schafweide von Panuossilre , und in zwei kleinen Stun* 
den wurde die Strecke von da bis zum vorderen Läger 
der Alp Corbassiäre zurückgelegt, wo wir noch vor ein- 
brechender Nacht anlangten. Es kam uns diese Eile wohl, 
denn das Nachtquartier wurde uns, wegen Mangel an 
Baum, in der kleinen Alphütte drunten in den sogenann- 
ten „Greiners" angewiesen» So werden die tiefer liegen« 
den Berghütten genannt, wo das eingesammelte Futter 
eingelegt wird. Nach dem strengen Tagesmarsch war es 
gerade kein erfreulicher Spass für uns, als wir bei nun 
eingetretener Dunkelheit, unter der Führung des wackeren 
Moulin, noch bei 20 Minuten weit pfadlos, oder wenig- 
stens ohne einen solchen zu erkennen, über Stock und 
Stein und löcherige Grashalden hinunter stolpern muss* 
ten, um das schon im Bereiche der Tannenwaldung lie- 
gende, einsame, Nachtquartier zu erreichen. Ein Trost 
erfreute uns jedoch , als wir in die leere Hütte traten, 
und des lieblich duftenden Heulagers ansichtig wurden, 
wo wir, fem von den Sorgen der Welt, unsere müden 
Glieder zum erquickenden Schlafe ausstrecken konnten. 
Wir hatten heute einen Weg von nahezu 16 Stunden 



— 143 — 

zurückgelegt, and davon 12 Stundep ununterbrochen auf Eto 
und Schnee. Wir hatten die Ueberzeugung gewonnen, dass 
ea aar Besteigung des grossen Combin zwar rüstiger Beine, 
eines guten Kopfes und sähe? Ausdauer bedarf, dass aber 
das Unternehmen bei normalen Zuständen des Gletschers 
und Firnes, d. h. wenn die Verklüfttmg nicht zu stark 
und die Firndecke am höchsten Eiskegel nicht wegge» 
schmolzen ist, mit wenig oder keiner reellen Gefahr ver* 
banden sei. Die Reisen auf die Jungfrau, den Monte 
Rosa, das Finsteraarhorn sind in dieser Besiehung miß- 
licher. Bis zur gegenwärtigen Stunde ist einzig noch die 
Spitze c. des grossen Combin bestiegen worden« Der Weg 
zur höchsten Spitze b. führt über diese hin , und wer die* 
selbe nacb vielen Anstrengungen erreicht hat f ist in der 
Regel des Steigens zu satt, um noch eine weitere Er* 
klimmung zu unternehmen. Auch würde hiezu die Zeit 
kaum ausreichen, wenn man sich nicht schon Morgens 
um 1 oder 2 Uhr auf den Weg macht« Indessen ver* 
sicherten uns die Führer, dass der Gang von der- Spitze c. 
bis auf die höchste Spitze b. nicht mehr als eine halbe 
Stunde erfordern dürfte, und keine Schwierigkeit daran* 
bieten scheine , indem eine fortlaufende Schneefirst beide 
Gipfel mit einander verbinde. Wären wir von heiterem 
Wetter begünstiget gewesen, wir hätten uns kaum em> 
halten können, auch noch zur Erklimmung der höchsten. 
Spitze zu schreiten, wo immerhin das Panorama sich noch 
ungehemmter entfalten muss. — Um überhaupt zur Be- 
steigung des grossen Combin die nöthige Müsse zu haben, 
und nicht genöthiget zu sein, dem erstiegenen Gipfel fast 
im gleichen Momente wieder den Rücken zu kehren, wo 
man das Ziel erreicht hat, sollte man anderthalb Stun- 
den oberhalb den letzten Hütten der Alp Corbassiere auf 
dem hintersten aberen Plätzchen der Schafweide von Pan- 
nossiere zu einem Nachtlager sich einrichten können. Diess 
gewährte den Vortheil, eine geraume Strecke weit noch 
bei hartem Schnee über die Firne emporzusteigen und 



- 144 - 

einige Standen früher am Ziele anzulangen. So lange 
aber nicht ein erträgliches Nachtlager in der unmittel- 
baren Nähe des Gombin hergestellt wird — ein Gedanke, 
den die spekulativen Bagner bereits aufgefasst haben — 
-möchte es rathsamer sein, die Besteigung des Grand 
Combin vom Entremont-Thale aus zu unternehmen, als 
die bequemere und kürzere, — denn, würde man am 
ersten Tage von St Pierre nach dem Valsorey-Thale 
vordringen, und auf der Alp En haut sein Nachtquartier 
beziehen, so könnte man am folgenden Tage die Be- 
steigung In der Zeit von etwa 6 Stunden vollbringen, 
und in ebensoviel Zeit wieder nach St Pierre, oder aber 
nach der Alp Corbassifere hinuntersteigen. — In ^beiden 
Thälern zu St. Pierre und Lourtier findet der Reisende 
kundige und tüchtige Führer. 

Nach der Angabe unserer Begleiter muss die Aus- 
sicht grossartig und unermesslich sein, und in diesen 
Hinsichten diejenige des benachbarten Mont Velan über- 
treffen. Ein Führer von St. Pierre, der beide Berge be- 
stiegen , soll sich jedoch geäussert haben , dass er der • 
Aussicht des Mont Velan wegen der Klarheit des Ueber- 
blickes und der Schönheit des Bildes den Vorzug gebe. 
Auf der Spitze des Combin sei man zu hoch und zn 
weit von den tiefer liegenden Gegenständen entfernt, um 
sie deutlich unterscheiden zu können, — ein Urtbeil, das 
mit meinen hievor ausgesprochenen Muthmassungen voll- 
ständig übereinstimmt. Wer daher nicht besonderen Wertb 
darauf setzt, eine der höchsten Spitzen der Schweizer- 
alpen um dieser Rücksicht willen ersteigen zu wollen, 
der dürfte bei der Besteigung des Mont Velan im Genuas 
der unvergleichlich schönen Aussiebt, die ihm dort hei 
klarem Himmel geoffenbaret ist, und in der geringeren 
Zeit und Mühe,, die dessen Ersteigung erheischt, eine 
realere Befriedigung finden. 



— 145 — 

7. Die Gemmi und das grosse Riuderhorn. 

Von Gottlieb Studer» 
Höhe : 3466 Met. = 10670 Par. F. 

Das grosse Rinderhorn erbebt sieb östlich vom 
Gemmipass zwischen dem Plattenhorn und Balmhorn, in- 
dem es dem Felsenwall entsteigt, der das Wallis gegen 
Norden von Bern scheidet Seine südlichen Abstürze 
fallen jäh und felsig 5000 Fuss tief hinab in den Thal- 
kessel dos Leokerbades. Ostwärts senken sich die schrof- 
fen Wände theils in nacktem Fels, theils von Bändern 
ewigen Schnees umschlungen, nach dem tiefen Grunde 
des vom Rinderborn, dem Balmhorn und der Alteis eng- 
umschlossenen Beckens , welches , von aller Welt abge- 
sebieden, in seinem Schoosse den Balmhorn- oder 
Sage-Gletscher beherbergt. Gegen Westen und Nor- 
den ist das Rinderhorn mit einem weiten Mantel von 
ewigem Schnee und Eis bedeckt Die scharfe Kante, die 
dieses Eisgehänge vom östlichen Abstürze trennt, dehnt 
sfeh am nördlichen Fuss des Gipfels zu einem schmalen 
Grate aus, der das grosse Rinderhorn mit der bedeutend 
niedrigeren, nördlich vorstehenden, Felsenspitze des klei- 
nen Rinderhornes verbindet. Dieses hat eine Höhe 
von 9267 Fuss. Es fasset auf der Wiesenfläche der 
Spitalmatte, und beherrscht das Trümmergebänge , auf 
dessen öden Gefilden das kleine Wirthshaus von Schwarren- 
bach hingebaut ist Von dort aus wird der Anblick der 
schönen Schneekuppe des grossen Rinderhornes durch die 
Vor&jtriinge des kleinen verdeckt. Der Gipfel des ersteren 
erhebt sieh 10670 Fuss über dem Meere. Seine Steinart 
ist Hochalpenkalk. Es liegt jedoch auf der Grenze der 
Feldspathgesteine ; denn die hohe Masse seiner Nachbar- 
gebilde, des Balmhoroes, der Alteis, der Blümlisalp, des 
Deldenhornes ist dem Gneis und dem Granit aufgesetzt, 

10 



— 146 — 

und man sieht diese Gesteine im Lötschenthal, auf dem 
Gleftsohir und & (festem die Unterlage dejr fiele tausfhd 
Fuss hohen schroffen Kalkwände bilden« 

Nach der Schwierigkeit zu bemessen, die ich hatte, 
einen zuverlässigen Führer zu finden, musste ich anneh- 
men, dass das grosse Kinderhorn noch niemals bestiegen 
worden sei; denn nur nach vielfältigen Nachfragen ge* 
lang es endlieh den Bemühungen des dienstfertigen Herrn 
Christoph Brunner, in der Person des Anten Grieh- 
ting eines Mannes habhaft zu werden, der zwar noch 
nie auf dem Rinderhorn gewesen, der aber willens war, 
mit mir den Versuch zu dessen Besteigung zu wagen, 
in sofern ich einwillige, dass er seinen 18jährigen Sahn 
Joseph mitnehme, und der als tüchtiger Bergmann und 
Jäger mein volles Vertrauen- verdiente« 

Noch am nämlichen Abend, den 5. September 1854, 
verreisten wir von Bad Leük, in der Abflieht, unser Nacht- 
quartier im Wirthshause im Schwawenbacfr zu nehmen« 
Dadurch gewannen wir einen Vorsprung von wenigstens 
91/2 Stunden för den folgenden Tag, und ich kennte mit 
meiner Reisegesellschaft um so sicherer die Abrede tref- 
fen, sie am Abend desselben Tages in Kandersteg wie- 
der einzuholen. 

Schon fieng es an zu dunkeln, als wir das gastliche 
Haus der Gebrüder Brunner verHessen. Wir hatten kaum 
den Fuss der Felswände erreicht , welche die Gemmi bil- 
den, und das Thal der Data gegen Norden wie eine 
Titanenburg umgürten, als auch schon die Nacht ein- 
brach , und die Waldgründe unter uns mit tiefer Finster- 
niss umzog. Der Weg wurde steiler. — Schweigsam, 
im ächten, gleichmäßigen, Bergschritt stiegen wir an 
dem zickzackreichen Felsensteige empor, der, wie an der 
kahlen Felswand anklebend, unmerklich von Stufe *u 
Stufe höher führt auf die Zinnen hoher Felsenpfeiler, die 
man für unersteiglich halten würde. Nur an den- Licht- 
lein, die uns fern aus der Tiefe, als Grüsse aus der 



— MT — 

Meftschenwelt , cntgtgenleuchtetiri , kstaten wir nödb die 
Stolle des Dorfes erkennen, dat. wir verlasse» hatten* 
Aber bald änderte «ich die Sceoe. Unter dtem hohe» 
schwanen Bücken de» Torrenthosnes ward es heil und 
immer heller, und bald stieg am klaren Horizonte, hin«* 
ter der scharfen Bergeskante, der Vollmond in seines 
wunderbaren Pracht hervor. Sein Silberglam; Hess die 
Sterne erbleichen, und warf ein lieht auf die nackten 
Fabenmauem, die wir bestiegen, von solcher Stärke, 
daas es um uns fast, taghell wurde; Es war ein. magi- 
sches , tief ergreifendes, Schauspiel r an« diese bis an den 
Hraunel reichende, blendend weisse, Felsenburg hinan- 
udriicksn, Über deren Zinnen der Sternenhimmel sieh 
ausbreitete, während über den Abgründen, in denen sie 
fasse te, und welche noch von keinem Strahl des Mondes 
beleuchtet waren, nächtliche Finstesniss lag. — So wie 
wir hoher gelangten, sahen wir atlmälig am südlichen 
Horisosnte die vergletscherten Häupter der Penninenkette, 
gleicb blassen. Geistergestalten,, in undeutlichen, fast ver* 
schwimmenden, Umrissen hinter den dunkeln Massen der 
Vosgebfege emportaucben. Dureh die stille heitere Nacht 
ertönte von oben herab fröhliches Jauchten und Schellen* 
gekHngeL Es waren Pferdetreiber, welche heute mit Frem- 
den; über den. Berg gestiegen waren, und nun, den Lohn 
tbeüs kt der Tasche und tbeils in der Gurgel, mit ihren 
müden Pferden nach Hause nurückkehrten. — Die Höbe 
de» Gemmipaaaes wird die Daube, oder in der Volks- 
sprache „uf der Dube" genannt. In weniger als zwei 
Stunden hatten wir dieselbe erreicht , und rüstigeren 
Schrittes gieng es. über die kahle Hochebene des Passes, 
und welter längs dem östlichen Ufer des Daubeaseeä*, 
4&$en vom Winde leicht aufgeregte Fluth taktmSssig an« 
das felsige Ufer schlug* Ein weisser Nebel umschkierte 
die Berggestalten , die den See umkränzen, und gab der 
öden Gegend ein noch trostloseres Aussehen. Die aus* 
gehöhlten, nackten, Kalkfelsen > die streckenweise die 

10» 



— 148 - 

Oberfläche; des Botels bilden , und die noch die Sporen 
eines Gletschers an sich tragen sollen, der einst diq ein* 
same Hochfläohe der Gemmi bedeckt haben soll, schim» 
matten wie Schneeflächen im Mondenliebt, und hoch über 
dem Nebel, wie Gebilde einer anderen Welt, leuchteten 
au unserer Linken, den finsteren Kessel des Lämmern* 
glctschers beherrschend, die silberweissen Eiswälle des 
grossen Strubels, und zu unserer Rechten die oberste 
Firnspitze des Rinder hörn es, auf die wir, als dem 
Zielpunkte unserer Bestrebungen, mit Gefühlen eigener 
Art hinblickten. Etwa 20 Minuten unterhalb dem nörd- 
lichen Endpunkte des Daubensees befindet sich mitten in 
einer kahlem Felsenwildniss das* einsame Wirthshaus ks 
Sohwarrenbacb. Es war ungefähr 9 Uhr Nachts, Als wir da- 
selbst anklopften. Eine dienstthuende Magd, welche einsig 
noch wach war, öffnete uns die kleine Pforte, und wir fluiden 
in dem einsamen Berghause ein recht ordentliches Unter» 
kommen. Aber schon um 4 Uhr Morgens, den 6. September 
1854, brachen wir wieder auf. Meine Führer waren mit Mund- 
vorrath (Wein, Braten, gedörrtes Schaf fleisch und Brod), 
ferner mit einem Gletscherseil und einer Axt beladen, und 
da es dem für die Wanderung begeisterten Knaben Joseph 
in den Kopf gestiegen war, auf dem Gipfel des Binder» 
hornes müsse von den ersten Besteigen! desselben eine 
Fahne aufgepflanzt werden , zum Zeichen des Sieges , so 
brachte der diensteifrige Wirth eine alte Weste zum 
Opfer, die er dem Knaben in heiterer Laune einhändigte, 
um sie als Siegeszeichen zu benutzen. Von dessen Glück- 
wünschen begleitet, machten wir uns auf den Weg. Der 
Mond, war untergegangen.: Hell und klar funkelten noch 
die Sterne am schwarzen Firmament Wie riesige Unge«* 
heuer standen die dunkeln Berggestalten um uns her, und 
nur auf ihren hohen Scheiteln flimmerte es silberhell aus 
der kristallenen Eisdecke, die dort seit Jahrtausenden in 
ferne Lande hinaus strahlt. Eine lautlose, fast unheim- 
liche, Stille umgab uns, wir hörten nur den Sehall un- 



— 149 — 

rarer eigenen Fnsstritte auf dem steinigen Pfade, den wtf 
Mühe hatten an* erspähen. — Wir inassten wieder hinab- 
steigen bis an das Gestade des Sees, dann schlagen wir 
uns Hnks vom Wege hinein, und stiegen an dem Gehänge 
magerer und steiniger Schaftriften aufwärts. Der Morgen 
begann an dämmern, was uns erlaubte, auch ohne eines 
Weges Spar die eingeschlagene östliche Richtung zu ver- 
folgen. Naeh^ der ersten kurzen Ansteigung wurde der 
Boden ebener, und wir betraten den Grand eines kleinen 
Thälchens, das sich gegen die Gratniederung hinein er- 
streckt, welche das kleine Rinderhorn mit dem grossen 
verbindet Trümmergefilde von klein geriebenem Kalkstein 
bedecken den Boden dieses kleinen, engumschlossenen, 
Thälchens. Von Vegetation sieht man wenig oder keine 
Spesen. Zur Linken thfirmen sich die Schuttbänge und 
kahlen Felsstürze des kleinen Rinderhornes empor, und 
bieten dem Wanderer ein Bild schreckhafter Nacktheit 
und Zertrümmerung. Zur Rechten ziehen sieh ebenfalls 
Trümmerhalden hinan bis an den Fuss eines hohen, schroff 
abgeschnittenen, Felsenwalles, welcher das Thälchen von 
dieser Seite in einem unersteiglichen Bollwerke einwandet, 
und über welchen die untersten Eislappen des Rinderhorn- 
Gletsehers wild gebrochen herunterhängen. — Der Weg, 
den wir zu nehmen hatten, war uns von der Natur vor- 
gezeichnet Wir mussten in den Hintergrund jenes Thäl- 
chens eindringen, und dort die Gratniederung ersteigen, 
welche die beiden Rinderhörner mit einander verbindet 
Die Ansteigung war anfangs sanft, und wurde erst gegen 
die Höhe zu etwas steil. Doch kamen wir ohne, grosse 
Mühe vorwärts. Nach einem Marsch von zwei Stunden 
hatten wir die Höhe des schmalen Felsrückens erreicht, 
und mochten uns etwa 8000 Fuss über dem Meere be- 
finden. Hier überraschte uns der lang ersehnte Anblick 
des prachtvollen Gletscherstockes der Alteis und des 
Batmhornes, der beim ersten Schritt auf die Felsenzinne 
plötzlich vom Fuss bis zum Gipfel in seiner imposanten 



— 150 - 

Masse vor not auftauchte. In senkrechter Tiefe weilte das 
Auge auf dem geöffneten Becken des Sagigletsehers, der 
vom Thale aus keinem menschlichen Auge sichtbar ist, — 
sp engverborgen liegt er im Schooese der steilen Gebbgs* 
wände. Mannigfach zerklüftet windet sich der Gletscher 
ans dem engen Becken empor bis an die höchste Firn» 
wand des Balmfcorogipfels. Westwärts erweiterte sich de% 
Horizont, und es leuchteten ferne Berge im Rosenschim-* 
mer des ersten Sonnenstrahles zu uns herüber. — Wir 
hatten die EJasiAt gewonnen, dass die Wandertrog uns 
durch zwei scharf von einander geschiedene Regionen 
führte, zuerst durch die steinige Region,. an deren 
Grenze wir angdangt waren, und dann die Schnee- 
region, die wir nun zu betreten hatten. Freilieh dürfte 
an einer früheren Jahreszeit die Grenze dieser letzteren 
schon weiter unten beginnen, indem ich vermuthe, dass 
der Grand jenes Hochthiüchens in der Regel bis spät in 
den Sommer hinaus mit Schnee bedeckt bleibt. — - Wir 
sahen uns jetzt mit forschendem Auge die weisse Gestalt 
des grossen Rinderhornes an, die sich, noch etwa 2700 
Fuss hoch, unmittelbar vor uns emporthürmte. Etn fort« 
laufender schmaler Schnee- oder Bisrücken schien von 
dem Felsgrate , auf dem wir standen , bis auf dessen 
Spitze hinaufzuführen. Die östliche Seitenwand stürzte 
sich ziemlich felsig und unersteigbar nach jenem Tergkrt- 
scherten Thalbecken ab ; das nördliche und westliche Ge- 
hänge hingegen schien weniger stefl, aber durchgehende 
mit Eis und Schnee umkleidet, und ebenfalls unbesteig+ 
bar, weil der untere Rand reich mit Klüften durchzogen, 
und durch eine nackte Felsenstufe von den untersten Ge~ 
röllhalden am Fasse des Berges abgeschnitten ist, gegen 
den Gipfel zu aber das Gehänge in glatter, schroffer, 
Böschung emporstrebt. Es blieb uns somit kerne andern 
Wahl, als jenen Eisrücken an verfolgen. Das war jedoch 
keine so leichte Arbeit , und wir hatten noch dazu mit 
einer besonderen Schwierigkeit zu kämpfen. Infolge des 



— 151 — 

«rannen Sommers war nämlich die oberefte Decke des 
diesjährigen Schnees vollkommen weggeschmolsen , und 
es stand ein steiler Berg von hartem Eis vor ans, an 
dem die Sonne ihre Wärmekraft' noch nicht ausrauben 
vermochte. Kanm hatten wir daher einige Schritte vor» 
warte gethan, um uns dem Eisberge au nähern, als die 
Axt zur Hand genommen werden musste, um Stufen in 
die Etewand au hacken, mit dei»n Hülfe wir langsam 
vorrücken konnten. Nachdem Vater Grichting eine Strecke 
Weges auf diese Weise ersteigbar gemacht hatte, und wir 
ihm Schritt um Schritt gefolgt waren, übergab *r die 
Axt seinem Sohne, der mit Lust und Eifer das nämliche 
Werk begann. Stetsfort aber richtete der sorgliche Vater 
die Augen auf seinen in solcher Arbeit noch unerfahrenen 
Joseph, und redete ihm ermunternd und warnend au, 
nicht etwa neugierig berumznspähen, sondern unverwandt 
auf den Boden au schauen , und ja nicht etwa die Axt 
seinen Händen entgleiten au lassen, indem ihr Verlust 
jedes Weitergehen unmöglich machen würde. Gehorsam 
befolgte der Sehn die Befehle seines Vaters, und hieb 
wacker darauf los, so dass Haufen von Eissplittern neben 
uns vorbeiflogen. So gieng es gemach aufwärts auf selbst 1 * 
gebahnter Treppe längs der etwas abgerundeten Kante 
des Bergrückens, und su unseren Füssen tifiheften sich 
immer .mehr die beidseitigen Abgründe. Zu mehrerer Vor* 
rieht banden wir uns an das Seil. Wenn auch auf sol- 
chen Steigen diese Vorkehr nicht gerade ein suverlässi* 
ges Schutzmittel ist, weil, wenn einer von der Gesell» 
schaft ausgleiten sollte, es zweifelhaft bleibt, ob die 
anderen festen Stand genug hätten, um nicht mitgerissen 
cu werden, so giebt es doch ein Gefühl von Selbstver- 
trauen, wie es au einem festen Gange und au einer un*> 
befangenen Haltung nothwendig ist Spuren menschlicher 
Fusstritte, die rieh unversehens auf unserem Wege kuafi 
gaben, und die rieh quer dem vereiset« Gehänge des 
Berges entlang verfolgen lieasen* Übermächten uns. Sie 



— 15* — 

rührten unzweifelhaft von einem. Gemsj&ger her, 4er am 
votigen Tage zu einer Zeit, wo die Eiskruste erweicht 
war, diese einsamen Regionen durchstreift hatte. — Nach- 
dem wir auf die angegebene Weise während etwa zwei 
Stunden bergan gestiegen waren, gelangten wir zu einer 
Stelle, wo der Bergrücken einen flachen Absatz bildet, 
und sich zu einer kleinen Schnee-Ebene gestaltet Wk 
benutzten diese bequeme Ruhestätte zu einer kurzen Rast, 
froh , uns auf sicherem Boden zu befinden. ~ Die Bündel 
wurden abgeschnürt, der Proviant herausgezogen, und 
mit Genuss ein flüchtiges Mahl gehalten. Der harte, 
funkelnde, Schnee knisterte unter unseren Füssen, denn 
noch lag die ganze, gegen uns gekehrte, Seite des Ber- 
ges im Schatten, und der Boden war so hart, dass keine 
Zeichen unseres Fusses darauf haften blieben; in reinem 
Glänze aber und in feierlicher Majestät lagen Reihen von 
Gebirgen um uns her, deren Glieder niederen Ranges sich 
schon alle unter uns beugten. Im fernen Westen erhob 
sich stolz des Montblancs Haupt, vom Schimmer milder 
Klarheit umflossen. Es that Noth , frische Kraft und neuen 
Muth 2u sammeln; denn noch stand uns ein schweres 
Stück Arbeit bevor. Von jener kleinen Schnee-Ebene 
strebte das ßehänge des Bergrückens wieder sehr steil 
empor, und Vater Grichting meinte, kopfschüttelnd : „wenn 
wir bis oben Tritte einhacken müssen, kommen wir heute 
schwerlich ans Ziel. Die frühere Firndecke war fast 
durchgehende zu glänzendem Eise umgeschmolzen, und 
nur stellenweise gerietben wir auf Ueberreste jüngeren 
Schnees, die in Form von Streifen das Gehänge beklei- 
deten. Auch diese Schneestreifen waren zwar hart ge- 
froren, gestatteten jedoch mit grösserer Leichtigkeit das 
Einhauen von Stufen, und selbst ein kräftiges Einschla- 
gen der Ferse genügte, sich einen festen Tritt zu sichern. 
Wir stiessen auch auf kleine Firnschründe, die den Eis- 
rücken quer durchzogen, deren Klaffung aber so gering 
war, dass sie uns kein Hinderoiss au deren üeberschrei- 



— 158 - 

tung . darboten« Gegen die Höbe des Gipfels au nahm 
die Schneedecke immer mehr überhand, und die Steilheit 
ab, so dass wir etwas rascher vorrücken konnten. Etwa 
400 künstliche Stufen waren erforderlich gewesen, um 
uns über die steilen Eishänge hinaufzuarbeiten. Nach 
einem Marsch von 4 Stunden, von jener Gratniederung 
«wischen den beiden Rinderhörnern hinweg, betraten wir 
um 10 Uhr Vormittage den Gipfel — vielleicht die ersten 
Männer, die diese, nicht ihrer Höhe aber ihrer Steilheit 
wegen mühsam zu erklimmende, Spitze der Hochalpen 
tu ihren Füssen hatten. Der höchste Punkt des Gipfels 
hatte die Form einer von Westen nach Osten gerichteten 
Dachfirst von 30 bis 40 Schritten Länge. Zur Zeit un- 
serer Besteigung war die beidseitige Abdachung des Schnee- 
gehänges so entsetzlich steil , und die First selbst so aus- 
geschärft, das* auch der verwegenste Mann rieh nicht 
getraut hätte , sie zu überschreiten. Wir lagerten uns da- 
her dicht unter der westlichen Firstecke, wo der gewölbte 
Bergrücken uns bequemen Raum bot, uns auf dem, aus 
tausend kleinen Kristallen blitzenden, Firnteppich auszu- 
strecken, und während sodann meine Führer sich an- 
schickten, die Weste des Wirthes vom Schwarrenbach an 
einer mitgebrachten Stange als Siegeszeichen auf 4er Spitze 
des Rinderhomes aufzupflanzen, gab ich mich der Bewun- 
derung des grossartigen Panoramas hin, das sieh in weiten 
Kreisen um uns erschloss. Gegen Norden bedeckte zwat 
ein Nebelkranz die Gebirgsketten. Man sah durch die 
Flucht des Eanderthales, aus dessen grünen Wiesen 
uns die Dörfer und zerstreuten Häuschen entgegenschim- 
merten, kaum noch in etwas düsterer Beleuchtung das 
blaue Becken des Thunersees, und aus den hie und 
da zerrissenen Fluthen des Nebelmeeres ragten einzelne 
schwarze Gipfelgestalten der Stock ho rn kette und die 
Zacken der Deut de Brenleire, Follidran und 
Mortais heraus. Darüberhin ab« erschien alles in fin- 
sterer Nacht Kein Land , kein Berg , nichts konnte mehr 



- 151 - 

untemchieden werden. In unabsehbare Weite verlor rieh 
das Nebelmeer. Dia diesseitige. Nebelgrenze reichte bis 
aa das Hochgebirge. Altais und Balanhorn, dieser 
doppelgipätge , gletacherumkränate . , Gebirgsstock stand 
hingegen in seiner ganzen Pracht and riesenhaften Grösse 
vor uns, und ich gedachte dar genussreichea Stunden» 
die ich am 7. September 1843 auf der weitschauenden 
Kinne jenes Berges zugebracht hatte. Das Hochplateau 
der Gemmi» diese Öde F eisen wildni^s , deren trostloses 
Bild sich in der grauen Flnthdes Sees abspiegelt, — 
die Firnwälle des Strubels, dessen tiefere Eismasse 
sieh in dem reicbzerklüfteten Lämmeren-Gletscher 
durch das enge. Felsenthal Bahn bricht, und mit ihrem 
Abfluss den Gemmisee nährt, oder in dem .flachen Bücken 
des Telligletschers sieh gegen das Thal von Ueschi- 
nen versenkt, -* die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel 
und Kämme des Rawyl, des Wildhornes, der Dia- 
bier ets .— die hintersten Gebirgsgrate von Adelboden, 
in der Lenk, von Lauenen und Saunen: das Thierr 
hörn und Steghorn, der Fitzer, der Giffer und 
das Lauenenhorn, das Spitzborn, die Gumm- 
fluh und das Büfeli entstiegen der Nebelgrenze und 
lagen frei vor unsern Augen. — Aber wenn der nörd- 
liche Horizont auch nur ein unvollständiges Bild gestat- 
tete, so stand hingegen das Panorama des südlichen 
Halbkreises in der reinsten Klarheit vor uns da. Der 
Himmel war so «ein, die Luft so durchsichtig, dass unter 
den zahllosen Hörnern und Spitzen, die sieh da in laut 
gar Strecke vom gewaltigen Aletschhorn bis xnr Tour de 
lafialli&re vor unsern Blicken ausdehnten, auch nicht ein 
einziger Gipfel sich dem forschenden Auge entziehen 
konnte. Der Genuas, nach dem ich mich längst gesehnt 
hatte, ward mir als Lohn der bestandenen Mühe im reich- 
sten Masse zu TheiL Da lag sie durchaus nebelfrei und 
hu schönsten Glanz' der Sonne vor mir entfaltet, die sie* 
»anhafte Alpenkette, die das Wallis von iPiemont achei- 



— 156 — 

4et 7 und die tratet Ihren mannigfach gefeimttfn, stolzen* 
Gipfelgestalten eine ansehnliche Zahl von solchen auf* 
zuweisen hat, welche die Höhe von 13 und 14000 Fuss 
erreichen , und seihst noeh übersteigen. Dieses imposante 
Alpenfcfld, weiches eine Strecke des Horizontes von meto 
als 20 Schweizerettmden Längenansdebnung and eine 
durchschnittliche Breite von circa 6 Standen einnimmt, 
ist zur Linken eingerahmt von den starren und kühnen 
Gestalten der Nesth'ernkette, aar Rechten von des 
stolnen Kuppe des Montblanc. Zwischen ihm nnd an* 
lag in weiter Tiefe das Thal der Rhone, in dessen 
Grande streckenweise der geschlängelte Strom sichtbar 
war , and ans , vom Strahl der Sonne getroffen , wie ein 
Silberband entgegen leuchtete. Diesseits des Rhonetbales 
rag die Gebirgsverzweigung anter ans ausgebreitet«, die 
das Thal der Dal* vom Lbtecbeothale scheidet, and aas 
deren Bchneeigem Hochplateau die kahlen Felsgipfel dtis 
Chamo orn es, des Rothbornes und des durch eeiße 
grosse Frequenz ekssisch gewordenen Torrentbornes 
emporragen. Sie liegen aber bescheiden zu den Füssen 
der Schauenden , der sie mehr ah tausend Fuss tief unter 
stob erblickt , and wenn ihr breiter vorragender Fuss «ach 
eine Strecke weit die Ansieht des Thalbodens verdecty 
so vermögen sie die freie Anschauung der jenseits liegen« 
den Berge nicht zu beeinträchtigen. Dicht unter uns in 
schauerlichem Abgrund lag das grüne, engumschlosseae* 
Becken des Dalathales, und das Auge kennte die 
enge Febkluft verfolgen, durch welche die Dala «ft 
Ungestüm dem offenen, sonnigen, Boden der Rhone zu* 
strömt Mitten in den grünen Matten des friedlichen 
Bergthaies lagen die Häusergpuppen , die Gasthöfe und 
Badgebäude der Dorftcbaft Baden; scheinbar so naM 
dnss wir die Leute auf der Strasse und auf den Plätten 
sieh hin und her bewegen sahen. ~- Aber laset uns 4s 
weite Kluft mit den Augen wieder überfliegen, und mit 
grasartige* Alpenbilde nähere Bekanntschaft jna« 



- 156 - 

eben. Laut uns die Namen jener Gestalten so entziffert 
versuchen, die dort den Horizont bekränzen, und von 
Osten nach Westen aneinander gereiht, hoch in des Him- 
mels azurne Wölbung emporragen. Die ersten weissen 
Flügelmänner dieser grossen Armee ragen dort cur Rechten 
des riesigen Nesthornes hinter dem scharfen, verglet- 
scherten, Kamme hervor, der sich über das Schwär«* 
hörn und den Hohgleifen nach den Strahlhörnera 
ausdehnt , und das Lötachenthal in himmelhoher Sehdde- 
wand von dem südwärts gelegenen Bietseh- und Jolft- 
Thal trennt. Es sind die Gebirge, die das Binnentbal 
südwärts eindämmen, und zwischen diesem, und den ober- 
sten Verzweigungen des Val Antigoria aufgestellt sind. 
Ihre schneeigen Gipfel sind das Güschihorn oder der 
Cherbadnng, der Helsen, das Hülle- oder Roth- 
horn, das Bortelhorn und das FurggebafcmhorJfc. 
Diese drei letzteren Gipfel krönen den Hintergrund des 
Ganterthaies, und gewähren dem Reisenden auf dem Wege 
von Turtmann nach Visp einen malerischen Blick in die 
Gletscüerwelt. Alle diese Gipfel erreichen zwar kaum 
noch die Höhe von 10000 Fuss, und das Auge eilt da- 
her flüchtig an ihnen vorüber, um den glänzenden Ge-* 
neralstab aufzusuchen , und mit Müsse bewundern zu 
können, dessen silberne Helme dort in der Sonne fun- 
kein. — Der weitausgespannte hohe Grat des Monte 
Leone, 10974 Fuss, der die Niederung des Simplonpasses 
beherrscht, und von den weissen Gipfeln des Wasen- und 
Mäderhornes auf der einen, von den Felsstöckendes 
Schönhornes und Eessibornes auf der anderen 
Seite, gleich den Wachtthürmen einer riesenhaften Festung, 
umkränzt ist, und von dessen Zinne sich der prächtige 
Kaltwassergletscher herniederwälzt, bildet die erste 
imposantere Gebirgsgruppe. Hinter der Niederung des 
Simplonpasses gewahrt das Auge ferne Gebirgszuge, 
welche dem Thal von Domo d'Ossola entsteigen. Dann 
folgt zwischen der Einsenkung des Simplon und deijent- 



— 157 — 

gen des Saasthale* die streite mlehtige Gruppe, die 
•ich in drei, biß tief hinunter mit Schnee und Eis bc- 
pancerten, Koppen erhebt Die erste ist das Ross- 
boden hörn, 12058 Fuss, die «weite das La quin- 
hörn, 12391 Fuss, welche auch den Namen Fletsch- 
hdmer tragen, ond die dritte das Weissmies, 12481 Fuss. 
Tief im Hintergründe des Saasthales bemerkt man die 
vergletscherte Gratniederang, über welche der Pass von 
Aümagell durch das Furggithal nach Antrona führt, zur 
linken von dem Allmagell- und Sonnighorn, zur 
Reehten von dem blanken Firnkegel des Stellthorn«* 
beherrscht — Aber in immer gewaltigerer Erhebung thünnt 
sieh die dritte Gruppe im mächtigen Saasgrat empor. 
Hinter den zahmen Alpengräten von Helminen und G rä- 
chen erhebt sieh die Fimkuppe des Baifrin, 11636 Föbs 
hoch , von r manchen Betsenden» für den Monte Rosa ge- 
halten , wenn er sie von Vispacb aus im Glanz des Mor- 
gens oder im RoscBschimmer der untergehenden Sonne, 
tbalein warte schauend, betrachtet. Der Baifrin ist iiAmer- 
hin noch vier. Stunden in gerader Linie vom Monte Rosa 
entfernt Sein schön gewölbter Gipfel, dessen Vorderseite 
mit dem Balfringletscher bekleidet ist, bildet gleich- 
sam nur die erste erhebliche Stufe zu der Riesentreppe, 
die nach dem Monte Rosa hinführt Die erste kleine 
Spitze, die auf ihn folgt, hat sehon eine Höhe von 
12323 Fuss. Sie wird die kleine Miscfaabel genannt 
Von ihr steigt der Grat zu der dreizackigen First des 
Nadfelgrates empor. Die höchste Zacke des Nadel- 
grates heistt das Riedhoro oder Gasenriedhorn, und 
liegt nach Berchtold 13339 Fuss über dem Meere; Zwi- 
schen dem Baifrin, der kleinen Mischabel und dem Na- 
delgrat sieht man ein wunderschönes Firnplateau, dessen 
unteres, westliches, Gehänge sich allmälig zum Ried- 
gletseher gestaltet,, der in langer, schmaler, Zunge fast 
gegenüber St. Nikiaus in das Thal ausmündet. Hinter 
dem Nadelgrat erheben sich nun , wie zwei silberne Pfeiler, 



— 158 — 

die beiden böcb&ien Capfe* der ÄtischabeN^der Taesch- 
hörneiv Vorerst dir Dom oder das Grabenharn (in: 
Emsd das „Grabenbttri* genannt}, 14020 Fuss bocb. Dank 
das Taesehbom, 14032 Fuqs hoch* Mit diesem erscheint 
diese grossartige Gruppe abgeschnitten. Die Gipfeheib* r die 
■wischen ihm und dem Monte Bosa liegt, wird dusch dessen 
breiten Absturz verdeckt* Dagegen traten dem Taeschhofn 
zur Rechten die Gebilde des Monte Rosa, des Lyskam* 
nies und der Zwillinge, im Hintergrund des Yispec- 
thaies, als vierte Gruppe und zwar in einer Weise auf; 
als; wenn sie sieh an das Taeschhorn selbst anschtiessta 
würden. Von den Gipfeln des Monte Bosakammes et* 
kennt man das Nordende, die höchste Spitze, die 
Znmsteinspitze und die Signalbuppe. Die beiden 
letzteren liegen bereits ausserhalb dem Schwrisergebiet.* —• 
Eine fünfte imposante Gruppe sehen wir, uns gerade 
gegenüber, aus den Tiefen des Turtmannthaies erstehen* 
Ueher den Bücken des Torrenthornes hinblickend, kann 
das Auge den Lauf dieses Thaies verfolgen« Der Süber- 
glanz des Tbaibaches blitzt ihm entgegen. Im. Hinter- 
grund des Thaies prangt hoch und hehr, in ihr reines 
Firnkleid gehüllt, die 13908 Fuss hohe Pyramide des 
Weisshornes, und von den weiten Firopfetfeaux, die 
ihren Fuss umgeben, sieht man den Turtmann-Glet- 
scher in seiner vollen Pracht nach der Tiefe dieses Al- 
penthaies herabsteigen. Das Weisshorn, im Einfiscbtbai 
auch Pointe de Vionin genannt, von dessen herrlicher 
Gestalt rieh das Auge kaum abzuwenden vermag, lehnt 
sich östlich au* das Brunnegghorn, dessen 11891 Fast 
hoher Gipfel nur einmal seine kühnen BeSteiger auf dem 
Scheitel getragen hat; westwärts auf den 11104 Fuss 
hohen Bücken der Diablons* — Es verliert sich nun 
die Gestaltung des Gebirgspanoramas nach augenfälligen 
Gruppen., und man überfliegt eine Beihe gewaltiger Gi- 
pfel , welche in mannigfaltigen Formen diademartig den 
Horizont schmücken. Wie eine dicht gedrängte Phalanx* 



— U9 — 

bald näher, bald- entfernter- von uns absiebend, bald cto 
bttnkende Eisgewand, bald den nackten Felsenleib mm 
freuend , dehnt sieb das Gipfelmeer vor uns au». Da ragt 
hinter dem Kamm des Wefashornes die Nadelspitze' das 
Motning oder Rotbbornes hervor, nicht weniger alt 
13065 Fass> hoch. Hinter ihm erseheint zweigipflig da« 
obere Gabelhorn, mit einet Höhe tob 12572 Furo. 
Dort haftet der Blick an dem Riesenpfeiler des Matter« 
boroee, das ia seiner finsteren Majestät 1S901 Fuss 
frech emporsteigt, und noch von keinem Verblieben be- 
zwangen worden ist Dort ist die schöne Pyramide der 
Den! Blanche, im deutschen Zmuttbal das Steinbock- 
hörn genannt, 13421 Fuss brock Dort winken die Ai- 
guilles ronges, an der Westgrenze des Ferp&cle-Glet- 
sebera die Lage des Colonpassee bezeichnend, nicht viel 
weniger denn 12000 Fuss an Höhe erreichend, und die 
scharfen Firsten der Dents de Vejuy im HKnteignmde 
des Eringefthales. — Ate Zinnen einer langgedebnten 
weissen Mauer erkennt man die Pigne do V Aroia, den 
Grand Otemma, den Montblanc Ton Cheilon und 
die Rouinette, alles Gebilde von 11 — 12000 Fuss, die 
Thäler von Aroia, von H&emence und Bagnes mit ein-« 
ander verkettend. Rechts an sie gelehnt, machen sieb 
die spitzen Felsnadelft der Aiguilles rouges kn Barma* 
tbal und die Schneekuppe des PI e de Voaseon bemerk-« 
bar. Bevor die Gebirgsniederong bei dem fit. Bernhards* 
passe beginnt, schwingt sieb der Gebirgskrans wieder au 
einer wunderschönen Gruppe empor, in deren Mitte, hoch 
vor allen, der grosse Com bin thront, umlagert von den 
eisbedeckten Gipfeln der Becca de la Llae, des Com-* 
bin von Corbassi&re, der Follats und des kleinen 
Com bin. Der grosse Gombin erbebt sich «u einer Habe 
von 13261 Fuss. Zwischen dem grossen Combto und 
dem Gombin von Corbassf dre blickt noch der M o n t 
Velan hervor, und rechts über den Mont Orsera hin* 
aus erbeben sieb die schneeigen Kuppen des Mont Fort 



•^ 1» — 

«wischen Hondas und Bagpes. — Wie haben die Kory- 
pbaen der Peaniaenkette namhaft gemacht , wie sie sieh 
vom Rinderhern ans daretellen. Aber unzählige Gipfel 
untergeordneten Ranges entsteigen noeh den Kummen, 
die sieh von den gewaltigen Marchpf eilern und Knoten* 
punkten des GebJrgf neues in langen Firsten gegen das 
Rhonethal hinaus- ziehen , und deren gesenkte Rücken die 
Äusmünduag der Tbäler von Gameen, Visp, Saas, Gi- 
nanz, Turtmann, Anniviers, Torrent, Resefay, Hertas, 
H&äaenee, Nendae, Iserables und Bagnes anzeigen. 
Unter Jenen Gipfeln zeichnen sich durch schöne Lage, 
oder besondere Form folgende aus, die wir noch nicht 
benannt haben: das Gl ys hörn oberhalb Brieg, das 
Rauthorn und Simelihorn, zwischen denen der 
Fletschhorn-Gletscher sichtbar ist, das Rothhom 
im Saasthal, das Fcrrich- und Bigerfaorn am Grä- 
chengrat, das Zehntenhorn hinten im Ginansthal, das 
Barrhorn am Fusse des Bttinegghornes, die Bella Tola 
oberhalb Meretsehi, von deren aussichtsreicher Kuppe in 
jüngster Zeit der Maler Kits von Sitten eine interessante 
Panoramaaeiehnnng aufgenommen bat, — ferner der zwei- 
gipiige Besso, der Grand Cornier und die Pignede 
la Lex, «wischen denen der mächtige Zmal-Gletseber 
sieh ins Anuivier-Tbai herunterwälzt, — die Couronne 
de Br^oae und die Saeheneire zwischen dem Torrent- 
tbal und Evolena, die Bees de Bossons , deren Anblick 
man vom Leukerbade aus durch die sehmale ThalöffmiDg 
geniesst; — die Spitze von Orsivaz, die Maja und der 
Mont Noble, welche das Rescbytbal umgürten, der 
'Mdtailletr und die Spitze von Tion, zwischen H<fr£- 
mence und Neadaz, die Becea de la grande Journ^e 
am Passe von Nendaz nach Lourtier, und die ihrer Aus- 
sieht wegen berühmte Pierre ä Voie oberhalb Saxon. 
Alle (fiese Gipfel liegen immer noch in einer Höhengrenze 
»wischen 7 und 1H)Q0 Fusfu — Aber wir sind mit un- 
serem giotsartigen Alpenpanorama noch nicht zu Ende. 



— 111 — 

Wenn wir dort durch die Etoacnknug, welche dwch den 
grossen 8t Bernhard gebildet wird, jo weiter Feist noch 
den Doppelgipfel des Craraoni betrachtet hebe«» eo stellt 
sich unserem Ange im Südwesten noch eine Gruppe von 
Eisgebirgen dar, welche in ihrer Hauptkuppe an absoluter 
Höhe alle bisher genannten tibertrifft In ihrer Mitte regit 
der weisse Dom des Montblanc empot, 14776 Fuse 
hoch, und in* Jahr 1786 zum ersten Male von Dr. Pac- 
eard ans Gent and Jakob Bahnet von Chamouay eretie» 
gen. Dem Montblanc zur Linken, von unserem Stand* 
pooki aas gesehen, steht der Biesenpfeiler der Grande 
Jor&nse an eine* Höbe von 12662 Fase emporgerichtet, 
und wie ejfae schlanke Ephearaake an einem mächtigen 
Eichenstem» lehnt eich an sie die eehajfe Spitae der 
Aiguille de Gl&at, 12262 Fnss hoch. Rechts vom 
Montblanc eesehänea die vergletscherten Fellgestalten, 
die das. Thal von Fcrret eindftmmen, und unter denen 
die schneeige Spitae der Pointe d'Orny sich auesekhnet 
Die Gruppe des Montblanc, wird durch die Vertiefung des 
Col de Balme abgeschnitten. Hinter demeelbeo dehnen 
sich die groaen Firsten ans» die das Thal von Stet von 
dem Thal der Barberine trennen, und m ihrem Süsser» 
sten Ende hebt die Toar de la Salliere ihr sehnen* 
wnkrfinstes Hanpt empor, da* ha Jahr 1858 seine ersten 
Besteiger getragen hat Herwürts der Toni de la Sal- 
liere beginnt im näheren Gesichtskreis die steil ans dem 
Boden des Rbeoetfaales ansteigende Gebirgskette, die 
dasselbe gegen Norden begrenzt Man sieht sie nur in 
ihrer Verkürzung oder in ihrem Qnerdnrebecnnitt, und 
erkennt das dreigipflige Fullyhojn (les Grandes Fenftrea), 
den scharfen Kamm des Saut de Gry, die Doppelepitae 
der Dent de Mordes wad den Grand Moeuyeran, 
der sich zu einer Höhe von 9423 Fnsa erbebt Diese 
Gipfelgruppe schlieast sich vermittelt der Einrenkung des 
Cheville- Passes an die Sebneekfimme des Diableret* 
und des Wildhovnes an, und vollendet den Kranz un- 

11 



— 16t - 

»eres reichhaltigen Panorama«. Wenn rieh Htm der Leser 
an diesen leichtem topographischen Umrissen den Farben- 
reis denkt, in welchem das um uns ausgebreitete Rund« 
gemälde prangte, wenn er sieh die silberflimmernden Gi- 
pfel, die blendend weissen Sehneeflächen, wie sie sieh 
in dem Azurblau des Himmels spiegelten — das bunte 
Gemisch der Felsen, deren beleuchtete Partien je nach 
Steinart und Entfernung das Colorit der verschiedenartig* 
sten Tinten von Violett, Braun, Grau, Gelb und Weiss 
trugen, während die beschatteten Theile scharf und schwäre 
davon abstachen, und erst recht deren Verklüftung und 
charakteristische Form erkennen Hessen, — wenn er sieh 
das Grün der Alpen und Vorberge, den dunkeln Mantel 
der Waldungen, der die sonnigen Berghalden umschlang, 
den bunten Teppich bewässerter Wiesen, reifer Pflanz- 
platze, kahler Brachfelder, üppiger Baumgärten, oder 
heiterer Reben , mit welchen das Thal und die Abhänge 
bekleidet waren , im Geiste vor Augen stellt, so wird er 
es begreifen , dass wir uns der Bewunderung des pracht- 
vollen Panoramas in vollem Selbstvergessen hingaben, 
und diesen Hocbgenuss so lange als möglich ungestört 
festzuhalten suchten. Allein die Minuten waren auch für 
uns gezählt. Nach einem Aufenthalt von zwei Stunden 
entschlossen wir uns zur Rückkehr. Es war 12 Uhr, als 
wir die hehre Stätte verliessen , auf welcher zum Zeichen 
unserer Anwesenheit die improvisirte , etwas schwerfällig 
an der Stange klebende, Siegesfahne zurückblieb. — Die 
Sonne hatte die harte Schneerinde etwas zu erweichen 
vermocht , dennoch knüpften wir uns aus Vorsicht neuer- 
dings das Seil um den Leib, und fanden es der Steilheit 
des Gehänges wegen gerathen, die eingehauenen Stufen 
auch abwärts Schritt für Schritt zu verfolgen. So rasch 
als es die Gefährlichkeit des Weges erlaubte, eilten wir 
von dannen. An einigen Stellen durften wir es sogar 
wagen, auf der steilen Schneebahn am Bergstocke hin- 
unterzogleiten. Schon in Zeit einer Stunde gelangten wir 



— lfiS — 

auf die Gratniederong »wischen dem großen und kleinen 
Rinderborn , wo wie die Grenze der steinigen Region be- 
traten. Wir hatten das Schwierigste de« Rückweges 
glücklich überstanden, und fühlten uns leichter, den Fuas 
wieder auf sicheren Boden zn stellen. Nach einer «wei- 
ten Stunde Wegea hatten wir das einsame Schafläger am 
Fusse des Berges erreicht, und noch war es um den Marsch 
einer letzten halben Stunde zn thon, als wir unseren Ein*» 
tritt in das gastliche Wirthshaus im Schwarrenhach hiel- 
ten. Der Wirtb, seines sonstigen Bernfes ein ehrsamer 
Schneidermeister aas dem Wallis, hatte diese Wirtschaft 
seit kürzer Zeit erst in Pacht genommen, und war hoch 
erfreut ob dem Gelingen unserer Expedition, indem et 
sich mit der Hoffnung wiegte, es werde nun das Rinder- 
hörn, sobald die Kunde seiner Besteigung sich verbreite, 
ein .gesuchtes Ziel rüstiger Touristen werden. Allerdinge 
bietet das Wirtbshaus im Schwarrenbaefa, das schon 6357 
Fuss über dem Meere liegt, für Liebhaber kühner Berg- 
besteigungen upd Gletscherwanderungen einen günstigen 
Stationsplatz dar. Es läset sich von hier ans die Bestei- 
gung der aussichtsreichen Gipfel der Alteis oder des gros« 
een. Rinderhomes bequem in einem Tage unternehmen. 
Die Wildnisse des Lämmern-Gletscbers stehen dem mnthi* 
gen Forscher offen, und er kann über dessen Firnhöhen 
nach dem Wallis hinüber dringen, oder die hohen Zinnen 
des grossen Strubels erklimmen. Will er sich weniger 
baisbrechende Wege auswählen , so kann er entweder um 
den nördlichen Fuss des Felsbornes herum, oder durch 
die rotbe Kumm hinter dem Daubensee und den flachen 
Rücken des Telli-Gletscbers nach dem gemsenreichen 
Ueschinenthale, oder selbst hinüber nach der Engstligen- 
Alp, und von dieser nach Adelboden oder über den 
Amertengrat nach der Lenk vordringen. Ato^r schon der 
Gemmipass an sich bietet des Merkwürdigen und Schönen 
vieks dar, und kann gewiss als einer der interessantesten 
Alpenpässe bezeichnet werden. Seitdem am Platz der 

11* 



— m — 

alle« unbenaliehen Herberge fan Schwerrenbach da» jetaigc, 
ziemlich comfortaMe , Wirtbßbaas erbaut worden ist, da» 
aebet eine« heiteren Speiselokal einig« ordentliche Schlaf- 
kammern enthält , od seitdem die Walliser sieb aaf wirk- 
Hefa anerkenneswertbe Weise die Mühe gegeben haben, 
den Weg über die Daube bis in den Boden der Sptttel- 
matte tu verbessern and breiter anzulegen, ist der Paaa 
frequentirter and leichter geworden. Und wenn die Idee, 
den Weg von der Spittehnatte hinweg , auf der Bernerseke 
hinunter, ia» Gasterntbai und durch die KIus nach Kau-» 
dersteg au fahren, verwirklicht werde» sollte, so würde 
derselbe noch bedeutend an Abwechslung und pittores- 
ken Seencrien gewinnen. Ehemals — bevor noeb die 
jeteigen Felsensteige die unzugängliche Gemmiwaad er* 
steigbar machten, soll ein schlechter und schwindliger 
Fussweg aus dem Hintergründe des Dalathales, ostlich 
von der gegenwärtigen Passhöhe und bedeutend höher, 
zwischen dem Platten- und dem grossen Rinderborn über 
den Grat geführt haben, von welchem man durch eine 
öde Tbalvertietong hinunter nach dem Daubensee gelangte. 
Diese kleine Mulde trägt noch jetzt den Namen Furggi- 
thal; eine Benennung, die wirklich auf Furgge oder 
B ergäbergang hindeutet. Der merkwürdige Weg, der 
jetet vom Dorf Baden an der 1560 Fuss hohen, fast 
senkrechten, Felsenwand nach der Daube hinaufführt, 
wurde bekanntlich ia den Jahren 1737 bis 1740 von der 
Gesellschaft Balet und Loretan, auf Aktien hin, durch 
Tyroler erbaut. In sahireichen, sehr sinnreich angeleg- 
ten, Windungen steigt derselbe auf eine Länge von 10110 
Fuss, wovon 6095 in Felsen gesprengt sind, wie s. B. 
in den beiden Gatterien, und mit einer Breite von 3 bis 
5 Fuss in die Höhe. An den steilsten Stellen und in den 
Wendepunkten sind 3 Fuss hohe Scbutamauem angebracht, 
so dass bei nur einiger Vorsiebt durchaus keine Gefahr 
vorbanden ist Mehrmals erblickt man das Leukerbad in 
Vogelperspektive fast unter sich , worauf es wieder eine 



— i85 — 

Zeitung den Blicken entzogen wird. Die einselnen Stellen 
Üben ihre besonderen Namen. Wenn man von dem Dorfs 
Baden oder Leukerbad (4356') über Wiesen und durah 
lichtes Gehölze in allmäUger Steigung dem unmittelbaren 
Fus*e der Felswand sich nähert, so erkennt man erst, 
wie es möglieh geworden ist, dieselbe mittelst eines 
künstlich angelegten Weges ersteigbar zu machen. Der 
Sehern f als wäre die Wand von oben bis unten ein 
lethreeht abgestauter Felsen, wie man es aus einiger 
Entfernung wähnen sollte , verliert sieh und macht anderen 
Begriffen Platz. Man sieht, wie der Abs tum, namentlich 
der untere Tbeil desselben, mehr ans einer Reihe vor- 
stehender Felsenpfeiler besteht, welche durch eingeacbnitr 
tene, schmale, Ronse oder Krachen von einander getrennt 
eind, nnd um welche sich der eingesprengte Weg heran»- 
windet, und wie im oberen Tbeil die Bergwand durch 
eine schmale Terrasse, auf deren spärlichem, mit GßiöUe 
besäeten, Grasteppich Schafe ihre Nahrung finden, unter- 
brochen ist, von welcher Terrasse das oberste Gehänge 
allerdings in wilden kahlen Fekgestalten sieh wieder 
steilreebt emporschwingt, aber doch in seinen VerkUtf- 
tongen Raum zu einer Wegbabn geboten hat Unten an 
der Gemmiwand steigt man zuerst ober Sandscbntthaldon, 
die sogenannten Bergkehre, hinan. Dann kommt man 
an der Bubi (Ruheplatz), wo das stärkere Steigen be- 
ginnt. Im Zieksaek erreicht man den Znekerstoek. 
Dann steigt man wieder auf Schutthalden empor, nnd es 
kommt die blane Fluh und der Frauen krachen, in 
welchen ein Mann seine Frau hinabgestürzt haben soll 
Weiter heisst es im Leren, Hier ragt am Rande der 
senkrechten Fluh eine alte verkrüppelte Tanne schief g*- 
gen den Abgrund hinaus, die bis zu ihrem Wipfel Ma- 
anf hin und wieder von kühnen Wagehälsen erklettert 
worden «ein soll. Man erblickt hier auch, 713 Fuss 
hoch, am Felsen über einer Schlucht die Ueberreate einer 
hölzernen Htttte, deren Bestimmung unbekannt, nnd die 



— 166 — 

» 

jetzt unzugänglich ist. Hinter derselben soll sieb eise 
Höhle öffnen, und man glaubt, sie habe ehemals ab 
Wachtbaus, oder nach andern als Einsiedelei) ja sogar 
als Zufluchtsort verfolgter Protestanten gedient. Es folgen 
dann die untere Schmiede, die rothe Fluh, die 
obere Schmiede, der Daubenkehr und das Dati- 
benhüttli*), in welchem bei Sturm und Kälte der er* 
müdete Wanderer momentanen Schutz und Schirm findet 
Wenige Schritte von da erreicht man das öde Felsen* 
plateau der Daubenhöhe, 7086 Fuss hoch, wo man, 
dicht am Abgrunde auf einem verlornen Fleckchen Rasen, 
oder auf einer Steinplatte gelagert , sich gern der Be- 
wunderung der Aussicht hingiebt, die man hier zwischen 
den verwitterten Felsgipfeln des Dauben hörn es, west- 
lich, 8865 Fuss hoch, und des Plattenhornes, öst- 
lich, 8770 Fuss, geniesst, und die besonders denjenigen 
Beisenden überrascht, der, von Kandersteg kommend, 
lange durch die engumschlossenen Felsenwüsten gewan- 
dert ist, und dem sich dann auf der Passböbe mit einem 
Blicke das herrliche Gemälde der Walliser-Alpenweh vor 
Augen stellt. In schwindlichter Tiefe hat man zu seinen 
Füssen die grünen Alpenwiesen , Gehölze" und Pflanz- 
plälze des Dalathales, und mitten im Schoosse des Thai- 
kessels sieht man gleich Kartenhäuseben die H&usefrgruppe 
von Baden. Man sieht den jungen Beigstrom der Dala 
sich zwischen den grünen Ufern hindurchsehlängeln, und 
der wilden Felsenschlucht zueilen, durch deren enge 
Hündung er sich ins Thal der Rhone ergiesst. Auf son- 
nigem Hügelvorsprung schimmert das Dorf lud ton, ata 
Fuss der waidigen Felsabstürze, deren Band die scharfe 
Kante der Varenalp bildet Das Auge verfolgt das weisse 
Band der neuen Fahrstraase, welche hoch über jener 
Felsenschlucht die Gebirgslehnen umzieht, und das rauhe 



*} Vergleiche: Bsehers neuestes Handbuch p, 190. 



- Ü7 — 

Hocbtbal von Baden mit der Welt des Verkehres ver- 
knüpft. Das Rhonethal selbst ist auf eine Heine Stracke 
sichtbar, da wo der Illgraben seinen Vorrath von Erde 
und Schlamm in weiter Ausdehnung über die Thalebene 
Ungeschehen, und die Rhone an die diesseitige Berg«- 
wand zurückgedrängt hat Jenseits des Thalkessels von 
Baden, und als dessen südliche Einfassung, erbebt sieh 
«alt schroffem, theils bewaldetem, theils begrastem nnd 
von Steinrunsen durchzogenem Gehänge der langgedehnte, 
mit einem grünen Alpenteppich bekleidete, Beigrücken« 
der flieh gegen das Torrenthern emporsieht — Hinter 
diesem, in scharfgeseichneten Formen begrenzten, Vorder* 
gründe des Budes entfaltet sieh , eingerahmt zur Linken 
von dem echneeumiagerten Gipfel des Torrentbornes, zur 
Rechten von den nackten Felsabstürsen des Danbenhoxnos, 
«in Stück der penninischen Alpenkette, dessen Schönheit 
auf die Pracht des vollkommeneren Gemäldes schliessen 
läset, das sich, vom Rinderhorn ans, den Blicken eröff- 
net. Am meisten links tritt in edelgestaketen Schnee* 
gipfeln die Gruppe des mächtigen Saasgrates auf, der 
zwischen dem Saas- und dem Nikolai-Thal die riesige 
Scheidewand bildet Zuerst gewahrt man hinter dem 
schneegefleckten Grat des Augstbordhornes, welcher 
das Nikolaithal gegen das Ginanztbal begrenzt, die kleine 
Spitze des Sehildhornes oberhalb Baien. Dann folgt 
als pyramidenförmige Felsspitze, mit nordwärts herunter- 
hängendem Firn, der Balfrin. Hinter ihm erscheint 
die kleine weisse Mischabel, die das Firnplateau des 
Biedgletachers krönt, und dann erscheinen die drei blen- 
denden Riesengestalten des Nadelgrates, des Domes 
und des Taeschhornes, welche als ein Hauptschmuck 
des , an hervorragenden Glanzpunkten so reichen , Ge- 
mäldes an betrachten sind. Vor diesen herrlichen Ge- 
stalten sieht mim als eine dunkle Vormauer, an welcher 
nur noch die höchsten Zinnen mit Schnee und Eis be- 
kleidet sind, die mächtige Gebirgskette hingestreckt, die 



- 1«8 - 

das Tartmanuthal vom Nikolaithal scbetfet. Wir habet 
sehen des Augstbevdbornas erwähnt. Dia auf dasselbe 
folgenden Gipfel sind der Reihenfolge nach: das Schwara» 
hörn, Ergiscfahorn, Zehntenhorn, Stetethalhorn;, 
Festihorn and Barrborn, hinter welchem, atebi lefebt 
tu erkeuaca and in mnehelnbarer Gestalt, dar Moni« 
Rosa sichtbar ist Es treten nur die oberen Theüe 
des Nordeades «ad der höchsten Spitae hinter den 
Kam» des Barrhornes hcrvar. Das entere, nämlich das 
Nordend, ißt an sehtet weissea Dreieckflache, die letztere 
als «wei nebea einander «stehende, fest gleichsehe, Feie- 
sacken zu erkennen. So wie man eich ja 4er Verjfclguag 
jenes Gebirgakamtnee dem Hintergründe das Turtmann-* 
Ibales nähert, werden die Gipfel gesackter, wilder aad 
sehneereiAcr. Rechts erhebt sieh das {unbedeckte Bru- 
feeekborn schon so einer imposanten Grösse. Es diaat 
ahe» doch aar gleichsam als Fttssgeetell ftk «das neben 
ihm auftauchende Weisshora, unstreitig dem schön- 
sten Gebilde dos ganz« Panoramas. Indem sieb die 
Hauptmasse in einem fast bogenförmig aufsteigenden, 
scharfkantigen, Ktieken erhebt, dessen belle Fimwäade 
in ihrer gansea Breite dem Zaschaaer sagekehrt sind, 
schwingt sieh der höchste öipfel noch über diesem Ränken 
sa einer hoch ja den Himmel ragenden sehmaleo Fira- 
spitae empor, welche auch westlieb einen niedrigen Fim- 
rlleken sussDfest Hinter diesem ragt eine Felsaseka der 
Pf gas de Laiss hervor, und rechts daran macht sieh 
der Momiag oder das Bei h hörn durch seine nadel*» 
förmige Eiespitxc kenabar. Noch mehr rechts erscheint 
die 8pitzc des Gabelbornes and die weissen Kämme» 
welch* «wtooben dem Einfischthal and dam Zmattbal aof* 
gestellt siad» Ueber diese ragt aber eine Gestalt in dfa 
lüfte, eine schwane, backlige, Felseagesftalt, weUss 
tttfeh ihre aussergewohnliehe Form, so wie durch Uwe 
Höbe die Anfeerksamkeit des Bee-bacfcteia fesseln mass* 
Es ist das afatterfcorn oder der Moat Gerfrin aal de* 



— tee — 

Braute von Piemont Ein anderer Gipfel, der eich rechts 
von der Pointe de Ztnal erhebt, bildet ebenfalls durch 
sein« imposante Höbe und «eine breite Pyramidengeatait 
eine Zierde des Panoramas. Es ist die Deut Blanche, 
e» Knotenpunkt zwischen den Thäleru tob Zmutt, Ein- 
fach aad Ering. Vorn an aie gelehnt, bemerkt man, gleich 
einem treuen Begleiter, der ihr stets nahe steht, den 
Grand Cornier, und den Firngrat, der sich von ihm 
nach dam Maat Gerne und dem Felskamm der €ou- 
ronne de Bräone erstreckt, während diesseits die Gi* 
pfel 4er Pigne de la Lex, der Garde de Bordoo 
und dar Gerne de Sorebois sichtbar sind, welche den 
Grat krönen, der das Einüschthal von dem Zweigthale 
von Grimenee oder Torrent scheidet Vor dieser stolzen 
Gipfelreihe steht eine Masse von Gebirgen hingelagert, 
welche den Baum zwischen dem Turtmannthal und dem 
Einfisehibal ausfüllen, und deren äusserste Abstufung 
gc^eo das Bhonethal in ihrer ganzen Breite und Schroff* 
best, and in ihrer Durchfurchung vor unseren Augen liegt 
Obsehon einzelne Gipfel dieser Gruppe noch in die Re- 
gion des ewigen Schnees ragen, so herrscht doch die 
dunkle Färbung der Felsen und Alpenfirsten vor, und 
bebt den adbabeaen Eindruck der hinter ihr emporstei- 
genden FimMmme und SchneegipM. Als Höhenpunkte 
dieser Gruppe sehen wir das schroff Abgestürzte, felsige* 
Bor ler hörn» das gerade vor der blendend weissen Masse 
des Wetsshomea aufgerichtet ist, und demselben als Folie 
dient j vor dem Moming die zwei Gipfel der Bella Tola, 
der eine links mit einer Firnhaahe bedeckt, der andere 
rechts, in schroffen, scharfkantigen, Felsen abgeschnitten.. 
Unter dem Gabelborn ist der zweigipflige lo Beaao eicht* 
bar, der den mächtigen, hier zwar nicht sichtbaren, Zinal- 
Gletscher beherrscht Unter dem Cornier zeichnet sich der 
grüne Gip&l des Illhornes ans, dessen steile Abstürze 
sieh m den Trichtern des IUgrabens versenken. Endlich, 
als niederste Stufe,, «»eheint 4er waldgekrönte Felsriickea 



- 170 - 

des Mont Pärigard oder Boretßcbberges, über Wel- 
chen hinaus man, wenn aueh nicht den Tbalgrund, doeb 
den Einschnitt der Tbäler von Aüniviers und Torrent ge- 
wahrt Aber wir sind mit unserem Alpengemälde noch 
nicht zu Ende. Ueber jenen firnbesäumten Grat, der 
zwischen dem Torrentthal und dem Val d'Hlrins von der 
Couronne de Brlone in fast horizontaler Richtung Bicb 
liinaus nach der kleinen schwarzen Spitze der Pointe 
de Sasseneire und dem Pas de Lona erstreckt, 
ragen in ihrem weissen Schneegewand die Gipfel der 
Aiguilles Rouges oder Dents de Bouquetins 
zur Rechten der Couronne de Bräone empor. &ie be- 
herrschen an der Grenze des Piemonts den Arolla-Glet- 
scher, über den man aus dem Val Pellina nach Ering 
hin&bersteigt. Hinter der Pointe de Sasseneire erhebt 
sich, durch die Verkürzung eng zusammengedrängt, der 
scharfe Firnkamm, der hinter Evolena die Oombe de 
Ferpfecte von der Combe de FArolla trennt, und unter 
dem Namen Dents de Vejuy öder les Dents be- 
kannt ist Die zwei weissen Spitzen, die dem Firngrat 
entsteigen, der die Aiguüles Rouges mit den Dents de 
Vejuy verbindet, mögen die Becca de la Maya und 
die Dova blanche sein. Zur Hechten der Dents de 
Vejuy, über den Pas de Lona hinaus, erkennt man am 
fernen Horizonte einen gezackten Schneekamm, den ieh 
für die CrSte ä Co Hon zwischen dem Otemma-Glet- 
scber und dem Gletscher von Vuibez halte. Als Fort** 
Setzung des Kammes der Sasseneire erscheinen hingegen 
In einer Doppelgruppe die schneebedeckten Felsgipfel der 
Becs de Bossons, welche den Hintergrund des Re* 
schythals bekränzen , und in dem Einschnitt, den sie bil- 
den, tritt der ferne weisse Silberkegel der Pigne de 
FArolla in stolzer Würde auf, während mehr rechts 
der Pic de Voasson seine zierliche Schneekuppe ent- 
faltet. Zur Seite dieses letztern gewahrt man als ausser» 
fites Gebilde der Penninenkette den in steiler Eiswaad 



- 171 ~ 

aufgeriebteten Kamm des Montblanc von CheHon 
mit der angelehnten schlanken Zacke der Pointe de 
Rouinette, an deren Fnss der Gletscherpass des Gol 
du Mont Rouge ans dem Thal von H&lmence nach den 
Untersten Alpen des Bagnes-Thales hinüberführt. Dies» 
fteits der Becs de Bosson zeigen einige Berge niederen 
Ranges ihre zahmen, doch immerhin noch mit einzelnen 
Schheebändern und Schneeflecken geschmückten Gipfel, 
und breiten ihre waldumgürteten, mit dem Grün schöner 
Alpweiden bekleideten, Abhänge ans. Unter ihnen er- 
kennt man die Pointe de Lona, den M6nt Maret 
und die Spitze von- Orsivaz, die als weitschauender 
Vorposten zwischen dem Einfisch- und Reschy-Thal auf- 
gestellt ist. — Je nachdem man den Aussichtspunkt mehr 
oder weniger weit östlich vom Daubenbtittli wählt, treten 
Binige kleine Abweichungen in der Gruppirung der Ge- 
birge ein. So z. B. wird vom Daubenhüttli aus nur noch 
das Nordend vom Monte Rosa gesehen, und die höchste 
Spitze ist den Blicken entzogen. Je mehr man sich auf 
dem stufenweise sich erhöhenden Grat dem Fuss des 
Plattenhornes nähert, erweitert sich der westliche Hori- 
zont um einige Bergspitzen. — Es ist noch nicht so lange 
her, d&ss in Bezug auf die Nomenklatur des Gemmi* 
Panoramas grosse Verwirrung und Uqgewissheit berrschte, 
und erst die neueren besseren Karten über das Wallis 
und die fieissigere Bereisung dieses Landes durch Ge- 
lehrte und Touristen haben Licht in das frühere Dunkel 
gebracht So hat sich Freiherr von Weiden, der doch 
eine so gründliche Kenntniss der Topographie des Monte 
Rosa hatte, als er von der Gemmi aus dessen nördliche 
Ansicht aufnahm *) , durch die gewaltigen Formen und 
die imposante Grösse der vor ihm ausgebreiteten Gebirgs*- 



*) Der Monte Rosa. Eine topogr und naturhistorische Skizze, 
Wie* 1824. 



— 172 — 

weit auf eine unbegreifliche Weise täuschen lassen, Er 
hielt die zwei Gipfel des Bruneekhornes für den Monte 
Moro und den Pizzo del Rocco, den hoben Grat, der 
nach der Spitze des Weisshornes hinansteigt, für die 
Cima di Jaszi, das Weisshorn selbst für das Nord«» 
end und die höchste Spitze des Monte Rosa; die 
Pigne de Leiss für die Parrotspitze, den, Moming für 
den Lyskamm; das Matterhorn für den kleinen Mont 
Cerrin, die Oent Blanche für den grossen Mont Ger- 
vin. An die Stelle des Turtmanntbales setzte er das 
Saaserthal, und an die Stelle desjenigen von Einfisch 
das Visperthal. — Selbst noch auf H. Zellers litho- 
graphirter Gemmi-Aussicht wird der Balfrin für das Mit* 
taghorn, die kleine Mischabel für die Cima di Jazsi, 
der Dom oder die grosse Mischabel für den Monte Rosa, 
und die Spitzen dieses letztern für den Lyskamm gehal- 
ten, während im übrigen die Nomenklatur ziemlich rich- 
tig ist 

Hat man das kleine Felsenplateau der Daubenhöhe 
überschritten, so führt der Weg nach dem Schwarren- 
bach-Wirthshause, wie wir oben schon bemerkt, dem 
östlichen Ufer des melancholischen Daubensees entlang« 
Dieser See hat eine Höhe über dem Meere von 6791 
Fus8. Er ist während acht Monaten des Jahres zuge* 
froren, so dass der Winterweg über die Gemmi mitten 
über ihn hinführen soll Seine Länge beträgt ungefähr 
20 Minuten, seine Breite 9 Minuten und seine Tiefe 
höchstens 20 Fuss. Er hat keinen sichtbaren Abflnas. 
Bei den Leuten der Gegend steht die Meinung fest, ein 
Bach, der vorn im Gasternthaie aus einem Felsen her- 
ausquillt, sei der unterirdische Auslauf des Sees. Im 
Wallis hingegen wird behauptet , der Baob , welcher bei 
dem Dorfe Salgetscb, zwischen Varen und Siders, vorbei- 
fiiesst, habe seinen Ursprung im Daubensee, und sei 
einer seiner Abflüsse. 

Als wir von unserem Gang auf das grosse Binder* 



1 



— 173 — 

hörn wieder bei der Herberge beim S c h w gi ienbach an» 
langten, war das kleine ebene, gegen den Absturz mit 
einem Gelinder versehene, PIStzcben vor dem Hanse 
mit Fremden zu Pubs und su Pferd, und auf alle mög- 
Hebe Weise costtimirt, sowie mit Führern, Trägern und 
Pfprdetreibern angefüllt, welche die Qemmi oder den 
Wallisberg passiren wollten, oder dessen Höhe schon 
passirt hatten, nnd es eontrastirte das laute Getümmel, 
das Schwatzen nnd Lachen des durstigen Fübrervolkes, 
kons die ganze bewegliche Erscheinung, seltsam mit der 
Einsamkeit und Stille der öden Felsenwildniss, in welche 
dieses Hans als ein freundliches Zeichen menschlicher 
Fürsoige, die sich hier über den hohen Berg Handrei- 
chung giebt, hingebaut ist. — Es war drei Ohr Nach» 
mittags, als ich yon meinen beiden Begleitern, die sich 
als wackere Bergleute erwiesen hatten, Abschied nahm, 
und raschen Schrittes dem Thalboden von Kandersteg 
zueilte. Der Weg führt vorerst mitten durch eine Wüste 
von nackten Felstrümmern, die wohl als die unheimlichen 
Zeugen und Ueberbleibsel eines einstigen Bergeinsturzes 
su betrachten sind. Zur Linken wird diese Felsenwüste, 
wo der Weg sieb mitten durch wild übereinandergehäufte 
Steinblöcke durchwindet, von der kahlen Wand des Fels«* 
hornes beherrscht, das noch 225.0 Fuss höher liegt, als 
das Wirthshaus beim Schwarrenbach. Zur Rechten trennt 
eine enge Kluft, deren * kesselförmige Becken theflweise 
mit Wasser angefüllt sind, den Wanderer von der kaM 
und steil aufsteigenden Steinwand des kleinen Rinder- 
hornes. Der Weg führt tbalabwärts über den Spittel* 
buhl, und nach einer halben Stunde betritt man den 
flachen Boden eines Alpenthaies, dessen grüner Rasen- 
und Moosteppich wohlthuend in das Auge fällt. Das 
Thal ist von dem Lochbach oder Sagebach durch- 
flössen, der dem Sage-Gletscher entfiiesst, und sich durch 
die enge Spalte zwischen dem kleinen Rinderhorn und 
der Alteis hervordrängt Auf der linken Seite des Baches 



— 174 — 

liege* die ärmlichen Hätten der Wallisw&lp Spittel* 
matte, 5845 Fuss über dem Meere. Kleine Gehölze 
und Felstrümmer umsäumen diese Alp, und dahinter er*. 
bebt sich als eine nackte Felsenmauer der Grat, der 
sieb vom Felshorn nordwärts nach dem Vorposten des 
Gellihornes (7065') hinzieht. Die rechte Thalseite 
wird von dem schönen Gebirgsstock der Alteis einge- 
fasst. Das unterste, schroff aus dem Thalgrunde empor- 
steigende, Gehänge ist mit einer lichten Tannenwaldung 
bekleidet. Ueber derselben bilden von Gräben durch* 
furchte Schafweiden eine ansteigende schmale, grüne 
Terrasse. Dann hört jegliche Vegetation auf. Geröll- 
halden und kahle Felsplatten bedecken den Boden, und 
die zu beiden Seiten des Berges sich in die Höhe zie- 
henden Felsenrippen fassen das breite Schneedach ein, 
das sich in blendender Weisse bis zur Spitze hinauf- 
zieht Längs dem unteren Rande ist die Schneemasse 
stellenweise zu Gletscher umgeschmolzen, und zeigt dem 
Auge seine blauen Verklüftungen. Diese Riesengestalt 
erscheint dem Reisenden so nahe, so klar erkennt er 
den ganzen Detail der Bodenbeschaffenheit vom Fusse 
hinauf bis zur blendenden Spitze, dass er meint, dei» 
lichten Tannenwald, die blumige Schaftrift, das herrliche 
Schneekleid mit einigen Sprüngen erreichen zu können. 
Die Spitze der Alteis erhebt sich 11187 Fuss über dem 
Meere oder 5340 Fuss über den Boden der Spittelmatten. 
Dieses Hochthal ist eine gute halbe Stunde lang. An 
seinem nördlichen Ende lässt man den Thalbach, der 
sich durch tiefere Gründe dem Gasternthaie zuwendet, 
rechts zur Seite, und ersteigt die begraste Anhöhe der 
Wintereggalp, um deren unanschauliche Hütten ge- 
wöhnlich ein Trupp scheuer Kinder ihre Stimmen ver- 
nehmen lässt, und ein Rudel grunzender Schweine herum- 
schnobert, während das braune Hornvieh und .neugierige 
Pferde auf der weiten Alpentrift ihre Weide suchen. Die 
Alphöhe der Winteregg liegt 6003 Fuss über dem Meere. 



— 175 — 

Hier scheidet man von den freien Bergeshöhen, ans de* 
reinen Alpenluft, ans der stillen Natur-Einsamkeit, und 
der Wanderer wirft gern einen letzten Rückblick auf die 
Scenerie der Alpenlandschaft, die ihn umgiebt Er zögert, 
den Schritt zu thun, der ihn hinunter in des Thaies 
Tiefe, in das Gewimmel der Menschen führt! — Man 
betritt zuerst ein enges Thälchen, dessen Wiesengrund 
von nacktem Felsboden und Steingerölle unterbrochen ist, 
allmälig abwärts. Zur Rechten hat man den Rücken des 
Winteregg-Grates, und es lohnt sich der Mühe, 
die paar Minuten zu opfern, deren es bedarf, die Höhe 
za besteigen, um von dort den interessanten Blick nach 
dem wilden Gasternthai und den gewaltigen Felshörnern, 
die dasselbe umgürten, zu gemessen. Der Kanderglet- 
scher, die Blümlisalp, das Doldenhorn, der Fisistock 
zeigen ihre wilden Gestalten. — Den gebahnten Weg 
fortsetzend, gelangt man bald in den Schatten des Hoch- 
waldes, der den nördlichen Gebirgsabfall bekleidet* Bis 
bieher ist man immer noch auf Wallisgebiet Der Weg 
führt nun in langen Kehren theils durch die Waldung, 
theils an dünnbegrasten Halden der Tiefe zu. Die wald- 
bekränzten Felsköpfe der Winteregg bleiben hoch oben 
zurück, und vor den Blicken öflnet sich allmälig der 
grüne, mit Häusern und Hüttchen geschmückte, Thal- 
boden von Kandersteg, von der Ränder und der 
weißsglänzenden Fahrstrasse durchschlängelt, und halb- 
kreisförmig von hohen Gebirgen umschlossen, die so 
nahe «neinander gedrängt sind, dass man die tiefen und 
engen Einschnitte kaum bemerkt, durch welche die 
Hochthäler von Oeschinen, Gastern und Ueschinen ihren 
Wasservorrath ausgiessen. — Ungefähr mitten am Berge 
wird das Gehänge durch die terrassenförmige Stufe des 
„Nassenbodens" unterbrochen. Kaum hat man aber 
den schmalen Wiesengrund überschritten, so kommt man 
an die letzte steile Bergwand, an welcher sich der Weg 
in zahlreichen Zickzacksteigen durch die Waldung hin- 



— 178 — 

unter windet, bis man endlich, nachdem man während 
einer guten Stunde fortwährend heruntergestiegen ist, an 
der Mündung des Ueschinenthales die schöne Thalfläche 
von Kandersteg betritt. In munterem Schritt eilte leb 
dem Dörfchen zu, das vom Fuss des Berges noch etwa 
20 Minuten entfernt ist, und eine Höhe von 3602 Fuss 
hat. Gegenwärtig steht ein neues Gasthaus im söge* 
nannten Eggschwand (3627'), da, wo die Ansteigung 
nach der Gemmi beginnt — Der letzte Strahl der 
Abendsonne vergoldete die Fekrgipfel und die Firne, 
während das Thal schon im Schatten ruhte. Donnernd 
rauschte, für das Auge unsichtbar, die junge, wasser- 
reiche , Kander aus den Eingeweiden der Khis hervor. 
Dem geregelten Bett der grauen, ungestüm dahin brau- 
senden, Fluth entlang führte die hübsche Strasse thal- 
auswärts zwischen schönen Wiesen und Geholfen hin. 
In weiter Ferne verglühte die Alpenknppe des Niesen«, 
gleichsam als winkender Leuchtthurm gegen die Thal- 
ebene hingepflanzt, deren mit Fruchtbarkeit gesegneter 
Scbooss das Ziel unserer Wanderung barg. Noch hatte 
ich das Dörfchen nicht erreicht, als mich meine Reise- 
gefährten, mir entgegenkommend, begrüssten. In deren 
Begleit zog ich Abends 6 Uhr in das Quartier, mit dem 
dankbaren und heiteren Bewusstsein, einen Tag irdischer 
Herrlichkeit verlebt zu haben, wie sie nur sehen dem 
Menschen zu Tbeil werden, und auch nur demjenigen 
aufbehalten sind, dessen Sinn für den erhebenden Ein- 
druck grossartiger Naturscenen empfänglich ist, und der 
sich nicbt scheut, sich diesen Hocbgenuss mit Mühe und 
Gefahr zu erringen. 



J 



— »7» — 



8. Der TWL 

Von Melchior Vir ich. 
Höhe: 3611 Met. = 11144 Par. F. 

- Der Dödi, oder, wie er wohl richtiger, der Aus* 
Sprache folgend, geschrieben wird, der Tod i, der höchste 
Berg de» Kantons Glarus, nach Eschmann 3620,3 Meter 
oder M 144,9 Pariseriuss hoch, gehört nach B. Studers 
Geologie der Schweiz, 1. Bd. 1851 pag. 179. ISO, sei- 
ner geologischen Struktur nach zur Finsteraarhornmasse. 
„Wie das westliche Ende der Gneismasse unter den mäch» 
»tigtn Kalkstook der Ahels einsinkt, so hat sie, an ihrem 
»östlichen Ende, die hohe Ealkmasse des Tödi nicht mehr 
„abzuVrerfeu vermocht Aul der Qtidseite des Tödi ist 
„nach A« Escher von der Linth der Gneis noch ausge- 
„(zeichnet entwickelt, und mit ihm verbindet sich daselbst 
„ein schöner, mit Diorit verwachsener, Granit, der zoll* 
»lange Feldspathswillinge einschliesst Auf der Höhe des 
»Gebirges aber und auf der Nordseite abwärts, bis unter» 
»halb der Sandalp, herrsehen talkige Quarzitschiefer, bald 
»durch Aufnahme von Feldspath in Gneis tibergehend, 
»bald mehr dem Talk- qäfst Glimmerschiefer genähert. 
»Mit dem Gneis der Südseite sind diese Schiefer durch 
»unmerkliche Uebergänge verbunden. Spuren von An* 
»tbracitBchiefer zeigen sich nach Escher, Studer Bd. 1. 
»p. 373, auf der Ostseite des Tödi am Bifertengrat In 
»ungefähr 2500 Meter Meereshöhe werden die obersten 
„quarzreichen Talkschiefer begleitet von schwarzen Schie- 
bern, die in Sandstein und Conglomerat übergehen, und 
„zwei bis vier Zoll starke Streifen von Anthracit ein» 
„schliessen. Die Talkschiefer des Bifertengrates am Tödi 
„(pag. 431 Studer Geologie 1. Bd.), welche den An- 
»tbracit führenden schwarzen Sandsteinschiefem zur Grund*- 
»liage und EinfatiDuig dienen , sind von den Verrucatum 

12 



* ' 



— 178 — 

„schiefern, oder mit Talk gemengten körnigen Quarzit- 
„schiefern der Westalpen oft nicht zu unterscheiden. 
„Zugleich mit den Anthracitschiefern verlieren sie sieht 
„nach Escher, unter dolomitischen Kalkstein von gelblich 
„staubiger Oberfläche; auf diesem liegen schwangraue 
„Schiefer und schwarze körnige Kalksteine mit Quarz- 
„körnern, durch Zunahme derselben übergehend in Sand- 
stein, und noch höher folgt der Hochgebirgskalk. Der 
„obere, dem dolomitiseben Kalk aufliegende Verrucaao 
„scheint, wie im Beussthale, au fehlen« Dagegen ent- 
„wickelt sich auch hier, besonders in den Schiefern über 
„dem dolomitischen Kalk, auweilen auch in diesem selbst, 
„oder im obern körnigen Kalkstein, ein oft beträchtlicher 
„Eisengehalt in starker Beimengung von oolithischen Ei- 
„senkörnchen ; auch zeigen sich kleine Oktaeder von 
„Magneteisen, eingesprengt oder auf Kluftfläcben." 

Der Lage nach erhebt sich der Tödi im. Hinter- 
grunde des Linththales hart an der Grenze gegen Grau- 
bünden, vom Bade Stachelberg fünf Stunden entfernt. 
Er ist der Fürst der nördlichen Ostschweiz, und hat als 
solcher einen Hofstaat, wie ihn kein anderer Berg auf- 
weist. In ehrerbietiger Entfernung umgeben Um seine 
Trabanten. Gegen Süden, durch den Bifertenfirn von 
ihm getrennt, ragen auf dm Wasserscheide der Fölaen 
des Bleisasverdas, der riz Melen, die Spitze des 
Stockgrons, der Schneegrat des Urlaun, und die 
Firnkuppe des Bündnertödi oder Frisalstockes 
empor. Auf der Ostseite, ebenfalls durch den Biferten- 
gletscher von ihm geschieden, der Bifertcnstock 
(Durgin) und der Selbsanft (Grepliun). Gegen Norden 
senkt sich der Tödi in steilep Felsmassen, die nur 
spärlich mit Schnee bedeckt sind, 5000 Fuss.tief in die 
6000 Fuss hoch liegende obere Sandalp hinunter. Von 
dieser Seite steigen die Kuppen des Geisputzistockes, 
Beckistockes, Zutreibstockes und Gemsistockes 
von West gegen Ost in schroffen Felswänden aus der 



— 179 — 

obern und untern Sandalp empor, und durch den Glari- 
denürn getrennt, nördlich von diesen, ein zweiter, be- 
deutend höherer Grat, der Glaridengrat, der in der 
Alpenregion mit dem Kamerstock beginnt, und sieh 
oberhalb des ürnerbodens bis zum Scheerborn hin- 
sieht, und mit dem Kammlistock endigt, die höchste 
Spitze erhebt sich zwischen diesem und dem Oberort- 
haldenstock oder Fismathorn. Gegen Westen end- 
lich erbeben sieb die schwarze Pyramide des vorderen, 
und das Firnplateau des hintern Spitz älpeli mit dem 
Katscharauls, auch diese sind durch den Sandglet- 
scher von dem Tödi getrennt, und nur der 8700 Fuss 
hohe Sandgrat mit dem Kegel des kleinen Tödi 
bildet hier eine Vermittelung. So ist der 1*0 di ringsum 
von einer Reihe von Bergen umgeben, die ihm an Höhe 
nachstreben, aber ihn nicht zu erreichen vermögen, denn 
über 1000 Fuss fiberragt er sie alle. 

Während denselben von der Süd- und Ostseite der 
Bifertengletscher umsäumt, an der Westseite der 
Sandfirn sich an seinen Felswänden in die obere 
Sandalp herabsenkt, trägt er selbst über seinen Fel- 
aenmauern ein weites Firnfeld auf seinem Scheitel, das 
zieh gegen Norden absenkt, und von drei Gipfeln ge- 
krönt ist, die beiden südlichen, beinahe gleich hohen 
Spitzen, die durch einen Firngrat von einander geschie- 
den sind, sind gegen Osten der Tödigipfel, ein Firn- 
kegel, gegen Westen der Piz Rosein oder Rusein, 
der, nur theilweise mit Firn bedeckt, sein Haupt gegen 
den Himmel erhebt. Bedeutend tiefer erhebt sich am 
Nordende des Firnplateau als dritter Gipfel der Sand- 
gipfel, der unmittelbar über die obere Sandalp empor- 
steigt. Von diesem Firnplateau senken sich an den Fels- 
wänden des Tödi noch zwei Gletscher gegen das Thal 
hinunter, gegen Osten der Röthegletscher, der sich 
in die Geröllhalden des Bifertengrundes herabzieht, und 

12* 



— 180 — 

gegen Westen der Ruseingletseher, der gegen de« 
Sandftfn Abstürzt. 

Ton Zürich aus betrachtet bietet tfch die Westseite 
des Tödi dem Auge dar, die Felswand, die gegen den 
Sandfirn sich herabsenkt, der westliehe Gipfel ist der 
Piz Rusein, der Östliche, bedeutend tiefere, es führt 
eine schiefe Linie zu Am hinunter, ist der Sandgipfel. 
Der Tödlgipfel ist hinter dem letztern nur für ein 
geübtes Auge als Ffrnkegel fa gleicher Höhe mit dem 
Ku s ein sichtbar. 

Der Weg vom Stachelbergerbade bis an den 
fuss des Tödi ist in kurzen Zügen folgender: Bhrter 
dem Dorfe Linththal gelangt man bei den FSBen des 
Fetschbaches vorbei in die Auengüter, westlreh 
erhebt sich der Kamerstock, östttcb der Vorstee*- 
stock, man schreitet der Terrasse der Baumgarten- 
alp entgegen, zwischen Welcher und der Felsmasse des 
Selbsanft sich das grause Limmerntobei ßffiiet 
Weiter hinten Im Thale stürzt der Schreienbach über 
die Felswände herab der Linth zu. Man blickt östlich 
ah die Wände des Altenorenstockes hinauf. Nach* 
dem man einen ebenen Thalgrund überschritten, in wei- 
chen die Linth aus wildem Tobel hervor« trömt, führt 
eine Brücke über dieselbe, und man steigt Über eine 
Geröllhalde, und durch liebten Wald, der noch die Spu- 
ren der Zerstörung von einer Schneelauine an sich trägt, 
zur neu erbauten Pantenbrücke hinauf, die man in 

fut 11/2 Stunden erreicht. Der Bück in die Tiefe des 
'elsenschlundes , in welchem die Linth kaum hörbar 
brauset , ist einzig in seiner Art Hat man die Brücke 
überschritten, so steigt man am Risse der Uelialp mit 
überraschendem Blick auf den Ooloss des Tödi gegen die 
Oeftnung des Limmerntobels hin, überschreitet den 
Limmernbach, und gelangt dann auf die hügelige 
Fläche der untern Bandalp. Man ist von himmel- 
hohen Felswänden eingeschlossen. Oestlich strebt, der 



— 181 — 

äelbs^nft in senkrechten Wänden xum Himmel empo** 
westlich erheben sich nicht minder steil über die Geröll? 
beiden die Fekmaesen des Gemsistockes und Zutreib- 
st eck es. In dem letzten* befindet sich ein Loch, bei 
welchem die Gemsjäger schon manche Gemse erbeute! 
toten. Während die Gemsen gegen dasselbe getrieben 
werden, lauert hinter demselben ein Jäger mit gespannt* 
fem Rata, und sebiesst dieselben, die durch des Loch 
efch schon gerettet glauben, unversehens nieder. Gleich 
Mm Anfang der untern Sandalp, oberhalb der Stelle, 
wo dar Altenorenfeach sich mit ihm vereinigt, über*» 
schreitet man den Sandbach (er beiast erst nach seiner 
Vereinigung i^jt dem Limmernbach Lintb), und steigt 
an den Geröllwänden des Gemeistockf* hin. Bei d#t 
ersten Hütten der untern Sandalp steigt man wieder 
auf das rechte Ufer hinüber, und gelangt dann über eine 
ebene, Fläche in den Hintergrund der untern Sandalm 
wo ftben&Us einige Hütten stehen. Hier stürzt der $i* 
ferfceubaeh, an einer alten Moraine vorbei, von Süden 
her dem Saud b*ch zu, während gegen Westen der 
Oberetaffelbach aber die Wand der Qchseublaakft 
in schönem Falle dem Thale zueilt. Bei seiner Vereinin 
gn»g mit dem Bifertenbacbe erhalten beide den Kar 
men Saudbach. Man ist drei Stunden von Stachelberg 
entfernt, und wca 4000 Fuse über dem Meere. Man, 
befindet sich hier am Fusse des TödJj der in ßtplser 
Majestät seine Massen zum Hieomei erbebt, doch wird 
der Anblick durch die Wände der Rötbe, die in dem 
Ochsens tock sieh zuspitzen, und wie ein Sporq gqgen 
den Selbsanft hin den Bifert engrund von der untern, 
SandaJp abfchüepseu, etwas beeinträchtigt- Will man 
m den eigentlichen Fuse des Tod» gelangen, eo hat 
mjm noch die. steile Wand der Ochsenblanke bin^n- 
sjMtetgfN}, m*d auf der Südseite den Rötbebacb, auf 
der Westseite den Qberstaff$lbacb gi^ch bei eefr» 
iMW Stnjyß# ß»t $ iper brücke «* i^wscbr^it^v Nach \ 



- 182 - 

Stunden gelangt man auf die Fläche der obern Sand* 
a 1 p , auf welcher zwei Sennbütten stehen. Es ist ein 
höchst überraschender Anblick, diese Oase mitten in der 
Gletscherwüste. Rings wo man hinblickt, Felseolosse, 
die ans dem Firnmeer hervortauchen, gegen Süden der 
Tödi in seiner ganzen Mächtigkeit, gegen Westen das 
vordere Spitzälpeli, gegen Norden der Geis» 
putzistock und der B e c k i s t o c k, mehrere Glet* 
scherzungen des Glaridenfirnes strecken sich bis 
in die Thalfläche hinunter, und im Hintergrund, wo das 
Thal eine Biegung gegen Süden macht, steigt der Sand* 
gletscher zum kleinen Tödi hinauf. Hat das 
Vieh die Alp noch nicht bezogen, und ist dieselbe mit 
dem schönsten Blumenteppich bekleidet, so ist der Con- 
trast um so grösser. Statt über die etwas mühsame 
Wand der Ochsen blanke die obere Sandalp 
zu erreichen, kann man von der untern Sandalp 
aus einen andern Weg einschlagen, der zwar etwas 
Weiter ist, aber weit mehr Abwechslung und Interesse 
darbietet. Man steigt nämlich südlich an den Stürzen 
des B i f e r t e n b a c h e s hinauf, betritt die grüne Fläche 
des Bif ert enb odens, In welche der Biferten- 
gletscher ausmündet. Dann geht mim zur Seite des 
Gletschers hinauf in den Thalgrund , der grösstenteils 
mit Geröll bedeckt ist. Hier hat man nun gegen Westen 
den G0I088 des Tödi, von welchem der B ö t h e g 1 e t- 
scher sich gegen das Thal herabsenkt , unmittelbar vor 
sich, gegen Süden zieht sich der B i f ert engl et- 
scher an den Wänden des Urlann, Biferten- 
Stockes und Selbsanft in zerborstenen Massen 
wie eine Schlange dahin , gegen Norden erhebt sieh die 
Geröllwand des Oehsenstockes, zu dem matr 
hinansteigt, einen Blick in die Tiefe der untern 
Sandalp und ins Land hinaus wirft, und über die 
Wäüde der Röthe in den Grund der obern Sand- 
alp hinabsteigt Der Bif ertengletscher, den 



- 183 - 

man anf diesem Wege eine Zeitlang verfolgt, bildet tt 
seiner Absenkung drei Plateaux, zwei Gletscher« und 
ein Firnplateau, alle drei durch steile Gletseherabstürze 
von einander getrennt Auf dem untersten Plateau ist 
der Gletscher so zerborsten, dass man denselben nicht 
betreten kann, auch der Gletscherabsturs von dem zwei- 
ten Plateau ist so zerklüftet, dass es eine Unmöglichkeit 
ist, denselben au bemeistern. Hingegen kann das zweite 
Gletscherplateau betreten werden. Man muss über Ge* 
tSOwäade zu einem Grate hinaufsteigen 9 der sich von 
den Wänden des Tödi ablöst , und dem Gletscher zur 
Seite sich eine Zeitlang hinzieht, das Bifertengrätli 
oder Grünhorn. Hat man dieses fiberschritten, so 
muss dann eine Stelle gesucht werden,' die Zutritt auf 
das Plateau des Gletschers gestattet, da derselbe in hohen 
Eiswänden abstürzt Das zweite Gletscherplateau ist von 
dem dritten , dem Firnplateau, durch eine hohe. Firnwand 
geschieden, deren Absturz so steil und zerklüftet ist, dass 
selbst eine Gemse denselben nicht zu bezwingen ver- 
möchte. Hau muss daher über Fetewände an der Seifte 
des Gletschers das dritte Firnplateau zu erreichen suchen. 
Es ist leicht zu begreifen, dass ein Berg, wie der 
T $ d i , der durch seine stolze Form sich auszeichnet, 
und weit über alle seine Umgebungen emporragt, auf 
dessen Scheitel, mit ewigem Firn bedeckt, man sich eine 
unermessUehe Aussiebt versprechen darf, vielfache Ver- 
suche zu seiner Ersteigung hervorrufen musste, Es bat 
auch wirklich nicht an solchen gefehlt, an gelungenen 
und misslungenen , ja sogar nicht an vorgeblichen, und 
es ist nun die Aufgabe dieser Schrift, dieselben der Reibe 
nach aufzuzählen, und in ihren Einzelnheiteu zu schil- 
dern, dieselben auch der Prüfung zu unterwerfen, und 
so gleichsam eine Chronik diese» Berges abzufassen. Es 
werden dabei vorzüglich nachfolgende Schriften benutzt, 
und theBweise ausgesogen werden : Job. Hegetschwei- 
ler IL D. Reisen in d*n Gebtrgsstock zwischen. 



- 184 — 

flatus und Graubfladen in des Jahren 1819^ 
1820 u. 1822. Zürich, Orell Füssli & Comp. 182». 

(Dr. Ferdinand Keller) Das Panorama verp 
Zürich nebet Beschreibnag der im Jahr J8A7 
«fesgeführten Ersteigung des Tödi berge«. Zürich* 
Orell Fttssli & Comp. (1&S9). 

In EbeT s Anleitung, die Seeweiz au bereisen, Im 
2ten Tbeil der 2te» Auflage, Zürich 1804, pag» 247 
findet sieh die Netbv. „Der Pater Placidns a Speeha 
„aus dem Kloster Diesen tis war der erste, welcher 
„vor 20 Jtihrea (also circa 1784) den T ö d i von dar 
„Südseite her bestieg» Nach der Aussage dieses Natur* 
„forschen ragt derselbe über alle Gebirge des Bündner-* 
„landes, der Kantone Uri, GHarue und Dhterwaldau empor, 
^und übersteigt den Gotthard, den Krispalt, Lukmanier, 
^Fcrca und Grimsel. Die Uebersiefat ist ausserordentlich.* 

Es wäre kein Grund, Zweifel in dieae Hotis an seteen* 
da Placidns a Speeha als vorsüglichev Bergsteiger 
bekannt ist , und die ganae Umgegend Ten D«sentie bis 
in die höchsten Regionen erforsch* hat Wenn man. allst 
damit die Notta vergleicht, die sieh in der dten Aasgabe 
von Ebel im 2tea Bande, Zürich 1809, unter dem Ar- 
tikel Dödi pag. 459 fgd. findet, so möchte sieh all 1 
anderes Resultat ergeben. Es heisa* nämlich dort: „Wer 
„den T ö d i besteigen welke , müsste vom Dissentis bis 
„in die Alp Heins in dam Bnteinthal gehen, und in dar 
„schlechten Alphütte am Ileemgletseher übernachten. 
„Von hier ginge es dann auf den Pia Urlann s»d ton 
„da hinab über das ebene Eisthal nach dam atidaW 
„eben Rücken des Basel*, and über diesen und dem 
„Rasern auf den Tödi; des Abends könnte man wieder 
„m der Alphütte Berns sein. Das Eisfthal hat so watet 
„Spalten, dasa ohne Leitern man nicht hnattbsanefiBett 
„kann.'' 

Hier Ist nun auffallend, dass der Weg auf den T&dfc 
über den Pia Urlann geben soll, und von diesem Hinab 



— «5 ~ 

«fear 4» ahme £istbaL £* ist nflntiieb, wie i*h an* 
eigner Aosehammg weiss, eine reine Unmöglichkeit, von 
item Pis Uriaun auf da« Eästhal hinnnteisusteigcn, da* 
steten vom Tödi trennt. Es senken sieb von demselben 
gnn* steile, beinahe senkrechte, wenigstens 1000 Fuäs 
habe« Felswände gegen den Bifertenfitn, so heisst 
das Eistbal, hinunter, über welche kein« Gemse, ge- 
aakwjeig* dann ein Mensch, wenn er auch «IIb möglichen 
Hütfsswttel hätte, herabsteigen könnte. Ueherdicwa ist 
dieses Eistbal nicht ein ebenes zu nennen, denn es 
einigt, ohne Unterbfucb bedeutend an, and nameatlicb 
nwifiston dem Tädi und Kasein ist die Steigung xwi- 
afitan &0~4O°. Audi iet sehwer au begreifen, wie man 
über die aufflicken Felshäage des finsein binauiklim» 
man kannte, £ur*al der Weg auf den Tödi ebne diesen 
Umweg aber den Firnwall zwischen beiden Gipfeln Mft- 
Äötfüfcrt 

geizt man damit m Verbindung, was in demselben 
Binde von Ebel unter dem Artikel Disaenlis pag. 
455 %. steht, so wird man noch mehr in diesen Zwer- 
fafobestäKkt Hier sagt stfaalieh Ebel naeh Mittneilun- 
gen fon Piacidua a fipecha: „Den Steckgmn im 
nftiioaithel erstieg Plackte a Speeha Hn Jakr 1788. 
„Die Aussaht ist prachtvoll, wird aber Ton dem vor? 
«übenden hohem Russin etwaa verdeckt Oestliah üegf 
„atae Vertiefung, von weicher man eine Gletscherebene 
„and *en dieser den • südlichen Racken des Busen» er- 
brächen und eaet e tge a kann." , Dann wind «der Weg auf 
den Vi» Uriaan geschildert, and die Ansaieht desselben 
gatäbmt* die gegen Süden mit der des Tödi übewaa- 
stiiaetf* da er uamktalbar vor demselben sieht, und nur. 
etwa 1000 Fxxa Zeitiges ist, 

Hier ist *en *iner y*itie4ang zur Seite das Stock- 
gron die Rede, die bat lieh liegen seil. Wir haben- 
wohl einen Einschnitt in dem Gtat bemerkt, dieser liegte 
*er wfta^lfjcb vomßiackgrDo, und Piaciduß a Speeha 



_ t8€ - 

« 

bemerkt selbst, dass der Stockgien an der Westseite 
schrecklich steil abgerissen sei r so das* von der Süd- 
seite wohl nicht zu diesem Einschnitt an gelaufen wäre. 
i>a nun in der 3ten Ausgabe von Ebel von einer 
eigentlichen Ersteigung des Tödi nicht mehr die Red« 
ist , sondern nur der Weg , den man dahin nehmen müsste, 
geschildert wird, so scheint mir daraus hervorzugehen, 
dass die Notiz in der 2ten Auflage auf einem Irrthume 
beruht, dass Placidus a Specha wohl den Pia Ur* 
laun und den Stockgron erstiegen, und daas ihm von 
der Höhe dieser Berge das Eisthal, das zum Tödi hin- 
aufführt, als Ebene erschien« Denn wenn Placidus a 
ßpecha aber den Pia Urlaun den Tödi erstiegen baten 
sollte, so hätte er dieses nicht in Einem Tage vollfüh- 
ren , und eben so wenig über die steilen Felswände bin« 
unter den Bifertennrn erreichen können. 

In der Nachschrift von Hegetschweilers oben an* 
geführtem Werke pag. 190 fg. berichtet derselbe Pater 
Placidus a Specha, dass am ersten September 1824 
awei bündnerische Gemsjäger den Pia Busein erstiegen, 
was ihm desawegen wahr scheine, weil er mit dem Fem* 
röhr (aus welcher Entfernung wird nicht gesagt) Nach- 
mittags beim Einsinken des Schnees an den Fussatapfen 
deutlich wahrnehmen konnte, dass sie vom Berge herab« 
kommen« Dagegen bemerkt aber Hegetschweiler; 
„Für den, der Gegend Unkundigen, muse jedoch be- 
„merkt werden, dass wegen der sehr hoch und «teil an* 
„steigenden Wände des Tödi die zwei Spitzen desselben 
,^nur in beträchtlicher Entfernung können gesehen werden, 
„aus welcher ich mir bei etwas schwachem Gesieht auch 
„mit einem guten Fernrohr kaum einen Mensehen an 
„unterscheiden getraute", und man darf wohl hinzusetzen : 
noch viel weniger die Fussatapfen eines Menschen. Es 
mag also dieser Bericht auf zieh beruhen, er bedarf 
keiner weitern Widerlegung. 
. Abgesehen von dieser Notiz waren seit Placidus a 



— m — 

ßpecha diese Ctegendcn ziemlich unbesucbt gefattoben, 
und von einer Ersteigung des T 5 d i ist nicht mehr die 
Sude, bis der rastlose Hegetschweiler in den Jahr 
reo 1819, 1820 und 1822 seine Verwehe zur Ersteigung 
desselben unternahm, und die Resultate derselben in der 
oben angeführten Bebrüt niederlegte« 

„Als ich , schreibt er pag. 67 fg. , mit meinem Knechte 
„und dem Föhrer Hans Thut aas dem Linththal im 
„August 1819 den Versuch wir Ersteigung des Tödi 
„machte, wellte ich zwischen dem kleinen and gros* 
„sen Tödi, nahe an den Wänden de» letstern, auf 
„das Sehneefeld hinter dem Bus ein su gelangen suchen* 
„Muthig wurde in Begleit des Führers und Trügen , je* 
„doch ohne alles Gepäck, angestiegen, «her je höher wir 
„kamen, desto mehr nahete sich Eisabeats an Absats, 
„Klack an Klaclt. Zahllose Felstrummer, welche die 
„Hitze des Sommers, indem sie den Stein erwärmte, bis 
„zur Hälfte und noch mehr ins Eis gesenkt, lagen unv 
„her, und, was auffiel, gar nicht selten waren es Studie 
„von Urgebirge, die, wie der Führer bestimmt versicherte, 
„von der Höhe des Tödi gekommen, da der oberhalb 
„liegende keine Tödi ans lauter Kalkstein besteht« Nach 
„langer vergeblicher Mühe, und ohne bis an den letztem 
»gelangt an sein, kehrten wir um. Der eigentliche Weg 
„über den Sandfirn, auf welchem man leicht an den« 
,jselben gelangt, lag weit westlicher." 

Hegetsebweiler wollte dann vom Kistenstöekli 
ans gegen den Bifertenfirn vordringen, und bedauert, 
von dem Führer davon abgehalten worden zu sein, er 
hätte sieb aber verwundert, wenn er auf den Biferten- 
firn hätte ktaunterstejgen müssen« 

1820, 26. August, wurde von Hegetschweiler der 
zweite Versuch gemacht mit den nämlichen Führern 
and zwei Ausländern« 

„Es wurde beschlossen (siehe {Mg. 69 ff.) , über den 
„Sandfirn in der Richtung des Passes nach DissenHe den 



— 1*1 — 

„&ft*dffat m ersteigen, «m, «am weh «nah jetst bei» 
„Durchkommen von Bieter Seile seigie, doch *ine he- 
„stimmte Ansicht von der Beschaffenheit deaBneeins und 
„dar nächsten Gletscher Gaeubündens s* edaage*. Gleich 
„unter der Bütte der ob#rn Sandalp .ttbenehiMen wir 
„desshalb den einbäuangen langen Steg über den Ober* 
„statieLbach. Wir veemiedan dadurch den GeUputzi- 
„firn Und seinen Bach« Durch holprigen Wiesengrund 
»»ging es eine kurae Zeit dem Oberstaff elbache nach, 
„Hin nnd wieder liegen hier einaelne Gsankatöcfce, und 
„man trifft liier noch mehrere Schichten von ürgebirge 
„an, aui dam aber aleobald wieder Schichten von röfch- 
„ftebem Kalkstein von grosser Mächtigkeit liegen, Mach 
„feuraem Gang gelangten wir mit letsten vegetabilischen 
„Insel, welche auf einer Seite den Sppdüra, und auf 
„der untem die Versandung und den übrig gebliebenen 
„Firn des fipitaalpelis sur Einfassung hat; früher nebst 
„letatem gute Weide , jetst aber ein Aufenthalt dar Mur- 
„todthioee und dar Berghasen ist 

„Ehe man den Sandfirn besteigen kann, geht «ft 
„eine beträchtliche Strecke weit Utege der Felswand am 
„obern Spitsalpeli über grosse W4ile von Geschicke 
,£inani Wenn derselbe ebner wird, betritt man ihn, 
„und wähnt eich nun bald am Ende. Melancholisch 
„Behauen die schwarzen Felsen des Endgrates und der 
„zerrissene Crap Glaruna (der Meine Tödi) ans dem 
^blendenden Firn, nnd vermehren die TÄuachnog, Erst 
„nach awei Stunden gelangt ms« aar Höbe, neabdsü 
„man mehr als einmal die weit offen atehcftdan Kl&oke 
„nmgsngen , oder in sehmale Verbindungen Stufen eto^ 
„gehauen hat Ist der Firn frisch übaraebneit (gng m den 
„Grat hinauf ist er es fast immer) oder tot #s früher im 
„Jahr, so ist wegen dar tsttgeriarihsa Bedaekung diesst 
„Kläcke den Besteigern su rathen 9 das» sie sieh ftft 
„einander binden und» weit asaeinander gas tollt, vor- 
„sflekca. 



— 189 — 

„Etat Orot selbst Hegt nach meinen' Mttsangen 8*W' 
„über Meer, und ist da, wo sei» sebwirzUchen Felsen 
„aas Urgebirge schmal anlaufen, und immer von der 
„8otmc beschienen werden, können , sehiieeios. Der be- 
nachbarte Orap Glaruna besieht hingegen, so weit er 
„tber dea Omt hervorragt, aas Kalkstein. Die südliche 
„ßrfte det letztem ist gegen 2000 Foas tief steil abge- 
„rissen, uad doch Hegen in dieser Tiefe aoeh eimebie 
„Schneefelder. Nicht obne Verwuadernag entdeckt man 
„liier aocb Pflanzen. Mit dem herrlichsten Blas ragt aus 
„dea gelbgrünen Blättern die Gentiana imbricata hervor, 
„and mit ihrem Purpur betüpfelt die SUene exscapa die 
„Erde. Diese und andere Pflanzen bilden kleine Repu- 
bliken ron zahlreichen , unter sieh fast gleichen, Indi- 
viduen, die sieb gegen die Noth dea Klimas dicht an 
„einander drängen. Hier fand ich aueh in efaem Stück 
„Granit mehrere sogenannte Granaten von Disseatis. Als 
„die erste Ueberraschang , welche die nahen und fernen 
„Gegenstände uns eingeflösst, vorbei war, genoss das 
„Auge in Robe die Pracht der Natur umher. Ueber uns 
„bette der Himmel rings das dunkelste Blau aasgegoe- 
„een, dasselbe überzog auch die fernsten Berge, aber 
„herrlicher strahlte daraus der weisse Firn hervor. Dieht 
„unter uns in eehanerlieher Tiefe die Ruseinalp 
„(Herrenalp), ein schmaler, mit vielem Gestein geplag- 
ter, Wiesenetreif. Oestlich dicht an uns der Glarner- 
„stein (€np Glaruna), wie ein gewaltiger 0rcnasttfn 
„aas dem Grat zwischen Glaras und Bftidea herausge- 
„ wachsen; zerrissen, pflanzen- und fast setacelos, uad 
„nur sein graues Gestein dem einsamen Wanderer wei- 
„setid. Neben ihm auf dem gleichen Grat breit Aufgesetzt 
„der Zwilling T 5 d i und R u s e i n , an Grösse und 
„Schrecken demselben weit überlegen , trotzig gegear alles, 
„und aar geduldig gegen den jährlich zunehmenden Firn 
„auf seinem Rücken , welchem silbern mit einziger Schön- 
heit der P i z R u s e i n selbst,, die höchste and äussetste 



— 190 — 

/ 

Spitze des Stockes, entsteigt, Ton unserm Standpunkte 
iyxtigt er sieh erst recht als Berg. 

„Seinen nächsten Nachbar im Bttndnerlande, den vier- 
„eckigen Felsen B 1 e i s a s ▼ e r d as, trennt eine schmale 
„Sehhiebt, ans der gebrochen ein blauer Firn guckt, 
„welcher 1818 fast die ganze Breite der Raseinalp 
„überschüttete , jetzt an den Felsen , auf welchen er sn 
„Thal gestiegen, geschmolzen, nichts mehr ins Thal 
„sendet, und daher einem grossen Theil nach mit Zu* 
„rficklassung eines Sandfeldes wieder verschwunden ist 
„Auf diesen folgt ebenfalls nach Süden der Pin Melen, 
„und noch weiter, konisch, jetzt fast -schneefrei und 
„etwas nach Osten geschoben , der S t o c k g r o n. Dicht 
„neben uns westlich erhebt sich der Grat zuerst in den 
„begletscherten Katscharauls, und dann in den 
„hohem Piz Yalgronda (Düssistock) , von dem ein 
„beschneiter Grat gegen die Glariden hinlauft; noch 
„weiter läuft derselbe, etwas südlieh gewendet, zum 
„zackigen Oberalpstocke 

„Südlich schwimmt der Blick auf die Gebirge Grau- 
„bündens, die abgerundet und mit Waldung hoch be- 
„saumt, aus dieser Zahmheit überraschend viele Glet- 
scher weisen , und diesen entschiedenen Charakter fast 
„der ganzen Kette, bewahren. Blendend weiss und von 
„grossem Umfang lag gerade vor uns , anscheinend mit- 
ten im Wald, der M e d e 1 s e r g 1 e t s c h e r, den noch 
„keines Menschen Fuss betreten , rings viele unbekannte 
„Kuppen und Felsen vom Lukmanier bis zu den 
„Firnen und den Hörnern des Gotthards. Nach 
„Norden, wenn der Blick dem dunkeln Sandthal 
„entflohen , und die wilden Felsen des Beisels to - 
„ckes und Glärnisch, des Mürtschen und 
„Säntis übersprungen, ruht derselbe mit Wohlge- 
fallen auf den zahllosen HügeJreihen des ebnern Lan- 
„des, und erspäht sorgfältig die Bekannten aus der 
„meerähnliehen Fläche. 



„Bis da« Gefundene geordnet, tollte Tb«t unter dem 
„Crap Glaruna vorsichtig gegen den Bleisasverdas, 
f +oder eigentlich den Buseinfirn, vorzudringen suchen, 
„um die Besteigbarkeit des letztem nad der Wand des 
„Base in selbst von liier ans zu bestimmen. Er kehrte 
„bald mit der Erklärung zurück, daes von hier aus so 
Reicht niebts auszurichten sei. 

„Dicht vor uns lag jetzt die Bise (Nebel). In eilfer- 
„tigern Kriegsrathe ward beschlossen, nach der Hütte 
„zurückzukehren, da bei Begen die Felswand gegen die 
„Buseinalp nicht sicher au bereisen, und durch das An- 
steigen aus dieser bis zu dem Firn an der Wand des 
„Bus ein das Problem der Ersteigung gar nicht gelöst 
,,war , da es in derjenigen der letztem bestand , und ich 
„überzeugt war, dass sich des folgenden Tages über den 
„Bifertenfirn ebenfalls dahin kommen lasse. 

„Geizig blickten wir noch einmal die, noch unver- 
bauten, Schönheiten an , und begaben uns alsdann auf 
„schnelle Flucht vor dem Gewitter, das auch diessmal 
„uns durehnässte, während wir durch die eilfertige Rutsch- 
„fahrt über den Firn hinab in Seh weiss geriethen. — 
„Als sieh am 27, August 1820 Morgens das Gewölke 
„etwas verzogen, und der Donner der benachbarten Fir* 
„neu wiederholt gutes Wetter verkündete, machten wir 
„uns um 6 Uhr (viel zu spät!) auf den Weg. Ueber einen 
„steilen Grashügel, durch Alpenrosen, Seidelbast und 
„Bärentraube hindurch , ging esr zur B ö t h e , ein 7000' 
„über Meer hoher Absatz an der nördlichen Seite des 
„Berges , der von dem röthlieh überzogenen Kalkstein 
„den Namen hat. In der Mitte desselben hielten wir, 
„dem Zauber der Aussicht von dieser Felsenaltane nach* 
„gebend. Wir standen gerade ob der Schlucht, deren 
„Boden die untere Sandalp ist, und in die man 
„3000' tief von dieser Felsenmauer hinabsieht, ob uns 
„jäh ansteigend mit wenig Gletscher die 4000' hohe 
„Felswand des Tödi. Die Ansicht der nordöstlichen 



— i«e — 



n ^. Wf «ci» vc» Bier aw ist schöner ab vom Sandgrat 
t ,In der Mitte des Thaies glänzt silbern die L Mit h, 2a 
„beiden Seilen die wohlbekannten Berge, denen matt tar» 
„reits gWick steht*, deutlich erkennt man die Häuserven 
„Linththal uad Mitlödi, und weitet hinaus schweift 
„das Auge bis zur Sättigung ober Seen, Wilder, Hügel, 
„Städte, Dörfer, Aecker, in reisender Abwechslung und 
„von zahllosen Formen/ 1 (Diese Sebüderang fest die 
Phantasie etwas verschönert) 

„Ob uns hing ein. Gletscher, der Vater des Röthe- 
„baehes. Bings umher ist alles Stein wüsse, von ein** 
„seinen Schneedecken unterbrochen, und von wenigen 
„am Saume des ewigen Schnees lebenden Pflämchen ge* 
„schmückt In der Mehrzahl der Jahre liegt hier fast 
„alles anter Eis und Schnee. Hier gehen die Schichten 
„von Urgehirge zu Ende. 

„Ohne anzusteigen zogen wir ..östlich fort, und gelang- 
ten bald zum Ochsenstock, einem begrasten, frei 
„auslaufenden , Fuss des Berges. Da er von keinem 
„hohem Berge beherrscht, und dessen Uebermass von 
„Schnee und Eis au tragen hat, so ist hier die Vegeta- 
tion noch sehr vollkommen (6991' iL M)+ Er kann von 
„der o b e r n und untern Sandalp leicht erstiegen 
„werden, und bietet zu einer erhabenen und Au^tbaren 
„Alpenansicht einen bequemen Standpunkt. " it cff . 

„Von ihm ging es rasch (10 Uhr Vormittags) ins 
„Bif ertenalpeli hinab; so heisst eine magere, 
„von Gletschern und Gestein fast zerstörte Schafwefcfe. 
„(jeher Schutt und einen Theil eines namenlosen Glet- 
schers, der von der nordöstlichen Seite des« Tödi dem 
„Bifertenfirn in die Flanke fallt (Rötbeglet- 
„s eher), ging es über eine gewaltige Schutthalde ge- 
igen ein vorstehendes Hörn hinan, weil hier der Bi- 
„fertenfirn selbst, seiner jähen Absätze wegen, noch 
„nicht gangbar. Wir fanden auf demselben die Grenz-» 
„bewohner der Vegetation. Weil rings bereits alles Leben 



— 193 — 

„erstorben , könnte man dieses Hörn das grüne nen- 
nen. (Es ist das Bif ertengrätli.) 

„Nach kurzer Rast brachen wir auf. Einer der Be- 
gleiter kroch schon von hier kühn auf den Biferten- 
„firn hinab, wir andern kletterten mühsam eine steile 
„Felswand hinan, um den trügerischen und jähen Firn 
„erst höher m betreten. Wir stiessen auf eine, mehrere 
„Fu8S mächtige Schichte von feinblättrigem Tafelschiefer, 
„rings rothgelber Kalkstein und nirgends hier eine Spur 
„von Urgebtrge. Am zweiten Hörn führte uns eine Schnee- 
„brücke auf den Firn. Vereint ging es nun in dieser 
„grönländischen Wüste weiter. Nach zwei durchgearbei- 
teten Stunden gelangten wir an eine hohe Firnwand, 
„deren blaue Eishörner wie Thürme einer Feenburg gen 
„Himmel starrten. Sie waren auf einem hohen. Felsen- 
„absatz, der sich an mehrern Orten nackt zeigte, auf- • 
„gesetzt. Malerisch hing einer derselben mit Beiner Spitze 
„gegen uns über, und drohte alle Augenblicke einzu- 
stürzen. Wir; nannten dieses colossale Bild der Zottel- 
„mutze unsers Führers scherzweise Thuts Mütze. 

„Von hier ist der einzige Ausgang eine kleine Schlucht 
„zwischen dieser Wand und den grässlichen Felswänden 
„des T ö d i. Aus ihr kommt ein Bach , der an mehrern 
„Orten von Eis frei ist, und den Wanderer höher an die 
„Felsen hinauftreibt. Ehe wir an diese gelangten, wurde 
„eine . Recognoscierung durch Thut beschlossen. 

„In Sicherheit an eine Felswand gelehnt harrten wir 
„schweigend seiner Nachrichten. Eine grässlichere Wild- 
„niss mag es im Alpengebirge kaum geben , als die unter 
„uns, neben und über uns war. Durch starres Ansehen 
„des Firnes unter mir schien der Eisstrom fliessend zu 
„werden, und diese imposante Täuschung liess mich auf 
„einige Augenblicke die schauerliche Umgebung verges- 
sen. Nach einer halben Stunde kehrte der Führer zurück, 
„und rief jubelnd von einem Felsenvorsprupg , dass der 
„T ö d i zu ersteigen sei. Wir rasch über mehrere Felsen 

13 



— 194 — 

„fcinauf bis an einen Felsrans, durch den einiges Wasser 
„floss, und der notbwendig passiert werden musste. Mit 
„einiger Nachhilfe, indem der Führer durch sein« Hand 
„den Stand unseres Fusses sicherte, gelang auch dieses, 
„obgleich die Wand Beer «teil, und bei jedesmaligem 
„Ansetzen der Hände an die Felsen das Wasser durah 
„die Aermel gegen den Leib lief. Oberhalb "dieser Schlucht, 
„wenige hundert Fuss fast senkrecht ob uns, stieg ein 
„blauer eiserfüllter Riss, von etwa zwanzig Schritt Breite, 
„mehrere tausend Fuss hoch bis zur obersten sichtbaren 
„Hohe, und schien auf dieser Seite Uns ein und Tödi 
„zu trennen. (?) Still und schnell sogen wir an diesem 
„Himmeteband vorüber; uns warnten eine Menge kürzlich 
„hinabgestürzter Firnblöcke. Nocto ging es einige Zeit 
„über Felsen und Gletscher fort; da standen wir endlich 
„auf dem Eismeer an der südöstlichen Seite des Berges. 
„Zu unserer Seite hing hoch von der Wand des Tödi 
„ein Wasserfall. Er zerfällt zu feinem Staub , und wer 
„unter ihm steht, kann den herrlichsten Regenbogen um 
„sich sehen*; er wird nass , «und sieht doch kein Wasser. 
, „ünstät schweifte unser Auge m diesem Chaos umher. 
„Kein lebendiges Wesen mag je hier gehaust haben, selbst 
„der Aar kreist «rieht mehr in dieser betiteleeren Gegend. 
„Wir glaubten uns bald am Ziel unserer Reise, aber ge- 
„waltig tbürmte sich noch der Berg mal seinen gelben 
„Wänden vor uns auf. Wir standen in der Höhe der Was- 
serscheide von G 1 a r u s und Grau bänden. (??) 
„Unserer jetzt angestellten Berathung gab der tobende 
„Föhn bald den Ausschlag. Schwarzblau ruhte auf uns der 
„Himmel, aus zerrissenem Gewölk taucht« um? hie und da 
,yein Gegenstand aus den Ländern der Sterblichen auf, und 
„bald zog die Bise (Nebel) noch cfccfhter zu uns heran , der 
„Vorbote des gewissen Regens. Unter diesen Umständen 
„war an kern Weiterkommen zu 'denken, und bei der wahr- 
„schemlich -fortdauernden schlechten Witterung sudh an 
„kein Ausharren auf dem Berge. Ungern ward die Rück- 



— 195 — 

„kehr beschlossen. Wir hatten zwar bewiesen , dm, was 
„gewöhnlich für unmöglich gehalten wurde , zwischen dem 
„B Herten und dem Tödi gegen Graubünden 
„vorzudringen , überhaupt eine (Ersteigung des Eismeeres 
„hinter dem K u s e i n , von wo aus eist die leiste Höhe 
„erstiegen werden kann , ebenso wohl möglieb sei , als von 
„Grau bänden aus; aber die Hauptsache, die Er- 
„Steigung selbst, blieb unvollendet, und, was für mich 
ebenso unangenehm war , sie schien es auch bei fernem 
„Versuchen zu bleiben. Ein Ungewitter mit .Schnee und 
„Schlössen, die ein reissender Wind heulend uns zuwarf, 
„beflügelte unsere Schritte, tiefer begleitete uns der 
w Begen. 

„Die oben erwähnte Schlucht war wieder glücklich 
„passiert, der unbewegliche Tbut leitete unsere zagenden 
„Schritte. Nun ginge pfeilschnell auf dein Firn durchs Un- 
„gewitter hinab. Galepp (der Hund .des Führers) föhrtete 
„genau die sichere Bahn, auf der wir angestiegen. Auf 
„dem Ochs.enstock nahmen wir unsearn Morgens 
„zurückgelassenen Träger auf, und beschlossen, von hier 
„nach der untern Sandalp zu steigen. Eb war 
„beinahe Nacht, als wir, bei der flutte anlangten; sie 
„war ohne Heu zum Nachtlager, so wie ohne Speise- 
„vorra&h. Wir hatten seit Morgens fast nichts «mehr ge- 
gossen, die gesammelten Pflanzen mussten gewechselt 
„werden; da beschlossen wir, in der Nacht .noch nach 
„Linththal hinabzusteigen. Nicht ohne Gefahr über- 
„stiegen wir die Nothbrücke aber den L i na mernbach; 
„der heftige Wind wollte unsere papieroe iNoUblaterne 
„immer auslöschen, und der Regen Hess sie nicht auf- 
„recht (tragen. Vm Mitternacht langten wir, zu sacht ge- 
»ringer Verwunderung unseres Wkthes., im Ldct^thal 
„an* rund .der plätschernde fiegen, der uns am andern. 
„Morgen sehr spät weckte, Uess uns nicht bereuen, dass 
„wiruosejrm dittmarisierenden Thut auch hierin geglaubt 
„hatten, und nicht gegen seine Warnung auf dem Berge 

13* 



— 196 — 

„geblieben, oder gar, waa meine Begleiter wollten, nach 
„Trons (??) hinabgestiegen waren. 4 * 

Im August 1822 wurde von Hegetschweiler im 
Begleit von Herrn Rathsherr Dietrich Schindler von 
Mollis, H. von St Hilaire von Paris und Maler 
Wüst von Zürich nebst zwei Führern und einem Trä- 
ger ein dritter Versuch gewagt. Siehe Seite 82 ff. des 
oben angeführten Werkes. 

„Den 12. August um 4 Uhr Morgens brachen wir 
„aus der Hütte der obern Sandalp auf gegen die 
„f. ö t h e. Wir wollten zuerst die Ersteigung auf glei- 
chem Wege wie 1820 versuchen. Erstere war noch 
„nicht ganz schneefrei, obwohl mehr als 1819; auch 
„hatte der Gletscher oberhalb etwas abgenommen. Von 
„hier aus, meinten die Führer, wäre trotz der Steilheit 
„eine Ersteigung bis an den obersten Firn, und vielleicht 
„noch höher hinauf, möglich; sie wollten aber diese nur 
„mit mir allein und ohne alles Gepäck unternehmen, wess- 
„ wegen der Versuch verworfen wurde. Um 7 Uhr waren 
„wir auf dem Ochsenstock, und um 8 Uhr bei dem 
„Firn, der dem des B i f e r t e n hier in die Flanke 
„zu fallen geschienen hatte. Jetzt zeigte sich fast aller 
„verbindende mehrjährige Schnee geschmolzen, und grosse 
„Schuttwälle kamen zum Vorschein, doch waren die äus- 
„sersten nie weit von denen von 1819 entfernt. Auf die- 
„sem Firn verliert sich in einem Eistriehter ein Bach, der 
„sich später mit dem Bifertenbach vereinigt. Um 
„9 Ubr waren wir auf dem grünen Hörn, die mei- 
sten Pflänzchen hatten schon verblüht; meine Messung 
„zeigte 7746' über Meer. Der Gletscher hatte fast allen 
„verbindenden Schnee mit den nahen Felswänden ver- 
loren, und wir mussten sehr steil aufwärts klettern, um 
„erst oberhalb eine Verbindung zu erreichen. Am zwei- 
„ten Felsenvorsprung erspähten die Führer eine schwache 
„Schneebrücke, welche uns nicht ohne Noth auf den 
„Gletscher brachte. Auf diesem erreichten wir gegen 



— 197 — 

ftl2 Ubr den Felsenabsatz. Noch stand der Eisthurm, 
„Thuts Mütze. Aber rings warnten zahlreiche Glet- 
„ scher stücke zur Eile. Wir flohen längs dem Bach an' 
„die Felsen. Die Gegend war ganz die gleiche , nur 
„waren einige Felsen mehr von Eis entblöst. Der Baro- 
*meter zeigte hier eine Höhe von 8689' ü. M., also fast 
«eine gleiche, wie der Sandgrat auf der westlichen 
„Seite des Berges. Um die Verbreitung des Schalles zu 
„beobachten, und an sicherm Orte das Herabstürzen loser 
„Gletscherstücke zu veranlassen , schössen wir eine Pistole 
„ab, die in der Nähe heftig knallte, aber unerwartet 
„schwach von den Felswänden gegenüber wiederhallte. 
„Bald ward es unheimlich in dieser Einöde. Nirgends 
„eine Spur von Leben, oder auch nur von dasselbe nach- 
„äffender Bewegung. Einzig stoben cuweilen von der 
„Wand des B i f e r t e n Firnklötze durch die Felsrunsen, 
„die tiefer einen Wasserfall täuschend nachahmten. Wir 
„bestrebten uns, über Schutthalden weiter zu kommen. 
„Nach anderthalbstündigem mühsamen Steigen gelangten 
„wir an die südöstliche Seite des Berges, nicht weit von 
„der Stelle, von der wir 1820 unsern Rückzug angetre- 
ten. Wir lagerten uns 2y 2 Uhr Nachmittags auf einer, 
„gegen Felsen- und Gletscherbrüche durch überragende 
„Felsen geschützten, Steinplatte, 9202' ü. M. Dieselbe 
„schien aus der Wand herausgewachsen, welche sich von 
„hier in erstaunliche Höhe fast senkrecht bis an den Firn 
„auf der Kuppe erstreckt Bestimmter als das erste Mal 
„suchten wir uns mit der Umgebung bekannt zu machen. 
„Ueberirdisch ist der Anblick des schwarzblauen Himmels- 
„gezeltes, wie es über die weissen und r blauen Firnen 
„ausgespannt ist, wenn der Föhn herrscht; aber er ver- 
awischt auch alle deutliche Aussiebt in die Ferne. Ja 
„wir hatten Mühe , nicht sehr weit entfernte Gegenstände 
„scharf zu beobachten. Zunächst vor uns lag etwas west- 
„lich ein Grat, aus dem mehrere schwarze Felsen hohl- 
wangig guckten, wahrscheinlich der Porphir der Bund- 



— 198 — 

„Mr (?), östlich davori der Orat Uriaun, der runde 
„glänzend befirnte Platalva (der Plalalva Ist 
„östlieb vom Selb sanft, es ist der Btindfctir- 
„tödi, Fr isal stock gemeint), und dicht bebe» 
„ihm nördlich dt« Biferten oder Durgin, und tob 
„diesem südlicfc die Felsen ums Frisalthah Einzig 
„nach Westen bemerkte man an dem Rücken des Blei- 
„sasVerdas* des Piz Melen gegen den Stock-» 
„gr on deutlieb einen Gletscher mit gewaltige» Eiszackeft, 
„der sich gegen die Wand des R u s e i n hinaufzog. Aal 
„den ersten Bück sah ich ein, dass dieses die einsige 
„Stelle sein müsse* von welcher eiri Versuch zur Erstei* 
*gung gelinge» könnte, weil nur ein, aus beträchtlicher 
„-Höhe kommender, Firn solche Zacken hat, ein solcher 
„aber* der nur bis an die Wand des R u 8 e i h gelangte, 
„fast eben waVe. Aber eben diese Zacken beweisen auch, 
„dass der Gletscher ziemlich steil von der Höbe hinab- 
„steigt, und dass die Ersteigtang aber denselben noch 
„mannigfaltige Schwierigkeiten darbieten würde. Ich vet- 
„suchte, an der Wand des Berges weiter vorzudringen, 
„aber ein tiefer, frisch gefallener, Schnee machte das 
„Vordringen äusserst mühsam und sogar gefährlich. Es 
„zeigte sieb bald, dass, ohne hier die Nacht zu bleiben, 
„an keine völlige Ersteigung zu denken waf, denn such 
„von hier aus erschien der niedrigste Abhang des Ber- 
„ged noch sehr hoch. Zum Uebernäehten waren wir 
„schlecht eingerichtet. Noch mehr schreckte uns der 
„Anzug eines Gewitters ab* welche in diese* Höhe den 
„Wanderer mit unbeschreiblicher Gewalt anfallen. Wir 
„beschlossen die Rückreise, um später den letzten Ver- 
„such von dem Bandgrat ans au machen* von dem 
„wir in kürzerer Zeit zu dem oben angeführten Gletscher 
„zu gelangen hofften. 

„Wenn die Felsplatte, auf welcher wir die leiste 
„Messung machten, 9203' ü. M, ist, so darf der Grat, 
4den der P o r p h i r (?) und U r 1 * u n oberhalb bilden f 



— 199 — 

„gewiss tu 10000' ü. M. angenommen werden. Die 
„höchste Kuppe des Biferten ist aber darüber. 

„Wir schössen noch mehrmals unsere Pistole ab. 
„Die schwache Fortpflanzung dea Schalles erregt ein 
„eigenes Gefühl der Leere. Der Abend begann anzu- 
drücken. Nachdem wir in eme leere Flasche einen Zettel 
„mit den Namen derer, welche die Versuche zur Erste!- 
*gung gemacht, gethan hatten, und selbige unter einen 
„Felsenvorsprung unweit des Wasserfalles befestigt, zogen 
„wir rasch abwärts. Wir standen bald an der Eissehlucht 
„in den Felsen des Berges, und staunten nochmals ihren 
„himmelhohen Zug an. Der Führer mahnte schnell vor- 
nüber zu ziehen, weil er kürzlich herabgefallene Firn- 
„blötke gewahrte. Bald standen wir an jener Runs, die 
„wir jedesmal mit einiger Mühe passiert haben. Weil 
„nicht alle gleich beherzt waren, so sollten alle sich 
„der Reihe nach eines, von den Führern gehaltenen» 
„Seiles bedienen; drei von uns standen bereits unten in 
„Sicherheit, an eine Felswand gelehnt, zwei befanden 
„sich gerade in der Schlucht» die Führer oben, da dröhnte 
„es furchtbar durch die Einöde, tosend und zischend ge- 
„sehah ein Fall von jener Eissehlucht Jetzt der Angst- 
„ruf der Führer» dann Schneegeriesel über uns, und 
„Schrecken und Todesstille. Es rauschte stärker, in 
„Schneegestöber, wie in Rauch, fahren kleine Eisstücke 
„über uns. hinab in den Abgrund , und durch die Schlucht 
„gerade auf die darin Weilenden. Das Gesicht gegen die 
^Felswand gekehrt, ging der Strom ohne bedeutende 
„Beschädigung vorüber» In stummer Erwartung verharr- 
„ten wir noch ein Paar bange Augenblicke, da hörte der 
„Strom auf» und fröhlich zurufend erkannten sich die 
„Geretteten. Die Gletscherstücke hatten sich durch den 
„tiefen Fall und das weite Hinabrollen zermalmt, und 
„fast unschädlich gemacht Wenn uns dieser Zufall weiter 
„oben begegnet wäre, so hätte nur schnelle flucht an 



- 200 - 

„eine Felswand, oder das Hinwerfen auf die Erde, mit 
„dem Gesioht gegen dieselbe, geholfen. 

„Auf diesen Schrecken folgte bald ein tüchtiger Re- 
„gen , welcher uns bis nahe an die Hütte der o b e r n 
„Sandalp begleitete. Den folgenden Tag, 13. August, 
„sollten die Führer vom Sandfirn aus noch eine 
„Recognoscierung gegen den Rusein vornehmen. Sie 
„kamen Abends 14. August zurück. Sie hatten sich vom 
„Grat des Sandfirnes östlich gewandt, und waren an 
„den Steinriseuen unter dem kleinen Tödi gegen 
„die südlichen Nachbaren des R u s e i n gedrungen. Sie 
„erstiegen einen derselben, wahrscheinlich den Stock-* 
„gron. An einem Felsen, wo sie viel von der Kälte 
„zu leiden hatten, brachten sie die Nacht zu. Sie hiel-* 
„ten die gänzliche Ersteigung des Berges nicht geradezu 
„für unmöglich, aber ohne besondere Zubereitung nicht 
„für rathsam.* In der Nachschrift pag. 191 bemerkt je- 
„4och Hegetschweiler: 

„Nach zwei Tagen kehrten die Führer zurück, be-* 
„haupteten bald auf dem Schneefeld auf dem Tödi ge~- 
„wesen zu sein (also den Tödi erstiegen zu haben), 
„bald nur ein Schneefeld der höchsten Spitze, und er-< 
„boten sich, mich in einem folgenden Jahre ebenfalls 
„hinaufzuführen. Aber eine in ihrem Begleite von einer 
„Höhe von circa 9000' aus gemachte Recognoscierung 
„bewies mir bald, dass sie den Rusein nicht völlig, 
„erstiegen, und ich also ihre Erzählung nur unrichtig: 
„nachgeschrieben und verbreitet hätte." 

Dieses sind die Versuche HegetschweilerB, den, 
Tödi zu ersteigen, wie er sie selbst schildert West» 
derselbe trotz seiner Beharrlichkeit seinen Zweck nicht 
erreichte, so hat er doch das Verdienst, die Umgebung 
des Tödi zur nahem Kenntniss gebracht, und künfti- 
gen Versuchen den Weg gebahnt zu haben. Heg.e fe- 
sch weiler hätte ohne Zweifel bei seinem zweiten 
Versuche im Jahr 1820 den Tödi ersteigen können, 



- *öi — 

wenn er früher im Tage sich auf den Weg gemacht* 
und frisch den Firn, der sieh südlich von seinem Stand- 
punkte in die Höhe zog, überschritten hätte, statt über 
Felswände hinauf den Firn auf dem Scheitel des Tödi 
erreichen su wollen. Auch wurde er stets in seinen Ex- 
peditionen durch das Wetter gestört Für eine solche 
Unternehmung bedarf es aber einer unbedingt schönen 
Witterung. Ich werde später bei der Schilderung unserer 
Expedition noch einmal auf einzelne Punkte in der an- 
sehenden Schilderung Hegetschweilers, die einer etwelchen 
Berichtigung bedürfen, zurück kommen. Seine Versuche, 
vom Sandf irn aus den Tödi su ersteigen, die er 
zu. wiederholten Malen machte, und durch seine Führer 
machen Hess, konnten nie gelingen, da die Felswände, 
dort am steil und hoch sind. Der einsig mögliche Weg. 
auf den Tödi führt über den Bif ertenf irn. 

Diess führt mich auf eine weitere Ersteigung des 
Tödi, die von Vollrath Hoffmann und Friede- 
rich von Warnstedt den 21. August 1821 von Seite 
des Sandfirnes bewerkstelligt worden sein soll. Es 
steht nämlich in der Schrift von Vollrath Hoffmann,, 
„die Erde und ihre Bewohner", Stuttgart 1832, pag. 
J 37 und 5*e Auflage 1838 , pag. 179 bei einer Tabelle 
der Höhenangaben die Anmerkung zum D ö d i , der 
12000 Fuss gerechnet wird: „Dieser im Sommer 1821 
„durch Friederich von Warnstedt und den Ver- 
fasser erstiegene Berg ist noch nicht gemessen, dürfte 
„aber, nach der Aussieht von oben au urtheilen, höher 
„sein." Diese Angabe wird aber in dem Werke Hoff- 
manns, ^Deutschland und seine Bewohner a Ister T heil, 
Stuttgart 1834,v pag 1 . 78 dahin ergänzt: „Am 21. August 
„1821 wurde dieser für unersteiglich gehaltene Bergkoloss 
„von der Westseite bis auf etwa 500 Fuss von Frie- 
„derich von Warnstedt und Carl Friederieb Voll« 
*rath Hoff mann erklettert." Vergleicht man aber dar 
mit, was Hoffmann in seinem Jahrbuch der Reisen 



— 20t - 

I. Band, Stuttgart 1883, 4ter Abschnitt pag. 14 über 
diese sogenannte Ersteigung des Tödi des Näheren mit- 
theüt, ädern er den Unterschied zwischen Firn und 
Gletscher feststellt, läset er sieh über diese vor- 
gebliehe Töcbreftse folgender Massen vernehmen: 

„Als mein Reisegefährte, Friederieb von Warn- 
as tedt, und ich im Sommer des Jahres 1&21 am 21. 
„August d'Oedi (so sehreibt er) von Seite der Sand« 
„alp erstiegen, und den Gletscher, welcher auf dieselbe 
„sich herabsenkt, nicht ohne grosse Mühe überschritten 
„hatten (denn wir hatten keine Steigeisen, sondern mussr- 
„ten stellenweise mit dem Stockhammer uns Stufen ein- 
„hauen f und mit nnsern Stöcken und durch Handreichung 
„uns fortzubringen suchen), trauten wir der Scheide zwi- 
schen Schnee und Eis, welche allmäbg bemerklich wurde, 
„nicht. Der Gletscher war unten, wie ich es vorher auch 
„an vielen andern bemerkt hatte, sehr zerrissen und voll 
„grosser Klüfte, über die hinüber zu kommen uns sehr 
„schwer geworden sein würde, wenn nicht den Tag und 
„die Tage vorher Eislauinen von den überaus schönen 
„Kl ariden herabgestürzt wären, von denen eine das 
„untere Ende des Gletschers berührte, so dass wir, zwi- 
schen den Eisblocken derselben durchkletternd, den 
„Gletscher bereits beträchtlich oberhalb seines Ausgan- 
„ges erreichten. Als wir über den weniger zerrissenen 
„Theil eine gute -Strecke aufwärts gegangen, und ge- 
„stiegen waren, kamen wir an einen Eisabsatz, welcher 
„keine Spalten hatte , und über den hinauf zu kommen 
„mir äusserst beschwerlich wurde, da meine Stiefeln nicht 
„mit Nägeln beschlagen waren, und die Sohlen, von dem 
„Wasser und Eis schlüpfrig geworden ; mehr Neigung zum 
„Ausgleiten als zum Feststehen hatten. Mein Freund, 
^welcher voran mit seinem Hammer Stufen machte, reichte 
„mir, wo ich gebückt attf allen Vieren kroch, die Hand, 
„and so kamen wir hinüber auf eine Gletscherfläche ohne 
„Spalten, die zwar nicht glatt wie das Fluss- und See* 



1 



— 303 — 

4 eis, aber doch eben, und sehr wenig geneigt war, so 
„dasfr man sie, etwas seitwärts aufsteigend, ahne Be- 
schwerde überschreiten konnte» Diese Eisfläche was nicht 
„lang. Als sie aufhörte, traten wir auf Firn, der auf 
„dem Eise auflag , wesshalb der Fnse nicht tief eindrang, 
„dann ward der Firti tiefer, so das» wir bis aa die 
^Knöchel, später sogar bis an die Waden einsanken. 
„-Obgleich es sich hier gut stieg, und wir froh darüber 
„waren, den Gletscher hinter uns an haben, hegten wir 
„doch zugleich die Besorgnis*, das« das unter dem Firn 
„liegende Eis Spähen haben könnte, in die hinemzu- 
„-fltitateft möglich wäre. Vorangehend untersuchte ich da- 
„her alle Paar Schritte mit meinem Stock die Tiefe, und 
^konnte keinen festen Grund finden. Es war dieses um 
„Mittag, und die unbewölkte, erwärmende, Sonne mochte 
„durch Thauen, so dachten wir, diese Erscheinung her- 
vorbringen. Wir Würden nun ganz sicher, indem nach 
„unserm Dafürhalten die Firnmasse stark genug wäre, 
„uns über etwa tief unten liegende Gletscherrisse zu tra- 
fen, und schritten rüstig Torwarts. Kaum mochten wir 
4«ine Viertelstunde so fortgewatet haben, als ich, mit 
„meinem linken Fusse ins Bodenlose tretend, der Länge 
„nach in den Firn stürzte , mit dem Fusse in der Spalte 
„steckte, und die vorgestreckten Hände, tief in die lose 
„Masse gegraben ,* als ich mich aufrichten wollte, noch 
„tiefer eindrangen. Mein Freund sog mich aus dieser 
„hülflosen Lage. Stumm und bleich sahen wir uns an, 
„und ich stiess mit dem Stocke an dem runden Loche, 
„in das ich hineingetreten, und das inwendig ganz schwarz 
„aussah i worauf von der Firnmasse, die nur einige Fuss 
„dick war, ein Theil in den Abgrund fiel, und ein gäh- 
nender meergrüner Spalt, ein Dutzend Fuss lang, und 
„einige Schuh breit, sich aufthftt, Dieser Spalt sog sich, 
„wie wir fanden, sehr weit, und als wir nach langem 
„Hin- und Hersuchen ihn überschritten hatten , wurde die 
„-Schneemasse fester. Erst in der Höhe kam es mir in 



— 204 — 

„den Sinn, den Schnee, welchen wir bis dahin für gleich 
„mit dem in tiefer liegenden Ländern gehalten hatten, 
„näher zu betrachten, und ich fand ihn aus Körnern be- 
istehend. Immer weniger traten wir ein, so dass wir am 
„Ende so fest gingen, als wenn man im Winter auf 
„harter, tragender, Schneekruste schreitet. Ä 

So weit Hoffmann. Durchgeht man diese Schilde- 
rung, so ist in derselben durchaus nicht von der Be- 
steigung des Tödi die Rede, sondern einfaeh von einer 
Ueberschreitung des Sandgletschers und Firnes 
bis zum Sandgrat, der eine Höhe von circa 8700' 
hat. Ja H. Hoffmann beweist durch seine Schilde- 
rung, dass er, damals wenigstens, in Ueberschreitung 
von Gletschern noch ein Neuling war, dass er wohl im 
Allgemeinen von der Beschaffenheit der Gletscher gehört, 
dieselben aber noch nicht aus eigner Anschauung gekannt, 
dass er daher auch nicht die nöthigen Vorsichtsmass- 
regeln bei solchen Expeditionen in Anwendung gebracht. 
Es ist in dieser Schilderung von keinen Führern die Rede, 
sondern es scheinen H. Hoffmann und Warnstedt 
allein diesen Ausflug von der o b e r n S a n d a 1 p aus 
gemacht zu haben. Sie waren nicht mit Stricken, mit 
Beil, mit Steigeisen versehen, ja H. Hoff mann hatte 
sogar Stiefel ohne Nägel, und an einer Stelle bewegte 
er sich auf allen Vieren vorwärts. Alles dieses beweist, 
dass die beiden Herren einfach den Sandgletscher 
bis zur Höhe überschritten haben, eine Tour, die damals 
im Jahr 1821 noch zu den Seltenheiten gehörte; seit 
dieser Zeit aber, besonders seit Hegetschweiler, jedes 
Jahr mehrere Male gemacht wird, und der gewöhnliche 
Uebergang von Glarus nach Graubünden auf Dis- 
sentis zu fet Der Tödi hat eine Höhe von 11144', 
ist also beinahe 2500' höher als der Sandgrat. Der- 
selbe, oder vielmehr die andere Spitze, der Rusein, 
senkt sich auf dieser Seite in so steilen, mit Firn über- 
zogenen, Felswänden ab, dass es eine reine Unmöglich* 



— 205 — 

keit ist, ihm von dieser Seite beizukommen, zumal für 
jemanden, der schon auf dem Sandfirn auf allen Vieren 
kroch, und was die Erhebung von 500' über den Sand* 
grat betrifft, so hat sich EL Ho ff mann dabei um nicht 
weniger als um 2000 Fuss geirrt. 

Ehe ich zu den wirklichen Ersteigungen des Tödi 
übergehe, habe ich noch von einer andern vorgeblichen 
Reise auf den Tödi zu berichten , die ebenfalls in der 
oben angeführten Schrift „das Panorama von Züriih" 
pag. 103 ff. erwähnt wird. Es heisst daselbst: 

„Im Juli 1833 bemühten sich, wiewohl fruchtlos, 
„einige Hirten aus dem Linththal, den Tödi zu erklet- 
tern. Im Sommer des folgenden Jahres wiederholten 
„sie den Versuch, und gelangten, nach ihrer Behaup- 
„tung, am 16. Juli auf die Spitze des Berges. Ihren 
„Weg hatten sie über die steilen Abhänge, die sich oben 
„an der Ruseinalpe erheben, und den Stockgron 
„genommen, und so das Plateau des Berges erreicht, 
„von dem sie ohne Anstrengung über den mit Schnee 
„bedeckten Firn weg die höchste Spitze erstiegen. Die 
„auf dem Wege zugebrachte Zeit (von der Buseinalpe 
„bis auf die Höhe) setzten sie zu 7—8 Stunden an. Ein 
„Artikel in der Olarnerzeitung verkündete das Gelingen 
„des Wagestückes auf folgende Weise : Nach vielen ver- 
geblichen Versuchen ist am 17. Juli der Tödi zum 
„ersten Mal erstiegen worden. Albrecht Stüssi, Jakob 
„Wicbser und Jakob Ries, sämmtlich aus Linththal, 
„haben diesen Ruhm davon getragen. Die Nacht davor 
„brachten sie auf der Fürstenalp, sechs (?) Stunden von 
„Linththal, zu. Der hohe lockere Schnee und der un- 
gemein starke Wind hinderten sie am Aufpflanzen einer 
„Fahne." 

Gerade war ich mit H. €. Hardmeier und Zeller- 
Horner aus Zürich auf dem Wege Ins Stachelberg 
mit der Absicht, die Ersteigung des Tödi zu versuchen, 
als uns diese Notiz in der Glarnerzeitung in Glarus 



- 206 - 

freudig überrasebte. Nach unserer Ankunft in Stachel* 
borg traten wir sogleich mit diesen drei Minnern in 
Unterhandlung. Den 30. Juli 1834 gegen 4 Ohr Mor- 
gens wurde aufgebrochen, und mit den drei Fahrern, 
die mit Proviant, Seilen, Karsten versehen waren, ich 
selbst trog einen Barometer, über die untere Sand' 
a 1 p auf den obern Staffel gestiegen , wo wir 9 
Uhr Vormittags anlangten. Um 10*/ 2 Uhr ging es wie* 
der fort, und nach 12 Uhr wurde der Sandglet- 
scher erreicht Zur Üeberschreitung desselben bedurf- 
ten wir fünf Viertelstunden. Wie wir an der Seite des 
Spitzalp clifirnes hinanstiegen, stürzte plötzlich 
eine bedeutende Eismasse von demselben herunter, und 
zersplitterte zu unsern Füssen jn 1000 Stücke. Um IV2 
Uhr hatten wir die Grathöhe erreicht., und verweilten 
daselbst bis 3 Uhr. Als wir nach der Ruaeinalp 
hinuntersteigen wollten, zeigte es sich, dass die Führer 
nicht einmal genau mit diesem Wege bekannt waren, sie 
führten uns m weit östlich. Wir gelangten zu einem 
steilen Schneefelde mit hartem Schnee. Ich war der erste 
auf demselben mit den Führern. Der Schnee war aber 
so hart, dass ich ausglitschte, und eine» .der Führer mit 
mir fortriss. Dieser wurde durch die Spitzen des Räfes 
(Tragkorbes), das er trug, von hinten gehalten, und 
konnte wieder sich erbeben, ich schoss bei ihm vorbei 
in die Tiefe hinunter, so schnell, dass der Schnee von 
beiden Seiten aufspritzte. Von Aulhalten war keine Bede, 
im Gegentheile verlor ich bei diesem Versuche noch den 
Bergstock. So war ich in ein Paar Minuten über eine 
Schneefaalde hinuntergerutscht, die am besten mit der 
Faletsche am Uetüberg verglichen werden kann. Da der 
Schnee sich nach und nach ausflächte, so konnte ich 
zuletzt Hak machen, und .«um Stehen gelangen, und den 
Stock, der weiter oben liegen geblieben war, wieder zur 
Hand nehmen. Meinen Gefährten, die ganz bestürzt über 
meine plötzBche, unfreiwillige, Spazierfahrt waren, jauchzte 



~ 207 - 

ich entgegen, als Beweis, dass ich uabeschtfdigt sei. Sie 
getrauten sich nun nach meinem Vorgange nicht) das 
Sehneefeld gleieh oben «n betreten, sondern stiegen an den 
-Felsen weiter hinunter, von wo sie dann ober den nun 
weniger steilen Schnee zu mir gelangten. Wir stiegen dann 
noch vollends auf die Rnseinalp hinunter, wo wir 4*/ 2 
Uhr anlangten. Auf den Abend deckte sieh der Himmel, 
und den folgenden Morgen Btellte sieh Regen ein, so dass 
der Entschluss gefasst werden musste, die Ersteigung des 
T ö d i aufzugeben. Statt derselben machten wir den Weg 
um den T ö d i herum naeh B r i g e 1 s hinauf, und über 
den Kistenpass hinunter naeh Staehelberg. 
Auch hier zeigten die Fährer ihre Unkenntnis* des Weges. 
Statt uns unterhalb des Kistengletschers hinzu- 
führen, Hessen sie uns eine Eiswand an den Felsen des 
Muttenstoekes oberhalb eines Schrunde» quer über- 
* schreiten, zur Sicherheit wurden freilich Stufen in das Eis 
gehauen. So endigte dieser Expedition auf den T ö d i, bei 
weither indessen die Führer den Tortheil badten, dass sie 
nicht von ihren falschen Angaben überführt wurden, da das 
schlechte Wetter jeden Versuch verekelte. JteuÜnuner ging 
es Urnen später, wie in der obigen Schrift; pag. 165 ff. 
berichtet wird. 

„Durch den nämlichen Artikel in der Giarnerzeituug 
„angelockt, erschien im Begleit des Herrn a. Staatsrat 
„Dr. Steiger von Luzern und Herrn Arnold Escber 
„von der Linth aus Zürich im folgenden Monat der 
„beharrliche Hegetschweiler, um einen vierten Ves~ 
„such zu machen, und sich von den oben genannten Linth- 
„thalern, die dreist sich die Ehre der Ersteigung amnass- 
„*ten, führen au lassen. Vor dem Abgange 'der Expedition 
„wurden indessen diese drei Männer noch <eni Mal vorge- 
kommen, ihre Aussage aufs sorgfältigste geprüft, und mit 
„den Beobachtungen und Resultaten der frühem Reisen 
„verglichen. Da ergab sich denn ans dem Verhöre vieles, 
„das den Erfahrungen Hegetech weilers geradezu wider- 



„_ 208 — 

„sprach, und die prahlerischen Fährer standen, ehe man 
„einen Schritt bergaufwärts gethan, wenn nicht als Be- 
trüger, doch als Selbstgetäuschte da. Nichts desto 
^ weniger braeh man am 10. August von der Sand- 
„alpe auf. Als man den Weg bis zum Sandfirn- 
„grat zurückgelegt, wurde den Führern aufgetragen, 
„während man naturwissenschaftliche Untersuchungen 
„machte , den von ihnen früher betretenen Weg wieder 
„zu besehen. Die Sennhütte auf der R u s e i n a 1 p e 
„wurde zum. Sammelplatze bestimmt. Zum grössten Er- 
staunen fand die Gesellschaft, als sie nach wenigen 
„Stunden dort eintraf, die von ihr ausgeschickten Leute 
„bereits angelangt, und wohlbebaken um den Heerd ge- 
magert. Die angeblichen Tödibesteiger erklärten, das 
„Kaminloch (Felsrohr), durch das sie früher ihren Weg 
„nach dem Stockgron bewerkstelligt hätten, sei mit 
„Eis belegt, und schon das Betreten desselben wegen 
„unaufhörlich herabrollender Eisstücke unsicher. Dieser 
„entmutbigenden Nachricht ungeachtet drang Heget- 
„schweiler auf Anstellung eines entscheidenden Ver- 
suches. Wirklich setzte sich den folgenden Tag, Mor- 
„gens um 2 Uhr, die Caravane in Bewegung. Ate der 
„Stockgron bis zu einer Höhe von 9000' erstiegen 
„war , gelangte man zu einer sehr abschüssigen Firn- 
„balde , die einer Eisbahn ähnlich von der Höhe des 
„Felsens den Abgründen zulief. Das Ueberschrelten die- 
„ses kurzen Stück Weges wäre ungemein schwierig ge- 
wesen. Während man sich mit einander berieth, änderte 
„sich das günstige Aussehen des Himmels, und dieser 
„Umstand, verbunden mit dem schlechten Betragen der 
„Führer, bestimmten die Reisenden zum Rückzug und 
„zugleich zum Beschluss der diessjährigen Unterneh- 
mungen." 

Ich. komme nun zu den wirklichen Ersteigungen des 
T ö d i , . von. denen die beiden ersten in der oben ange- 
führten Schrift: .Das Panorama von Zürich", 



— 209 — 

auf höchst anziehende Weifte folgender Massen gesebil*» 
dert werden: 

„Im August 1837 verbreitet« sieb im Lintfctbale 
„das Gerttobt, es stien wieder von «folgen Tballeuteo 
„wiederholte Versuche eur Ersteigung des T-ddi ge- 
dacht worden. Am 12. Augast erschienen im Bad 
„Stacheiberg drei Hirten von den Obbord- 
„ bergen , eine kleine Stande hinter dem Dorfe Lintfe~ 
„ t h a 1 , die in einfacher aber bestimmter Weise erzähl- 
„ten, es wäre ihnen am verflossenen Donnentag gelungen, 
„den T ö d i b e r g bu bestreiten, und auf der von dem 
„Badgebäude aus siebtbaren Höbe, dem nördlichsten 
„Theiie der Kuppe, eine kleine Faltne aufzupflanzen. 
„Der älteste von diesen Leuten, Bernhard Vögeli, 
„ein secnsägjähriger aber noeh rüstiger Mann, war all* 
„gemein aus trefflieber Jäger, Wildheuer und muthiger, 
„ja verwegener, Oefcirgsmann bekannt. Er hatte von früher 
„ Jugend an die Steinwüsten und Firne, die den T ö d i 
„umgaben,, durchstreift, und sieh mit den Schrecknissen, 
„die dem Wanderer ia den Regionen des ewigen Sdhneee 
„begegnen, vertraut gemacht Lauinen und Felsstürzen 
„wusste er mit der Schnelligkeit einer Gemse tu. ent- 
„ffiehen, auch vor dem entsetzliehen Bfsenebel war seine 
„Furcht verschwunden. Als er nämlich einst mit einer 
„schweren Ladung Schabzieger (Kräuterkäse) auf dem 
„Ktstengretacher während einer ganzen Macht von diesem 
„Unholde festgebannt wurde, rettete er sieh dusch fort* 
„gesetzte Bewegung aus der Gefahr des Ertrierens. Die 
„beiden andern im Bunde, Gabriel Vögeii, -Sohn des 
„Vorigen, und Thomas Tfeut, Vetter jenes unerschro- 
ckenen Führers Thut, Jünglinge von schlankem und 
„kräftigem Körperbau / hatten schon als -Knaben bei der 
„Gemejagd das halsbrecbende Geschäft des Einfbuns 
„(Einschiicssens) der scheuon Tfaiere übernommen, und 
„sich im Erklettern der steilsten Felswände geübt. In 
„diesen drei Männern erkannte man auf den ersten Blick 

14 



- 210 - 

„ausdauernde und gewandte Bergsteiger, und ihre ein- 
„fache Erzählung , bei der sie , auch wenn man ihnen 
„widersprach, nie an Bethenrnngen ihre Zuflocht nah- 
„men, trag in hohem Grade das Gepräge der Wahrheit 
„an eich. Dessen ungeachtet zweifelten die in der Wirths- 
„stube um sie versammelten Zuhörer, schon so oft durch 
„falsche Behauptungen getäuscht, an der Richtigkeit ihrer 
„Aussagen, und nur wenige Personen, die den Charakter 
„der Leute genauer kannten, schenkten ihnen unbeding- 
M ten Glauben« Vögeli theilte seinen Bericht über den 
„Beweggrund, der ihn au diesem gewagten Unternehmen 
„bestimmte, und die Ausführung desselben ungefähr In 
„folgenden Worten mit: ,Schon seit meinem Knabenalter, 
„so erzählte er, hatte ich ein sehnliches Verlangen, jenen 
„Schneeberg zu erklettern, den wir in .seiner ganzen 
„Pracht von unsern Wohnungen aus erblicken, um von 
„ihm über die Berge und Thäler unseres Landes weg in 
„die weite Welt binauszuschauen. Da er nämlich am 
„Morgen sich zuerst entzündet und am Abend am läng- 
sten von der Sonne beschienen wird, schloss ich, dass 
„er bedeutend höher als seine Nachbarn sein müsse. Ich 
„schob indessen die Ausführung meines Vorhabens von 
„einem Jahr zum andern auf. Da erschien in der näm~ 
„liehen Absicht Hegetschweiler, ein kühner Bergmann, 
„und machte, von den tüchtigsten Führern begleitet, 
„mehrere Versuche. Es blieben aber alle seine Anstren- 
„gungen unbelohnt, und man bestärkte sich in Glarus 
„und Graubünden in dem Glauben an die Unersteiglich- 
„keit des Berges. Nun konnte ich meinen Wunsch nicht 
„länger unterdrücken. In meinem Sohne Gabriel und 
„meinem Nachbarn Thut fand ich Genossen meines Vor- 
habens. Auch sie lockte der Ruhm, zuerst auf jene 
„noch nie betretenen Höhen emporzusteigen, zugleich 
„auch die Hoffnung, wenn die Erforschung eines Hades 
„gelänge, künftigen Besteigern als Wegweiser dienen zn 
„können. Der erste Versuch sollte im Juli 1836 gemacht 



— 211 — 

„werden* Allein die Witterung war während d^s ganzen 
„Jahres|im Gebirge ungünstig. Erst am Ende des ver- 
gossenen Monats (Juli 1837) ,. als man sich beim Wild- 
„heuen überzeugte* das* die Beschaffenheit der Eistbäler 
„Wanderungen dieser Art gestatte , wurde der Tag der 
„Abreise festgesetzt Am 31. Juli verliesseq wir unsere 
„Heimat und stiegen zur obern Sandalphütte, wo 
„wir die Nacht zubrachten. Des folgenden Tages mach- 
ten wir uns vor Sonnenaufgang wieder auf den Weg, 
„schritten über den Bifertengletscher, und gelang- 
ten bis ans Ende des Urlaungletschers (es ist 
„dieses nur ein höherer Theil des. Bifertengletschers in 
„der. Nähe desUrlaun), wo ein plötzlich sich verbreiten- 
„der Bisenrauch (Nebel) uns die Rückkehr rathsaqt machte. 
„Ueberzeugt von der Möglichkeit, unsern Zweck zu er- 
reichen , traten wir wieder am 4. August von der näm- 
lichen Sennhütte aus den Weg nach dem Tödikulm an; 
„aber dieses Mal besser mit Lebensmitteln und Waffen 
„(Geräthe) versehen, und entschlossen, das Aeusserste 
„zu wagen. Wie früher überschritten wir, zwar etwas 
„tiefer unten, den Bifertengletscher, wo das Um- 
„gehen von etwa acht furchtbaren Klacken (Gletscher- 
spalten^ viel Zeit und Anstrengung erforderte , und ge- 
langten erst spät zu einem Eisthurm, vielleicht Thuts 
„Mütze, und zu dem Gletscherabsatz , über den Heget- 
„schweiler nicht bedeutend emporgedrungen war. Nicht 
„weit von demselben brachten wir, an eine Felswand 
»gelagert und an Kälte leidend, die Nacht unter freiem 
„Himmel zu. In aller Frühe banden wir uns, wie am 
„vorigen Tage, wieder ans Seil, um mit grösserer Sicher- 
heit die Eisfelder zu überschreiten, und hatten Ursache, 
„über die Anwendung dieser Vorsichtsmassregel froh zu 
„sein. Mein Sohn stürzte nämlich am Rande des Firnes 
„in eine Gletscherspalte, und konnte nur mit Mühe aus 
„derselben herausgezogen werden. Bald standen wir vor 
„einer schroffen Felswand, hieher des Firnwalles, der 



— 212 — 

„zwischen den beiden Gipfeln emporsteigt, fcn äefr sieh 
„eine enge, Schornstein ähnliche, Schlucht hinaufzog. 
„Durch diecfe hofften wir den Weg: nach der. ober nni 
„hängenden Schneesinne erzwingen zu können. Ich klet- 
terte voran, und nach einigem Zandern folgten mir auch 
„meine Geführten, denen dieser Einfall alteu abenteuer- 
„lieh torkam. An, den fast senkrechten Felsen leistete 
„uns die mitgebrachte kleine Leiter vortrefflich gute 
„Dienste. Eben wollte ich mich aus der Mündung des 
„Felsrohres emporschwingen , als eine furchtbare Sebnee- 
„masse über mich weg nach dem Abgrund lief. Hätte 
„ich auch nur mit der Hälfte des Leibes ausserhalb des 
„Rün8es gestanden , so wäre ich unfehlbar über die Fluh* 
„wand hinausgesebrendert worden. Ein Paar Minuten lang 
„hielten mich wirklich meine Gefährten , da ich ganz in 
„Schneegestöber eingehüllt und betäubt war, für verloren. 
„Den Rückzug von hier zu bewerkstelligen, war keine 
„geringe Arbeit Auf dem Schneefelde wieder angekom- 
men , sahen wir auf mehrern Seiten Gewitterwolken im 
„Anzüge, und damit auch unsere Hoffnung, den Tödi- 
„gipfel an diesem Tage zu erreichen, vereitelt. In schneller 
„Flucht retteten wir uns aus dieser ünwirthbaren Region. 
„Glücklicher als die beiden ersten Male waren wir anf 
„nnserer dritten Reise. 

„Donnerstag, den 10. August, Nachts um 12 { / 2 Übr 
„zogen wir, wie früher, mit Fusseisen, HeuJeilen, Fföss- 
„hacken, einer Leiter, und für unsern Unterhalt mit Brot 
„und Eümmelwasser versehen, aus nnserer Heimat fort. 
„Ohne Zufall erreichten wir Thuts Schlafmütze. Von 
„hier aus, auf der Bündnerseite den Berg hihankletternd, 
„gelangten wir auf ein weites Scbneefeld, und hielten, 
„von den Strahlen der Mittagssonne erwärmt, auf einen 
„von einer Laufne herabgeworfenen Felsstück unser ein- 
fache* Mittagessen. Immer steigend kamen wir zu einem 
( „steilen Abhang, der mit knietiefem frischem Schnee be- 
' „deckt war , worin wir über eine Stunde lang zu waten 



.— 213 — 

„hatten. Dm 12 Ubr sahen wir ein kleipes Firnthal vor 
n Wß liegen, über das wir nicht ohne Besorgniss hip- 
„wanderten. Ganz auf der Südseite des Berges erreich- 
en wir dann, wie es uns schien, die oberste Fläche 
„desselben; da aber ein dichter Nebel pns jetzt umgab, 
„und wir nicht zehn Schritte vor qns^ sehen konnten, 
„marschierten wir aufs Geratewohl vorwärts« Hier war 
„es, wo ich durch die grosse Arbeit erschöpft, mich sehr 
„unwohl fühlte, auch, wie meine Begleiter mit Schrecken 
Jbeqfterk&en , meine Gesichtsfarbe veränderte. Ein Frost 
„und heftiges Zittern der Glieder hatten mi$h, überfallen. 
„Das Gefährliche meiner Lage einsehend, raffte ich meine 
„letzten Kräfte zusammen, fuhr fort, mich zu bewegen, 
„nahm einige Schiticke Kümmel wapser, und hatte $e 
„Freude, mich in kurzer Zeit von. diesem Zustande t>e- 
„freien zu können. Noch eine Weile schritten wir auf 
„dieser Ebene fort; da theilten srpji plötzlich die Wölken, 
„und unser Auge überschaute eine zahllose Menge von 
„Berggipfeln, von denen keiner z# tjns emporreichte« 
„Wir überzeugten uns fast zu unsere Schrecken,, cfass 
„wir auf der Spitze des poch nie bestiegenen T ö d i 
„standen. Unser Thal, in dem wir, unsere Wohnungen 
„und das Stachelbergerbad ertamtfftil» fcg fa d\mfc- 
„ler Jfiefe zu unsern Füssen, uqd wir vergossen Tbränen 
„der Freude über das uns zu Theü gewordene Glück. 
„In aller Eile ^rurde nun als Signal aps zwei Stocken 
„ein Kreuz verfertigt % an das wir einige Nastücher mit 
„Nadel und Faden, die wir zu dtosem Zwecke mitge- 
„qommen, befestigten« Dann ?*ft setzten wir uns auf 
„den glänzenden Firn , nach dem wir ßQ oft mit Sehn* 
„sucht hinaufgeblickt hatten, ^lp wir noch eine Zeitlang 
„durch die Risse der sich häufenden Wolken ip eine u?s 
„unbekannte Welt hinausgeschaut, traten wir, Gatt dan- 
Jkend für die Erfüllung unsers so lange g^nälyrten Wun- 
„acW , Nachmittags um 2 Uhr den Rüqkweg an. ( 

„Wie natürlich waren im porfe Lintht.hal, nwfo- 



— 214 — 

„dem sich die Kunde von der Aufpflanzung eines Signals 
„auf dem T ö d i verbreitet hatte , Alier Blicke , so oft 
„das Gewölk sich verzog, nach der Kuppe des Berges 
„gerichtet. Aber vergebens wurden die Augen ange- 
strengt, and die Gläser der italienischen Feldspiegel 
„(Perspective) gereinigt und gerieben ; niemand vermochte 
„das Signal an der von den Besteigern selbst bezeich- 
neten Stelle zu entdecken. Da kam der alte Thut, 
„Hegetschweilers treuer Begleiter, vom Berg herab, 
„und versicherte , das Stängchen mit dem daran im Winde 
„flatternden Stück Zeng sowohl durch sein kleines Fern- 
„rohr als auch mit blossem Auge gesehen zu haben. 
„Wirklich wurde zu allgemeiner Verwunderung durch ein 
„Telescop an dem Orte, auf den Thut deutete, und 
„seitwärts von demjenigen, wo die Besteiger selbst es 
„suchten , das Signal deutlich wahrgenommen , und auf 
„eine überraschende Weise die Aussage der Hirten be- 
stätigt. 

„Freitags den 18. August erschienen im Bade Sta- 
„chelberg in Folge vorher getroffener Abrede, und 
„diessmal unter allgemeiner Beifallsbezeugung , die mutbi- 
„gen Tödimänner, wie man sie jetzt hiess, abermals, 
„um Herrn von Dürler, der wissenschaftliche Zwecke 
„mit der Reise verbinden wollte, zu einer zweiten Be- 
steigung des Berges abzuholen. In aller Eile wurden 
„die Anordnungen zur Reise, zu welcher jeder Badegast 
„etwas beizutragen sich bestrebte, getroffen. Schnell 
„wurde eine grosse rothe Fahne aus Tischteppichen ver- 
fertigt, Mundvorrath im Ueberfluss herbeigeschafft, ein 
„gegenseitiges Zeichen verabredet, und die Beobachtung 
„mancherlei Erscheinungen empfohlen, aber währenddes 
„Eifers der Zurüstungen das interessanteste Geräthe, ein 
„Barometer, von unvorsichtiger Hand zerschmettert. Unter 
„allgemeinen Gltickwünschungen und einem Geleite von 
„Freunden schritten die Wanderer um drei Uhr Nach- 
„mittags dem Fuss des Tödi zu. Bei Anbruch der 



- 215 - 

„Nacht wurde die obere Sandalpe erreicht. Ihre 
„Bewohner Beteten unsern Reisenden das vorzüglichste 
„Gericht, das eine Sennhütte aufweisen kann, einen 
„Rahmbrei, Fans genannt, gastfreundlich vor, und räum- 
„ten ihnen auf den» Heulager die bequemsten Stellen 
„ein. Aber den Führer der Expedition sog, der auf ihn 
„wartenden Arbeit ungeachtet, der donnernde Wieder* 
„ball der brechenden Gletscher, ein Vorzeichen günsti- 
gen Wetters, und ein prachtvoller Mondschein ins Freie 
„hinaus. Um halb 3 Uhr wurde wieder zum Aufbruche 
„gerufen, und nach einem kurzen Frühstücke der Weg 
„nach der Röthe angetreten. Ueber Schutthalden und 
„Eisbänder, welche sich von dem oberhalb liegenden 
„Gletscher nach dem untern Theil des Bifertenf irnes 
„erstrecken, stieg man über die rothe Risi aufs Bi- 
„fertengrätli, und von da an einer steilen Wand 
„auf den Bifertenfirn hinunter. Hier wurden die 
„Fusseisen an die Schuhe geschnallt, und Stricke her* 
„vorgezogen, mit denen sich die Reisenden, je fünf 
„Schritte einer von dem andern, zusammenbanden. Ein 
„sehr gefährlicher Umstand ist nämlich für alle Glet- 
„scherwanderer neu gefallener Schnee; denn er deckt die 
„Spalten , und baut trügerische Brücken , die unter den 
„Füssen des Reisenden zusammenbrechen. Den sich hoch- 
^aufthürmenden Firn fanden die Führer seit der kurzen 
„Zeit, wo sie ihn besucht hatten, bedeutend verändert. 
„Mit Hülfe der mitgebrachten Leiter, welche man bei 
„diesen' Eisabstürzen bald zum Hinauf- bald zum Hinab- 
„steigen benutzte, wurden die Gletscher überschritten. 
„Am meisten Vorsiebt war indess da nothwendig, wo 
„man auf den Kanten scharf zulaufender Eisrücken, die 
„sich zwischen dunkeln, mit Wasser angefüllten, Klüf- 
„ten erhoben , balancierend hinschreiten musste. Von dem 
„Gletscher wieder auf ein schrundiges Schneefeld tretend, 
„nahten sie sich der gefährlichen Schneerose (Runs). 
„Fantastisch gestaltete Eispyrainiden starrten hier auf der 



_ 216 - 

„einen Seite drohend die Wanderer an, Schaeemasaen, 
„die von Zeit zu Zeit herabstürzten , schreckten sie auf 
„der andern. Seite. Um desto leichter entfliehen zu kön- 
nen, banden sie eich vom Seile los. Glücklich oben 
angekommen und ausser dem. Bereiche der Schneesturm, 
«machten sie hei einer sparsamen Quelle, der letzten, 
„die sie bemerkt hatten, auf einem vorspringenden, Feiß- 
„kopfe Halt» und genossen hier eines ebenso seltenen 
„als erhabenen Schauspieles, nämlich dea Zusammen- 
„brecbeas eines gewaltigen Eisgewolbes. Sqhanerlicb war 
„das Getöae, welche» sieb ans dem Chaos der gegen 
„einander stossenden Trümmer verbreitete, und an den 
„Wänden der nahen Berge wiedertönte. Eine steile Fels- 
„wand überschreitend gelangten sie nun oberhalb dem 
„von ihnen so benannten Petersrücken, einem hoben 
„Ei&vorsftfung , auf den Firn, wo sie sieh wieder zu- 
„sanunenbanden, und von der Leiter, die hier im Schnee 
„aufrecbtgestelit zurückgelassen wurde f den letzten Ge- 
brauch machten. Nachdem mehrere Spalten glücklich 
„übersprungen waren, kamen sie an einer ihrer Steilheit 
„wegen schneelosen Felswand von rftthjich- gelber Farbe 
„vorbei , an deren Fuss man, wie es die Hirten schon 
„einmal gethan, von Unwetter überrascht, oder wenn 
„man früh die Kuppe zu erreichen wünscht f die Nacht 
„passieren kann. Was für grosse Veränderungen an den 
„Gletschern oft in kurzer Zeit vor sieb gehen» bewies 
»eine etwa 60' weite und furchtbar tiete Spalte, die bei 
„der ersten Ersteigung, wie die noch sichtbaren Fuss- 
„tritte zeigten, noch nicht vorhanden war. Fast in der 
„Mitte des Gletecherthales, das hier eine Viertelstunde 
„breit sein mag , und zwischen den Wänden dea T ö d i 
„und den Bündnerbergen steht ein Eishügel von 
„etwa hundert Fuss Höhe, der das ganze Firnmner be- 
herrscht, und von dem ein Gemälde entworfen werden 
„könnte, das in Absicht auf schauerliche Pracht des 
»Gegenstandes einzig wäre. Auf diesem Hügel trafen sie 



- 217 - 

„die letzten Gegenstände des organischen Lebens an. 
„Es waren einige todte Libellen und Blätter, die der 
„Wind aus weiter Ferne hieher getragen hatte. Nicht 
„weit davon sassen traurig zwei, vielleicht ebenfalls auf 
„einer Untersuchungsreise begriffene, Krähen, die über 
„das Erscheinen lebendiger Wesen sehr verwundert scbie- 
„rien* Von hier sich rechts wendend kamen sie um 12 
„Uhr zur Einsattlung zwischen dem Tödi und Rusein 
„oder Bündnerspitz, hieben Stufen in die steile Firnwand, 
*»und erreichten so den Grat, von dem sie in etwa einer 
„halben Stunde auf die Kuppenfläche und an den Ort 
„gelangten, wo das erste Signal, das der Wind zu Boden 
„geworfen hatte , aufgepflanzt worden war. Der erste 
„^Eindruck, den dieser Schauplatz auf das Gemüth machte, 
„war so überwältigend, dass die Wanderer, ehe sie an 
„die Betrachtung, der einzelnen Gegenstände gehen konn- 
ten , sich im Allgemeinen mit einer so ausserordentlichen 
„wundervollen Welt befreunden mussten. Bings um sie 
„her stiegen schwarz -graue Felsbörner und blendende 
„Schneegipfel in die dunkelblaue Luft empor. Zu ihren 
„Füssen lagen von schroffen Felsgräten umzäunt weite 
„Firnthäler, denen nach allen Seiten zackige Gletscher 
„entströmten. Westlich erhoben sich die Häupter der 
„Berneralpen , südlich die zahllosen Gipfel Graubündens, 
„östlich das Tyrolergebirge , nördlich breitete sieb die 
„unabsehbare Ebene der nördlichen Schweiz und Süd- 
t| deutschlands aus« Aus dem Chaos von Bergen die ein- 
zelnen zu bestimmen, war wegen dqs ungewohnten 
„Standpunktes eine sehr schwierige Aufgabe, da ein Berg 
„aus der Höhe gesehen in ganz anderer Form sich dar- 
stellt als aus der Tiefe. Jetzt aber hielt man es für 
„Pflicht, die Freunde im Linththale von der glücklichen 
„Ankunft in Kenntniss zu setzen, und nach Abrede die 
„Fahne so hoch in der Luft als möglich zu schwenken, 
„Das ganze Thal lag deutlich vor ihnen ; man konnte 
„vermittelst eines kleinen Fernrohres nicht nur die Häuser 



— 21« — 

„unterscheiden, sondern beobachten, wie gleich nach dem 
„gegebenen Zeichen die Lente sich zwischen dem Dorfe 
„und dem Badegebäude, wahrscheinlich um sich gegen- 
seitig Mittheilungen zu machen, hin und her bewegten, 
„und wie dann am letztern Orte eine Menge Personen 
„an die offenen Fenster des Speisesaales sich drängten 
„und den Altan füllten. Nicht weniger überraschend war 
„für die Leute im Thal der Anblick von Menschen, die, 
„winzigen Kobolden gleich, auf der noch vor kurzem 
„unersteiglich geglaubten Schneekuppe umherirrten. Nach- 
„dem die mitgebrachte Fahne mit vieler Mühe im frisch 
„gefallenen Schnee befestigt war, setzten sich die jtin- 
„gern Reisegenossen, während der alte Gemsjäger auf 
„den Schnee hingestreckt behaglich schlief, zu einander, 
„um sich noch eine Weile dem Anschauen dieser ^r- 
„babenen Natur zu überlassen. Eine Stunde verging, ehe 
„man nach so grossen Strapatzen an den Genuss von 
„Speise dachte. Der Hunger war bald gestillt; dagegen 
„konnte der brennende Durst , den die Bergleute Hunger- 
„durst nennen, kaum befriedigt werden. Branntwein mit 
„Schnee vermischt mundete nicht, der Gaumen verlangte 
„etwas säuerliches. Zur grossen Ueberraschung der Ge- 
sellschaft bewegte sich, als sie eben am Mittagsmahle 
„sass, ein Schmetterling (papilio brassicse), den die Winde 
„nach dieser Region des Todes hinaufgetragen hatten, in 
„mattem Fluge an ihr vorbei. Physikalische Beobacb- 
„tungen würden aus Mangel an gehörigen Instrumenten 
„leider nur wenige gemacht. Der IpOt heilige Thermo- 
„meter z. B. zeigte an der Sonne 9°,3 , hn Schatten 7°,7. 
„Herrtl Dürlers Puls, der im Thaie 80 Mal in einer 
„Minute schlug, zeigte hier 111 Schläge. Ehe man steh 
„zur Rückreise anschickte, wurde berathschlagt, ob man 
„noch die Ruseinspitze ersteigen wolle , die in 
„einer halben Stunde zu erreichen war. Aber die Zeit 
„drängte. Um 3 Uhr trat man nach anderthalbstündigem 
„Aufenthalt auf der Kuppe die Rückreise an. Diese war 



- 219 - 

„zwar im Allgemeinen weniger beschwerlich; doch an 
„vielen Stellen gefährlicher. Wie beim Heraufsteigen mnsste 
„von Zeit zu Zeit Halt gemacht werden, nicht der Er* 
„müdung wegen, sondern um Luft zu schöpfen. Sowohl 
„Herr Dürler als die Führer stürzten in Spalten, wur- 
„den aber augenblicklich wieder herausgezogen. Ein Glück 
„war es, dass bei der Schneerose ein günstiger Mo- 
„ment zum Durchgang abgewartet wurde; denn kaum 
„war sie passiert, als mit fürchterlichem Geprassel eine 
„Ladung von Eis- und Felsstücken herabstürzte, und die 
„Wanderer mit solchem Schrecken erfüllte, dass sie, die 
„aus der Tiefe drohenden Gefahren vergessend, eiligst 
„über Schutt und Schnee dahinflogen. Um halb 7 Uhr 
„kamen sie wohlbehalten im Oberstaffel an, und 
„erreichten den folgenden Morgen das Linthtbal. 
„Die Freude und der Jubel des guten Völkleins, bei 
„dem Muth und physische Kraft im höchsten Ansehen 
„stehen, war bei der Erscheinung der Beisenden unge- 
mein gross. Von der hintern Linthb rücke weg, 
„wo eine Gesellschaft Kurgäste sie erwartete, und durch 
„die Freigebigkeit des Herrn Hauptmann Paravi- 
„cini von Glarus ein kleines Fest bereitet war, bis 
„zum Badegebäude ertönten an allen Fenstern Begrüs- 
„sungen und feierliche Glückwünsche; ja der Pfarrer des 
„Dorfes selbst ermangelte nicht, als der Zug sich bei 
„seinem Hause vorbeibewegte , in einer passenden Anrede 
„die "Kühnheit und das Selbstvertrauen der Wanderer zu 
„loben." 

Seit dieser Zeit wurde nur noch Ein Versuch gemacht, 
der aber misslang. Am 81. Juli 1846 gelangte nämlich 
H. Georg Hoffmann von Basel mit den beiden 
Führern Thomas Thut und Gabriel Vögeli auf 
demselben Wege, den Dürler eingeschlagen, bis auf 
den Firnwall, der den Tödi vom Beisein trennt, 
wurde aber circa eine Stunde unterhalb des Grates durch 
eisen etwa 60 Fuss breiten ßchrond , der eich von den 



— a*o — 

Felswänden des einen Gipfels bis su denjenigen des an- 
dern hinzog,, und den er nicht «u überschreiten ver- 
mochte, aufgehalten, und musste nahe am Ziele seiner 
.Wünsche wieder den Rückweg antreten, leb füge die 
Schilderung dieses Versuches bei. 

Heer Hp ff mann hatte sich auf die obere Sand- 
alp begeben* wollte aber, um einen Vorsprang zu haben? 
oiebt dort die Naoht anbringen, sondern irgendwo un 
Freien, Er sehreibt: 

9 Während des Haltes, auf der Räthe spähte ich 
mit Thut uüd Vögeli nach einem thunUcbeu Nacht- 
lager im Freien fnr nns Drei. Bald entdeckten wir eroe 
geeignete Steile in einer dunkeln Bergs^hUiQbt, einige 
Minuten vom Rande des B i f e r t,e n g 1 e t » c b e r s ent- 
fernt, wq ein großer FelsWock Schutz gegen den Wind 
tu gewähren, versprach. Alsobald stiegen wir in jenen 
Bergkessel über eioe mpg?re> Schaf weide hinab s und er- 
reichten unser ZieJ nach einem von der S & n d a 1 p au 
gerechneten Maracbe von 2 Stunden» Es war 7 Uhr 
Abends 30. JuU 1846. Nachdem meine Führer die mit- 
genommenen Eflekten abgelegt hatten, schickten sie sich 
an, mir das Bette anrech t in machen. Zu diesem 'Be- 
hufs legten sie drei Steinplatten nebeneinander auf den 
Erdboden,, über welche ich dann einen weiten Tucbmantel 
^>r$it$te 9 mit dem mich der Wirth im Mnththal versehen 
hatte. Für steh selbst richteten eis eine Art Bank sp- 
recht, indew w die Eudeu ihrer starke« Bergstöcke über 
aufgeschichtete Steine legten, und den Rücken an die 
vor dem Winde schützende Felswand lehnend, ihre Nacht- 
ruhe sifzond hielten Ehe wir. m sum Schlafe auaebiok- 
ten, nahmen wk ein stärkendes MaW sin uns, das frei- 
lich pur au* kalter Küche, bestand > denn bei mehr «te 
$500 Fuss Höbe war natürlich keine Rede mehr von 
Raqmwucbs, und das, nöürigf Brennmaterial ans der, 
S^ndalp hiebet: sn schleppe», Hess sich aus ander- 
weitigen Rwkpifihten night . tbun. Pie Würg* unser* 



- m - 

fttigalffi Mahle* fcffc&hte eine Acht ttpinlsehe IWelmutftf. 
In geringer Entfernung von *tiftft erschaifte nämlich zu 
tfhern Malen der durchdringende Pfiff der Murme/hhiert*, 
xftid so wenig diese Töne muöikalfoehen Genuss gewähr»- 
teil , 80 brachten sie doch Leben und Kurtweil In diese 
•öde WiUfeniss. Nach dem Essen wandelte ich noch ge- 
Tfeuave Zeit in der Nähe unserer Lagerstätte auf und ab, 
um mir erwärmende Bewegung zu verschaffen, denn ob- 
gleich dieser Abend nicht geradezu kalt zu nennen war, 
*o bewirkte doch die hassende Kacbtluft bei einer Tem<- 
peratur von nur 8° +0, und in einer Höhe, welche 
-diejenige des Rigikuhn noch um 1000* überstieg, eine 
nichts weniger als angenehme Empfindung., Meine an die 
rauhere Luft mehr gewöhnten Begleiter drückten sich bei 
Anbrach der Nacht, Ruhe suchend , gegen die schützende 
Felswand, und bard erwiederten sie meine Fragen nur 
noch mit halben Autworten aus schläfrigem Munde. Erst 
gegen 11 Uhr legte ich mich ebenfalls auf das Steinigte' 
Lager nieder. In der Natur herrschte jetzt rings die 
feierlichste Stille. Der untergehende Mond übergoss eben 
noch den obersten Saum der Felswände des Bifcrten- 
stockes und Selbsanftes mit einem 'langen Sil- 
berstreif; aus dem Zcnith blinkten freundlich die Sterne 
In die stille Abgeschiedenheit hernieder, und an dem 
Felsen , tin dessen Fuss ich mich niedergestreckt hatte, 
zuckte von Zeit *u Zeit der röthltch-gelbe Wiederschehi 
lernen Wetterleuchtens vorüber. Ganz finster wurde es 
in dieser. Nacht nie, ungeachtet unser Lagerplatz von den 
tröchdten Bergen eingeschlossen war; ich konnte selbst 
um die Mitternachtszeit auf meiner Taschenuhr ohne Mühe 
die Ziffern erkennen. 

„Durch eh) Paar Stunden Ruhe zum neuen Tage- 
werke gestärkt, erhoben wir uns Freitags den 31. Juti, 
des Morgens um 3 übt, von unserer Lagerstätte. Noch 
flimmerten die Sterne., und zum Zusammenlesen der für 
die heutige Wanderung erforderlichen GerXthschaften tapp- 



— 222 — 

ten wir tbeilweiM im Dunkeln* Neuer Math und neue 
Wärme gab uns der Genuas eines Frühmahles. Nach 
diesem wurden sämmtliche Gegenstände, deren wir nicht 
durchaus wir heutigen Gletscherreise bedurften, zusam- 
mengerafft , und . an einer schicklichen Stelle zurückge- 
lassen; wegen der Sicherheit durften wir beruhigt sein, 
denn bis in diese Einöde treibt den Menschen sein Tage- 
werk nicht. 

„Die Gerätschaften ,. die wir mitnahmen, bestanden 
aus einem Beile, drei Seilen, Fusseisen, einem Flöss- 
haken, und an Mundvorrath nur das Allernothwendigste, 
damit wir uns so leicht und ungehindert als möglich be- 
wegen könnten* 

9 Gegen 4' Uhr setzten wir uns in Bewegung, und 
nachdem wir eine Zeitlang eben im Thalgrunde fortge- 
schritten waren, gelangten wir am hintern Bifer- 
tengrätli an eine von eisenhaltigen Bestandteilen 
röthlich gefärbte Steinrisi, die desshalb auch die rothe 
Kisi heisst Nachdem diese überschritten war, erklet- 
terten wir einen Felsvorsprung des hintern Bifer- 
tengrätli, bis auf dessen Höhe wir seit der Abreise 
von unserer Schlafstätte eine Stunde Zeit gebraucht hat- 
ten. Eine Viertelstunde wurde hier gerastet, dann am 
jenseitigen Abhänge heruntergestiegen, worauf wir bald 
den Saum des Gletschers erreichten. Hier wurden die 
Fusseisen angeschnallt, und die Seile hervorgezogen, an 
die wir uns der Sicherheit wegen befestigten, denn etwa 
10 Minuten weit ist an dieser Stelle das Eis von keinem 
Firnschnee bedeckt, sondern glatt, hart, und dergestalt 
mit Schrunden durchfurcht, dass man keine paar Schritte 
weit gehen konnte, ohne zu beiden Seiten in die schwane 
bodenlose Tiefe der Eisklüfte hinabschauen zu müssen. 
Oft waren die Eisbänder, über die wir zwischen den 
schauerlichsten Abgründen balancierend hinschritten, so 
sehmal, dass sie beinahe die Schärfe eines schneidenden 
Instrumentes erreichten, wobei dann das mitgebrachte 



- 223 — 

Beil zum Aushaues kleiner Fussftrltte gute Dienste lei- 
stete. 

„Auf solche Weise steuerten wir gegen die Mitte 
des etwa eine starke Viertelstunde breiten Gletsdfers, 
woselbst wir dann weichen Firnschnee antrafen. Als vor 
9 Jahren meine Führer diesen Uebergang mit H. Dar- 
ier bewerkstelligten , weigerte sich derselbe aus übet- 
verstandenem Ehrgefühl, der Hülfe des Seiles sich zu 
bedienen. Da erklärte ihm aber Thut auf das nach- 
drücklichste, wieder umkehren zu wollen, wenn er sieb 
nicht anbinden lasse, und wirklich ereignete sich nicht 
lange nachher ein Fall, der H. Dtirler Veranlassung 
gab, seinem Führer für die bewiesene Sorgfalt dankbar 
zu sein, denn er stürzte in eine der wenigen Gletscher- 
spalten, die sich damals vorfanden, und konnte nur mit 
Mühe aus derselben herausgezogen werden , wobei er — 
gleichsam zur Strafe für seinen Uebermuth ~ eine gol- 
dene. Uhrkette einbüsste. Als wir die Mitte des Glet- 
schers erreicht hatten, wurde das Fortschreiten einiger 
Massen erleichtert, durch den etwas aufgeweichten Firn- 
schnee; allein es zeigte sich jetzt ein anderer, sehr miss- 
licher Uebelstand, welcher bei der Wanderung des H. 
Dürler nicht Statt hatte. Der überaus warme Sommer 
dieses Jahres hatte eine grosse Menge Spalten geöffnet, 
und dieselben zum Theil ihrer Schneebrücken beraubt, 
so dass wir nur in beständigem Zickzack vorwärts drin- 
gen konnten, weil wir eine bedeutende Anzahl Spalten 
umgehen, und viele andere vorsichtig und nicht ohne 
Gefahr übersehreiten mussten Von der ersten Spalte bis 
zu der Stelle, die unserer heutigen Reise ein unwill- 
kommenes Ziel setzte, zählte ich nicht weniger als 45 
offene Schrunde. Diese Anzahl ergab in Vergleich mit 
der Zeit, die das Bewandern des Gletschers erforderte, 
auf je vier Minuten eine Spalte. Zwei Gemsen , eine 
Geiss mit ihrem Jungen, erschienen an den Wänden des 
T ö d i herumkletternd , und brachten einige Abwechslung 



— 224 — 

In unsere mühsame Wanderung. Kaelt Verlauf einer 
Stunde wandten wir uns dem felsigen Fusse des Tödi 
zra t und betraten wieder den festen Boden, tun die so- 
genannte Schneerose zu passieren. Eine Beschrei- 
bung dieses jederzeit misslichen Durchganges mag hier 
ihre SteHe finden. 

„Die Schneerose oder Schneerunse ist ein 
Meines Felsenthal von beiläufig einer halben Stunde Länge. 
An seiner untern Awsmündung, die man betritt, sobald 
man den Gletscher veriässt, mag es eine Breite von 10 
Minuten haben. Von hier steigt es in nicht zu steiler 
Erhebung westwärts gegen die schroffen Wände des Tödi 
hinan , während seine beiden, das Thal bildenden, Seiten 
aus gröBStentheils unzugänglichen Felsgriten bestehen. 
Gegen das obere Ende verengt sich das Thalbecken Ins 
zu der geringen Breite von etwa 150 bis 200 Foss, und 
wird hier von einer senkrechten Felswand geschlossen. 
Da die beiden Felsgräte in ziemlich geradlinigter Rich- 
tung gegen die Schlusswand auslaufen, so stellt sich die 
Schneerose als ein langschenkliehtes Dreieck mit 
Heiner Basis dar, wobei der oberste oder spitzeste Win- 
kel von der senkrechten Wand abgestumpft wird. Heber 
der, das obere Ende des Thaies sehliessenden, Felswand 
erhebt sich ebenfalls senkrecht abgerissen eine gewaltige 
Eismauer von der Höhe eines gewöhnlichen Kirchturmes, 
von deren Zinne von Zeit zu Zeit grosse Eisblöcke herab- 
stürzen , die in fürchtbaren Sprüngen bis an das untere 
Ende des Thaies rollen, und da man nie im Voraus 
wissen kann, wann ein solcher Gletschersturz erfolgt, so 
ist jedesmal die Wanderung durch die Schneerose 
mit einiger Gefahr verbunden. Aus diesem Grunde em- 
pfehlen die Führer größtmögliche Eile, wobei man zu 
mehrerer Vorsicht die Mitte des Thaies vermeidet, und 
sich am linken Felsgrate seitlängs hinzieht. Bei unserm 
Durchgange lagen mehrere grössere und kleinere Eisblöcke 
am Wege, doch hatten wir das Glück, von keinem Glet- 



- 225 — 

fechersturze aus der Höhe beunruhigt zu werden. Als die 
halbe Länge des Thaies erreicht war, erkletterten wir 
den uns aar Linken stehenden Felsgrat am derjenigen 
Stelle, die allein einen Debergang zulässt, und welche 
biB jetzt Niemandem ab Thut und Vögeli bekannt 
ist Sobald die ersten Paar Sehritte aufwärts gethan 
waren ^ sahen wir uns vor etwaigen Schneestürzen voll- 
kommen gesichert, und lagerten uns um so behaglicher 
mn eine hier vorübersprudelnde Quelle klaren Wassers, 
der letzten , die man bis auf den Gipfel des T ö d i an- 
trifft Die Temperatur hatte seit gestern Abend nur um 
einen halben Grad angenommen; sie stand hier, um 6 l / 2 
Uhr Morgens, auf 8,5° + 0. Der Felskamm, auf dem 
wir uns befanden, wird seiner gelblichen Farbe wegen 
die gelbe Wand genannt; die Höhe derselben mag 
kaum 100' betragen. (?) An diesem Felsen hatten meine 
Führer zweimal die Nacht. zugebracht, als sie vor 9 und 
10 Jahren auf Kundschaft des Weges nach der Tödl- 
Kuppe ausgingen; sie erklärten heute den Uebergang 
für leichter als er damals gewesen sei ; die Natur seheint 
durcfe Einstürzen einiger Felsstücke nachgeholfen zu haben. 
In der That bot sich durchaus keine Schwierigkeit für 
den Uebergang dar, so wie überhaupt auf dein ganzen 
Wege kein derartiges Hinderniss das rasche Fortkommen 
störte, und in dieser Beziehung möchte ich die Ersteigung 
des Tödi für sehr leicht erklären, wenn nicht andern 
Theils der beträchtlich weite Weg und das ermüdende 
Hinaufsteigen auf dem stark geneigten Gletscher einen 
entgegengesetzten Massstab bestimmte. Ein fernerer Uebel- 
stand für solche , welche den Gipfel des Tödi zum Ziele 
ihrer Wanderung au machen gedächten, liegt in dem Föhn- 
wind, welcher oft bei der schönsten Witterung mit un- 
glaublicher Heftigkeit über die oberste Fläche des Tödi 
hinbraust, wenn man weiter unten noch keine Spur da- 
von merkt. Als meinen Begleitern zum ersten Male die 
Ersteigung der Kuppe gelang, wehte der Föhn mit sol- 

13 



— 226 — 

eher Heftigkeit«, dass sieh die beiden Männer kaum adfe- 
recht au halten vermochten, und obgleich die Temperatur 
im übrigen milde war, empfanden sie cfcid so Made und 
Bein durchdringende Kälte, daes es ihnen schien, als 
trägen sie gar keine Kleider am Leibe. — Um 7 Uhr 
verliessen wir die gelbe Wand, and betraten jen- 
seits derselben abermals den Gletscher , um von hier an 
unausgesetat daraaf ta wandern, bis das Ziel erreicht 
wäre. Eine Monge Schrunde mussten neuerdings theüs 
umgangen, theüs übersprungen werden« Der ktifcae Vö- 
gel i, welcher der Erste ging, setzte ohne Zandern mit 
Verwegenheit über die dünnsten Schneebrücken hinweg, 
wobei uns beiden Andern keine Wahl blieb«, als ihm 
rasch zu folgen , indem wir alle drei am Seile befestigt 
waren. T faut vereinigte mit der gleichen Unerschrocken» 
heit mehr Vorsicht und Sorgfalt für das Wohl des seiner . 
Leitung Anvertrauten. Beide Führer erstaunten über die 
bedeutenden Veränderungen , welche sie -seit ihrer Jetzten 
Reise mit H. Darier an dem Gletscher wahrnahmen. 
Grosse Eisblöcke von fantastischer Form, welchen sie 
damals die Namen Petersrücken jiad Kränen- 
bühl beilegten ^ waren verschwunden, and an deren 
Stelle neue Gestaltungen getreten, die dem Gletscher im 
Allgemeinen das Ansehen grösserer Zerklüftung gaben. 
Auf dem ziemlich erweichten Firnschnee trafen wir häa- 
fig weisse Schmetterlinge) welche sämmtlich ohne Aus* 
nähme mit zusammengefalteten Fitigeln und anscheinend 
todt auf der Seite lagen. Als ich einen derselben auf- 
nahm , bemerkte ich in ihm noch einiges, wiewohl mat- 
tes, Leben» Die Mehrzahl fand sich etwa eine halbe 
Linie tief in den Schnee eingeaehmoteen, wobei die Kon- 
turen der Flügel so scharf in den eisigen Schnee einge- 
schnitten erschienen, wie etwa der Band eines missig 
erwänmten Stückes Geld, das man im Winter an eine / 
gefrorne Fensterscheibe drückt. 

„Ungefähr drei Stunden lang waren wir —.von der 



— 227 — 

gelben Wand an gerechnet -*- auf dem Gletscher 
vorwärts geschritten, als wir ans plötzlich, in dntr Höhe 
wem beiläufig 10800', an dem Rande «Ines ungeheuren 
Gletschersehrundes sahen , dessen Breke jnindesten* $Q 
Fu88 betrog, und dessen bodenlose und in schwarte 
Finsterniss gehüllte Tiefe das Auge nicht au ergründen 
vermochte. Traurig betrachteten wir das Hindernis*, das 
sieh so unerwartet der nicht mehr fernen Erreichung un~ 
sets Zieles entgegenstellte, denn von liier aus wäre es 
möglich gewesen , in Zeit einer halben Stunde (?) auf die 
T ö d i kn p p e ganz gefahrlos zu gelangen. Unsere Mm+ 
Stimmung steigarte noch der Umstand, dass sieh gans in 
unseres Nike jswar eine schmale ßcbnecbrücke vorfand, 
die von dem diesseitigen Bande bis an .den jenseitigen 
rächte, dass wir aber keinen Gebrauch von denselben 
machen durften , ohne uns der augenscheinlichsten Lebens*» 
gefahr Auazosetsen , weil sie durchweg unterhöhlt war, 
und nur ganz lose mit den beiden Ufern zusammenhing, 
so daas das grösste Gewicht der Schnee*- und fiismas&en 
in der hohl liegenden Mitte schwebte , und bei der ge*> 
ringrten Vermehrang der Last zusammenzubrechen drohte. 
Umgehen konnten wir die Spalte ebensowenig, aie rnjinr 
dete an beiden finden an unerateiglichen Felswänden aus. 
Hier erwiesen sich nun meine beiden Führer ate Männer, 
4kß sich keinem Vorwurfe von Feigheit oder Furcht Moser 
stellen wollten, denn sie erklärten sieh bereit, mit mir 
den Uebergang zu wagen, wenn ieh.durchans darauf be- 
stehe ; doch gaben sie mir unverholen zu verstehen, dass 
die Erzwingung dieses Ueberganges mit sichtiioher Le- 
bensgefahr verbunden sei , und so viel als Gott versuchen 
hefese. Nach dieser kategorischen Erklärung .fand ich es 
nicht für angemessen, um eines unbedeutenden .Zweckes 
willen drei Menschenleben auf üßß Gewissen au nehmen, 
ich stand deashaib, aar Freude meiner Gefährten., ypn 
jedem wettern Vordringen ab. Eebrigens fiel mir dieser 
Entsehbiss aus der Ursache etwas leichter, dass wir in 

IS* 



- 228 - 



einer Entfernung von etwa 10 Minuten einen zweiten 
eben so breiten Schrund bemerkten, dessen Beschaffen-* 
heit die Möglichkeit eines Ueberganges in noch höherai 
Grade in Frage stellte. Allerdings wäre dann jene zweite 
Spalte , wie wir wohl sahen , bis auf die Spitze des T ö d i 
die letzte gewesen. 

„Es war 10 Uhr Vormittags , als wir ans am Bande 
des eisigen Abgrundes auf unsere Bergstöcke, die wir 
neben einander auf den Schnee legten, ziemlich kleinlaut 
niedersetzten. Die hellen Sonnenstrahlen bewirkten eine 
behagliche Wärme, so dass wir uns ohne Unbequemlich- 
keit 2 Stunden lang auf die glänzende Schneedecke la- 
gern , und die prachtvolle Wildniss, die uns ringe umgab, 
mit Müsse in Augenschein nehmen konnten. Gegen 12 
Uhr Mittags entschlossen wir uns zum Rückweg. Mit 
einem wehmüthigen Blicke nahm ich Abschied von der 
Eisgruft, und vtrsenkte in sie eine Jahre lang gehegte, 
nun so gänzlich zerschlagene, Hoflhung. Beim Hinab- 
steigen über den Gletscher erzählten mir die Führer, dass 
sie von dieser Stelle an bis zum sogenannten Krähen- 
bühl hinunter mit H. Dürler auf ihren Bergstöcken 
mit grosser Schnelligkeit über das Sehneefeld hinabge- 
glitten seien; diessmal sahen wir uns genethigt, bis zu 
jenem Punkt nicht weniger als 12 beträchtliche Spalten 
zu überschreiten. Die gefürchtete Schneerose wurde 
abermals eiligst und ohne Uniall passiert, und um 6 Uhr 
Abends, nach einem unfreiwilligen Umwege, zu dein uns 
das Wegschwemmen des über den Oberstaffel back 
gelegten Bretes nöthigte, betraten wir die Sehwelle der 
gastlichen Sandalp. 

„Nach Zusammenstellung der gemachten Erfahrungen 
ergiebt sich für allfällige künftige Besteiger des Tödi, 
dass zu einer solchen Expedition gar vielerlei Umstände 
gitnstig zusammenwirken müssen, wenn sie einen günstigen 
Erfolg haben soll. Namentlich ist es erforderlich, den 
geeignetesten Zeitpunkt zur Bereisung der Gletscher zu 



— 249 — 

wählen. Der sogenannte Winterschnee ihuss völlig von 
ihm gewichen sein, aber die Sommerwärme darf auch 
noch nicht so sehr überhand genommen haben, dass da» 
durch aüzuvfele Spalten geöffnet, und die Schneebrücken 
von denselben abgeschmolzen werden. Würde ich meine 
Wanderang drei Wochen früher ausgeführt haben, so 
hätte ieh — nach dem einstimmigen Urtheile nicht nur 
meiner Führer , sondern auch anderer Sachverständiger — 
eines günstigem Ausganges gewiss sein dürfen. Ein zwei- 
ter Uebelstand liegt für solche, welche entweder unter- 
wegs oder auf dem Gipfel wissenschaftliche Beobachtun- 
gen anzustellen gedenken, in der Kürze der Zeit, indem 
auf der langen Wanderung kaum die zu solchen Zwecken 
erforderliehe Müsse erübrigt werden kann. Von der Sand- 
alp aus wird nämlich auch der gewandte Bergsteiger den 
Gipfel des Berges schwerlich in weniger als 8— 9 Stun- 
den Zeit erreichen. Bei Uebernachtung an der gelben 
Wand, welche ungefähr in der Hälfte des Weges liegt, 
fände sich allerdings jenes Hinderniss beseitigt, allein 
abgesehen davon, dass sie ein sehr unbequemes Nacht- 
lager bietet, würden sich bis dorthin die nöthigen wär- 
meren Kleidungsstücke wegen der Schwierigkeit des Weges 
nicht transportieren lassen. Im Uebrigen aber dürfte bei 
einem günstigen Zustande des Gletschers die Ersteigung 
auch von solchen Personen unternommen werden, denen 
noch nicht Gelegenheit geworden,' das Mass ihrer diess- 
fallsigen Befähigung durch vielseitige Erfahrungen zu 
keimen und zu bestimmen, denn ausser der Schnee- 
rose giebt es, — wenn der Gletscher die gehörige 
Sicherheit bietet, — auf dem ganzen Wege keine wirk- 
lieh gefährliche Stelle, und ich erinnere pich, etwa den 
Titlis ausgenommen, keiner Bergbesteigung, die so 
wenig Schwierigkeiten bot, als diejenige auf den Tödi." 
Seither ist keiu Versuch mehr gemacht worden , bis 
es H. Statthalter Studer von Bern, H. Antiquar 
Siegfried von Zürich und mir im Begleit von Thomas 



— 230 — 

Thut, Gabrifl Vögel 1 (der Vater Bernhard VÖgeM 
ist 1848 gestorben) und Johannes Madutz gelang, 
Samstags den 43. Axtgmt 1853 rum dritten Male den 
Gipfel des Tödi zu erreichen, oder vielmehr sunt er- 
sten Male, denn die beiden ersten Ersteigungen be- 
schränkten sich auf das Firnplateau, das die dtfei 
Gipfel mit einander verbindet Es war das erste Mal, 
dass die beiden Führer den eigentlichen Gipfel des 
Tödi betraten. 

Freitag den 12. August brachen wir Fünf ohne 
Thomas Thut, der noch im Birg, 4 h. auf der Gern»- 
jagd, war, bei prachtvollem Wetter, mit hinlänglichem 
Proviant und den n&higen Ausrüstungen versehen , gegen 
Mittag aus aeta Bade Stacbelberg auf, verfügten 
uns über die Pantenbrticke in den Kessel der 
unteren Sandalp, und von da die Ochsenblanke 
hinauf über 1 den schönen Fall des Staffelbaches atrf 
die obere Sandalp (6000') , wo wir in einer der 
Hütten unser Nachtlager bezogen. Ich habe den Weg 
dahin oben geschildert. 

Samstag den 18« August wurden wir früh' um 2 Uhr 
nach Abrede von dem Sennen geweckt, des uns zugleich 
die freudige Botschaft überbrachte, dass Thomas Thut 
nach Mitternacht eingerückt sei. Dieser war gestern esst 
Abends 8 Uhr aus der Li mm er n mit einem Gemsbock 
zurückgekehrt r hatte durch seine Frau uneern Bericht 
vernommen, die Kleider gewechselt, und brach nun, mit 
einer Laterne versehen, sogleich auf. An der Ochsen- 
blanke verlor er den Weg, und musste sieH durch das 
Gestein emporarbeiten, so dass er erst noch 12 Uhr 
Nachts in der Sennhütte eintraf, und sich nicht einmal 
niederlegte , sondern am Feuer unser Aufstehen abwartete. 
fis wurde nun sogleich der Kaffee bereitet, der Proviant 
fn zwei Säcke verpackt, die Vögeli und Thut auf den 
Rücken banden, die Fusseisen von den beiden Führern 
um den Leib geschnallt, Madute trug den Barometer 



- 231 - 

und die Zeißhnu»ga«&appe , u&d punkt 3 Ohr brachen wir 
bei prachtvollem Himmel in dunkler Nacht auf , der Senn 
mit einer Laterne voran. Beim: Heraustreten aus der Senn- 
hätte, senkten sich zwei Stenwchuppen in der Richtung 
de* Bifertenglet schere hinunter, and deuteten 
ans den Weg an, den wir einzuschlagen hatten. Die 
Brücke über den Staffelbach, aus zwei schmalen 
Balken bestehend, wurde überschritten; und an den Fels- 
gehängen der Böthe hinaufgeklettert, von dem Schim- 
mer der Laterne etwas beleuchtet. Weiter oben kehrte 
der Senn mit der Laterne zurück, und versprach, uns 
am Spätabend mit derselben entgegenzukommen. Dann 
ginga in die dunkle Nacht hinein, über die Rötbe hin. 
Das Auge gewöhnte sich leicht an die Finsterniss, die 
indess bald in Dämmerung überging. Um 4 Uhr waren 
wir auf dem obersten Gipfel der Bot ha, und gegen 
41/2 Uhr hatten wir die Spitze des Ochsenstockes 
erreicht Gegen Osten rötbete sich der Himmel, in den 
Thälern war noch das Dunkel der Nacht Gegen die 
obere S a n d a 1 p hin ragte über den Firn des Spitz- 
alpeligle tschers das Scheerhf rn empor, und 
etwas mehr nördlich eine Spitze dea Glaridengrates. 
Ohne dasa das Auge einen Kuhepunkt fand , blickten wir 
auf die untere Sandalp gegen Norden hinunter, die 
in tiefem , von Felsen umschlossenen , Kessel vor uns aus- 
gebreitet lag. Gegen Süden bückten wir auf einen Theil 
unseres Tagwerkes hin. Der Bifertengletscher 
senkte sich nordwestlich von den Wänden des Bifer- 
tenstockes und des Selbsanft .gegen die un- 
tere S a n d a 1 p hinunter , und bildete drei Plateaux, 
*wei Gletscher- und ein - Firnplateau , alle drei durch 
steile Gletscherabstürze von einander getrennt Auf dem 
,eraten Plateau war der Gletscher so zerborsten, dass es 
keine Möglichkeit gewesen wäre, denselben zu über- 
schreiten, auch zwischen dem ersten Plateau und dem 
.zweiten war der Gletscher so zersebrundet , dass er nicht 



— 2S2 — 

leicht betreten werden konnte. Wir wandten ans mm 
demselben zu, und mussten versneben, das zweite Glet- 
scherplateau su erreichen; das dritte, das Firnplateau, 
war uns noch durch einen Grat, der vom Tödi rieh 
gegen den Gletscher absenkt, das B i t er t eng r ätli 
oder Grünhorn, verhorgen. Deber dieses mussten wir 
auf das zweite Gletscherplateau zu gelangen 
suchen. Wir stiegen vom Ochsenstock in den Kes- 
sel hinunter, der zwischen den Wänden des Eiferten- 
8 1 o<; k e s und S e 1 b s a n f t s auf der Ostseite, und den 
Felsen des Tödi auf der Westseite eingeschlossen, und 
theilweise von dem Bifertengletscher ausgefüllt 
ist, zuerst über Rasen wände, dann über Geröll wände, 
und kamen in der Tiefe zu einigen Felsblöcken, bei 
welchen H. Hoffmann bei seinem Versuche, den Tödi 
zu ersteigen, in der Nacht vom 30.— 31. Juli 1846 im 
Freien^ ohne Feuer, ohne Wolldecken und irgend einen 
Schutz die kalte Nacht zugebracht hatte. Endlich lang- 
ten wir an der Moraine des Bif ertengle tschers 
an, nachdem wir einige Schneefelder mit hartem Schnee 
quer überschritten, und unter dem Röthegletscber, < 
der sich von der Kuppe des Tödi herabsenkt, vorbei* 
gegangen waren. Nun galt es zu steigen. Eine Geröll- 
wand von circa 40° Steigung, die rothe Risi, führte 
zu dem Bifertengrätli hinauf, das Geschiebe be- 
stand mebrentheils aus schwarzem, theilweise aber auch 
ans gelbem Kalkstein. Unten war das Geröll über Eis 
hingelagert, so dass man stets festen Tritt zu finden 
suchen musste, weiter oben entwichen die Steine unter 
unsern Füssen, so dass sorgfältig Acht gegeben werden 
musste, dass dieselben nicht den Hintermann verletzen. 
Nach einer Stunde mühevollen Ansteigens hatten wir den 
Grat des Bifertengrätlis gegen 6 Uhr erreicht, 
und scheuchten daselbst zwei Schneehühner auf, die über 
den Gletscher hinflogen. Thalauswärts blickten wir an 
den Glärnisch, Speer, Frohnalpstock» 



— 2&3 - 

Schilt und andere bekannte Gipfel hin. Wir waren 
mm hart am Rande des Gletschers beim zweiten Pla- 
teau, und sahen gegen das dritte, dao Firnplateau, 
hinauf, das sich zwischen den Felswänden des Bifer- 
ieastockes, des Urlauns und des Tödi aasbreitet. 
Der Gletscher mochte eine gute Viertelstunde breit sein. 
Das Bifertengrätli ist, wie schon bemerkt, nichts 
anderes, als ein Ausläufer des T ö d X , der sich in ver- 
schiedenen Absenkungen dem Bifertengletscher 
nach hinzieht, und sich unter demselben verliert Auf 
dem Wege dahin rötheten sich bereits die Felswände des 
Tödi von den Strahlen der Sonne. Wir nahmen hier 
-etwas Proviant zu uns, und banden uns dann alle an 
Seile, zuerst Jeder ein Seil um den Leib herum, dann 
mit seinem Vorder- und Hintermann durch circa 12 bis 
15 Schuh lange Seile verbunden , Thomas Thut voran 
mit den Steigeisen an den Füssen und dem Beile in der 
Hand, dann ich, H. Siegfried, Madntz, H. Studer 
und zuletzt Vögeli, ebenfalls mit Steigeisen. Die Süd- 
seite des Bifertengrätli wurde 6*/ 4 Uhr hinunter- 
geklettert, vor uns erhob sich nun der Gletscher mit 
einer circa 50 Fuss hohen Eiswand von 30—40* Stei- 
gung von hartem Eis. 'Schneebrücken von der Felswand 
auf die Höhe des Gletschers, wie sie Hegetschweiler 
getroffen, sahen wir keine, weder hier, noch weiter oben. 
Es wurde daher der Angriff auf den Eiswall gewagt. 
Thut hieb mit dem Beile Tritte ein, die Eisseherben 
flogen um uns her, und da sie scharf wie Glasscherben 
waren, wurden mehrere von uns an den Händen verletzt, 
so dass wir bluteten. Endlich war die Eiswand bezwun- 
gen, und wir auf der Höhe des zweiten Gletscher- 
plateau. Wir wanderten nun auf dem Gletscher dahin. 
Derselbe zeigte bedeutende Schrunde, die aber leicht zu 
uingehen , oder auf Schneebrücken zu überschreiten waren, 
und stieg nicht bedeutend an. 

Es handelte sich nun darum, auf das dritte Pia?- 



— 284 — 

teau des Gletschers, das Firnplateau, zu gelan- 
gen. So wie es tob weitem schien, wäre es vielleicht 
möglich gewesen, an dem Siidrande des Gletschers, an 
den Winden des B i f e r t e n a t o ckes, durch eine steile 
Sehneekehle auf dasselbe zu gelangen. Da aber die Führer 
diesen Weg nicht kannten, und wir nicht mit Versnoben 
die Zeit verlieren wollten, so anvertrauten wir uns un- 
bedingt ihrer Leitung, zumal uns Thomas Thut dwreh 
sein ganzes Benehmen, die Zuversicht, mit der er auf- 
trat, die Vorsicht, die er neigte, vollständig für sieb 
eingenommen hatte. Wir mochten circa eine Stunde auf 
dem Gletscher gewandert sein, von himmelhohen Fels- 
wänden auf beiden Seiten eingeschlossen, nur anfangs 
noch einen Blick ins Linththal hinunterwerfend , se 
gelangten wir zu dem Absturz des Gletschers, der zum 
dritten Plateau führte. Ueber diesen selbst hin- 
aufzukommen, war durchaus keine Möglichkeit. Daher 
wandten wir uns nordwestlich dem T ö d i zu , und kamen 
so zu der berüchtigten Schneerose (Schneertms), wo 
auch Hegetschweiler mehrere Male sich vergebens ab- 
gemüht hatte. Ich will versuchen, eine mögliehst an- 
schauliche Beschreibung derselben zu geben. *} 

Man denke sich eine eirca 2000 Fuss hohe Fels- 
wand, die beinahe senkrecht plötzlich abstürzt, eine 
Geröllhalde führt zu derselben hin, die Steinart ist gel- 
ber Kalkstein. Es ist dieses der östliche Absturz des 



*) Anmerkung. Man wird in Vergleich mit der Schilde- 
rung des H. Hoffmann einen bedeutenden Unterschied finden- 
Er schätzt die Lauge des ftunse* l / 9 Stuude , die Höhe der Wand 
100 Fuss. Ich weiss nicht, ton wo an er den Beginn de* Run- 
»es rechnet, and was die Höhe betrifft , so erhebt sich der Todi 
noch 3000 Fuss über den Gletscher, der circa 8000 Fuss buch 
ist, und von diesen 3000 sehen höchstens 1000 auf das Fi ruf cid 
oberhalb der Felswand. Er mu*s sieb also wohl geirrt, oder die 
Zahle» verschrieben haben. 



— 235 — 

T ö 4 i gleich unterhalb dem Tödigipfel. Von dieser Wand 
siebt siah gegen Osten in verschiedenen Abstützen eki 
Grat dahin von schwarzem Kalkstein, der sich weiter 
ostwärts anter dem Naiuen B Herten g rät li in des 
Gletscher versenkt. Diese gelbe Wand und der 
schwarze Grat bilden da, wo sie zusammentreffen, einen 
Winkel. Oberhalb dieser Felssrand ragen die Zacken 
eines Gletschers hervor, der sieh von der Kuppe des 
T öd i herabsieht. An die Südostecke dieser Wand lehnt 
sieb gegen Süden in gleicher Linie das Firnplateau des 
Biiert engl et sehers an, das in circa 600 Fuss 
hohem Absturz, anf das zweite Gletscberpla- 
teau abstürzt. Da, wo der Firn die Felswand berührt, 
wird derselbe durch die Einwirkung der Sonne auf die 
Wand vielfach zerrissen, es bilden steh Firnzaeken von 
den bizarrsten Formen, die drehend oberhalb des Ab- 
sturzes stehen, und den Eingang in die Schlucht ver- 
wehren zu wollen scheinen. Es ist dieses der sogenannte 
Petersrücken, von den Führern bei ihrer eisten 
Ersteigung so genannt, weil eine dieser Firnpyramiden 
die Form eines ihnen bekannten Mannes mit gekrümm* 
tem Rücken hatte, der Peter hiess. Eben hier ist auch 
Thuts Zottelmütze zu suchen, welchen Namen Heget* 
seh Weiler einem ihm durch seine Form auffallenden 
Eiethurm gab« An dessen Stelle ist nun der Peters- 
rücken getreten. Dagegen thront Thuts Mütze auf 
einem Absätze des oben geschilderten Grates, denn merk- 
würdiger Weise hat sich hier dieselbe Form in Stein 
wiederholt, und ist sowohl auf dem Fhh als auch, wie 
wir nachher sahen, auf dem Ochsenstock deutlich 
zu erkennen. Es ist also dem waekem Thut und seiner 
Mütze ein bleibendes Denkmal gestellt, das übrigens 
Hegetschweiler von seinem Standpunkte aus meht 
sehen konnte. 

Wir standen nun hier aas Eingang dieser Schlucht, 
der Schneerose, wie sie von den Führern genannt 



— 236 - 

wird. Es ist ein Anblick , so wild und erhaben , wie ich 
mich keines ähnlichen in den Alpen erinnere. Es würde 
sich der Mühe lohnen, diese Stelle, die ohne bedeutende 
Schwierigkeiten erreicht werden kann, zu besuchen, wem* 
man auch nicht den T ö d i ersteigen wollte. Es galt nun 
diese Festang zu erstürmen. Drohend blickten die Eis- 
zacken von der Höhe der Fetewand herunter, und gleich- 
sam als Vorwerk musste zuerst der Petersrücken 
bezwangen, d. h. ohne Gefährde unter demselben hin in 
die Schlucht hinein gestiegen werden. In dieser frühen 
Tagszeit war aber alles ruhig , der Gletscher arbeitet erst 
von 3 Uhr Nachmittags an , d. h. erst von da an wir* 
ken die Sonnenstrahlen auf die Firnmassen ein, und 
bringen sie zum Sturz. Das hatte Hegetschweiler bei 
seinem dritten Versuche von Seite des obern Glet- 
schers erfahren, Dürler bei seinem Rückwege von 
Seite des Petersrückens. Wir mussten gleich An- 
fangs über iFirnblöcke, grössere und kleinere, die Tags 
vorher hinuntergestürzt waren, hinanklettern. Alles war 
ruhig , und wir konnten ganz gemächlich die über uns 
drohenden Firnblöcke betrachten. Als diese Firntrümmer 
überschritten waren, galt es nun den Runs hinanzustei- 
gen, und zwar zuerst in der Tiefe des Winkels über die 
Geröllhalden , dann mehr an der gelben Wand hin- 
auf. Hier ragten nun drohend mehrere Eissacken über 
die himmelhohe Wand hinaus; indessen waren keine 
Trümmer von ihnen auf dem Wege vorhanden, ein Be- 
weis, dass wir hier sicher waren. Wir waren nun circa 
600. Fum hoch über Geröll und Felsbänder an der Wand 
hinaufgeklettert, und lagerten uns ein wenig auf einem 
solchen vorspringenden Felsband in der Höbe dea Pe- 
tersrücken und des Firnes, den wir südlich zur 
Seite hatten. Hier wurde etwas Gletscherwasser getrun- 
ken, das letzte, das man auf dem Wege antrifft, und 
das von dem höher liegenden Gletscher in einem kleinen 
Bache über die Felsen herab träufelt, und dann Anstalt 



— 137 — 

gemacht, quer über die Wand bin über Feiebänder auf 
das dritte 9 das Firnplateau, iu gelangen. Wir 
waren hier in der Region, in welcher Hegetschweiler 
»eine wiederholten Versuche unternommen hatte. Zwar 
mag er etwas weiter an den Felsen hinauf gestiegen 
sein, da er über die Felswand hinauf zu dem Oletscher, 
dessen Zacken drohend hinunterblieken, sich Bahn brechen 
wollte. Wenigstens fanden wir keine Spur von der Flasche, 
die et in dieser Gegend zurückgelassen. Von seinem Stand- 
punkte , besonders wenn derselbe mehr südlich gegen den 
Firn vorgedrungen, mag er dann die Zacken des kleinen 
Gletschers bemerkt haben, der südlieh von der Kuppe des 
T ö d i sich gegen den Bifertenfirn über die Wände 
heFabsenkt Darin aber täuschte er sich , wenn er glaubte, 
es sei über diesen Gletscher hinauf die Ersteigung des 
T ö d i möglich , der Firnwall zwischen den beiden Gi- 
pfeln liegt bedeutend mehr westlich, und wird durch 
diesen kleinen Gletscher, der nicht betreten werden kann, 
verdeckt. Auch von einem Wasserfalle mit Regenbogen- 
farben sahen wir keine Spur; es kann sein, daes sich 
zuweilen ein solcher auf der Südseite der gelben Wand 
bildet. Dass Hegetschweiler geglaubt hat, hier auf 
der Wasserscheide zwischen Glarus und Graubünden zu 
stehen, kann ich mir nur daraus erMaren, dass ihm bei 
seinem zweiten Versuche der Grenzgrat des U r 1 a u n 
durch Nebel verhüllt sein musste. 

Wir wandten uns nun südlich , und suchten an der 
Felswand hin , der gelben Wand, wie sie wegen 
ihrer Farbe heisst, den Firn zu erreichen. Es war die- 
ses nicht ganz ohne Schwierigkeit. Vorerst war das Ge- 
röll auf den Felsbändern mit Eis durchzogen, so dass 
wir einige Tritte einhauen mussten, dann führte ein 
schmaler Firngrat zwischen zwei bodenlosen Schrunden 
von den Felsen auf den Firn selbst. Der grössern Sicher- 
heit wegen wurden in diesen Grat ebenfalls einige Tritte 
gehauen, von den Führern uns die Hand geboten» und 



— 238 — 

dann endlich der Hm betreten. Es war 8 Uhr Vormit- 
tags. Wir waren nun auf dem dritten Plateau 
des B if e r ten gle tsohers, dem Firaplfttean. 
Reehts nördlich erhob sieh die Koppe des Tö-di, die 
wir übrigens nicht sahen, sondern nur die gelben Fels** 
wände, die sieh tu derselben erheben, und über welche 
sich ein kleiner Gletscher herabsenkt; links südlich zog 
sieb vom Bif ertenstock dar Grenzgrat dahin, zu* 
erst eine mit Schnee bedeckte Koppe, die man auch vom 
Stachelberg ans sieht, der Bündner tödi von 
den Führern genannt, der Lage nach ohne anders der 
Frisalstock, dann weiter hinauf der Piz Urlatio 
und der S to c kg r o n , beides Koppen, die sich aiebt 
bedeutend über den Grat erbeben, (wo der Porphir 
von Hegetsch weiler liegt, weiss ich sieht), dagegen 
behauptete der Biferten stock noch immer seine 
Rechte, der Bücken des S e 1 b s a n f t aber begann schon 
sich unter uns zu neigen. Der Firn selbst mochte eine 
gute Viertelstunde breit sein, vielleicht auch mehr, da 
man keinen sichern Masastab hat Es galt am, über 
diesen Firn die Spitze des Tödi zu erreichen. Derselbe 
steigt ununterbrochen an, die Steigung mag nie unter 20*, 
meistenteils gegen die 30' sein. Es ist sich daher nicht 
zu verwundern, dass kein eigentliches Firnfeld hier zu 
finden ist, sondern dass man gleich von Anfang an mit 
den Schrunden zu schaffen hat, von denen die meisten 
über 20 Fuss breit , ja einige zwischen 30 und 40 Fttss 
breit sein mögen. So stiegen wir zwischen den Schrun- 
den durch den Firn hinan, alle, mit Ausnahme von 
Vögeli, durch Brillen geschützt, Thut hatte eine als 
Flor dienende Moueseliae -Haube seiner Frau um die 
Stirne gebunden , und vor die Augen hingezogen. In 
einer halben Stunde waren wir in gleicher Höhe mit der 
auf dem Felsgrat rechts nördlich sich erhebenden Thais 
Mütze, um 8*/ 2 Uhr. Von da stiegen wir auf dem Firn 
zu dem sogenannten Krühenbübl hinauf, es mag 



- 239 — 

derselbe ungefähr in gleicher Laue mit dem P i« ü r- 
1 a u n sein. Indessen war heia» Spur mehr davon seit 
16 Jahren au sehen, der heruntergestürzte Etebfock, um 
den sieh wahrscheinlich Schnee angehäuft hatte T «rar 
weggescbmoken., und der Firn hatte sich wieder ausge~ 
flicht Die Führer konnten nur ungefähr die Stelle be- 
zeichnen. Es war 9 Uhr, wir also bereits eine Stunde 
auf dem Firn- Wir näherten uns nun bald der Stelle, 
wo der Firn eich gegen .Norden umbiegt, und zwischen 
des beiden Spitzen, dem Piz Hu sein westlich, dem 
T ö d i östlich , zum Grate hinansteigt, ungefähr in der 
Linie des Stockgron* Hier war es, wo die Führer 
beim «raten Versuche, den Tödi zu ersteigen) statt 
aber den Firn über die Felswände des Tödi hinauf den 
Gipfel erreichen wollten, aber durch einen Gletschersturz, 
der den Vater Vögeli beinahe getroffen hätte,, davon 
abgeschreckt wurden. Nordwestlich vom Stockgros 
befindet sich im Grate ein Einschnitt, durch welchen 
vielleicht von Bünden her auf den B i f e r t « n f i r n 
zu gelangen wäre, insoferne der Zugang zu demselben 
von der Südseite zugänglich wäre. Sonst haben wir vom 
Biferten stock bis zum Busein. auf dem ganzen 
Grate keine einzige Stelle bemerkt, über welche man 
auf den Gletscher hinuntersteigen könnte, die Felswände 
sind zu schroff und hoch, wenigstens 1000 Fuss, und 
Wistens mit Eis und Firn überzogen. Nachdem wir be- 
reits eine tüchtige Anzahl Schrunde theils umgangen, 
tbeiLs auf Schneebrücken überschritten hatten , der Schnee 
war ganz vortrefflich (gediegen, wie man es in der Berg- 
spräche nennt), nicht zu weich und nicht zu hart, ging 
es nun an den letzten Theil des Tagewerkes, der Firn 
»wischen den beiden Gipfeln musste bezwungen werden. 
Es war dieses kein geringes Stück. Arbeit, da dieser. 
Theil des Firnes mtht unter 30°, an einigen Stellen bis 
sa 45° Steigung sich erhobt , und , was das Behummste 
ist, von gewaltigen Schrunden durchzogen ist, die die 



— 240 — 

ganze Breite von den Felswänden des einen Gipfels bis 
eu denjenigen des andern einnehmen , und beinahe alle 
ohne Ausnahme 30—40 Fuss breit sein mögen. Ich 
glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, dass 
wir gegen die zwanzig solcher Schrunde zu passieren 
hatten. Es ist dieses um so auffallender, da die Führer 
bei ihrer ersten Ersteigung an dieser Stelle keinen ein- 
zigen Schrund vorfanden, sondern bei ihrer Rückkehr 
vom Gipfel ganz gemächlich hinunter retten konnten. 
Auch H. Dürler war auf gleiche Art begünstigt, nur 
sollen sich bei seiner Ersteigung schon einzelne Löcher 
gezeigt haben. Dagegen traf es H, Georg Hoff mann 
von Basel, wie er selbst oben geschildert, noch schlim- 
mer als wir« Als wir diese Schrunde vor uns sahen, 
mussten wir unwillkürlich an denselben denken, und be- 
fürchten , es stehe uns dasselbe Schicksal bevor. Doch 
hatte der schneereiohe Winter' hier uns etwas geholfen. 
Alle diese Schrunde waren zwar weit geöffnet, und klaff- 
ten uns mit ihren schrecklichen Abgründen entgegen, aber 
doch fanden wir immer noch Stellen , - wo wir dieselben 
umgehen, oder über sichere Schneebrücken überschreiten 
konnten. Etwas unheimlich war es uns aber immer, wenn 
zwei mit einander mit ausgespanntem- Seile über dem 
Schrunde schwebten. Thut benahm sieh aber hier sehr 
sorgfältig. Zuerst untersuchte er am Rande des Schrun- 
des mit dem Auge die Dicke der Schneebrücke, dann, 
wenn sie tragfähig schien, d. h. circa 3—4 Fuss Dicke 
hatte, wurde mit dem Bergstocke sondiert, bis er festen 
Fuss fasste, und dann erst die Brücke überschritten. Es 
ist begreiflieh, dass dieses ziemlich viel Zeit wegnahm, 
und der Grat, den wir immer über uns sahen, und über 
ihm den dunkelblauen, ja schwarzen, Himmel, nicht 
näher rücken wollte. Der Firn hatte sich seit 1846 so 
verändert, dass die Führer nicht zu bestimmen vermoch- 
ten, an welcher Stelle der Schngnd gewesen, durch wel- 
chen H. Hoff mann gezwungen worden, den Bückzog 



- 241 - 

anautrtten* Kaum hatte» wir uns von *inotn 8eht und« 
entfernt und stiegen den Firn hinan , so lag naeh einiger 
Zeit wieddr ein aöderer vor uns, von dem wir vorher 
nichts feemerkt Man kann sich leicht «koken, dass uns 
die Sache /etwas bedenklieh vorkam, und dass wir fast 
bezweifelten, ob. wir den Grat erreichen h£mteo, da mr 
nie wusaten, von welcher Beschaffenheit der näckstfoi» 
gende Schrnnd sein ^rerde. Da zugleich Mehrere von 
uns sich durch dae stete Hinansteige» -auf dem steikn 
Firnschnee, von welchem die Sonnenstrahlen mit Macht 
aurö^kprallten , etwas ermattet fühlten, «o beschlossen 
war-, uäs etwas, zu Iraern, und eine Flaseh« Veltlmer 
Vorzunehmen. Diese geschab am F-asse 4ee Rüge in, 
fassen steile Felswände, jnit spärlichem Firn überzogen,. 
eich uns sur Seite erhoben, per Tödi leg etwa* ent~ 
fernter gegen Osten* Mach eingenommener Erfrieohung 
belegte sieh *te Zog wieder vorwärts, und nachdem 
noch mehrere Bebefinde #berschfitten werden mussten, 
die ins gegen die Hohe bin nicht authörten, war endlieh 
der Grat erreicht:, £bca um 11 Uhr Vormittags. Wir 
befanden uns nun auf einem weiten etwas gegen Norden 
gesenkten. Firoplateau. Gegen Westen hatten wir die 
Ficaspitee des Pia Rnsein, gegen Osten diejenige 
des Tödi,. gegen Morden am äusaersten Rand« des 
Firnplateau 9 das etwa eine toalbe Stunde to*eit -sein 
mochte, die JBolroeekuppe des Sand gipfele. Wir 
wandten uns mm gegen Osten der Tödispitee zu. 
und gingen über das Firnfeld, das mit neuen Schnee 
bedetifcfc war, hin bis z« .der Stelle, wo 4ie Fähr er 
mi iL Darier 1837 ihse Fahne aufgepflanzt, fie war, 
wie natürliche in dem- Firn keine «Spur »ehr von den 
Stocke zu finden Nachdem «wir einige Augenblicke hier 
geratet, und im Allgemeinen die Aassicht betrachtet* 
bäschleeaea war, feote «des Einredens der Führer, die 
behaupteten, es sei nodh eine gute halb* Stunde > den 
Tö digtpiel selbst «u ersteigen, 4er «ich fetotev uns 

16 



— 242 — 

«Ja Schneekuppe etwa 100 Fma hoch erhob. Es war 
dieses «ine Sache von einigen Minuten, ein Beweis, wie 
wenig selbst Leute, die in den Bergen au Hause sind, 
in diesen Regionen einen sichern Massstab haben. Um 
4iy 2 Uhr standen wir auf der Spitze des Tödi, die 
südlich gegen den Bifertenfirn schroff abstürzt, und 
von der Spitse des Piz Rasein wohl eine gute halbe 
Stunde entfernt sein mag, der sich in gleicher Linie etwas 
höher als der T ö d i erhebt, der Sandgipfel dagegen 
liegt ziemlich tiefer. Wir hatten auf dem Gipfel hinlang* 
lieb Baum, da er ganz sanft sich gegen Norden gegen 
das Firnplateau, das die drei Gipfel mit einander ver- 
einigt, absenkt Anfänglich wehte der Wind ziemlich 
stark, bald aber legte er sich, und später hatten wir 
eine ganz angenehme Temperatur. Ueber uns wölbte sich 
der dunkelblaue, ja schwarze, Himmel. 

Wenn ich nun die unermessliche Aussicht schildern 
soll, die wir von diesem erhabenen Standpunkte genossen, 
so bin ich in der grössten Verlegenheit, Worte dazu au 
finden. Wir blickten wie vom Himmel auf die Erde 
hinunter. 

Ein Theil der Aussicht ist bald beschrieben, die* 
jenige gegen Norden. Es lag ein Horizont vor uns, 
der ins Unermessliche sich ausdehnte, aber in die Ebene 
hinaus konnten wir nichts mehr unterscheiden, selbst der 
Züricbsee blieb unsern Augen verborgen, so sorgfältig 
wir darnach forschten, es verlor eich alles hVs Schwarz- 
graue, und über demselben schwebten einige kleine Ne- 
belchen in weiter Ferne. Freundlicher war der Bfick in 
die Nähe. Da lag das ganze L i n t h t h a 1 vor uns ge- 
öffnet. Wir konnten ganz deutlich die K unzische 
Fabrike und das Stachelbergerbad unter- 
scheiden, weiter hinaus die Kirche von Luch singe b, 
und zahllose Häuser, alles in freundlichem Sonnenlicht 
Westlich davon erhob sich der Glärniscb mit «einen 
Felswänden , der uns aber nicht im Geringsten imponierte, 



^ Ü43 - 

ebenso wesig Einditock machte der Reiseist ock und 
sein Nachbar, die Silbern, die in weissen Karren- 
feldem glänzte , ja etwas nähe» die Scheienstöcke 
und selbst die Firnkuppen der 6 1 a t i d e n, sie schrumpf- 
ten ad Zwergen zusammen, (regen Nordwesten zog sich 
der Pilatus in langer Reihe dahin, und gegen Nord- 
osten, wo der Selb sanft so demüthig aussah, dass 
wie ihn kaum, bemerkten, und über denselben hin auf 
die Eisfläche des Muttensees blickten , waren es 
hauptsächlich die Gipfel des Ruch i, des Haus sto- 
ck e s , des Kärpfstockes, und weiter östlich des 
Ssrdont, die unsere Blicke auf sich zogen. Weiter 
hinaus lagerten sich die Kurfirsten und der Mürt- 
schen stock, und jenseits derselben* die Gruppe des 
S ä n t i s und des Altmann. Alle diese Berge traten 
ganz bescheiden auf^ ja, was mich einigermassen frap- 
pierte, selbst das <Scheerhorn, das sich gegen We- 
sten neben uns erhob, und vor ihm der Kamlistock, 
zeigte sich tiet unter unserm Standpunkt. Ich habe mit 
der leteliftern Aufgabe, der Schilderung der Nordseite 
der Aussicht, begonnen. Ich mache nun ganze Wendung, 
und blicke gegen Süden. 

- Womit soll ich diese Aussicht vergleichen? Dasteht 
der Tödi, wie ein General, der ein ganzes Regiment 
kommandiert ; es sind aber nicht Grenadiere , es . sind 
Berge, die. in Reih und Glied vor ihm aufgestellt sind, 
in langen Reihen, und nicht bloss in zwei, drei Colon- 
uen , sondern! in sechs , sieben. Es will kein Ende neb- 
mem Wohin das Auge blickt, nichts als Berge und 
Berg« , und auf alle diese blickt man hinunter. Der 
Bi/fjer t enj3 fcock ist der störrischste, der will seinen 
Gipfel nicht recht: neigen, doch muss er, wenn auch 
ungern, die Herrschaft des Tödi anerkennen, um ihm 
abgr dieselbe so lange als möglich streitig zu machen, 
streckt er auf seinem Rücken aus dem Firnplateau noch 
.ein .spitzes, Hörn in die Höhe. Dagegen tritt der Dussi- 

16* 



— 2M — 

stock ganz beechoiden auf, uad süitot der Bris ten-» 
stock hat mit den beiden Windgellen und den 
W*chlerhöm<ern desCrispalt tiel von dem im~ 
posanten, das et im Reussthal entfekev eingebüßt Da» 
sind die Vorposten. Hinter diesen bliebt matr* in die 
Seitcnib&ler des Vorderrhein thales hineitt. Daliegt 
das ganze M e d e 1 8 ausgebreitet , mit dein S co p r in 
der MrUe» dann folgt 4 gegen Osten das Sumvix mit 
den Gletscherta 4er Grein a,> dann Lug netz, S»* 
v i e n , D o m i « s c b g , ja wir glaubten , • Häuser in der 
Nähe von Chor m erkennen. Soll icb iun aber da» 
Regitn-ent selbst mustern, so dehnt das »eine Reihen aus 
roos Montblanc bis weit in die Ty roierb erge 
hinein; der Orter<er ist bei weitem: nioiit der leiste. 
Neben dem Montblanc in* fernen Westen sind in 
Einer Reibe das W-eisshtorn, die Misehabeln 
und dfer Monte Rosa gelagert, die man ober die 
Kuppen der Mu 1 1 h ö r n er erblickt. Nördlich von die- 
sen ziehen in Einer Reihe das F i n s t e r a a r h o r n* das 
Sehreckhorn, der ße r gl i stock, die W'ett er- 
hörn er den Blick auf sieh, die beiden ElgeTtmd 
die Jungfrau sind durch die letztern v er dockt, da-* 
gegen erhebt sieb südlich rom F inster aarhorn 
das Ale tsebhorn, und den Wetter hörnern 
gegenüber gegen Norden die Gruppe des Wildge^st. 
Vor diesen Beherbergen ist der D atn«i af i rö in wei- 
tem Seeken ausgebreitet, von dem Galen stock und 
Sustenfcorn begrenzt. Titlis und UriTOthsto-cb 
sind durch' den P i z R u s c i * vewU>ckü Docri icb könnt« 
noch ganze Seiten voll schreiben * wenn ich alle die Berge 
nennen wollte, die wir auf Einen Blick tibers&autei». 
Icb bemerke nur, dltss der Tödi sb günstig 'gelegen 
fet , dass von den zahllosen l3<indnerb*rgen gewiss 
kein einziger seinem Kommando entgebt. Da «trabten 
die Eiskuppen des Hin terato einthat** empor, 
dort zieht in langer Reibe dte Kette des Bern im a 



dabin* das Tamboharri, der Pia Beverin, die 
Urnppe des P i z kirr, der Pi* Linard, die Seen* 
pianöN» leim attea, bedeutend and unbedeutend, sie 
**ffi»ltdn sieb vori dem staunten BUeke. Von de* Ty- 
r«l e*be#ge«, die uns mir sum Theil bekannt waren, 
irtmorke idh nur, daas eie in derselben Masse, wie dip 
B^a&d erbe ige, sieb enterte Auge darböten. Mit 
Einem Worte* es ißt ein nnermessUches Panorama, wobl 
w&ntb Aar Mühe, die man anwenden moss, tim es ge*- 
ttiessei tu können* EL Studer sachte dasselbe einiger 
Massen eu skizzieren, er stand s^ber. bald sonder Arbeit 
ab*,, da die Aufgabe zu gros* war. '; . 

Dock anch der Leib bedarf te der Stärkung* Zwar 
apfittn icb für mich nicht die geringste Müdigkeit , alß 
•eh den Gipfel des T&di erteieüe, «s wurde aneb der 
Mondvörraib vQ» oins allen ganz un beratet gelassen , daf- 
^egen hatten wir mit einer FkeebeVeltUnar* die tins 
nech übrig geblieben, iör Stichs. Mann woll wenig, für 
jeden ein Glas, und wir wurden von einem tüchtige* 
Durste geplagt.: Aber was matten.? Wir mnssten uns in 
das ünveuneidlicbe sebioken. Ich . ranehte eum firsatii 
eine Gsgan^ die, mir trefflieb sehtfeekte. Genau um 12 
Ute :; Mittags. aiactoe ich. eine Baromelerbeebachtung. Der* 
selbe «igte: 498,00 MiUiro. TbermotB.fi* + Softe** 
-ir 4° C- herber. Nacb gftiger Vergleiebong nnd Beieck* 
nfing:. w» Herrn; Professor Hoffmeister in Zürich 
** 360**0» Meter =* 11104,50, PariserJuss über Meer. 
Wim »konnten und beinahe nicht ron diesem erhabenen 
Standpunkte trennen, doch Etigsetr einige kleine Nebel, 
die sieb hinter dem Bit erteil stock bald erhoben, 
bald i wieder verach wanden, and die aneb theilweise in 
dete. Bdigen gelagert waren . dasses Zeit för uns sei, an 
deb Rückweg zu. denken. Derselbe wurde denn auch um 
W/ 2 Uhr, mchdem wirvuns eine Stunde auf dem Gipfel 
aufgehalten, angetreten, in (derselben Ordnung. Wir hattest 
bftld* die Einfeattelnng swiscbei*..de* beide» Gipfeln er- 



— 246 — 

reicht, dann ging es den Ffm hinunter in ienselben 
Fusstapfen, die wir beim Hinaufsteigen eingetreten. Von 
einem Sehrunüe bis tarn ändern werde dar Weg -rittlings 
zurückgelegt, dann aber sorgßütig die * SebneebrÜcke» 
überschritten. Der Schnee war inzwischen etwas weicher 
geworden, so dass einige Male unter den Hintern der 
Firn wich, doch nur theilweise, und, am Seile befestigt, 
war dabei keine Gefahr. Die Sache ging so schnell von 
Statten, dass wir in 1 V2 Stunden nm 2 Uhr bereits wie* 
der den Firn verfassen hatten, also denselben Weg, für 
welchen wir beim Hinaufsteigen circa Pfo Standen brauch- 
ten, in IV2 Stunden zurücklegten, weiche Schnelligkeit 
hauptsächlich daher rührte, dass wir beim Hinanteretei- 
gen nicht mehr den Weg über die Schrunde tu suchen 
brauchten, sondern einfach unsern Fusstapfen feige« 
konnten. Bei 4er gelben Wand angelangt löschten 
wir an dem Gletscherwasser den Durst, den wir auf dem 
Gipfel des Tödi nicht hinlänglich hatten befriedigen 
können, und banden uns von dem Seil los, da es ge- 
rathener schien , beim Hinabsteigen über die Felswand 
und durch den Runs, und unter der Schneeroee hon 
Jeden seiner eignen Kraft ' zu überlassen. Wir machten 
an der gelben Wand einen Aufenthalt vo» einer 
guten Viertelstunde, und dann gings den Rons hinunter 
unter den Firnzacken hin. Bei den Gletschertrtimtnero 
angelangt, Hess sieh in der Höhe der Firnzacken ein 
schillernder Ton vornehmen , eine Warnungsstimme , die 
wir 1 sorgfältig beachteten, und, ohne lange au säbmerv 
über die Firnblöcke hinabkletterten. Ww waren mm ge- 
borgen auf dem zweiten Plateau des abem Glet- 
schers, auf festem Eis. üebrigens scheint die Gefahr d«r 
Schneerose grösser , als sie wirklich ist. Ich. habe) 
schon bemerkt, dass die Sonne erst am spätemi Nach- 
mittag auf die Fhrnzacken einzuwirken vermag,^ und Wir 
hatten dieselben schon 2 l /a Uhr hinter uns Das Herab« 
steigen vom Gletscher zum BH ertengrfttli verursachte 



■r> 



— 147 — 

tttis ttocb einigen Aufenthalt. Wir mussten die steile circa 
•50 Fuse hohe Eiswand nun hinuntersteigen. Wir banden 
uns der grossem Sicherheit wegen wieder ans Seil, Tbut 
voran, der heim Hinabsteigen die Stelen, die wir am 
Vormittag etagebaueir, wieder etwas ausbesserte, und so 
stiegen wir, ich der grössern Sicherheit wegen rückwärts, 
diese Eistreppe hinunter, und lagerten uns */ 4 nach 3 Uhr 
auf dem Grate des Bifertengrätli. Wir hörten oben hn 
Gletscher mehrere Gletscherstürze. Höchst wahrscheinlich 
waren die Firnzacken in der Sehneerose ihrem Schick* 
aal erlegen, und hatten ihr Haupt gesenkt, was wir aus 
der Ferne mit Befriedigung vernahmen. 

Wir hatten vom Bifertengrätli dem Gletscher nach 
hinunterstQigen und, ohne die obere Sandalp zu be- 
rühren, uns der untern Sandalp zuwenden, und von 
da in circa drei Standen, also schon um 8 Uhr Abends, 
das Stftcbelfeergerbad erreichen können. Da wir aber 
in der obern Sandalp einen Theil unserer Effecten^ 
aUlüekgelassen, auch mit den Sennen noch nicht abge-* 
rechnet hatten, und zudem beute noch nicht im Tbale 
erwartet wurden, zogen wir es vor, den Rückweg über 
die obere Sandalp zu nehmen, ungeachtet es eigent- 
lich ein Umweg für uns war. Wir brachen */% vor 4 Uhr 
auf« Das Hinnntersteigen über die steile Geröllwand ge- 
hörte gerade nicht zu den angenehmsten Partieen des 
Tages, die ganze Wand mit dem losen Gestein bewegte 
sieh mit uns, es war ein Bassein und Rollen des Gesteins, 
dass Alles mit uns den Berg hinunterkommen zu wollen 
schien. Man konnte sieh einiger Blassen diese Arbeit er- 
sparen, wenn man über die steilen Schneewände mit hartem 
Schnee , die zuweilen ungern Weg durchschnitten, hin- 
unterritt; ich zog es jedoch mit H. Siegfried vor, auf 
dem Gestein zu bleiben, um nicht zu guter Letze noch 
eine unfreiwillige Rutschpartie zu machen. 

In der Tiefe angelangt, mussten wir wieder über die 
Geschieh- und. Raaepwände aus dem Kessel zu der Höbet 



— 248 — 

dra Ochsens ttfcfcesfalftaufsteigeit* dfe wir um 5» Uhr 
Abende erreichten* Hier machte H; ätüddr mmh eine 
Mohtigc Sknsxe der erhabenen Umgebung rjn<* dann £irtg*s 
5*/ 2 Uhr Über de Roth* Un und übet' dfe Ffclskttppen 
hinunter auf die obere Sandaip, wo tri* d*/ 4 üttf wtedtfr 
einflickten. Wir hatten ateö am heutigen Tag^die twftr 
nicht bedeutenden Rasten abgerechnet, etemr Weg wa 
12^/4 Stunden zurtfckgelegt. Es würde sögteich aar Stiir- 
kaüg ein Tbee bereitet, and auf dietfes dam- die stehere 
Grundlage eines fetten Ftooeä gelegt, dam» tiocH 4er 
Rest des Proviante* au%esehrt, was indettö haöpfcäehltoh 
von den Führern geschah Der Himmel hatte eleh inftWrSchen 
etwas bedeckt, und während der Nacbt wuttiän wodurch 
einen gewaltigen Sturmwind, mit etwas Regen togfölfet, 
mehrfere Male gewetkt? doch sehHefeft wir im GttAzeA sehr 
angenehm auf die fötrapatsen des Triges. 

Saiwtag ~ de» 44. August brachen wir «ür? ühf *ett 
der öbero Bandälp auf «öd tlektetf tun tä< Übr £fucfe* 
~Heb wieder in Stachel berg ein, vo4 den OföekwIümcfNfi 
der Badg&ste empfangen, die mehr genug et&Mkn kann- 
ten, wie gespannt Alles tine atff .der Höhe des? T$<ii 
beebaehtet. Seit dieser Zeit werden bis* Sonnner 1858 
keiie Versuehe etir Ersteigung des Tödf'gwuafthl. Um au 
solchen su ermuntern, mögen noch foigeaäe'Netöeetf dtentti« 

Im Ganten hatten wir 15 l /4 Stunden auf ütoe Est- 
pedHkw verwendet, wovon 2 x fe Standen auf die Rasten 
fallen. Kämlicb eftie halbe Stande auf dem B1ferte«u- 
gtätli beim Hinaufsteigen , eine Stunde afcf dem Gipfel 
des TtJdi, eine halbe Stunde bei der ftitekkebr auf 
dem Bifertengrätli* und eine halbe Stand* auf dem 
Ochson&tock, Was dfe Kosten; beträte, an Hraaeteft 
50 Frkn. Jedem der Führer gegeben werden, die Lebeftft" 
mittel kosteten dro« 30 Prknv, diö Serinen« sauf i>4«r bbwn 
Sandalp forderten 2a Frkn., ttlftd IM Gallien MO Fite. 
Thut und Vögelt und min auch Madut* sind die*in- 
nigeti, dte den Weg auf den Tod* kenneri, die' Sennen 



— • 840 — ■ 

auf t^r obfefn 6an4afp tttfeeen Ifer Hofe* drei Stunden 
weit hihwftra#en, sie werden auch ta ihren feseba^en 
w*j~1# ( ihrem Naebdtfger durth solche öäste Vielfach be* 
ÜdtigtMatt kann daber nioht sage», d«ss dfe Preise *sh 
tttrtb' sfetett. 'Ueferigens KanA man «uefc mit den. Führet* 
vtifsdhietiene t^etee featsetäen, je nachdem man entwede* 
*tos* afif 4i#« frere :) S afndalp gelangt, oder auf de« 
Untern Weget durch irgend ein Hindernis» von der Erdtei* 

g*»g~ de* Tödi abgetobeii wird. Wenn man sein NachP» 
quartier ' auf dem BiferteftgTätli nefcttfeh konnte, se- 
k&vnte ttan* sehon um. 4< Uhr Vormittag» atjrorecbeny und 
zwischen 8±~iO Uhr auf dem Gipfel des Tod?' sei», man 
bätt<r dann aueb nach £eh% de» Plfc Rnaein ao ersteigert, 
und ifbdrhaupt wäre die Beleuchtung günstiger. Um aber 
die Nacht toquete fcuaubmvgen , mfisfcte man sich • ^ök 
Einern Zkfltfc and Wctödeeke 4 « 5 versehen, aöeh efwen Köcfr* 
ftppfeftit' rfüd Hote habe*v was' altes etwas weitläufig Wäre. 
Aach lieben*» die »Führe* nrefart, die Nacht unter freiem 
Hftnesei zUsJttbrtogen , sie ziehen vor, ein Paar Bfumfeh 
wettei" m gdhete. Man könnte daher auch, besonders in 
einer Mendacheiimaeht, um 1 Uhr in der Nacht von dfet 
cttotim<&andalp aufb*«tehen, man wäre dann um 4 Dbr 
ebenfalls auf dmtr ölfertengrätli, eine Laterne, wie wft 
eie* aöob hatten, könnte etwas nachhelfen 1 . Bei der Rüek« 
kehr würde ich ob vorgehen, nfeht'mebr auf die öb^re 
ggnäalp za gebety sonder* gleich vom} BifertengrKtH 
Midie untere Sandalp binabzueteigen, ; ittid ! so<in Einem 
Tage die ganze Tour ru vottehden. Den Proviant ums* man 
dann freilfdh von der öbem Sandalp toHbebmen, und ibri 
attteft amGermibarfg des Bifertengrfitli, das Nothweft* 
dfgfirte^asgencrtnrticn, liegen toöen. 'Besonders seirwiettg 
ist der Tödi nieht zu besteigen, es sind mir zwei Punkte; 
dft Vor^hlStt^ttg^n erfordern. Vorerst dfe Schnee* 
rose. Am Vormittag ist dieselbe aber nftbt gef&brBfflg 
und wenn man vor 3 Uhr Nachmittags über dieselbe 
zurück ist, so ist man in der Regel so ziemlich sicher, 



— 8Ö0 — 

dieselbe ungefährdet passken an künden. Weit bedeutendere 
Schwierigkeiten bietet der Firn wall zwischen den beiden 
Gipfeln, dar, ja diese können so bedeutend sein, dßsa sie 
die Ersteigung des. Tod i unmöglich machen, da diese 
der einzig mögliche Weg ist, am auf die beide? Gipfel 
au gelangen. Wenn nämlich den Winter oder das Früh- 
jahr vorher nicht viel Schnee in deji Bergen gefallen ist, 
.und der Föhn, vorherrscht, so dass der Firn in der Nacht 
nicht gefriert 4 so werden die Schrunde, die die ganze 
Breite des Firnes «wischen den schroffen Felswänden der 
(beiden Gipfel einnehmen, so weit geöffnet sein, das» die* 
selben, k selbst mcbt mit Leitern, nicht überschritten wer- 
den können, und, wenn auch Schneebrücken vorhanden sein 
sollten, so haben diese, wenn es nicht die Nacht vorher 
gefriert, nicht genug Kraft, um die Last eines oder meh- 
rerer Männer zu tragen, denn die Schrunde sind; 30 bis 
40 Fuss. breit, und so unendlich tief, dass man nicht in 
dieselben hinunter zu blicken wagt» Wenn man schon am 
dem untern Firn bis an die Knie einsinkt, so ist das ein 
sicheres Zeichen, dass die Schrunde nicht gangbar sind, 
es müsste denn so viel Schnee gefallen sein, dass alle 
Sfcbründe, wie bei der ersten und zweiten Ersteigung, 
vollständig gedeckt sind. Acht Tage später hätten wir 
nach dem Drtheile von Thut den Tö£i nicht mehr er- 
steigen können, da, die Schneebrücken alle verschwunden 
gewesen wären.. Uebrigens lohnte es sich wohl der Mühe, 
nur bis an den Fuss der Schneerose anzusteigen, und 
den überaus wilden und erhabenen Anblick dieser Ge- 
birgspartei zu gemessen, es ist, wie wenn man in das 
Eingeweide des Berges hineinblicken würde, und man ist 
von einer Gletscherwelt umgeben, wie man sie selten so 
in dieser Erhabenheit sieht Es wäre dieses eine Reise 
von circa 7 Stunden vom Stachelbergerbad aus, der Rück- 
peg; könnte in 5—6 Standen gemacht wprdep. . 



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9. Der Honte Rosa. 

Von Melchior Ulrich und J. Jakob Weilenmtoo. 
Rohe: 4640 Met. = 14284 Par. F, 

Der Monte Rosa , der zweit * höchste Punkt der 
penninischen Alpen, bildet den, südlichen Schluss des 
Nieolaithales und den westlichen des Anzaseathales, und 
trennt so die Schweiz von Piemont. Er erhebt sieb in 
nenn Gipfeln, die nach den Messungen der Gebrüder 
Sebkgintweit folgende Höhe haben : Das Nordend, 
14153 Par, F., die höchste Spitze 14284 Par. F., 
die Zumsteinspitze 14064 Par. F., die Signal- 
kuppe 14044 Par. F., die Parrotspitze 13608 
Par. F., die Ludwigs höbe 13350 Par. F, , das 
Schwarzhorn 13222 Par. F., das Balmenhorn 
13068 Par.F., die Vincentpyramide 13003 Par. F., 
der Sattel zwischen dem Nordend und der höchsten 
Spitze 1393S Par. F. Die vier ersten Gipfel sind die 
nördlichsten , und bilden einen Halbkreis, der den Hinter* , 
grund des Anzascathales umschliesst , an dieselben reiheir 
Sieb die fünf andern in gerader südlieber Richtung an, 
und bilden gleichsam den Stengel zu der Rose. Ob von 
dieser Form her der Berg seinen Namen erhalten, oder 
weil er von den Strahlen der Abendsonne am längsten 
geröthet ist, oder ob das keltische Wort ros (Vorgebirge) 
ihm den Namen gegeben , bleibe unentschieden. Die 
Nftmen, der verschiedenen Gipfel rühren von Weiden 
her in seiner Schrift: Der Monte rosa, eine topo- 
graphische und naturhistorische Skizze. Wien 
1824. 8., nur hat er in derselben die zweitsüdliohe Spitze 
bloss mit B bezeichnet, und die Gebrüder Schlagintweit 
diesem Gipfel wegen seiner Form den Namen Balmen- 
horn gegeben. Von diesen neun Gipfeln liegen bloss 
zwei auf Schweizerboden, die beiden nördlichsten und 



— 255 — 

» 

höchsten, das Nordend und die höchste Spitze, 
und tragen im NicolaHhale den Nartien ;G or n e r hörn, 
weil der Gornergletscher sich nördlich an ihrem Fusse 
hinsieht. 

Versuche .zur Ersteigung dßs M o q t e Bosa wurden 
zuerst im Piemont gemacht. Den' 5. August 1819 
wurde tmm ersten Male die Vincentpyramide von 
Herrn Nie. Vincent, am 10. August von H. C«no+ 
ttfeus Beruf aller, und den 12. August 1819 von den 
Herten Vincent und Zu rast ein erstiegen (siehe Obige 
Schrift), den 1 August 1820 von eben denselben mit 
H. Molinatti die Zum-steinspitze, am $. Aögusi 
1S21 vk)h IL Zum stein mit zwei Führer* zum zweig- 
ten Matt die Ziimseefnspitze, und endlich &n 1. 
August 1822 dieselbe Spitze zum driiteb Male, nach* 
dem ein Versuch am 12; Juli 1822 wegen eingetretener 
schlimmer ■> Witterung missglückt'- war* Freiherr Ludwig 
v. Weiden endlich erstieg am 26. August 1822 die 
nach ihm genannte Ludwigs höhe. Diese südlichen 
Gipfel sollen , besonders die Zu m 4 1 e i ns p i t z e , noch 
mehrere Male erstiegen worden sein, es ist jedoch nichts 
darüber veröffentlicht worden. Von der Südseite des 
höchsten Spitze beizukommen, ist unmöglich, weil 
eine tiefe Schlucht dieselbe von der zunächst liegenden 
Zumsteinspitze trennt. Das Gornerher», oder 
did beiden höchsten Monte Rosaspitaeri, Nordend und 
höchste Spitze, kann nur von>Nöf den, der Schwel* 
zereeite her, bezwungen werden. . . 

Den er aten Versuch machten den 13. August 184? 
die Herren Ordinaire, professeur ä l'&öle de me*de^ 
eine, und Puiseux, professeur ä la faciihä de* seieirteg 
ä Bedan(on, mit $en vier Führern, Johannes Brant^ 
sehen) Joseph Taugwalder, Matthias tfaugwal- 
der und 1 Joseph Moser. Sie gingen am 12. August, 
mit Proviant und Wolldecken verseben, auch mit einem 
Barometer ausgerüstet; für welchen correspondierentie 



- «a — 

Beobachtungen in Turin gemacht wunäan t ftfee* dg» 
Kiffelberg bei dem Riffel hörn vorbei, .eine 
Strecke weit dem Gornergletscher enfiUng bis Gradm&n» 
überschritten daton den Gletscher, und lagerten sieb an> 
Süsse des Gocneifeoroes auf! dien Felaea ob dem See, 
in dear Nabe des Gtirnersees, der aber ausgelaufen wa*. 
Um die in Wolldecken eingehüllte Gruppe wurden die 
ganze Nacht durch drei Feuer unterhalten, zu welchen 
das Holz über den tGLetsdbes hergeschafft »werden wusste. 
Bei dem vchönsien Wetter brachen sie den 13» August 
Vormittags 4^4 Uhr auf. Es gabt, den steilen, mit vielen 
Schrunde o durchzogenen, Gletscher, der awißühen den fcwei 
Kappen des Moose Bosa, dem Nordend urutder böttUn 
•teu ßpit*e; .sich gegen den {jörjnergLetsqfte*. 
berabseakt, den Gornerborngle tftcher, zu jewttW 
gen. Dtie dache ging gut von Statten; lO: 1 /^ {Jen Ware« 
sie auf der Höbe des Grates, also in t> l / 4 Stauden. Nebtm 
ihnen rechts westlich bbürmten sich die Fefewöflde disi 
höchsten Spitze auf, nach ihrer Schätzung circa 400 
Fuas (genau 846 Fuss}, sie hatten also eine Höhe von 
13938 PariserfusB erreicht. Ein Sehnoefeld führte gegen 
die Fetemasten der höchsten Spitze hinan, die Fel- 
sen ragten aber über dasselbe hiuaus, so daas es un- 
möglich schien, dieselben zu erklimmen. Sie biteben auf 
dem Sattel, mit der Aeusserang: cela nous suffit» Auf 
dem Orate waren sie ganz ä lenr aise, wie sie sagten; 
sie hatten südlich dre Aussicht auf den Lago mag" 
giore, den Lago d'Orta, und' die ganze Lombardei, 
gegen Macugnaga hinunter senkte siob ein steiler Glet- 
scher, zu welchem ein FirnfeJd führte r das denselben 
überragte , so dass snan sieb nur mit Vorsicht dem ä»s- 
sersten Rande nähern konnte. Am Spätabend rückten sie 
wieder in Zermatt ein, wo idb mit denselben zusammen* 
traf, und die obiges. Dietaila von ihnen vernahm, , l?ieae 
«lachten den Wunsch in mif irege, <die*en Versuch eben? 
falls au wagen, und wkklich «gelang es- mir, denaelben 



— 256 — 

HBfgtJttd, uitfd zu der Köche , hiaabstieg , um Feuer zu 
Wttben, unc) «ich dort m wärmen. Taugwal der folgte 
ibiO/bAU »acli. Sa lag kb allein in der Höhle« Der 
Scfcltf wwn gerade nicht der festeste, ieb borte iojmei 
<Ü0. Wa#sor jcawctieo , auch war ich in zu grosser Er- 
Wftftfflftg » «& das* ieb mich einem ruhigen Schlafe häu^ 
überlassen kennen, und die Unterlage zu hart Doch ^as 
jeb nnmer in, einer bessern Lage als die beiden Führer, 
die die gjuuß Nacht beim Feuer wachten. 

l%* AflgUit. Taug walder weckte mich um 3\>z 
Uhrj der. Atond. war hinter den Bergen verschwunden 
Die Führer baue» mit einem Stocke roben Fleiaches, das 
TAugwalder mitgenommen, eine Fteisebsuppe bereite;, 
die mir trefflich mundete, nachher wurde aueb ein Katiee 
f okoety, und dann nur das Nöthigstö mitgenommen, alles 
Ueberflüssige zurückgelassen » da wir Stunden weit von 
Weiche** entfernt waren». Maduu liess sogar seine» 
Hut: zurück, aus Furcht vor allfälligem Winde, und band 
Qioh nur ein Nastuch um deu Kopf. Das Wetter, war 
prOfibtfoU» kein Wölkchen am Himmel. Wir konnten 
erst ,4 l Jz Uhr aufbrechen, da es nicht früher heiter war, 
und wir SQgleicb deu Gletscher betreten -mueeten. Diese? 
WW gejfroren, wo Wasser gewesen, ww klares Jäte. Wfr 
überschritten denselben mit. Leichtigkeit, und gelangter* 
in kurzer 2ett *u dem Guffer* der am Fnsse des Gor- 
nerborngletschers liegt, und wo gewöfaßljcb ein 
See, der Gornersee, sich vorfindet, ähnlich dem 
Atotschsee mit schwimmenden Eisblöcken. Wk sahen 
keine jSpur von diesem See, er musste ausgelaufen sein. 
Durch, diesen (Jutfer, und ein Feteriff, das sich -über den- . 
ftejben. erhebt, wird der Gornerhorngletscher ir» ' 
»wßi ungleiche Theile getheilt. Derselbe steigt steil tt 
Bohrern Absätzen gpggn die Höhe hinan, au. dew öst^t 
lipjien finde mtt der Rord$ndepU*e gekrönt,, an dettS 
westliche* qdt der h,ö e.b s^ö S pit % e , die dusch ein**! 
Fi ru kämm mit einander verbunden v siod* Nachdem wt^ 



— 257 — 

den Gaffer hillangestiegen, befanden wir uns auf einem 
Fitnfeld am Fusse des Gletschers. Wir stiegen ein steiles 
Schnecfeld hinan. Hier bandelte es sich nun darum, ob 
wir uns rechts einen steilen Abhang hinauf wenden, und 
die grössere Hälfte des Gornerhorngletschers jenseits des 
Riffes hinansteigen wollten, welchen Weg die beiden 
Franzosen das vorige Jahr mit ihren Führern eingeschla- 
gen. Wir zogen vor, auf dem östlichen Theil des Glet- 
schers zu bleiben, und hier einen Weg gegen die Höhe 
zu suchen. Der Weissthorpass lag östlich neben uns, 
der Ausläufer des Nordendes gegen diesen hin hielt 
die Strahlen der Sonne von uns ab , wir wanderten im 
Schatten. Bald kamen wir an eine Stelle, wo der Glet- 
scher zwischen dem Nordend und dem Felsriffe sich durch- 
drängte. Hier war alles bunt durch einander. Firnwürfel 
von immenser Grösse, die von dem Gletscher, der sich 
nördlich vom Nordend gegen das Weissthor herabsenkt, 
herabgestürzt, lagen auf einander geschichtet Es war 
ein Gletscher in Trümmern. Hier musste ein Weg durch 
diesen Wirrwarr gefunden werden. Schrunde von bedeu- 
tender Grösse hemmten allenthalben das Fortschreiten. 
Madutz mit seiner Gletscherkenntniss wusste mit un- 
glaublicher Leichtigkeit sich zurechtzufinden. Freilich 
musste öfters das Beil zu Hülfe genommen werden, um 
die Höhe eines Firnwürfels zu erreichen, da der Schnee 
noch hart war. Umwege musstlfc wir nur sehr unbedeu- 
tende machen, zurück nur ein einziges Mal wegen eines 
gewaltigen Schlundes. Endlich hatten wir die Höhe die- 
ser Trümmermasse erreicht Zugleich erhob sich die 
Sonne über die Felsriffe der Nordendspitze. Ich tüsteste 
mich nun gegen dieselbe. Neben einer grünen Brille 
hatte ich noch einen blauen durchsichtigen Schleier, der 
mir treffliche Dienste leistete, und wegen seiner Leich- 
tigkeit mich durchaus nicht belästigte. Hände und Ohren 
wurden ebenfalls geschützt. So stand ich vollständig ge- 
rüstet. Die Führer trafen gar keine Vorkehrungen, und 

17 



— 258 — 

mussten es. nachher schwer büssen* Wir waren mm schon 
auf einer bedeutenden Höhe des Gletschers angelangt. 
Eine Stanblauine stürzte neben uns vom Nordend her auf 
den Gletscher. Verschiedene .Firnwürfel, die zerstreut um- 
her lagen, deuteten an, dass es hier nicht ganz geheuer 
sei. Wir eilten vorwärts. Wer schon den Titiis er- 
stiegen, und auf dem Rotheck den Nollen vor sich 
erblickt hat, der kann sich eine Vorstellung machen, 
wenn ich bemerke, dass wir drei solcher Nollen über- 
einander vor uns hatten , drei Gletscherterrassen , die sieb 
Bergen gleich übereinander aufthürmten. Diese mussten 
bezwungen werden. Es war ein tüchtiges Stück Arbeit. 
Der Firn stieg so steil an, dass das Beil öfters nach- 
helfen musste. Doch rückten wir immer vorwärts. An- 
gehalten wurde beinahe nie. Wie wir die Höhe des 
dritten Nollens erreicht , lag das durch prachtvolle 
Felsmassen ausgezeichnete Breithorn, in seiner Tiefe 
ebenso^ breit als von vome, neben uns, und beugte de- 
müthig sein Haupt, der Lyskamm hatte schon früher 
sich für überwunden gegeben. Ein Blick gegen die Höhe 
zeigte uns, dass wir noch ferne vom Ziele seien, doch 
waren die steilsten Parthien des Gletschers hinter uns. 
Da wir aber nun ungeiähr in einer Höhe von 12000 Fuss 
waren , so begann eine andere Schwierigkeit. Das Athmen 
wurde schwerer. Madutz war der erste, der sich be- 
klagte. Natürlich hatte 4hn das Nachtwachen nicht ge- 
stärkt, auch war er ohne «Kopfbedeckung dem Rückprallen 
der Sonnenstrahlen ganz ausgesetzt. Er klagte über Er- 
schöpfung. Ich gab ihm ein Stück Zucker mit KirBchen- 
wasser gesättigt. Bald verspürten wir beiden andern auch 
die Wirkung der reinen Luft. Wir konnten nicht mehr 
als circa dreissig Sehritte nacheinander machen, so ging 
der Athern aus. Wenn man sich auf den Bergstock stützte, 
und tief Athem schöpfte, so war in einigen Sekunden 
dem (Jebel abgeholfen. So ging es ziemlich langsam den 
letzten Theil des Gletschers hinauf, da auch dieser noch 



— 259 — 

eine bedeutende Steigung hatte. Aach ieh machte einige 
Male von Zucker und Kirsehenwaaser Gebranch. Wir 
kamen nicht weit unter der Höhe bei einer ähnlichen 
Eirnschlucht vorbei, wie sie Zum et ein bei einer seiner 
Besteigungen der nach ihm benannten Spitze als sein 
Machtquartier schildert Um ii ! /4 Uhr waren wir auf 
der Höhe des Grates angelangt.. Wir hatten also ven 
tmserm Nachtquartier ans 6 3 / 4 Stunden gebraucht, -so an 
«igen ohne irgend einen Aufenthalt, und ohne etwas zu 
mm an nehmen. Wir schritten sogleich gegen Süden, 
vorwfirts f um die Aussicht dahin au gewinnen. Der Firn 
hörte aber mit einem «Male auf; wie wenn er abgerissen 
wäre, ragten die Schneerinder in die Luft hinaus. Dabei 
tobte ein Sturmwind, der uns umzuwerfen drohte. So 
wagten wir es nicht, bis an den Rand des Abgrundes 
hinausangehei} , sondern kehrten eiligst um. Vom vorigen 
Jahre her wussteich, vom Montemaro aus, das» hier 
der Oletscher plötzlich abstürzt, und in einem beinahe 
senkrechten Abstürze sich 7 -r 8000 Fuss gegen Ma- 
eugnaga heruntersenkt. So sahen wir nur die Andeutung 
des Abgrundes, den Abgrund selbst nicht Denn vor uns 
war eine Nebelmasse, die die übrigen Spitzen des Monte 
Bosa, die Zumsteinspitze und die Signalkuppe* 
verschleierte. Die Aussicht gegen Italien war so für 
uns gänzlich verloren. Der Biswind stritt mit dem Föhn. 
Dieser jagte immer Nebelmassen gegen die Höbe hinan, 
die jener zurückdrängte, so dass sie an dem Bande des 
Abgrundes sich aufthürmten. Bei unserm eilfertigen Rück- 
züge wandten wir uns sogleich gegen das Hörn der 
höchsten Spitze, das südlieh vor uns lag, und stie- 
gen dasselbe hinan. Es möchte ungefähr die Höhe von 
400 Fuss haben (genau 346 Par. Fuss). Ich hatte be- 
reits ein Firnfeld von circa 50 Fuss Höhe zurückgelegt, 
und hätte nun die Felsen , die circa 60° Steigung hatten, 
hinansteigen müssen. Da aber auch hier der Wind so 
grässlich tobte , dass Gefahr beim Hinaufklettern zu 



— 260 — 

fürchten war, so erklärte ich den Führern, ich wolle 
nichts riskieren, und werde wieder auf den Sattel hinab- 
steigen, um dort eine Stelle zu suchen, wo ich einiger 
Massen gegen den Wind geschützt wäre. Der Sattel 
gegen das Nordend hin ist nämlich durchaus nicht 
flach, wie er es, von unten gesehen, scheint, sondern 
erhebt sich bald zu Firnhügeln, bald senkt er sich in 
Schluchten. Schnell war eine Stelle hinter einem Firn- 
htigel gefunden, die ich mir als Zufluchtsort wählte. Ich 
erklärte den Führern, wenn sie Lust hätten, die höchste 
Spitze zu erklimmen, so sollen sie es versuchen, ich 
werde ihnen warten. Sie gingen mit Hammer und Seilen 
bewaffnet. Ich pflanzte sogleich meinen Barometer auf, 
hatte aber bei dem beissenden Winde, vor welchem mich 
der Firnbügel nur einiger Massen schützte, viele Mühe, 
ehe ich die Beobachtung zu Stande brachte, auch mag 
sie nicht gerade zu den genauesten gehören, da ich den 
schwankenden Barometer immer festhalten musste. Er 
zeigte 12. August ll l / 2 Uhr Vormittags : 442,60 Millim. 
Thermometer fix, frei — 2° C. mit Zürich verglichen: 
14,004 Par. Fuss. Man kann sich meine Lage denken, 
auf dieser Höbe bei einem durchdringenden Nordwinde 
bei 2wei Grad Kälte. Ich wurde mehrere Male ganz 
durchschüttert , ungeachtet ich warm angekleidet war. 
Auch der Schleier wurde mir fortgerissen, ich konnte 
ihn aber wieder erhaschen, aber nicht mehr festbinden 
wegen der Kälte. Nach einer guten halben Stande jauchzten 
mir die Führer von der Höhe herab zu. Ich antwortete, 
ungeachtet ich eigentlich nicht zum Jauchzen aufgelegt 
war. Da ich die Aussicht gegen Italien Preis geben 
musste, so wandte ich mich gegen Norden. Hier lag 
ein ganzes Gewirre von Bergen vor mir, in ehrerbietiger 
Entfernung, Nur drei ragten noch einiger Massen empor. 
Der Montblanc, das Matt er hörn und das Weiss* 
hörn. Der Montblanc mit seiner Kuppe erhob sich 
noch etwas über meinen Standpunkt, er zeigte sich süd~ 



— 261 — 

westlich hinler dem Matterhorn, dieses mit dem 
Weiss hörn schien, als ich sie mit dem Bergstocke 
visierte, etwas unter meinem Standpunkte su seht, so 
dass ich ungefähr auf einer Höhe von circa 13900 Fuss 
sein mochte , worauf auch die Barometerbeobachtung hin- 
wies. Von Unbebaglicbkeit spürte ich gar nichts, die 
Einwirkung des Windes abgerechnet, ich probierte meinen 
Puls, er tfaat 100 Schläge in der Minute. Da der Wind 
in Stössen sich bemerkbar machte, und die oberste Schnee« 
schichte immer aufregte, so war ich zuweilen ganz in 
Sehneegestöber gehüllt , Schnee und Eistheile wurden mir 
in das Gesicht getrieben, so dass ich wie mit Nadeln 
gestochen wurde. Ich versuchte es einige Male hinter 
dem Firnhügel hervorzugehen, aber der gewaltige Wind 
jagte mich gleich wieder zurück. So blieb ich auf meinen 
Zufluchtsort gebannt. Hunger und Durst spürte ich nicht, 
auch kam mir kein Gedanke an's Rauchen. Der Wind 
nahm alle meine Gedanken in Anspruch. Die Aussicht 
gegen die östlich liegenden Berge war durch Firnhügel 
etwas beengt, so dass ich nur die westlichen unter mir 
hatte. Ich könnte nicht sagen, dass es ein imposanter 
Anblick war. Es war, wie wenn man von einer Tribüne 
auf eine Volksversammlung heruntersehen würde, wie 
hier Kopf an Kopf, so Berg an Berg, sie verschoben 
steh ganz in einander, nur die drei schon genannten 
ragten hervor, das Matterhorn aber in einer ganz 
andern Form, es hatte gegen Süden ein breites Fuss- 
gesteile. Da die Führer noch immer nicht erscheinen 
wollten, so jauchzte ich ihnen zu, sie antworteten mir 
noch in ziemlicher Höhe; sehen konnte ich sie nicht 
Endlich nach 1 Uhr kamen sie das Firnfeld hinunter auf 
mich zu. Sie hatten eine gute Stunde zum Herabsteigen 
gebraucht. 

Madutz sagte mir, es sei sehr schwierig gewesen, 
die Felsen seien mit Eis überzogen, und die Zwischen- 
räume ebenfalls mit Eis ausgefüllt. Sie hätten einige Male 



— 262 — 

den Hammer zu Hülfe nehmen müssen. Auf der Höbe 
hätten sie kaum Raum zum Sitzen gehabt, zu stehen 
hätten sie nicht gewagt wegen des starken Windes. 
Taug walder habe auf der Spitze erklärt, er wolle 
lieber sterben, als wieder den gleichen Weg hinunter- 
steigen. Er habe ihn beruhigt, ihn an ein Seil gebun- 
den, und so vor sich binuntersteigen lassen bis zu einem 
sichern Standpunkt, dann sei er nachgefolgt. Indessen 
habe er das Seil nie zu Hülfe nehmen müssen, Taug- 
walder habe sich so sicherer gefühlt. Mit einem Harm 
möchte er bei diesem Winde und bei dieser Kälte, den 
Versuch nicht wagen. Die höchste Spitze des Monte 
Rosa ist nicht eine Spitze, wie sie, von unten gesehen, 
erscheint, sondern ein kammartiges Hörn, das sich von 
Osten gegen Westen in ziemlicher Ausdehnung hinzieht, 
und von dem Sattel, der sich von Norden gegen Süden 
zieht, in beinahe rechtem Winkel absteht. Es sind zwei 
ziemÜch gleich hohe Kuppen (nach den genauem Mes- 
sungen der Gebrüder Schlagint weit ist die westliche 
Kuppe 22 Fuss höher), durch einen Eisgrat mit einander 
verbunden. Der Kamm ist oben kaum einen Schuh breit, 
gegen Ost ist der Absturz gegen Macugnaga gegen 
die §000 Fuss, gegen West senkt sich derselbe in 
mehrern Abstufungen gegen den Gornerhorngletscher 
hinab, gegen Süden stürzt er beinahe senkrecht mehrere 
1000 Fuss gegen den Monterosagletscher herab, der. 
die höchste Spitze mit dem Lyskamm verbindet, 
gegen Nord in einer Senkung von 60—70° circa 400 
Fuss gegen den Sattel, auf dem wir uns befanden. 
Die Felsen bieten hier wenig Haltpunkte dar, und keine 
Kuhepunkte für das Auge, so das? dasselbe immer ins 
Lautere blickt« Auf der Höhe sass Madutz auf einem 
Steine, der kaum mehr als einen Fuss breit war, Taug- 
wald er rittlings. Sie waren auf der östlichen Er- 
höhung, und durften es nicht wagen, die westliche 
über den Eiskamm ebenfalle zu ersteigen, auch darum 



— 263 — 

nicht, weil sie mich nicht zu länge warten lassen wollten, 
Madutz schlug einige Stücke von der höchsten Spitze 
ab, nnd brachte sie mir. Es war Glimmerschiefer mit 
röthlichem Anflog. Ich brachte sie glücklich nach Hause. 
Von der Aussicht konnten sie mir wenig sagen, sie waren 
zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie sagten, sie hätten 
nach Macugnagna und Gressoney hinunter gesehen ; 
von den andern Gipfeln des Monte Rosa hatte Madutz 
nichts bemerkt, Taugwald behauptete, die Zumstein- 
spitze unter sich gesehen zu haben, es fähre ein Firn- 
kamm gegen sie hin. Ein Andenken an die Ersteigung 
konnten sie nicht errtehten Das Gestein war alles fest, 
nichts lose, wie auf dem Mischabelhorn, auch wäre 
kein Raum dazu gewesen. So war, wahrscheinlich zum 
ersten Male, die höchste Spitze des Monte Rosa 
erklommen worden, freilich nicht unter den günstigsten 
Umständen. 

Ich hörte diese Berichte von den beiden Führern an, 
dann mahnte ich zum Aufbruche. Die zwei Stunden waren 
mir wohl lange vorgekommen und nicht gerade die ange- 
nehmsten, auch schon darum, weil mein Vorhaben theil- 
weise wenigstens nicht geglückt war. Es war ein schöner 
Tag, aber auf dieser Höhe, die Nord und Süd von 
einander trennt/ mag der Wind stets mehr oder weniger 
seine Macht zeigen. Es war, wie wenn er sagen wollte: 
Fort mit euch 1 ich dulde niemanden hier oben. Während 
meines zweistündigen Wartens hatte ich auch einen kurzen 
Besuch von einem Vogel gehabt, es schien ein Rabe oder 
eine Steinkrähe zu sein. Er kam in mattem Fluge gegen 
mich hingeflogen , entfernte sich aber sogleich mühsam, 
als er mich wahrnahm. 

Wir brachen um t Uhr 10 Minuten auf, und be- 
schlossen, denselben Weg zurückzukehren, und unsern 
Fusstapfen zu folgen. In Zeit einer halben Stunde hatten 
wir schon eine bedeutende Tiefe erreicht, es ging prächtig 
vorwärts, der Schnee war etwas weicher geworden, und 



- 264 - 

gewährte einen festen Tritt Madutz wünschte nun, sich 
etwas su stärken. Wir machten halt, und packten unsere 
Vorrätbe aus, es war das erste Mahl an diesem Tage* 
Der Wein wollte mir nicht recht munden, er war zu kalt, 
auch der Schinken verursachte mir Reiz zum Erbrechen. 
So ass und trank ich sehr wenig. Am. meisten hätte ich 
Lust zum Schlafen gehabt, auch Madutz sagte dieses, 
er klagte überdiess über Schmerz in den Augen. Naeb 
einer halben Stunde Kastens brachen wir wieder auf. Wir 
gelangten bald zu den Gletschertrümmern, die noch sicht- 
baren Fusstapfen leisteten uns gute Dienste. Wir kamen 
glücklich aus diesem Wirrwarr heraus. Weiter unten 
wurde der Schnee tiefer, wir sanken zuweilen bis an die 
Kniee in denselben, was das Fortscbreiten sehr mühsam 
machte. Einmal gerieth ich sogar in eine Spalte, ich sank 
mit beiden Füssen zugleich ein, und spürte nichts mehr 
unter mir, ich schwang mich aber sogleich wieder heraus, 
so dass ich nicht einmal auf den Schneesattel, der stehen 
blieb, zu sitzen kam, und auch das Seil nicht ansog. 
Hingegen verletzte ich mich etwas an dem Schienbein durch 
den scharfen Eisrand, was ich aber erst nachher bemerkte. 
Als wir bei dem Guffer oben am Gornersee anlangten, 
erklärte Madutz, der sich schon bei meinem EinBinken 
in die Spalte gegen seine Art ganz gleichgültig gezeigt 
hatte, er müsse durchaus etwas niederliegen, wir sollten 
nur vorwärts gehen, er werde bald nachkommen. So ging 
ich mit Taugwald allein über den Gornergletseher. 
Ich merkte gleich, dass Madutz nicht dabei war. Taug- 
wald führte mich in einen Wirrwarr von Schrunden, wo 
wir mit Noth einen Ausweg fanden« Wir mussten einer 
tiefern Stelle des Gletschers uns zuwenden, und dann 
denselben überschreiten. Es war 4 Uhr 45 Minuten, als 
wir bei dem Nachtquartier in den Gadmen anlangten. 
So hatten wir zum Herabsteigen bloss ungefähr 3*/ 2 
Stunden gebraucht Noch waren wir aber nicht zu Hause. 
Ich änderte die ganz nass gewordenen Wollstrümpfe, und 



— 265 — 

sog meine Gtetsebervüstung aas« Dann schritten wir. am 
5 Uhr auf die rot he Kumme zu, ich warf noch einen 
Absdbiedsbliek auf den* Monte Rosa, und dann gings 
den Berg hinunter in die R i f f e 1 b ü 1 1 e n. Wir. waren in 
»eben Viertelstunden dort Hier grosser Jammer, dass 
nur zwei kommen. Wir beruhigten sie. Ich trank einen 
Schluck Wasser, und dann wieder vorwärts den Wald 
hinunter. Gegen 8 Uhr waren wir in Z er matt In den 
Riffelbütten hatten wir unser Eocbgeräthe wieder abge- 
liefert. Im Wirthsbaus- empfing mich der Maler Bern- 
hard Fries. Er war beute auf dem Riffel gewesen, 
und hatte dort tüchtig gearbeitet. Er hatte uns vom Riffel 
ans gegen die Höhe hinansteigen gesehen, drei schwarze 
bewegliehe Punkte. Da ich im Laufe des Tages noch nichts 
Warmes genossen, so speiste ich mit Fries zu Nacht, 
ungeachtet ich eigentlich keinen Appetit hätte, und schlief 
dann köstlich.' Madutz langte erst 10 Uhr Nachts an, 
und war den folgenden Tag ganz schneeblind, auch zum 
Taugwald musste das Bett hüten, zur Strafe, dass sie 
nicht besser gegen die Sonnenstrahlen sich geschützt Ich 
für mich spürte nichts 1 Nachteiliges, als dass Mund und 
Nase geschwollen waren, und die Haut im Gesicht sich 
abschälte. Nachträglich bemerke ich noch, dass beim 
Hinaufsteigen einmal eine Schneedecke plötzlich sich unter 
una senkte, -als wir dieselbe passiert Die oberste Schnee- 
schichte hatte sieh noch nicht ganz auf die untere nieder-: 
gelassen, und wurde durch unser Ueberschreiten dazu 
gebracht. Es war ein eigentümlicher Anblick, als der 
Boden hinter uns zu weichen schien , . mit einem gan« 
ungewöhnlichen Geräusche, das uns auf diese Erscheinung 
aufmerksam machte. 

Im August 1849 wurde der zweite Versuch zur Be? 
Steigung des Monte Rosa gemacht, und zwar war dieses 
Mal das Nordend der Zielpunkt. Herr Gottlieb Studer, 
und H. Doctor Lauterburg, beide von Bern, waren 
meine Begleiter. Als Führer hatten wir neben Johannes 

17* 



- 266 - 

ttaduts den Johannes zum Taugwald, Broder des 
Matthias, and den Joseph Gronig, der aus Lieb«» 
baberei die Tour mitmachen wölke. Samstag den* II. 
August wurde in Z er matt alles zur Abreise gerastet, 
genug Wein, Fleisch, Käse, Brot mitgenommen, Tbee, 
Kaffeepulver, Salz, Zucker nicht vergessen, und für vier 
Mann Wolldecken aufgepackt, da die beiden Walliser 
nichts davon wissen wollten. Es wurde die Anordnung 
getroffen, dass Johannes zum Taugwald mit dem 
Proviant für heute uns begleite, dass dagegen Maduta 
und Gronig erst Nachmittags mit dem Proviant für 
morgen und den Wolldecken aufbrechen sollten. 80 
sogen wir vier bei dem herrlichsten Wetter um 8*/j Uhr 
Vormittags von Zermatt ans. Es ging den gewohnten 
Weg durch die Lerchen« und Arvenwaldung hinauf an 
den Riffelbütten in der Augstkumme, wo wir 

9 Uhr 50 Minuten anlangten. Die Hütte des Mädchens, 
das uns voriges- Jahr die Kochgeräthschaften geliefert, 
war geschlossen, doch fand HL Lauterbnrg bald den 
Schlüssel, und wir nahmen das Kesselchen, das uns vori- 
ges Jahr gute Dienste geleistet, wieder mit, und stiegen 

10 Uhr 20 Minuten gegen die Guglen hinauf. Um 12 
Uhr waren wir dort, und genossen die prächtige Aussicht. 
Es strahlte alles im Glänze der Sonne« Um 1 Uhr 4& 
Minuten wurde wieder aufgebrochen, um 2 Uhr 10 Mi** 
nuten die rothe Kumme erreicht, und' um 3 Uhr 15 
Minuten dem Gornergrat entlang das Nachtquartier in 
den Gadmen» Ich zeigte meinen beiden Reisegefährten 
unser Nachtquartier in der Höhle, und beauftragte den 
zum Taugwald, Holz zu sammeln und Gras aus*»* 
iupfen , um das Lager in der Hoble desto weichet tm 
machen. Meine beiden Gefährten begaben sich dann auf 
den Gornergletscher, um Ansichten des Monte 
Rosa aufzunehmen, und ich entschloss mich, noch einen 
Abendspaziergang zu machen, und zwar einen solchen, 
wie ich ihn noch nie gemacht, nämlich mit der Cigavre 



— ,267 — 

im Hände über den Go r n ergle tscber hin an 
de» Fuss des Monte Rosa mm Garfiersee, am 
nachzusehen, ob er existiere. Ich brach um 4 Uhr 20 
Minuten auf, mit dem Bergstock bewaffnet Da der Gkt«- 
seher aber war, und die Schrunde allenthalben passiert 
werden konnten, so war eigentlich bei der ganzen Sache 
niete »i riskiren. Ich kam bei dem Gerippe einer Gemse 
vorbei * hörte hie und da die Gletschermühlen rauschen, 
musste besonders gegen den Gornersee hin über breite 
Spalten setzen, traf auf der Seitenmoräne eine ganze 
Gruppe Gletscbertteehe, aüe von schönem Gneiss, und 
und war um 5 Uhr 5 Minuten schon jenseits des Glet- 
schers am Fuss der Gufferwand, wo sieh der Garn er ~ 
see befinden soll. Ich sah aber keine Spur davon, konnte 
mir aber wohl vorsteilen, wie in diesem Winkel, wenn 
das Wasser keinen Abfluss unter dem Bis findet, sich ein 
See bilden kann, der, sowie das Eis einen Durchgang 
gestattet, wieder abläuft Ich war unten am Gorner- 
horngletseher, und zwar der westlichen grössern Hälfte 
desselben, und kehrte ungefähr denselben Weg über die 
Schrunde nach dem Nachtquartier zurück, und zwar um 
5 Uhr 35 Minuten, in 30 Minuten. Bald nach meiner 
Zurückkunft rückten auch die Andern ein , und zugleich 
hörten wir M ad utz und Cronig uns zujauchzen. Sowie 
sie eingetroffen waren, wurde ein Feuer angemacht, dann 
ein schmackhafter Thee bereitet, hierauf Fleisch gesotten 
und eine Suppe zugerüstet, kurz wir Hessen es uns in 
allen Beziehungen wohl Sein. Von der Kälte hatten wir 
wenig zu leiden, es war + 7° C, ungeachtet wir hart 
am Rande des Gletschers waren. Es war ein prachtvoller 
Abend, kein Wölkchen am Himmel, und die Berge ganz 
golden von den Strahlen der Abendsonne, bis auch die 
höchste Spitze des Monte Rosa erbleichte, und aUe 
Berge wie Gespenster vor uns standen. Der Mond man* 
gelte uns dieses Jahr, da er erst nach Mitternacht sieht* 
bar war , und so wurde zu rechter Zeit da* Nachtlager 



— 268 — 

bezogen, um morgen so frühe als möglich aufzubrechen. 
Wir vier lagen in der Höhle neben einander, in unsere 
Wolldecken gehüllt, die beiden Walliser bereiteten sieh 
ein Nachtlager neben dem Feuer in der Küche, das sie 
die ganze Nacht unterhielten, umf waren, wie wir, auf 
weiches Gras gebettet Ich spürte,.. da ich den Schlaf nicht 
recht finden konnte , etwas Hartes, unter meinem Lager, 
und wie ich nachforschte, war es ein tüchtiger Stein, den 
ich sogleich hervorzog, und so meine Gefährten in ein 
schallendes Gelächter über die Bettfeder, die ich gefunden^ 
versetzte. Die Gletscher waren auch nicht ruhig über 
Nacht, und tosten zuweilen gewaltig, so dass nicht viel 
an Schlaf zu denken, war. 

12. August, Sonntag. Schon früh am Morgen, als es 
noch dbnkel war, rief uns Madutz. zum Kaffee, wir 
krochen aus der Höhle zur Küche hinunter, und nachdem 
alles gesattigt und gerüstet war, brachen wir um 3 Uhr 
45 Minuten auf. Alles Wasser auf dem Gletscher war 
gefroren. Wir hatten beim Mondschein bald den&oruer~ 
gletscher überschritten. Statt auf den Guffer ob dem 
See zu steigen, zogen wir es vor, ein Gletscherfeld. links 
davon emporzuklimmen, und waren nun unten am Gor* 
nerhorngletscher. Das Gletscherchaos,, von dem ich 
voriges. Jahr gesprochen, zwischen dem Nordend und 
einem Felsriffe mitten im Gletscher, war wieder vorhanden, 
und schien dieses Jahr nieht geringer. zu sein. Wir wan- 
derten im Schatten, da die Felsmassen des Nordendes 
die Strahlen der Sonne, die bereits am. Horizont war, 
von uns abhielten. Der ganze Gletscher, war von blenden« 
dem Weiss, da das Ungewitter am letzten Donnerstag 
bis tief hinab Schnee gelegt. Der Himmel war etwas 
zweifelhaft, d. h. nicht für den. Vormittag, sondern für 
den Abend, da sich einige rotbe Wölkchen zeigten, doeh 
schritten wir getrost vorwärts. Es war für mich interes- 
sant, beim Vorwärtsschreiten Vergleichungen mit dem 
vorigen Jahre wegen der Beschaffenheit des Gletschers 



i 



j 



— 269 — 

anzustellen. Der Gletscher war in den Hauptformen ganz 
derselbe, im Einzelnen hatte .er sich natürlich ziemlich 
verändert, doch nicht sehr auffallend; die Hauptverände- 
rung war die, dass es dieses Jahr bedeutend mehr neuen 
Schnee hatte. Wir stiegen zuerst ein steiles Schneefeld 
hinan, wie voriges Jahr. Nun kam das Gletscberchaoe. 
Statt wie wir aber voriges Jahr von einem Firnwurfel 
auf den andern hinaufsteigen und zuweilen Tritte ein- 
hauen mussten, konnten wir wegen des vielen Schnees 
dieses Jahr zwischen den Firnwürfeln in einem schmalen 
Thälehen, d. h. einem mit Schnee bedeckten Schrunde, 
dabin wandern. Madutz hatte mit seinem scharfen Blicke j 
als er auf der Spitze eines Firnwürfels die Gegend 
Fecognoscirte , sogleich diesen practic&beln Weg aufge- 
funden. Etwas bedenklich sah es freilich zwischen den 
Firnwürfeln aus, weniger für jetzt, da der Sehnee. noch 
hart war, und die Strahlen der Sonne noch nicht ein- 
wirken konnten, als vielmehr für die Rückkehr. Indessen 
Hessen wir uns dadurch nicht abhalten r vorwärts zu 
schreiten, und so kamen wir. glücklich über diesen Glet- 
acherwirrwarr hinaus. Es lagen nun drei Bergabsätze 
oder Firnterrassen vor uns, drei Titlisn ollen über 
einander. Gegen die Felswände des Nordendes sah es 
etwas bedenklich aus. Es war eine Masse Firntrümmer 
von dem obern Gletscher über die Felswand herabge- 
stürzt, und die ganz frische Beschaffenheit derselben liess 
auf Nachfolger schliessen. Auch dieses war für den Augen- 
blick nicht gefährlich, da der Schnee noch hart war, 
wohl aber konnten wir bei der Rückkehr hier einem 
Bombardement ausgesetzt sein. Wir wanderten, ohne an 
das Seil angebunden zu sein, vorwärts, da die Schrunde 
alle offen waren, und der Schnee so hart, dass auch 
bei den bedeckten. Spalten keine Gefahr zu befürchten 
war. So stiegen wir . die Firn wände hinan , immer im 
Schatten, sie waren zuweilen so steil, dass es schwierig 
sehien, die Höhe zu erklimmen, und doch, sowie wir. 



- 270 — 

näher kamen, nahm die Schwierigkeit immer mehr ab. 
Wir kamen zuweilen bei Schrunden vorbei, die wohl 60 
bis 70 Fuss breit sein moehten; 6iner derselben war mit 
einer Sehneebrücke überwölbt, die Sonne, sandte einig« 
Strahlen unter dieselbe hin, so dass die Firnmassen in 
hellgrüner Farbe prangten, es war ein wundervoller An* 
blick, Üir das Auge so ungewohnt) dass' man sich wirk-* 
Ücb erst orientieren musste, was man eigentlich sehe. 

So gelangten wir nach ununterbrochenem Steigen glück- 
lich auf die Höhe der drei Firnberge, ungefähr 12000 
Pariserfu88; die Felswände des Breithornes und die 
Firnkegel des Lyskammes waren unsere Nachbaren, wir 
schauten stolz auf sie hin, die Felswände der höchst«» 
Spitze rückten immer näher, der Kegel des Nordendes 
war unmittelbar über uns. Nun galt es, die dritte For- 
mation des Gletschers zu bezwingen, das Gletscher* 
chaos und die drei Firnberge hatten wir glücklich 
unter uns, nun ging es an die Firnhügel. Diese strahl- 
ten im hellsten Sonnenglanze. Wir waren alle aufs beste 
gegen die Einwirkungen der Sonne geschützt, H. Stoder 
hatte eine blaue Brille mit Seitengläsern, H. Lauterburg 
hatte sieh gar sinnreich einen Tuchlappen zugeschnitten, 
der in dem Gestelle der Brille hing, so dass er wie eine 
Dominomaske aussah, ich war mit grüner Brille und 
blauem Schleier versehen, Madutz hatte von H. Pfarrer 
Rüden in Zermatt eine blaue Brille entlehnt, -die Wal** 
Heerführer hatten Papierfetzen über das Gesicht mit aus- 
geschnittenen Augen, Alle diese Vorsichtsmassregeln wäre» 
durchaus noth wendig, denn die Sonne brannte gewaltig, 
und wir waren ganz den Strahlen derselben ausgesetzt. 
Wir merkten sogleich den Einfluss derselben auf den 
frisch gefallenen Schnee. Wir sanken bis gegen die Kaie 
hinein. Daher wurde nun das Seil zur Hand genommen, 
und alle sechs an dasselbe befestigt. Das Schneebabnen in 
dem tiefen Schnee war so beschwerlich und ermüdend, 
dass die Führer mit einander abwechseln mussten, und 



— 271 — 

so einer nach dem andern an der Spitze des Zuges war; 
Wie wir einen Firnhügel hinter uns hatten, lag wieder 
ein anderer vor uns, alle muteten bezwungen werden, 
doch wollte die Höbe immer noch nicht erscheinen. End** 
lieh lag sie vor uns. Beim Hinaufsteigen warfen wir zu- 
weilen einen Blick rückwärts. Der Montblanc lag in 
seiner ganzen Masse westlich hinter dem Matter* 
hörn vor uns. Ich hatte das vorige Jahr nur den Gipfel 
gesehen, jetzt war das ganze Gebirge vor uns ausgebrei- 
tet, neben diesem ragte das Matterhorn, die Den* 
blanche und das Weisshorn über die andern Berge 
Maaus, die Berge gegen Osten wurden durch die. Fels-, 
wände des Nordendes verdeckt. Cm 10 Uhr 35 Minuten, 
m 6 Stunden 50 Minuten, waren wir auf der Höhe des 
Firnkammes zwischen der höchsten Spitze und 
dem Nordend, hart am Fuss der höchsten Spitze, 
die nur noch 346 Fuss über uns emporragte, aber mit 
eirca 60—70° steilen, von Schnee entblössten, Felswänden. 
Der Firnhügel, hinter dem ich voriges Jahr Schute 
gegen den Wind gesucht, lag uns zur Seite. Wir wollten 
nun die Ersteigung des Nordendes versuchen. Vorerst 
aber wurde die Aussicht betrachtet und der Proviant vor-? 
genommen. Von der Beschwerde des Atbmens hatten wir 
dieses Mal beim Hinaufsteigen nichts bemerkt, was daher 
rührte,, dass wir wegen der Tiefe des Schnees nur Schritt 
für Schritt vorwärts kommen konnten, so dass die Lungen 
nicht in Anspruch genommen wurden. Auch auf der Höhe 
spürten wir durchaus nichts. Herr Lanterburg hatte 
110 Pulsschläge in der Minute, ich 82. Die Aussicht 
gegen die Lombardei war dieses Mal viel lohnender, 
aber doch auch jetzt nicht ganz befriedigend. Die Schlucht 
gegen Maeugnaga hinab war ganz nebelfrei, dennoch 
konnten wir nicht ganz bis in die Tiefe blicken. Der 
Gletscher stürzt plötzlich ab , und man durfte sich nicht 
an den Band des Firnes wagen, weil man nicht wueate, 
ob derselbe unterhöhlt sei. Doch konnte man in eine 



— 272 — 

beträchtliche Tiefe blicken, die Felswände stürzten in 
gewaltigen Formen gegen Maeagnaga ab, es war, wie 
wenn man in den Schlund der HöHe hinunterblicken 
würde. Die Zumsteinspitze und die Signalkuppe 
lagen unmittelbar neben uns, ungefähr von derselben Hohe 
wie der Firnkamm, auf dem wir uns befanden. Auf der 
Zum st einspitze konnten wir aber nichts von einem 
Kreuze unterscheiden, ungeachtet sie ganz nahe war, 
wäre dasselbe noch aufgerichtet gewesen, es hätte ans 
nicht entgehen können. Ueber den Lago maggiore 
und den Lago d'Orta war ein mächtiges Wolkennaeer 
ausgebreitet. Ueber dieses hinaus sahen wir wieder Land, 
das aber nicht mehr deutlich zu unterscheiden war, alles 
verlor sich ins Bläuliche. Doch glaubte ich gegen Osten 
viele weisse Punkte unterscheiden zu können, der Rich- 
tung nach Mailand. In weiter Ferne gegen Osten 
erhoben sich Schneegebirge zu bedeutender Höhe, der 
Lage nach entweder die Berninakette oder dann der 
Orteier mit Umgebung. So war die Aussicht gegen 
Süden um vieles befriedigender als voriges Jahr, als 
eine dichte Nebelschicht sich hinter dem Firnkamm erhob, 
und alles in ein düsteres Licht versetzte. Diessmal glänzte 
die Sonne hellauf, und gab auch der höchsten Spitze 
einen heilern Ton. Nachdem wir etwas Proviant zu uns 
genommen, das Fleisch aber, weil das Salz im Nacht- 
quartier zurückgelassen worden, wegen faden Geschmackes 
nicht gemessen konnten, sondern uns mit Käse und Brot 
begnügen mussten, brachen meine beiden Reisegefährten 
mit Madutz und Cronig auf, um das Nordend zu 
ersteigen. Ich zog es vor, mit zum Taugwald für. 
einmal zurückzubleiben, mit der Absicht, wenn der Ver- 
such gelingen sollte, dann nachzurücken. Sie wandten sich 
also gegen Norden auf das Nordend 2u, über den Firn- 
kamm hin , die Entfernung schien ungefähr eine halbe 
Stunde zu betragen. Sie waren kaum eine halbe Viertel- 
stunde entfernt, so gab es schon einen Halt; Der Kamm, 



— 273 — 

der massenhaft gegen da» Nordend sieb erhob, winde 
plötzlich zu einem schmalen Orale , aber welchen, ma* 
nur dureh Tritteiabauen in das Eis gelangen konnte, leb 
«ab von ferne, wie Maclutz das Eis mit dem Beil bat 
arbeitete, und der Schnee in die Luft stob. Natürlich 
waren alle vier am Seile befestigt. Wie sie sagten, blies 
der Wind dort so stark und kalt, dass Madutz erklärte, 
er könne das Beil nicht mehr halten, und so sahen sie 
sieh wieder zur Rückkehr gezwungen. Ich hatte inzwischen 
den Barometer aufgepflanzt, er zeigte um 11 Uhr Vorr 
mittags: 445,30 Miilim. Thermometer fix + 9°, frei 
+ 1,5? C. mit Zürich verglichen : 140,81 Pariserfuss. Auch 
auf . diesem Standpunkte regte sieh zuweilen der Wind, 
aber nur stossweise und in bedeutenden Zwischenräumen, 
so dass man mit aller Müsse eine Cigarre rauchen, und 
die oben geschilderte Aussicht geniessen konnte. Auch 
dieses Mal brachte ich einige Steine von den Felsen der 
höchsten Spitze, mit Quarz durchzogener granatr 
baltiger gelber Glimmerschiefer, nach Hause. Diese seibat 
in ihrer Form und Lage habe ich schon bei meiner ersten 
Ersteigung: beschrieben. 

Wir blieben bis 12 Uhr auf dem Firnkamme, und 
wollten uns nicht länger aufhalten wegen der Besorgniss, 
der Schnee möchte über den Nachmittag zu weich werden, 
und . wir zu tief einsinken , auch dachte ich nicht ohne 
einiges Bedenken an das Uebersehreiten des filetachen- 
ebaoa, und die Firnblöcke, diö vom Nordend herab- 
gestirst. Ehe wir hinunterstiegen , nahm H. & t u d ex in 
der Eile noch eine Skizze der Bergansicht gegen Westen 
auf, aber leider war der Montblanc schon etwas in 
Wolken verhüllt, und der Schnee blendete so gewaltig, 
dass er wegen der Augen bald aufhören mussie. So ging 
es nun wieder die Firnbügel hinunter, alle sechs ans Seil 
gebunden» Wir sanken alle Schritte bis zum Knie ein, 
doch ging es rasch abwärts. Auch in den niedern Regio- 
nen war der Schnee inzwischen weich geworden, so dass 

18 



— 274 — 

alle ohne Ausnahme in verdeckte Spalten sanken, doch 
aar mit Einem Fuss, Madutz ging so sorgfältig voraus, 
dass, wie er Unrath merkte, wir dann Ober die gefähr- 
lichen Stellen uns hinüberschwingen konnten, es kamen 
uns nie Schrunde in den Weg, die wir nicht auf diese 
Art hatten überschreiten können, und der weiche Schnee 
bewirkte, dass wir auch die steilsten Firnwände' glücklich 
hinunterkamen. Bei den zerstreuten Firnbtöcken angelangt, 
»ahmen wir uns doppelt in Acht, einmal stürzte eine 
Firnmasse von den Felswänden des Nordendes hin- 
unter, ohne uns jedoch zu erreichen. Auch m dem Glet- 
scherchaos ging es besser, als ich vermuthet, der Schnee 
war doch noch nicht so erweicht, dass einige Gefahr so 
befürchten war, wir mussten einmal sogar unter einem 
gewaltigen Firnwürfel gebückt hinschreiten, aber die Masse 
regte sich nicht. So gelangten wir glücklich auf d' e 
unterste Region, und schritten das steile Schneefeld hin- 
unter auf den untern Theil des Oletschers. Da das Seil 
»war sehr nützlich, aber auch ziemlich beschwerlich war, 
indem man immer Acht geben musste, dass es nicht 
zwischen den Füssen sich verwickele, so banden wir uns, 
ehe wir ganz auf dem abern Gletscher, dem Gorner- 
gletscher, angelangt waren, vom Seile los, aber, wie 
wir sogleich bemerkten, etwas zu früh. Wir hatten noch 
einen Gletscherarm zu überschreiten, der mit Von der 
Sonne durchfurchtem Schnee bedeckt war. Madutz, voran? 
stürzte in eine Spalte, jedoch nur mit Einem Fusse, es 
dauerte nicht lange, so traf dieses Schicksal auch die 
übrigen der Reihe nach , der Gletscher war ganz von 
Querschründen durchschnitten. Daher hielten wir es fii* 
gerathener, das Seil wieder zur Hand zu nehmen, jedoch | 
ohne uns daran anzubinden, sondern nur dasselbe in der | 
Hand haltend. So kamen wir zuletzt glücklich auf den | 
abern Gletscher, und überschritten denselben so richtig? 
dass wir gleich bei unserm Nachtquartier wieder ans Ltfri 
kamen. Es war 3 Uhr 40 Minuten, als wir daselbst eio~ 



- 275 - 

trafen. Abo hatten wir gut 3 V2 Standen, trotz des tiefen 
Schnees, zum Herabsteigen gebraucht, und beim Hinauf* 
steigen in circa 7 Stunden die Höhe erreicht. Es wurde 
nun rasch Feuer angezündet und ein Tbee bereitet, der 
uns mit Wein gemischt trefflich mundete. Die Oletscherr 
rüstgqg wurde ausgesogen, und die nassen Kleider ge- 
wechselt. Um 4 Uhr 40 Minuten brachen wir drei auf, 
und überliessen den Führern, die Decken und das übrige 
Geräthe zusammenzupacken und uns nachzufolgen* Wir 
schiitten in schnellem Harsche vorwärts beim Riffel* 
hörne und den vier Seen vorbei, und stiegen dann um 
den Riffelberg herum zu den Hütten in der Äugst- 
Jl umtue hinunter, wo wir 6 Uhr 10 Minuten eintrafen. 
Pas Mädchen hatte uns von weitem kommen gesehen, 
und wie wir in die Hütte traten, standen schon die Tassen 
bereit, am uns. mit warmer Milch zu erquicken. Wir ver- 
schmähten diese Gabe nicht, und während dieser Zeit 
trafen auch die Führer ein, und. folgten unserm Beispiel. 
Das Mädchen erzählte uns, seine . Hütte sei diesen Früh- 
ling von einer Schneelauine bis gegen den \^ald hin- 
unter gerissen worden, man habe aber dieselben Balken 
wieder gebrauchen können, sie nur an den Enden etwas 
abnehmen müssen, so dass die Hütte, die wieder an die 
gleiche Stelle gesetzt wurde, etwas kleiner geworden. Ich 
hätte nichts davon gemerkt, so ähnlich war alles wie 
voriges Jahr, nur beim Feuerherd fiel mir jetzt auf, dass 
er neu aufgerichtet war. Wir reebneten mit dem Mäd- 
chen ab , und stiegen dann noch vollends durch den 
Wald nach Z er matt hinunter. Es war 7 Uhr 15 Mi- 
auten, als wir ins Wirthsbaus einrückten. Wir hatten 
heute einen Marsch von circa 13 Stunden gemacht, 
und »war den grössten Theil über Gletscher, und doch 
waren wir nicht besonders ermüdet, im Gegentheil assen 
wir noch mit gutem Appetit zu Nacht , . und begaben 
uns dann, zufrieden mit den Ergebnissen des Tages, zur 
Ruhe. 



- Z76 - 

* Öer zweite Versuch ziir Ersteigung der hfrebstVn 
Spitze de» Monte Rosa wurde Im Jährt 1851 von 
den Gebrüdern Adolph and Hermann SchlagintWttit 
gemacht. Es wurden damit vielerlei wissenschaftliche 
Untersuchungen verbanden , welche in dem interessanten 
Werke: Neuere Untersuchungen über die' pbysi^- 
kalische Geographie und die Geologie der Alpen. 
Leipzig 1854. 4., niedergelegt sind. 

Ihre Besteigung der höchsten Spitze, die sie 
glücklich erreichten , schildern sie folgender Massen: 
* Sie verliefen Zermatt mit den Führern Pefter 
Taugwald auf dem Platz, Peter Inderbinnen, und 
Hans Joseph zum Taugwald defb 2t. August 1951, 
und nahmen ihr Nachtlager in denGadmen, 8475 Par. 
Fugs» Am 22. August zeigte der Thermometer $ Uhr 
Vormittags — 3,8° 0. Sie brachen vor 4 Uhr auf, am 
den rechten Zufluss des Gornergletschers zu über- 
schreiten, welcher zwischen dem Weissthor und dem 
Nordend herabkömmt. Erst oberhalb der Felsen ob 
dem Se^B begann das stärkere Ansteigen. Der 'Weg 
sieht sich zwischen den Abhängen des Nordendes und 
einem kleinen sekundären Kamme hindurch , welcher mehr 
durch zerstreute hervorstehende Felsen, als dttreh eine 
ununterbrochene Felsenlinie gebildet wird. Die erste 
Abstufung wird durch Schneeabhänge von einer ziemlieh 
gleiehmässigen Neigung gebildet. Im zweiten' Tböile 
begegnet man einer grossen Zahl von Eisfragmenten von 
oubiscber und pyramidaler Gestalt, Reste von Firnbrü- 
chen, die von den steilen Abhängen des Nordendes 
herabstürzen. Man gelangt dann in das Firnmeer > das 
zwischen dem Nordend und der höchsten Spitze ent- 
springt. Es war 9 Uhr Morgenß. Nun mussten sie den 
Uebergang über einen breiten Firnsohrand suchen. Peter 
Inderbinnen war durchgebrochen, aber am Seile fest- 
gebunden. Sie überschritten die Spalte gegen Westen, 
und waren um 10 Uhr auf der kleinen Einsattlung, 13938 



— 877 — 

Par: Pub* über Meer« Die Abhänge der höchsten Spitze 
sind do steil, in dem ontem Tbeile 61— 63^^ ih dem 
obern Drittel 67—70*, dass der Schnee sich nur an ein- 
seitien Punkten festhalten kann; sie sind von einem sehr 
quarareicbeu nnd harten Glimmerschiefer gebildet; der nur 
wenige Unebenkeiten nnd hervorspringende Punkte dar-* 
bietet. Der obere Theil dieses schmalen Kammes zeigt 
fewei Erhöhungen, oder kleine Spitzen. Jene über dem 
Sattel ist auf allen Seiten von ungemein steilen Wänden 
umgeben, die zweite findet sich ein wenig weiter gegen 
Osten, es ist die, die sie mit zwei Führern (Hans Jo- 
seph zum Taugwald blieb zurück) erreichten, dieselbe, 
die auch meine Führer Madutz und Taugwald 1848 
Um ersten Male betraten. 

Sie brauchten fast zwei Stünden, um diese Höhe von 

etwas mehr als 300 Fuss (346 Fuss) hinaufzusteigen. 

Äe waren öfter gezwungen , die dünne Eiskruste mit den 

Hämmern von den Felsen zu entfernen, um einen festen 

Standpunkt zu gewinnen, auch schlugen sie einige Male 

Meiseel, die sie bei sich hatten, in kleine Felsenspalten 

ein, um sieh an denselben festzuhalten. Die ^Spitze, die 

sie um 12 Uhr 10 Minuten erreichten, ist ein sehr 

sehmaler Kamm, dessen Wände in den obern Theileri 

etwas weniger steil auf der südwestlichen Seite als auf 

der Abdaebung gegen den Sattel sind. Die zweite kleine 

Erhöhung befand sich in ganz geringer Entfernung von 

ihnen gegen Westen , Messungen zeigten ,, dass sie 22 

Fase höher war. Ein paar Einzäunungen des Kammes 

und die allgemeine Steilheit der Felsen verhinderten sie, 

bis dortbin vorzugehen. Die Grösse der Oberfläche der 

Spitze, auf der sie standen, beschränkt sich auf wenige 

Quadratmeter wegen des steilen Abfalles- der Felswände 

nach allen Seiten. Der Barometer zeigte 12 Uhr 20 

Minuten 438,18 MiM., der Thermometer — 5,1°, der 

befeuchtete Thermom. — 5,5° C. ; 1 Uhr der Barometer 

4 »7,99 MilL, der Thermometer — 4,8», der befeuchtete 



— w ~ 

Tbermom. — $,29 C, Sie konnten , da die . Luit sehr 
ruhig war , langer als eine halbe Stunde aitf dem Gipfel 
verweilen. Da« ausgedehnte Panorama reicht yon den 
Apenninen bis zu den Alpen des Berner-Oberlandes 
und Grqubündens. Die Thäler, deren Sohle mau über-? 
blickt , sind nicht zahlreich , man kann nur das des 
Gornergletschers und jenes von Macugnaga auf 
grössere Erstreqkijqg verfolgen, die übrigen sind fast 
durchgängig verdeckt. Das Thal ypn Macugnags* 
unmittelbar am Fasse des steilen Abfalles des. Monte 
Rosa, gewährt einen überraschenden Anblick» Man er- 
kennt dort sehr hübsch die Häuser, Bäume und Culturen. 
Die Ebenen von Piemont und der Lombardei über- 
blickt man in grosser Ausdehnung, aber obgleich der 
Tag sehr rein war, konnten sie doch kaum einige der 
liervortretendsten Punkte unterscheiden. Zum Herabgebeo 
bedurften sie weniger Zeit als zum Hinansteigen, weil 
sie, auf ihren frühern Schritte zurückkehrend, nicht pötbig 
hatten, den einzuschlagenden Weg aufs neue aufzusuebes. 
Sie gelangten auf den Sattel um 1 Uhr 45 Minuten, wo 
sie noch 2^ 2 Stunden zubrachten. Die Führer schlugen 
ihnen vor, einen andern Weg zur Rückkehr zu wählen. 
Sie nahmen ihre Richtung gegep den Gornersee, in* 
gern sie in der Mitte herabgingen. Auf einer kleinen 
Felseninsehob der Platte fanden sie einige phanero- 
gamische Pflanzen bei einer Höhe von 11462 Par. Fuss. 
Unterhalb dieses Platzes begegneten sie dem ersten Hin*- 
derniss , einer Terrasse, welche den Zufluss seiner ganzen* 
ßreite nach durchzog, sie zeigte einen so steilen und 
zerspaltenen Abfall, dass sie während i x / 2 Stunden ^U* 
vergeblich bemühten, einen Weg über diese Senkung 
hinab zu finden. Da die Zeit schon sehr vorgerückt war, 
so entschlossen sie sich endlich, durch eine Schlucht von 
gefrornem und theilweise in Eis. verwandelten Schnee 
hinabzusteigen, welche eine Neigung von 60 — 62° hatte. 
Sie stiessen zum Glück auf keine sehr bedeutenden Spal- 



j 



- 274 - 

fett, und katoen, mit Stricken alle fest verbunden, ohne^ 
Unglück und Unfall über diese schwierige' Stelle hinab. 
Es war schon merklich dunkel, als sie nach 7 Uhr Abends 
bei ihrem frühem Nachtlager angdangt waren. Der Man- 
gel an Lebensmitteln nnd an Holz veranlasste sie, nach 
kurzer Rohe den Weg noch bis zu den Alpenhütten am 
'Riffelberge fortzusetzen, die sie erst um 11 Uhr des 
Nachts erreichten. Mit den Führern waren sie in jeder 
Beziehung vollständig zufrieden. Von Uebelbefinden hat- 
ten sie nichts empfunden. 

1. September 1854 erreichten drei Herren Smith 
atos Great Jarmouth vom Sattel zwischen dem Nord- 
end und der höchsten Spitze ebenfalls jene östliche 
Erhöbung des Kammes (ihr Geführte H. Bird blieb 100' 
unter dem Gipfel zurück), es war der fünfte Versuch, 
und das dritte Mal, dass dieser Punkt der höchsten 
Spitze betreten wurde* 

Sie errichteten dort einen Steinhaufen, und pflanzten 
darin einen Stock auf, an welchen sie ein Hemde ban- 
den. Am 2. September 1854 unternahm H. Kennedy, 
Professor an der Universität zu Cambridge , ^die Bestei- 
gung. Ihm fehlten noch 60 Fuss, um den Gipfel zu 
erreichen , während seine Führer denselben erstiegen. Den 
11. September wiederholte H. Kennedy seinen Versuch, 
und gelangte auf" den Gipfel, wo er sein rothes Nastuch 
neben H. Smiths Hemde pflanzte. 

Von 1855 an begann man, die höchste Spitze 
von einer andern Seite her zu bewältigen, und der west- 
lichen Kuppe einen Besucb abzustatten. Es fand dieses 
über die Abstufungen hinauf Statt; welche von dem 
Kamme der höchsten Spitze gegen den Gornerbom- 
glet scher sich absenken, und diesen von dem Monte 
Rosagletscher trennen. Es geschah dieses zum ersten 
Male von denselben H. Smith aus Great Jarmouth, 
die 1854 schon vom Sattel aus den östlichen Gipfel 
erreicht. Sie überschritten den Gornergletscher in 



— 28ö — 

«einer ganzen Breite, stiegen zu den Felsplatten „auf 
der Platte 46 , und schlugen in südöstlicher Richtung üb? 
Schnee feldfr. den bisher noch nicht versuchten Weg nach 
dem Fetsenkamme ein, welcher von Westen auf den 
obersten Theil der höchsten SpUee führt; den Kamm 
überkletternd erreichten sie diesen, vorher nie betre- 
tenen, obersten Theil derselben. Jen« im Jahr vorher 
erklommene, nach, den Herren Sehlagintweit ,22 Foss 
•niedrigere, Erhöhung hatten sie nun im Osten unter sich. 
Von dem Stock mit darangebundenem Hemde war nicht« 
mehr tu sehen, nur der Steinhauie war geblieben. Einige 
Wochen nachher machte H. J. J, Weüen mann veo 
St. Gallen, und H. Nationalratb Bucher von Begens- 
berg, G. Zürich, denselben Versuch» Sie hatten als Führer 
den Johannes zum Taugwald, der auch die H. Smitli 
auf die höchste Spitze begleitet,, und den Peter «um 
Taugwald. An sie schloss sieb noch ein H. Archiv- 
ratb an, ein Mann von 50 Jahren f mit langen Beinen, 
•aber einem kurzen Gesiqbt, das. ihn schon in manche 
üble Verlegenheit geführt Er wurde dessbalb veranlasst, 
für sich noch einen jungen Bursqben mitzunehmen , damit 
er mit diesem zurückkehren könnte, wenn ihm die jäaehe 
zu schwierig werden sollte. Ferner schlössen sieh noch 
■zwei junge Engländer mit ihren beiden Führern an, .von 
«denen keiner auf dein Monte Rosa gewesen, es waren 
Führer, wie man sie, überall findet, der eine schien ein 
ganz ordentlicher Bursche, zu sein , der andere , der sich 
*cbon in Städten herumgetrieben haben mochte, und etwas 
-französisch parlierte, wollte, schreibt H. WeilpQmann, 
wir nicht gefallen. Sie schlössen sich nur an, weil sie 
■ohne unsere Führer nicht hinaufgekommen wären. Dfe 
Engländer selbst hatten mit uns kein Wort desswegeu 
gesprochen, es war lediglieh Arrangement der Führer 
unter sich; möglieb, dass die unsern ihren Vortheil dar 
*bei bauen. Es waren also zusammen 10 Personen, und 
von diesen, war Johannes zum Tangwald «JUein auf 



- m — 

dem obersten Theile des Kammes der höchsten Spitze 
gewesen« Am 14. August 1855 um 5*/ 2 Uhr Vormittags 
brache» sie vom Riffelhötel auf. loh lasse nun den 
H. Weilenmann selbst reden, dessen Notizen ich biet 
dahin benutet, und der seine Schilderung auch in die 
Zeitschrift für allgemeine Erdkunde. Neue Folge, 
Bd. 1. Berlin 1856, niedergelegt hat. 

Uns führte der Weg zuerst bei den kleinen Seen am 
Fusse des Riff elhornes vorbei nach der rothen Kumme.. 
Dort wandten wir uns links dem Abhänge des Gorner-, 
g rat es zu, wo ein betretener Pfad uns fast eben fort 
an: den Hand des Gornergletschers brachte, den wir bis- 
her zur Rechten anter uns gehabt. Er wurde etwa* weiter 
unten als der von den H. Schlagintweit auf ihrer Karte, 
bezeichnete Btiekweg überschritten, und der kleine Gor- 
nersee, den wir in keinem Falle sehen konnten, weil 
er zu tief lag, etwas links gelassen. Der Gornerglet- 
8 eher war, wie Wir ihn überschritten, ganz eben und 
leicht zu begehen. Es kamen keine weiten Spalten vor* 
dagegen, einige breite Bäche, welche gberaetzt werden, 
mossten* Yon seiner Groasartigkeit kann man sich erst 
eisen Begriff machen , wenn man mitten darauf ist. Ob- 
sehen wir schnell darüber hin gingen, brauchten wir l 1 /* 
Stünden, um an das jenseitige Ufer zum Fusee der Fels- 
platten „auf der Platte a zu gelangen, die von den. 
IL Schlagintweit irrthümlich „in der Schwärze a 
benannt werden, und einige hundert Fuss über dem 
Gletscherniveau liegen mögen. Letztere Benennung, oder 
wie St ud er 's Karte sie hat: „Sehwärzeberg", kömmt, 
einer nördlich von den Zwillingen sich befindlichen 
Stelle zu, die dagegen von den H. Seblag int weit „auf; 
der Platte" benannt wird. Man ist hier im Herzen einer 
unendlich wilden und erhabenen Gebirgswelt. Das Wetter 
gestaltete sich immer besser. Alles Ueberflüspige wurde, 
hier zurückgelassen. Nachdem wir etwas gerastet? und* 
uns zu der jetzt ernster werdenden Hase gestärkt hatten, 

18* 



- 282 - 

• 

betraten wir das Anfangs mir sehr allmälig ansteigende 
SehneefeM. 

Wir schlagen nun, wie die H. Smith, eine sädöet- 
Hohe Richtung nach dem westlieben Ende des Kammes 
ein, welcher anf die höchste Spitse führt Je mehr 
wir stiegen , desto weiter dehnten sich die Schneehänge 
vor uns aus, und obsehon wenig steil, waren sie des 
neugefallenen ganz staubigen Schnees wegen mühsam zu 
begeben. Johannes und Peter zum Taugwald hat- 
ten den ermüdendsten Posten; sie gingen abwechselnd 
voran, und geriethen zuweilen mit dem einen Fuas in eine 
verdeckte Spalte* Wir anderen, die ihnen einer hinter 
dem andern folgten i hatten schon etwas bessern Pfad. 
Die einen trugen blaue oder grüne Schleier, die andern 
grüne Brillen, ich beides zusammen. Um die Augen mög- 
lichst zu schonen, Hess man sie auf dem dunkeln RüeksB 
seines Vormannes ruhen , wozu man übrigens ohnedies« 
fast genothigt war» Nach und nach ging es steiler hinan. 
Links hatten wir den Gornerhorngletscher, welcher 
aWischen dem Nordend und der höchsten Spitze 
entspringt, mit seinem Chaos von Eiswürfel» und gebor- 
stenen Abhängen; in der Tiefe anr Rechten den Monte 
Rosagletscher, der dem wetten Firnmeere entströmt, 
das zwischen der höchsten Spitse, Zumsteinspitze, 
Signalkuppe* Parrotspitze und dem JLyskarom 
sich ausdehnt. Der Weg über den Gornerho-rnglet'- 
sc^her nach dem Sattel muss schwieriger und müh- 
samer sein , als derjenige bis zum Grate, den wir gingen; 
es bedarf dort gewiss viel Umsicht, um in dem Wirrwarr 
von Eiswürfeln lind Schrunden sich zurechtzufinden. Die 
Sehneefelder, welche wir überschritten, boten keine Schwie- 
rigkeiten , nur musste man die Richtung des Grates, dessen 
Anfang man, ausgedehnter Erhöhungen und Vertiefungen 
wegen, meist nicht sehen konnte, woM im Aage behal- 
ten. Die Engländer und der KL Archivrath waren schlecht 
fcesehnht {letzterer trüg dwnnBobÜge, kaum ein wenig mit 



— 283 — * 

kleinen Strichen benagelte, Stielet), und glitten zuweilen 
eigen Schritt zurück, was für die dicht auf ihren Fersen 
Folgenden sehr unangenehm war. Gesprochen wurde tot 
gar »lebt; man hatte genug zu thun, um bei.Athemm 
Weiten, obacbon alle 10 bis 20 Sehritte Halt gemacht 
Würde. Je mehr man dem Anfange des Grates sieh 
näherte, deato steiler wurden die Schneehänge. Der letzte 
Schneerücken t den man au erklimmen hat, war so ab* 
eehüseig und hart, dass eine halbe Stunde weit Tritte 
mit detn Beile eingehauen werden mussten, eine mühsame 
Arbeit, die aber dennoch schneller von Statten ging, als 
ich erwartete. — * Hier verlor einer dar Engländer seinen 
Schleier, der leicht über den steilen Hang hinunterglitt; 
da ieb einer der hintersten war, vermochteich denselben 
mit meinem langen Stocke aufzufangen, und glaubte, es 
wäre ein Anlass, mit dem Engländer anzubinden, denn 
bisher hatten wir mit beiden kein Wort gewechselt Sie 
blieben aber nach wie vor, und während der ganze* 
T*tttr stumm wie die Fische 1 

Oben am Schneerücken angelangt, befanden wir uns 
zum ersten Male seit dem Halt auf den Felsplatten wie- 
der auf Gestein , und nachdem «och ein kurzes Sehne*? 
fehl überschritten worden, war der höchste felsige Grat 
streicht Wir mochten jetzt schon kaum weniger ak 
14000 Fuss hoch sein. Wir hatten von „auf der Platte" 
bis hieber 3 Stunden gebraucht, und obscfaon die letzte 
Hälfte dieser Strecke äusserst ermüdend war, so war doch 
keiner zurückgeblieben, alle hatten die gleiche Ausdauer 
gezeigt Dass die Engländer, welche am wenigsten an 
selche Parthien gewöhnt sein mussten, sich so wacker 
halten würden, hatte ich nicht erwartet Bisher hatten 
wir selten Sonne gehabt; ich hatte von dem feinstaubi» 
gen Schnee eiskalte Füesc bekommen* Unvorsichtiger 
Weise hatte ich mich nicht mit wollenen Strümpfen ver- 
sehen, wovon ein Paar mich wärmer gehalten hätte, als 
die 3 Paare baumwollene und leinene, die ich über* 



- 284 - 

einander angesogen. Ich war daher froh, endlieh voll 
von der Senne beschienen su werden. — Nachdem wir 
etwas geruht, athmeten wir vollkommen so leicht wie in 
der Ebene, nur das anhaltende Steigen hatte una erschöpft, 
nicht die dünne Luft Diese Ermüdung verspürt man an 
bedeutend niedrigeren Bergen, wo lange, etwas erweichte 
Schneefelder su erklimmen sind , in ganz gleichem Grade. 
Wer sich hiervon recht schlagend zu überzeuge« wünscht, 
braucht nur in einem schneereichen Frühling , wenn die 
Abhänge bis zur Thalsohle hinunter mit Schnee bedeckt 
sind, einen Berg von 7 bis 8000 Fuss Höhe zu erstei- 
gen. Hier, am Anfange des Grates, war es einem der 
Englander, die mit den H. Smith im Juli diesen Weg 
gemacht, vor Mattigkeit unwohl geworden. Er lag be- 
WU88Ü08 da 9 und war dem Erstarren nahe; da brachten 
sie ihn an eine vom Winde geschützte Stelle, zogen ihm 
Schuhe und Strümpfe aas, und rieben ihm Hände und 
Füsse mit Schnee, bis er wieder su sich kam. Ich glaube 
nicht, dass einer von uns eine Anwandlung von Unwohl- 
sein verspürte. An derselben Stelle wurde eine letzte Bast 
gemacht und der Proviant noch einmal vorgenommen, 
obschon wenig Esslust vorhanden su sein schien. Nun 
schickte man sich zum letzten, gefährlichsten, Theile der 
Reise an. Es fand sich, dass man noch verschiedenes 
nicht durchaus Notwendiges zurücklassen konnte. Sehleier 
und Brillen wurden beseitigt, denn es handelte sich jeden 
Tritt, den man auf dem verwitterten Grate that, vorher 
zu prüfen und ein offenes Auge zu haben. Zu beiden 
Seiten, gegen Nord und Süd, gähnten fast senkrecht ab- 
fallende Schnee wände, aus welehen hie und da spitze 
Felsen hervorragten. Das Ueberklimmen des Grates ist 
ohnedem schwierig, und war es jetzt, des neugefallenen 
Schnees wegen und weil, wo die Sonne hinschien, das 
verwitterte Gestein aufthaute, und unter Händen und 
Füssen wich, noch viel mehr. Mau wusste kaum wohin 
man, ohne auszugleiten, den Fuss stellen durfte. Einer 



— 285 — 

der Engländer von H. Smith'e Gesellschaft, H. Bir- 
beck von Leeds, der im Jahre 1854 auf dem Moni«* 
blaue war, versichert, dass. bei dessen Besteigung nir- 
gends Schwierigkeiten vorkommen, welche mit denen auf 
diesem Grate zu vergleichen wären. Auf dessen Südseite 
war es warm und sonnig, auf der Nordseite aber, wo 
die Felsen, wenn kein Schnee haftete, Zuweilen mit einer 
dünnen Eiskruste überzogen waren , empfindlieh kalt. 
Klammerte man sieh hier mit der vom Schnee nassen 
Hand an, so blieb sie augenblicklich kleben. H. Buch er, 
dem Anfangs etwas vor Schwindel gebangt, gewöhnte 
sieh bald an den Blick in die Tiefe. Die Engländer 
waren äusserst unvorsichtig; sie schienen unsere preeäre 
Lage nicht einzusehen. Die Führer durften sie nie aus 
den Augen lassen, und hatten ihre liebe Noth mit ihnen. 
Mir -war eine vor wenig Wochen bestandene Rutschpar- 
thie , von der ich noch verschiedene Spuren trug , und 
die weit schlechter hätte enden können, in zu lebhafter 
Erinnerung, als dass ich mich nicht grösster Vorsicht 
beflissen hätte. Steigungen gab es nur noeh unbedeu- 
tende; die Lungen wurden wenig mehr in Anspruch ge- 
nommen, dennoch fühlten wir uns, als wir nach beinahe 
dreistündigem ununterbrochenem Klettern am Fnsse der 
Spitze uns befanden, welche den höchsten Theil des 
Kammes bildet, vom beständigen Kriechen, Anklammern, 
Ducken und Aufpassen so abgemattet, dass wir beinahe 
am Hinaufkommen verzweifelt wären , als wir die Schwie- 
rigkeiten ermassen, die uns noch bevorstanden, um den 
nur etwa 20 Fuss hohen, schroff uns überragenden, Gi- 
pfel zu erreichen. Hier ging dem H. Archivrath, der 
rtiH seinem kurzen Gesicht keine solchen Touren unter-* 
nehmen sollte, bei einer ungeschickten Bewegung die 
Schulter auseinander. Nach langem vergeblichem Stossen 
und Ziehen gelang es unserm zweiten Führer Peter 
(einem starken bäumigen Burschen), sie ihm wieder ein- 
zurichten, zu unserer allgemeinen Befriedigung, denn wir 



— 286 — 

wären mit dem hütflosen Arehivratb, der übrigens schon, 
seitdem das Klettern begonnen , eine recht klägliche Rolle 
spielte, auf dem achmalen Grate in nicht geringer Ver- 
legenheit gewesen. Zum Danke für die gelungene Opera- 
tion wurde dem Peter von uns das Doctordiplom ertbtfk, 
und er von nun an mit dem errungenen Ehrentitel be- 
nannt. Der H. Arehivratb bewies ihm ausserdem seine 
Erkenntlichkeit auf eine ihn vielleicht noch mehr an* 
sprechende Weise. Bis zum Fusse' des höchste» Gipfels 
waren es jetzt vielleicht noch 10 Fuss. Der Grat wurde 
plötzlich ganz schmal , und war höchstens noch eine» 
Fuss breit; der darauf haftende Schnee bildete: eine Scharfe 
Kante, die aber nicht hart war. Johannes ging zuerst 
aufrecht hinüber, die Schneekante niedertretend. Es bangte 
uns für ihn, als er sich dann auf scfamakm Felsband 
um die südliehe Wand der höchsten Kuppe berumwand, 
um zu versuchen, ob von dieser Seite hinauf zu kom- 
men sei. So viel ich mich erinnere, sagte er, er sei mit 
den H. Smith dort hinaufgekommen. Er hielt es jtt&t 
des Schnees wegen nicht für thunlich, und wandte steh 
auf die Nordseite, wo er uns für einige Augenblicke 
verschwand, kam jedoch mit der Nachricht zurück, es 
sei dort hinaufzukommen. Ich passierte die kurze Strecke 
des schmalen Grates mit angehaltenem Athem und nicht 
ohne Schauern ebenfalls aufrecht, und Johannes kam 
mir auf der andern Seite mit ausgestreckter Hand ent- 
gegen,. Rittlings hinüber zu rutschen, wäre, glaube ich, 
noch weniger angegangen. Peter kam nun auch her- 
über, die Uebrigen warteten auf der andern Seite, weil 
hier zu wenig Baum war. Es galt nun, über «hie glatte, 
beeiste, Felsplatte, welche auf die Schneewand ausgeht, 
die jäh nach dem Gornerhorngletscher abfällt, eine 
fast senkrechte Runse zu erreichen, welebe direkt auf 
die Spitze fuhrt. Sie ist von Nord, Süd und Ost einge- 
schlossen ; nicht weit von ihrer Ausmündung auf die 
Spitze stand eine Felsplatte vor, welche das Hinauf- 



— 287 - 

kommen, erschwerte. Peter half zuerst Johannes 
hinauf, dann mir über den glatten Felsen zur Runse. 
Man befand sich hier ganz im Schatten ; es war grimmig 
kalt und unheimlich. Nun warf mir Johannes einen 
langen Strick zu , den ich um's rechte Handgelenk wand, 
and zog mich, zum Theil schwebend, hinauf. Ich er- 
reichte mit den Kaieen den vorstehenden Stein, Johan- 
nes bot mir die Hand, zog mich an sich, und mit 
wenigen Schritten hatte ich die oberste Kuppe der 
höchsten Spitze erreicht, was ich, hoch erfreut, der 
nachfolgenden Gesellschaft, so gut es nämlich nach den 
ausgestandenen Mühen ging , • durch Jauchzen kund that. 
Die Andern kamen alle nach und nach auch hinauf, 
selbst der Herr Archivrath, den man, den Strick um 
den Leib gebunden, hinaufgehisst hatte. Es war l ! / 2 
Uhr; wir hatten demnach vom Riffelhöte), das etwa 
7000 Fuss hoch liegt, 8 Stunden gebraucht. Der Him- 
mel über uns war ganz rein und sonnig, die Temperatur 
angenehm. Die nächste Umgebung lag in prachtvoller 
Reinheit, im strahlendsten Glänze vor uns. Der Blick 
auf das im Süden, einige Tausend Fuss unter uns aus- 
gebrettete, flimmernde Firnmeer und auf den Gor- 
iierhomgletscber, der im Norden von dem etwa 
350 Fuss unmittelbar unter uns liegenden Sattel zu 
Taale geht, um mit dem Weisshorn- und Monte 
Rosagletscher den Anfang zum Gornergletscher 
zu bilden r war wundervoll. Von unserem Standpunkte 
aas erschienen die Zumsteinspitze, Signalkuppe, 
Parrotspifze und Vincentpyramide, welche am 
östlichen Bande des uns zu Füssen liegenden Firnpla- 
teau's sich, erheben, als ganz unbedeutende Höhen, ob- 
gleich sie noch einige Tausend Fuss über dem letztern 
emporragen mögen, {m Nordosten, 9000 Fuss unter 
uns, sahen wir Macugnaga auf. grünen Matten liegen, 
und dazwischen die Anza wie ein Silberfaden zu uns 
emporachimmenv Der untere Theil dieses reizenden 



— 288 — 

Thaies, das wir zwei Tage später mit einem Beige- 
schmack tropischer Hitze seiner ganzen Länge nach 
durchpilgerten, war uns durch Nebel verborgen* Die 
Gebirgskette im Westen, vom Lyskamm bis zum 
kleinen Mont Cervin, lag auffallend tiefer als wir. 
Das Matterborn kam uns fast gleich an Höbe, und 
ragte immer noch gebietend über seine Umgebung empor. 
Noch weiter im Westen, etwa 18 Standen von uns ent- 
fernt, thronte in einsamer Majestät der Montblanc. 
Er erhob sich ganz isoliert und unbeeinträchtigt von den 
ihn umgebenden, hier nicht oder kaum bemerkbaren, 
Höhen als mächtiger Dom weit über den Horizont empor, 
und zeichnete sich durch seine stärkere gelbröthliebe 
Färbung vor den näheren Gipfeln aus. Die D e n t 
blanche, das Weisshorn, die zackigen Mischabel- 
hörner und andere Spitzen des Saasgrates, sowie 
das nähere scharfkantige Nordende, lagen in vollkom- 
mener Klarheit vor uns. Am nördlichen Horizonte ragten 
einige, der höchsten Gipfel der Bern er Kett«, die 
Jungfrau, das Finsteraarhorn und die Schreck- 
hörner, aus dem compacten Nebel hervor, der ThaMer 
und Schluchten rings um uns her bis zur Höhe von 7 
bis 10000 Fus8 erfüllte. Das Becken des Gornerglet- 
schers und der Thalgrund von Macugnaga waren 
die einzigen sichtbaren Thäler; letzteres war die tiefste 
von Nebel freie Stelle und der einzige grüne Fleck im 
ganzen weiten Panorama. Ueber den Ebenen Piemonts 
und der Lombardei wqgte ein endloses, in seiner Ein- 
förmigkeit grossartiges Nebelmeer. Mit demselben fast ver- 
schwimmend schien im entferntesten Osten etwas Weisses 
hervorzutreten, wahrscheinlich der Orteier und der 
Bernina. Die Aussicht war demnach nicht vollkommen 
befriedigend Der grosse Knäuel von Kämmen und Spitzen 
mittlerer Höbe, der sich hier oben bei ganz hellem Wetter 
vor dem Schauenden entwirren muss, lag im Nebel ver- 
borgen, nur die höchsten Gipfel ragten gleich Inseln in 



- 289 — 

weiten Entfernungen von einander darüber empor. Eine 
grössere Einsicht in die umliegenden pieraontesi* 
sehen und Walliser Thäler wird man selbst ohne 
Nebel kaum haben,, der hohe weite Vordergrund, der 
einen tiberall, nur gegen Macugnaga nicht, umgibt, 
mnss dieselbe benehmen. 

Auf der Spitze, wo wir waren, lag mehr als fusstiefer, 
staubiger Schnee, der sich nicht treten Hess und sehr 
kalt machte. Sie dacht sieh etwas gegen Süden ab, ist 
aber nur so breit, dass höchstens drei Personen gedrängt 
hinter einander Platz haben. Wir durften nur sehr behut- 
sam uns bewegen. Ausser anderem losem Gestein fanden 
wir dicht am Rande der Wand, welche senkrecht gegen 
Norden abstürzt, ein ganz kleines Steinmannli, das nur 
wenig über den Schnee hervorragte* Darin entdeckten wir 
zu unserer nicht geringen Freude ein Couvert mit den 
Namen der Herren Smith, und in demselben breite rotfae 
und schwarze Seidenbänder, wovon wir einige Stücke, ab* 
schnitten. Ich nahm auch etwas vom Gestein mit, das 
€Himmerschiefer ist Wir Hessen unsere Namen ebenfalls 
auf Papier zurück; Solche Papierstreifen, gut unter einem 
Steine geborgen, wo Nässe nicht zukömmt, können sich 
Jahre lang erhalten. Meine Finger waren vom langen 
Halte am Fusse der höchsten Kuppe und in der schat- 
tigen Runse so kalt, dass ich kaum schreiben konnte. 
Die Sonne schien warm, dennoch war es bei totalem 
Mangel an Beiregung kaum möglich, sich zu erwärmen. 
Würde man hier von Nebel überrascht, oder träte nur 
für einige Zeit eine Wolke vor die Sonne, so müsste es 
vor Kälte geradezu nicht auszuhalten sein. Die Luft war 
ganz still, und es war uns vergönnt, während einer vollen 
halben Stunde die entferntere und nächste Umgebung mit 
aller Müsse zu betrachten. 

Wir befanden uns beinahe am östlichen Ende des 
Grates, und dominierten vollkommen die ganz kurze Fort- 
setzung desselben nach Osten hin, sowie auch den höen-* 

19 



sten Theil des Kammes, den wir so eben überklettert. 
Ob von unserem Standpunkte auf den unter uns Hegen- 
den östlichen Kamm zu gelangen sei, wo die Herren 
Sofalagintweit bei ihrem ersten Versuch, die Herren 
Smith und auch Madutz und Matthias zum Taug« 
wald gewesen waren, untersuchten wir nicht. Wir waren 
zufrieden, den obersten Theil der höchsten Spitze 
erreicht zu haben, auch hätte es uns die karg zugemes- 
sene Zeit nicht gestattet Aus diesen misslungenen Ver- 
suchen geübter Kletterer lässt sich jedoch fast abnehmen, 
dass yon dem östlichen Grate nicht auf die west- 
liche, höhere Spitze zu kommen sei. 

Da wir noch vor Einbruch der Nacht den Gorner- 
gletscher zu passieren hatten, war es hohe Zeit, auf- 
zubrechen. Ich trennte mich nur ungern von der erhabenen 
Scene, und stand allein noch oben, als die Üebrigen, mit 
Ausnahme von Johannes zum Taugwald, schon 
alle die Runse hinuntergestiegen und zum Theile wieder 
auf dem Grate angelangt waren. Ich Hess mich am Seile 
hinunter, das Johannes hielt; meine rechte Hand, zu 
der ich den Handschuh verloren, war so erstarrt und ge- 
fühllos, dass sie das Gewicht des Körpers kaum mehr zu 
tragen vermochte. Der Rückweg über den Grat ging 
glücklieb, aber fast eben so langsam von Statten, wie 
Morgens. Der Herr Archivrath hatte zur Vorsieht 
immer noch das Seil um den Leib gebunden, und wurde 
von Peter daran geführt Die obersten steilen Schnee- 
bänge , obschon nun seit Stunden der Sonne ausgesetzt, 
waren noch gefroren. Wir hatten wieder, und zwar nun 
mit den Absätzen, in die eingehauenen Tritte zu treten, 
und mussten sehr behutsam gehen, um nicht auszugleiten. 
Als wir die weniger abschüssigen Schneefelder erreicht, 
fing es an wärmer und behaglicher zu werden; man durfte 
ohne Gefahr sich wieder etwas vergessen und um sich 
schauen. Die Strahlung war so intensiv, dass wir Brille 
und Schleier wieder hervornebtnen mussten. Da ich mit 



— 291 — 

Johannes den Vortrab bildete, band e; mir, der bie 
und da vorkommenden Schrunde wegen, das Seü um den 
Leib. Der ausbauende Schnee machte das Gehen äusserst 
beschwerlich. Ich hatte mich gefreut, über einige lange 
Sehneefelder hinuntergleiten zu können, es wollte aber 
sieht recht gehen, selbst sitzend kam ich kaum vorwärts. 
Je mehr man sieh dem ersten Haltpunkte „auf der 
Platte" und dem Fusse des Lyskammes, der Zwil- 
linge und des Brei thornes näherte, um so riesiger 
wuchsen die Gebirgskolosse vor uns ; um so üppiger 
prangten sie in der Abendbeleucbtung. Ihre Zinnen und 
Abhänge strahlten in nie geahnter Pracht und Glanzesfülle 
auf dem Azur des klaren Himmels. 1Es war ein herrlicher, 
über die Massen grossartiger Anblick; nur Schade, dass 
man sich der Augen wegen nicht ganz dem Genüsse des* 
selben hinzugeben wagen durfte. Trotz aller Vorsicht 
spürte ich bereits die Wirkung der starken Strahlung. 
Die dunkeln Felsplatten boten uns, seit Stunden nur von 
blendenden Schneefeldern umgeben , sehr wohlthuende 
Abwechselung. Man sah jetzt den kleinen weissgrün ge- 
narbten Gornersee etwas nördlich, in einer Vertiefung 
and an der Stelle, die ihm auf den Karten angewiesen 
ist Leider mnssten wir, indem wir den Gornerglet- 
scher überschritten, der prächtigen Gruppe vom Monte 
Rosa bis znm Breithorn, die in den Strahlenfluthen 
der sieh neigenden Sonne von Minute zu Minute schöner 
wurde, für einige Zeit den Rücken wenden. Auf dem 
Gletscher hatte sich seit dem Morgen, wo noch Alles 
grfroren war, ein reges Leben entwickelt. Ueberall mur- 
melten, von der Sonne ihrer Fesseln entledigt, kleine und 
grössere Bäche, die hie und da in ihrem beeilten Laufe 
Cascaden bildeten oder sich mit lautem. Getöse plötzlich 
durch eine Spalte ins Innere der Gletscher stürzten. Etwa 
in der Mitte desselben fanden wir ein Häufchen gebleich- 
ter Knochen, welche Kopf und Hörnern nach, von wel- 
chen letztern nur der innere knochige Theil übrig waiy 



— 292 — 

einer Gemse gehStt Hatten. Wir waren dem rechte» Ufer 
Hiebt mehr fem, als plötzlich der eise Engländer wir 
unteren Augen verschwand. Jesus Maria! schrie Peter 
entsetzt, and stürzte ihm mit Johann vs nach. In 
einem Nu hatten sie den Graben, in welchen er gefallen, 
knieend überspreizt.: . er war eben im Begriff, von dem 
schnell dahineilenden Wasser weggetragen su werden, 
als sie ihn an Armen and Kleidern erwischten und aufs 
Trockene brachten« Wir hatten ihn im ersten Augenblick 
des Schreckens in grösserer Gefahr geglaubt; zwar hätte 
"es ihm übel genug ergehen können, wenn unsere beiden 
wackeren Führer nicht so sehneil bei der Hand gewesen 
wären. Der Bach, in welchen er gefallen, ergosa eich in 
geringer Entfernung in einen der 30 bis 40 Fuss weiten* 
ziemlich tiefen, mit Wasser gefällten Trichter, deren es 
hie und da auf dem Gletscher gibt. Er war etwa 4 Files 
tief, der Boden und die Seiten, von eigenthämlichein 
Grün, begreiflich sehr glatt, so dass das Wasser, obechon 
kaum mehr als einen Fuss tief, mit Schnelligkeit dank»* 
8choss. Der Engländer, sowie er hinunterglitt, lag auch 
sogleich der Länge nach im Bache, fand am glatten Eise 
nirgends Halt, und wäre wahrscheinlich dem Wasser* 
trfehter zugeführt worden, wo es vielleicht nicht leicht 
gewesen wäre, ihn herauszufischen. Dass ihm, der. in 
Gummischuhen den Gletscher überschritt, so etwas be- 
gegnen konnte, darf nicht wundern. Diese Leute kennen 
eben die Gefahren solcher Gebirgspartbien nicht, an den 
Führern ab»r, die hierzu da sind, wäre es, sie daran! 
aufmerksam zu machen, und z. B, eine solche Fussbe- 
Meldung nicht zuzulassen. Wie wir über die Felsplatten 
hinuntergingen, war derselbe Engländer im Begriff, kopf- 
über auf die Nase zu fallen, wurde aber von einem der 
Führer am Bockschosse erwischt» Ob er die ganze Tour 
hi Gummischuhen machte, weiss ich nicht. Ich fand 
nachher einen der fatalen Schuhe am Abhänge des Gor- 
nergrates, wo die Engländer uns vorangeeilt waren. 



— 291 — 

Einmal wieder an diesem Abhänge auf Tero forma 
angekommen , waren wir geborgen, und brauchten nicht 
mehr in eilen. Wir genossen mit aller Müsse das wuo* 
dervolle Schauspiel, das uns jetst zu Theil wurde, und 
anm Schlüsse wohl den erhabensten Genuas des an 6er 
süssen so reichen Tages bot Die Sonne tiberfluthete. mit 
ihren totsten Glutben die staken Häupter und eisigen 
Gehänge des Breitbornes, der Zwillinge und des 
Ityskammes. Den Monte Rosa, der vermöge seiner 
Stellung der untergehenden Sonne ein riel weiteres und 
fast schattenloses Schneegewand weist, muss man bei 
dieser Befeuchtung gesehen haben, wo er aa Glorie seiqf 
bescheideneren Naebbaren überstrahlt. Em erhabnerer 
Afcbhrft als diese Reitenfolge üefgerötbeter Sehneemassei» 
lässt sich kaum denken, und dazu die feierliche Ruhe, 
die lautlöse, gebeimnissvolle Stille, die ringsum herrschtet 
Ich vermochte kaum, mich von dem herrlichen Bilde 
loszumachen, und musste mich immer und immer wieder 
danach umwenden; ich suchte es mir tief einzuprägen, 
und werde es wohl nimmer vergessen. 

Den Weg, welchen wir an den Abhängen des Monte 
Rosa gemacht, konnten wir mit blossem Auge selbst in 
dieser Entfernung noch bis weit hinauf, wo die gefrornen 
Sehneehänge begannen, verfolgen. Als wir von der rothen 
Kumme einen letzten Blick zurückwarfen, hatte sich das 
Bild, wenige Augenblicke zuvor noch von Leben und 
Wärme erglühend, in dasjenige des Todes und der Er- 
starrung umgewandelt Die riesigen Formen schimmerten 
nur noch wie verklärte Geistergestalten in bleichem Lichte 
uns entgegen. Höchst befriedigt über das schöne Ende 
des Tages, beeilten wir uns, das Riffelhötel zu er- 
reichen. Wir schätzten uns glücklich, uns ganz wohlbe- 
halten wieder im warmen traulichen Stübchen geborgen 
zu finden, das, indem wir es mit dem eisigen Grate der 
höchsten Spitze verglichen , an Behaglichkeit nur 
gewinnen konnte. 



- 294 — 

Seil dieser Besteigung der höchsten Spitze; die 
H. Weilenmann so anziehend schildert, wird der 
Monte Rosa auf demselben Wege jährlich mehrere Male 
erstiegen. Ich hätte gerne ein vollständiges Verzeichnis» 
aller Ersteigungen beigefügt, und wandte mich desshalb 
an H. Pfarrer Rnden in Zermatt Derselbe schrieb mir 
aber unterm 9. November 1858, er könne meinem Wunsche 
nicht entsprechen, weil die Gasthöfe geschlossen, und die 
Fremdenbücher, besonders dasjenige in dem Gasthofe auf 
dem Riffel, das über die Monte Rosa-Besteigungen 
näbern Anfschluss geben könnte, nicht zur Hand seien. 
$o viel könne er mir sagen, dass der Monte Rosa seit 
vier, fünf Jahren häufig bestiegen werde, jährlich wohl 
acht Male, und zwar immer über den Absturz der hoch* 
sten Spitze. 



l 






10. Der Honte Generoso bei Lugano. 

Von J. Jakob Wallen mann« 

Höhe: 1695 Met. = 5218 Par. F. 

Im bergreichen Gebiet zwischen der Bucht, die der 
Lago di Lugano nach Südost, und jenem langen 
Arm, den der Lago di Como nach Südwest sendet, 
dem erstgenannten näher, erhebt sich in Form eines 
Kammes, der von Nord nach Süd streicht (ft-b), beinahe 
mit dem Lago di Lugano parallel, der Bergstock, 
der den Gegenstand dieses Berichtes bildet Von den 
Anwohnern wird er auch Gionnero oder Galvag* 
giom genannt Er erreicht seine bedeutendste Erbe* 
bong (c), 5218 Pariserfuss ü. M., direkte ostwärts über 
dem tessinischen Dorfe Rovio, oder wenn man will, 
von der nördlichsten Spitze des Vorgebirges des Monte 
S. Giorgio, der von Süden her keilartig in den Lago 
di Lugano sich senkt Von jenem höchsten Gipfel zieht 
sich der Kamm ohne starken Fall, im Ganzen nicht mehr 
als eine Viertelstunde weit (d-e) gen Nord und Süd, und 
sendet dann mehrere Ausläufer nach verschiedenen Rich- 
tungen. Nordwärts erstrecken sie sich nach dem Iatelvi- 
thal und bis zum Fuss des langrückigen Golmo di 
Creccio (f), dessen steiler westlicher Abfall jenes kleine 
Stüek lombardischen Gebietes überragt, das ganz von 
Sebweizerboden umschlossen, eine halbe Stunde weit dem 
östlichen Seeufer entlang sich zieht Südwärts verzweigt 
sich der Hauptkamm in zwei hohe , kurze , Ausläufer, 
von denen der eine, ostwärts sich wendend (von e an) 
und an seinem Südabhang das Dörfchen Sendelatte und 
die Häusergruppe von Roncapiano tragend, mit einem 
Absenker des mehr östlich sich erhebenden Piz Gör- 
dona das Muggiothal gen Norden beinahe scbliesst, 
so dass der Breggi«, die dasselbe durchfliesst, nur in 



- 296 - 

tiefer Schlacht ein Durchfluss bleibt, während der andere 
ein Stück weit dlttUig, dann plötzlich in bedeutendem 
Gefälle, westwärts nach Melano and Rovio abstürzt. 
Von diesem letztere» Kamm, der als Fortsetzung des 
Hauptkammes betrachtet werden mag , zieht sich ein hoher 
Rücken weiter südwärts, der nordöstlich von Capo Lago 
abermals sieb gabelt, und dessen eine Verzweigung (ggb) 
In ihrem steilen Gehänge den See and das Thal bis 
Mendrisio beherrscht, die andere die Westseite des 
Mugglothales bilde*, und beide zulötet in jenes frucht- 
bare Hügelland sich abdachen, das den südlichsten Tbeil 
des Gantons Tessin einnimmt. 

< Sehen seit einer Seihe von Jahren haben Reisehand- 
bücher auf die Rundsicht, die der Honte Generoso 
bietet, aufmerksam gemacht. Wem jene spärlichen Notizen 
entgangen , den mochte ein Blick auf die Karte beinahe 
tob selbst auf die Vermutbung bringen, dass eine Höhe, 
die so nahe dem Gestade eines mannigfach gebuchteten, 
ki erhabener Soenerie prangenden Seebeckens wie jenes 
des Lage di Lugano, unweit des mit eben so hohen 
landschaftlichen Reizen ausgestatteten Lago di Como 
und der üppigen Iombardiscbeu Ebene sich erhebt, 
einen Ausblick von seltener Schönheit und Abwechslung 
gewähren muss, und dass sie nicht mit Unrecht der 
fiigi der italienischen Schweiz genannt werden 
möchte. 

Man sollte denken, dass diese Höhe, von Lugano 
aus, vermittelst des Dampfbootes, in etwa 5 Stunden er- 
reichbar, von Mendrisio und Argegno 4— 5, von 
•Como auch nicht mehr denn 5 — &< Stunden entfernt, 
und selbst Mailand durch die Eisenbahn höchstens 2 
Stunden weiter entrückt, lebhaften Besuche* sich zu er- 
freuen hätte, zumal deren Besteigung von allen Seiten, 
selbst von Rovio und Melano aus, wo der Berg am 
steilsten ansteigt, leicht ist Dem ist aber nicht so. Bis- 
her wäre» es meist nur italienische und deutsche Botaniker, 



— M7 — 

dcaeu der Seig Ungst «4s fundort seltensc Mutzen be- 
kannt, ist, die An bestiegen; ein Geologe mag sich etwa 
•n «äaen ' Hingen umgesehen babenf zuweilen «trefft ein 
Jäger Met seinen Kamm, «Ane da* präehtige Sanorania 
«teee Blickes an würdigen, «der ein Käher geht seiften 
Kuben nach* die eich bis zu oberst verstiegen, und mäfo 
einen Augenblick, «im den Dom (von Mailand) zu «t* 
«pähen — in seinen Augen der anziehendste Gegensfawd 
des Rundbildes. Die Touristen haben den Borg noch 
«ficht in Besdhlag genommen; eben weil die Reisehand- 
bücher fast Nichts darüber sagen , und «ich «Mir weirfge 
getrauen, anders als durch ihr Medium zu sehen. Wochen 
tn^gen vergehen, «tone dass einer «einen Gipfel betritt, 
cmd der Itatütaer, der in seiner Umgebung wohnt, ist 
'tu Indolent und -bat zu wenig 8iim fir ü aiursehönbeken, 
zds dass «r sieh auf einen Berg bemühte , wenn nicht 
eben eine Wallfahrtskirche auf stfner Spitze ihn varaji- 
tesst, fe am Tage des Schutzpatrons derselben die Par- 
tie als Busse zu unternehmen. Während in der nörd- 
lichen Schweiz 'Dorfbewohner «ad Städter an sebtfnen 
Senntagen jede auesiehtefelebe Ansähe cum 'Altar «ich 
^machen, zu dem eie pügem, tun vrffcrend einiger Stun- 
den der Sorgen des alltäglichen Leben« sich zu entheben, 
-tmd 'der Wunder der Schöpfung sieh zu »freuen, tmd man 
dort auf jedem Gipfel, wo eine Steinpyramide, ein Signal 
oder eine Bank sieh befindet, dieselben mit Namen be- 
deckt sieht, die beweisen* 4ase jeder zu unschuldigem 
iBtolze sich'* anrechnete, die Mffbe der Ersteigung nicht 
gescheut zu haben, -wird man in «der it*14äa«is«hen 
Schweiz, in Piemoirt und Savoyen, selbst auf 
'Höhen, die in Mitte bevölkerter Gegenden und. Städte, 
wem sie nicht gerade im grossen 'Fremdenzuge liegen, 
%aum je einen 'Menschen treffen, noch die Spur von Be- 
wuchern finden, was den Wanderer zu dem wohl nicht 
weit gefehlten Schlüsse veranlassen mag, dass, Je •nach- 
dem bei einer Bevölkerung der Sinn für -die Schönheiten 

19* 



— 298 — 

der Natur erweckt ist* auf seine CuUmrstufe. sich folgern 
lasse. 

In den Ortschaften, die zunächst den Monte Gene- 
rös o umgeben, wurde freilich bis jetzt für Aufnahme 
und Bequemlichkeit der Besteiger nicht das Geringste 
gethan. Näher dem Gipfel als Lugano, Mendrisio 
oder Baierna ist kein, nur leidliches Unterkommen zu 
finden r und wer auf demselben das grossartige Schauspiel 
des Sonnenaufganges zu gemessen wünscht, rauss sieh über 
Alles hinweg zu setzen wissen, und allen Muth zusam- 
men nehmen, wenn er in einer der schmutzigen, stinken- 
den, Dorf-Osterien , oder in den höher gelegenen, noch 
'unfläthigeren) Sennhütten übernachten will. Wer sich aber 
in diese Unannehmlichkeiten und Entbehrungen zu fügen 
weiss, von dem Reisebandbuch für einige Tage sich zu 
emancipieren, und den breit getretenen Weg zu verlassen 
wagt, wem das Treiben der die Touristen ausbeutenden 
ßevölkerung des Berner-*Oberlandes und anderer Gegen- 
den der innern Schweiz, die Art und Weise, wie mit 
den Naturschönheiten Industrie getrieben wird, das Reisen 
dort zum Ueberdruss gemacht, wen nach stilleren Ge- 
nüssen, nach einem weniger durchstöberten Erdenwinkel 
verlangt, wo er ungebunden herumstreifen mag, oder wer 
der durch die Launen der Witterung so leicht getrübten 
Hochgebirgspartien satt, nach freundlicheren, von einem 
milderen Himmel überwölbten, Landstrichen sich sehnt, 
der lenke seinen Wanderstab über einen der Alpenpässe 
nach den in stiller .Abgeschiedenheit sich bergenden Wald- 
buchten, deren Schweigen nur vom Wellenschlag unter- 
brochen wird, auf die hohen Gestade des Luganersees 
oder auf den Rücken des Generoso. Die treffliche, den 
Boden reliefartig treu wiedergebende, Dufour'sche Karte 
wird ihn, wenn er sie m benutzen weiss, überall hin- 
geleiten, und auf die lohnendsten Punkte aufmerksam 
machen. Er wird finden, (Jassdie Genüsse, die ihm die 
paradiesische Natur bietet, und. in deren Erinnerung er 



— 299 — 

zu Hanse oft schwelgen wird , mit einigen Entbehrungen 
nicht zu theoer erkauft sind. Die Gewissenhaftigkeit der 
Wirthe in den Dorf-Osterien wird ihn um so angenehmer 
überraschen , je weniger er sie - unter Italienern sucht. 
Sehnt er sich nach dem Comfort der Gasthöfe zurück, 
so mag er sich in wenigen Stunden ' denselben wieder 
verschaffen. Er wird ihn um so mehr zu schlitzen wis- 
sen, und auch dort nicht über Prellerei zu klagen haben. 
Wurde er jenseits der Alpen hie und da in diesen Eta- 
blissements übernommen , so wird er um so eher sich 
mit ihnen aussöhnen, und zugeben, dass sie, zumal auf 
unwirklichen Höben und in abgelegenen Thälern, sehr 
willkommene Zufluchtsstätten «bieten. 

Eine der genannten würdigen Dorfspelunken oder* der 
höher gelegenen Sennhütten zum Tagesziel zu machen, 
galt es, als Herr BucheT und ich, kaum mit Herrn 
Regierungsstatthalter S tu der zusammengetroffen, um uns 
wieder zu trennen, am 18. August 1857- Morgens 6 Uhr 
in Cölico, am nördlichen Ende des Comersees, das 
Damplboot betraten, das nach Gomo fuhr; Wir waren 
froh, dem schmutzigen , wohl etwas zu arg als ungesund 
▼errufenen, Ort den Rüeken zu kehren. Während wir 
Herrn Studer mit seinem treuen Begleiter Madutz, 
Eleidefkünstler und Führer aus Matt, im Kahn über den 
See nach Gravedona gleiten Hessen, und sie unseren 
Blicken bald entschwanden, um auf dem Jöripass einer 
unangenehmen Rencontre mit österreichischen Finanz- 
wächtern entgegen zu gehen, die dort, ehemaligen Raub- 
rittern gleich, den härm- und schutzlosen Wanderer über- 
fallen, und, vorgebend seine Papiere seien nicht in Ord- 
nung, auf unverschämte Weise ihn sich tributpflichtig 
machen , steuerten wir in beeiltem Laufe durch die blaue 
Pluth. 

Das Wettet war ganz geeignet , uns den See und 
seine Gestade in ihrer ganzen Schönheit zu zeigen, ob- 
sehon dieselben in der Beleuchtung der Abendsonne , in 



— 300 — 

d#» sartes Ttroeo and im FatbeneshuKfe, die "aar m 
faagyomiiMbero weis», «ine noeh utagfeobere Wirkung 
hervorbringen müssen* Es war 9 Cht aja wii Cemo 
ejveiehten, Seht hoben Paläste und Umgafenog strahlte» 
in. aller Ueppigkeit and Wärme des Hafiänkebeni Bonne, 
W» fanden na» gan* in den Sude» veteetat* Natur und 
Industrie haben dort reichlich für denjenigen» gesorgt* der 
Uwe Gaben au würdige« weiss. Emu» ha* va»y vom 
Zauber seiner reinenden Ufer erfillle» de» See Terleasety 
ae .werden Auge und Gesuobeorgene durch Attraktionen 
andern Art angeaogen *' die sieb ihnen in Gestak eelee* 
seier, witarigfr Würste * feiner acomnttseher Käse and 
Delikatessen jeder Art , die ia and aasser den Msgaataa 
der Strasse entlang angehäuft sind, aufdränge»; und den 
Mand wässern maaheft Da wk uns nirtit belade» moeh> 
tea» beaebrünkten sieb unsere Einpletten eimrig aot PnV 
siehe f die unsere Tasebe» nieht lang» beschwerten) eisige 
Lotionen nnd Zu€ker, die auf unserer Wanderang ein 
willkommenes Labsal uns bereuen sotten.* Es war hohes 
Sirahenftssft in Go«o tnit Parade» Eine dfcbto Menge 
wagte dureb die Stauseen» bei jedem Schritt trat italiäni* 
sebes Leben uns entgegen« Vor der Kathedrale wer 
Militär aufgestellt, und wir kamen eben dann» wie anter 
betäubendem Geläute der Gloehea* an grosserer Ter» 
bertliebung des Tages» einige Salven direkte vor der 
Kathedrale j und nach deren fotpede gerichtet* losge- 
feuert worden 

Nachdem wir einige Seit daa bunte Treibe» ange- 
sehen, und in einem Cafd uns. erfrischt* begaben wir uns» 
sbtt des Aufsehens , daa unsere langen Stücke und ge- 
nagelten Sebuhe erregten, auf Stadt hinaus auf die Strasse, 
die nach GMasso führt* Es war gerade Hittagsstunde) 
kaum dass auf der Strasse ausser der Stadt Jeraaad sa 
sehen war» Die Sonne brannte heisa * nnd schien ihre 
ganze Kraft auf die zwischen hellen Mauern und Häusern 
hinanführendo Strasse mi eeneentrieren. In einem kühlen 



— m. — 

schattigen Hof, wa wir eintraten, um* einen Trank Was*«r 
an» bekommen, den mitleidige Frauen bereitwilligst un* 
reichten , sahen wir mit Fristen befangene Granatbäame* 
Icb wusste, das* sie ausser den Wendekreisen besser 
gedeihen > war aber doch erstaunt, hier statt des strauchr 
artigen Gewächses, wie es in den Tropen vorkömmt, einen 
Baum von der Höbe und Stanimeedicke eines jungen 
Kirschbaumes au finden. — Bald waren wir. hoch genug,, 
unfeinen letetsa, bezaubernden, Rückblick auf dea asur- 
na» Spiegel dea Sees und sein reich out Vitien besäunv 
tes Gelände au gewinnen. Eine Biegung, welche die 
Sirasse nickt weit vom höchsten Punktp der Anhöhe 
macht f welche awisehen Como und Cbiaaso sich er- 
bebt, wurde auf kursem Pfade abgeschnitten, der durch 
eine kleine felsige ScMncbt führte. Diese Schlucht bot 
ein Bild tropischer Natur im Kleinen. Nicht das* die 
Vegetation durch Groasastigkeit daran gemahnt hätte« Es 
waren nur Akazien, von denen keine eine aueserordeot« 
liehe Grösse erreichte. Die Sonae wwaate jedoch in dem 
gefiederten BUtterwerk , das an wärmere Zonen mahnte, 
und auf dem dunkeln klippigen Boden herrliche Liebt-» 
efiekte hervorzubringen, und dann regte sich kein IäuV 
hauch, es war als ob Bäume, Pflanzen} selbst der dunkle 
felsige Boden Wärme ausathmeten* Wir waren daher be*< 
nahe froh, als wir auf der Höhe angelangt, die Sehhiebt 
verlassen konnten, und wieder die Strasse betraten , wo 
freier Luftzug herrschte» Bald hatten wir etwas absteh 
gead Chiasso erreicht, wo uns beim österreichischen 
Zollhaus die Grenspassierscheine visiert wurden, die wir 
an der tyroJiaohen Grenze im Münster tbal uns hatten 
verschallen müssen, weil wir keine Pässe, nur Ausweis* 
hatten. Sie lauteten nur für 3 Tage,~*nd gestatteten 
uns nicht, weiter als 5 Stunde» von der Grenze uns au 
entfernen, was wir gewissenhaft eingehalten hatten. Wie 
wir die schweizerische Zollstätte passierten, nahm Nie- 
mand Notiz von uns« Glücklich, wieder auf 



- 304 - 



«nr—- "* 



- aus Ohr löncwde'OeunifimÄ'Shies reidhsptuflelildcn füüunueas 
überrascht, der im Halbdunkel hocbgewötbter Walhmw- 
Uttd wtiitairtiger Kastanienbäame «in grosses steinernes 
Backen fiffite unft erfrischende Kühlung verbreitete. Der 
Ort wkr so einladend, -um «teht 4iirige Augenblicke zu 
rasten, ««mal *fte hohe- Strassen terrasse, von der ^ne 
kleine Kapelle his Thal binausschaute, tfnen liebttcfeen 
Ausblick bot Herr Bfecher fand die Umemde, die ww 
bereitet würde', sehr probat, und sie war es ww*. fXn 
Eusehanerkreitf von Ah und Jung hatte steh bald mn 
uns gebildet, uns und tmser Thun befremdet anstaunend. 
Auch eifrige zierlfcfre Mttdclwngeskihen, die uns eine gute 
Meinung Tom Menschenschlag de* Thaies gaben, näber- 
teta sieh verschämt, um Wasser «u bieten. 

Je mehr wir in den Hintergrund des Thaies uns ver- 
tieften, wo die mit frischem Grasteppftcb und herrlichen 
Ifeiimgruppen gesdrtoäektett Häng« stetter werden und 

ücto näher treten, nm so traulicher, heimfieher wurde e«. 
Tiefe Schatten lagen lingst' auf der Jähen Westseite, -über 

• dem engen Bette eher Breggi* und den tieferen Par- 
tien der Ottseite deto Thafes , nur die hohen Häuser von 
Gabbio und 'Muggio 'glänsten noeh in -der Abendsonne 
OoW aus sattgitinem Baumdickicbt hervor. Zu hinterst, 
weit oben, und ^noch etwa 1000 Fuss höher, am sfid* 
Ifehten Abhang des Bergriitikens, den äef GFeneroso naeh 
Osten sendet, (tironten stattlich auf höher Mauerterrasse 
die vielstSekigen weissen Häuser von Send elatte, nßd 
teöf einem etwas südwestlich davon ins Thal kkiausragen- 

~ den Vorsprung enthoben 'Sieh Jene von Ronea piano 
dem Grün 4er Alpen wiesen. Dicht unter €afebio fährt 
ilie Strasse «her eine steinerne Brücke *n «den jenseitigen 
*f haibang, und nachher in langen Windungen über Cabb io 
•nach MuggJo hinauf, wo sie ihr Ende erreicht Wir 
verliesetin sie, und betraten einen Pusssteig, der uns über 
den wasserarmen Bach führte, der dem kleinen Val 
Ltiasca etftrfeselt, und vor seiner Vereinigung mit der 



"V 



Breggia einige schöne Wasserbecken bildet, die zum». 
Bade einladen. Da indess der Abend sieb neigte, and 
wir noch nicht wuasten, wo das Ziel unserer heutigen 
Wandenng min würde, und gerne hierüber vorerst einige 
Oewissbeit erlangt hätten, verzichteten wir einstweilen 
auf diesen Genuas, und stiegen rüstig auf steilem, über 
fette Matten und ifater schlanken Nussbäumen sich et*? 
porttindendem, Pfade nach Muggio hinauf, dessen ans 
der Entfernung so stattlich aussehende Häuser nun frei- 
lich in der Nähe einen weniger günstigen Eindruck machten. 
Durch einige enge Gässehen und über holperiges Pflaster 
gelangten wir auf der Mordseite des Ortes bald wieder 
ins Freie,- wo eine Allee gigantischer Walkiuss- und 
Kastanienbämne uns aufnahm, deren weitarmige Aeste 
ihr kühlendes Blätterdach über den Weg und eine in ein 
grosses steinernes Bassin sprudelnde Quelle breiteten. 
Hier. war es, als ob das anmuthige Thal, bevor.es m 
seinen höheren Abhängen in die monotonen Alpweiden 
überging, noch einmal alle seine Lieblichkeit vor unser» 
Blicken entfalten wollte. Die Abendkühle schien den jähen 
Grashängen noch reicheres Grün zu verleihen. Tiefer 
Friede ruhte über der stillen, abgeschiedenen Landschaft. 
Diese ScMussscene geruhte die nimmer müde Mutter Natur 
mit einer Gruppe zu beleben, die dem Bilde erst seine 
volle Würze gab. Es waren drei Mädchen, die am Brun- 
nen wuschen, und die unser plötzliches Erscheinen in 
diesem selten von Fremden besuchten Erdenwinkel auf- 
geschreckt, und in ihrem, Geplauder gestört hatte. Wir 
waren kaum weniger überrascht,, denn die drei Grazien 
von Muggio entwickelten in. ihren Formen, in jeder 
Bewegung, eine Anrauth, die man bei . ostschweizerischen 
Bauernschönen vergebens suchen würde. Mit grossen Augen 
sahen sie mich an, schalkhaftes Mienenspiel umzuckte 
schöne Augen und Mund, als ich in portugiesiseh-Haliä- 
nisehem Kauderwälsch sie. ansprach, um nach dem Weg 
zu fragen. Ekles Bemühen 1 denn sie waren verstummet 

20 



— 806 - 

und sprächet — aber nicht wie bevorzugte Menschen* 
kioder vor ihnen gethäh — sondern, verstohlene Blicke 
sich zuwerfend, schienen sie nur bemüht, ihre auszubre- 
chen drohende Heiterkeit zu unterdrücken. Wie wir jcdocb 
in einiger Entfernung waren, musste sie sich Luft machen, 
und lustiges Gekicher tönte uns durch die hohen Laub- 
gewölbe nach. Ich sandte ihnen eiribn weit ausgeholten 
Jauchzer zurück, der aus allen Tiefen des ßtillen Thaies 
wiederballte, und dem von einem gegenüberliegenden 
Vorsprung aus jugendlicher Kehle Antwort wurde. Ein 
breiter Weg, an dessen Borde duftende Cyclamen spross- 
ten,* führte uns etwas abwärts, bei einer malerisch aus 
grünem Laubdach hervorblickenden Kapelle vorbei,- in 
die Tiefe hinunter, zur Stelle, wo das Thai sich zu 
schliessen scheint, und der Bach, der die Quellen an den 
südöstlichen Abhängen desQeneroso sammelt, hervor- 
quillt, um mit der Breggia sich zu vereinigen, die von 
Norden her, etwas östlich von Seudelatte, der engen 
Thalschlucht sich entwindet. Ihre sehr steilen Seiten sind 
auch hier noch mit sammtartigem Grasteppich bekleidet, 
der kaum irgendwo. als In unmittelbarer Nähe der Breggia 
Felsen zu Tage treten, lägst. 

Den breiten Weg verlassend, der über eine kleine 
Brücke nach Musasca hinauf, einer westwärts in der 
Höhe liegenden Häusergruppe, zu führen schien, verfolg^ 
ten wir ein kleines Stück weit, zuweilen auf der linken» 
dann wieder auf der rechten Seite, die geschwätzige, lustig 
von einem Becken ins andere tanzende, Breggia, nte 
plötzlich ein junger, schmucker, intelligent aussehender 
Geistlicher vor uns stand, der bebende von einer KlipP e 
zur andern sprang. Er hatte ein dickes Buch unterem Ann» 
trug einen schwarzen Wamms und schwarzsammtne Kak* 
hosen, und kam von Scudelatte herunter, «wohin. seine 
Functionen ihn gerufen. Da er correct sprach, hatte leb 
keine Mühe, ihn zu verstehen. Wir vernahmen von ibm> 
dass wir auf dem rechten Weg nach Seurdelatte seien, 



- 307 — 

noch eine Viertelstunde zu steigen hätten, und dort Unter* 
kommen finden würden. Hierüber beruhigt, konnte ich der 
Versuchong, in eines der Wasserbecken zu tauchen, nicht 
Hager widerstehen. Einige derselben, in welchen das 
Wasser weniger bewegt war, wimmelten von Kaulquappe», 
jenen netten, nur mit Kopf und Schwanz versehenen, 
schwarzen Thierchen, die, nachdem sie verschiedene Ver- 
vollkomraHngsstadien durchgemacht, als vierbeinige Frösche 
-üguriren. Es fanden sich aber Becken, wo das Wasser 
schneller durchfloss, und keine dieser angehenden Frösche 
vorkamen. Während Herr B. nach Scudelatte hinauf- 
stieg, nahm ich die mir am Schlüsse des Tages unent- 
behrlichen Ablutioaen vor« Das Wasser war kühler, als 
sieh erwarten liess. Es dämmerte schon, bedeutend, als 
ich meine Toilette beendigt, und ich müsste mich beeilen, 
wenn ich vor der schnell einbrechenden Nacht Scude- 
latte «reichen wollte« Der Pfad ist raub, und versiebt 
hie and da den doppelten Zweck eines Baches und Com- 
«numcationsmittels, führt aber, unter riesigen Wallnuss- 
imd Kastanienbäumen steil ansteigend, scbpell an'ö ZieL 
Herrn B. fand ich auf der Mauer der Terrasse ausruhend, 
welche vor den Häusern des Ortes sich ausdehnt, und 
eines lieblichen Rückblick ins Thal gewähren muss, den 
wir leider, der Dunkelheit wegen, nicht gemessen konn- 
ten. Eine Frau, die uns in den Weg kam, und der ich 
unser Anliegen, das Wirthshaus zu finden, vortrug, wies 
uns nach einem Haus, das auf der Terrasse stan<i und 
einen Theil jener Häuserreihe bildete, die so stolz ins 
^Thal hinunterschaute. Hier verursachte unser unerwartetes 
Erscheinen in einem dunkeln Zimmer des Erdgeschosses 
oiwclehe Verwirrung* Heftiges Kindergeschrei ertönte. Als 
endlich Licht gebracht wurde, und wir über unsere Um- 
gebung ins Klare kamen, die aus einem Greise, einer 
Frau, die ihr Zoter schreiendes Kind zu beschwichtigen 
sachte, einigen grösseren beschmutzten Kindern und einem 
hübschen jungen Manne bestand« denen Allen wir. nicht 



- 308 - 

gelegen zu kommen schienen — und als wir unsere Bttcke 
über den unläthigen Boden, die beschmutzten Manerwände* 
das schwarze, schmierige , dem Ruin entgegengehende 
Ameublement schweifen Hessen, kostete es uns Mühe, 
unsere Enttäuschung über das innere Aussehen der Häuser 
von Scudelatte nicht in Mienen und Worten kund zu 
geben. Wir machten jedoch bonne mine au mauvais jen, 
und Hessen uns in ein Nebenzimmer führen, das, ebenso 
unreinlich, das Rendez-vous der Habitues des Hauses tu 
sein schien, wo wir indess allein waren, und unsenn Miss- 
behagen in Worten Luft machten. — .Dieser Art sind die 
Bequemlichkeiten y die den Wanderer erwarten, der sieb 
einfallen lässt, den Monte Generoso, den Rigi der 
italiänischen Schweiz, von dieser dem Berge zu- 
gänglichsten Seite zu ersteigen. 

Dm die Leute nicht ausser Fassung zu bringen, schick- 
ten wir uns geduldig ins Unvermeidliche, und hatten die 
Genugthuung wahrzunehmen, dass unsere Genügsamkeit 
Anerkennung fand, denn man gab sich alle Mühe, hob 
zufrieden zu stellen. Bald deckte eine blanke, mackellose 
Mappe den Tisch. Em gutes Glas Wein und eine schmack- 
hafte Minestra folgten, es erschienen Brod, Salami, Käse, 
im Orte gewachsene Birnen, und zur Krönung des Ganzen 
eine Schüssel gesottener, ausgehülster Kastanien, die uns 
vortrefflich mundeten, und einer zweiten Flasche riefen. 
In der glücklichsten Stimmung der Welt baten wir end- 
lich jden zuvorkommenden Wirth, die Ruhestätte uns an- 
zuweisen, worauf er uns durch die beiden Zimmer hin- 
aus auf den Hausgang, dann aber, statt, wie wir erwar- 
teten, die Stiege hinauf, zum Hause hinaus und über die 
Terrasse leuchtete. In banger Erwartung folgten wir ihm, 
und betraten am östlichen Ende der Terrasse ein niederes 
Haus, und nachher ein geräumiges Gemach mit grün und 
schwarz angelaufenen Mauerwänden , in dessen Mitte ein 
colossales Bette, auf dem die ganze scudelatte'sche Jagend 
sich hätte herumtummeln können, zur Ruhe einlud. Bittere 



- 309 — 

Erfahrungen hatten uns jedoch gelehrt, ein Bette nicht zq 
loben, bevor wir darin gelegen oder es wenigstens genau 
inspicirt hatten« Unser Erstes war daher, nachdem der freund- 
liche Wirth sich empfohlen, unsere prüfenden Blicke über 
die ganz tadellose Linnenfläche gleiten zu lassen« Ausser 
einem, altmodischen Lehnstuhl, der schon manche Gene- 
ration als Sorgenlinder in seine Anne aufgenommen haben 
mochte, bestand das Ameublement aus einigen Nägeln in 
der Mauer, woran wir unsere Sachen aufhängen konnten« 
Für Wasch- und anderes unentbehrliches Geschirr, sogar 
für Waschtücher war auch gesorgt Als wir aber zuletzt 
eine grosse schwarze Fläche an der Mauer einer genaueren; 
Prüfung unterwarfen, und in ihr eine Schultafel erkannten, 
begann in uns die Idee zu dämmern, dass wir in jenem 
Sanctum uns befanden, wo der scudelatte'schen Jugend 
die Rudimente des Wissens eingetrichtert werden, was 
auch der Wirth am Morgen auf meine Anfrage bestätigte. 
Uns zu Liebe hatte man Tische und Bänke hinausgeschafft, 
oder sie waren bei unserer Ankunft schon entfernt, weil 
vielleicht im Sommer keine Schule gehalten, und der 
Raum anderswie benützt wird, oder, dritte Supposition, 
das Bette stand an seinem normalen Platze, und musste 
je nach Umständen Bänke und Tische ersetzen. Meine 
Sprachmittel reichten nicht aus, um mir über irgend eine 
dieser Vermuthungen Gewissheit zu verschaffen« Thatsache 
ist, dass das Bette ausgezeichnet war, besser als man es 
in abgelegenen Bergdörfern des Wallis, der Ostschweif 
und selbst in Innejrrhoden findet« und dass wir unter den 
Erinnerungen an die Leiden und Freuden der Schuljahre* 
welche die schwarze Tafel in uns wach gerufen, dem 
SeUaf verfielen, und einige Stunden ungestörter Buhe 
genossen. 

Die Sterne blinkten noch, das Muggiotbal lag 
noch in tiefem Schlummer, als wir schon wieder reise- 
fertig an der Hausthüre unseres Wirthes klopften. Es 
dauerte eine geraume Zeit, bis wir eingelassen winden, 



und während wir eine Flasche Wein getrunken und die 
Zeche berichtigt, die äusserst massig war {der gewissen- 
hafte Wirth hatte sogar den Speck, den er in die Minestra 
gethan, eigens aufgeführt), war es Tag geworden. Der 
Wirth gab uns eine kleine Strecke weit das Geleite, und 
entliess uns dann mit den besten Glückswünschen/ Der 
Weg führte dicht hinter den Häusern des Dorfes in nörd- 
Heher Richtung, hn Zickzack, und sehr steil über Wiesen 
hinan, wo plötzlieb die üppige Kastanien- und WaUnufts- 
baumvegetatioft aufhörte, und nur noch vereinzelte Eschen 
zu sehen waren. Bald war der begraste Rücken erreicht, 
der sich vom Generoso ostwärts abzweigt. Tief uns 
zu Füssen öffnete sich das Bregglathal, wo, enge 
zusammengruppirt, die schiefergrauen Hütten von Erbone 
lagen. Etwas weiter oben, mehr nordwestlich, von kahlen 
baumlosen Alpenweiden und, wie uns aus der Entfernung 
vorkam, zunächst von kleine« Gemüsefeldern umgeben, 
waren jene der Alpe Squ-adrina sichtbar. Immer auf 
dem an seinem südlichen Abhang mit wehlge^flegten 
Alpenwiesen bekleideten Bergrücken ansteigend, gelangten 
wir zu einer Sennhütte mit Ställen, die *von einem Lin* 
dehbaume überschattet waren. Ein Mann und seine Frau* 
diese mit einem Kind im Arme, erschienen, uns freund* 
tfeh bewülkommend. Sie boten uns Milch, und zeigten 
uns den Ort, wo sie aufbewahrt wird. Es war eine eisten»- 
artige, rund ummauerte, Grube mit einem Dache. Der 
Mauer entlang führte eirie steinerne Stiege hinunter, und 
■der Grund war flrit altem Schnee gefüllt, worauf die Milch* 
näpfo ruhten. Die Milch war sehr kalt, und muss aof 
diese -Weise sich gut erhalten. Jede. Erkenntlichkeit föt 
die gebotene Milch wurde ausgeschlagen, und nur, indem 
wir das Kind damit beschenkten, konnten wir unserer 
Schuldigkeit uns entledigen. Etwas oberhalb der Hütten 
verschmälert sich der Bergrücken. Wir passierten in ge- 
wissen Entfernungen' winzige Steinhütteben, die den Hirten 
im Unwetter zum Schutze dienen, und befanden uns nun 



- 3M - 

Im Bereiche der obersten, sich »selbst tiheslasseuen, Alpen* 
weiden, wo der Rücken bald wieder weit und platt wurde, 
Marksteine deuteten .an, dass wir dicht auf der Grenze 
gingen. Der Nordabhang des Rückens gehört zur Loiut 
bar de*. Etwas weiter unten, an dem jetzt ganz allmälig 
sich neigenden südlichen Abhang, waren etliche Sennhütten 
und viel weidendes Vieh. Der Herizont hatte nun gen Süden, 
wp die lombardische Ebene in unabsehbare Weiten sich 
yeripr, gen Nord und Ost, wo hinter den näheren grünen 
Gipfeln des Tessin und der Lombardei entfernte Schnee* 
kuppen und Felsspitzen hervortauchten, bereits eine bedeu* 
tende Ausdehnung gewonnen. Als der Hauptkamm dee 
Gener oso erreicht war (e), wo wir zum ersten Male übe? 
die jähabstürzenden Rasenhänge und Felsterrassen der 
Westseite des Berges hinunter auf die in duftigem Bergesr 
dunkel ruhenden Buchten des L&go di Lugano blick* 
ten, öffnete sich auch darüber hin, im entfernten Westen, 
ein überaus grossartiger Blick auf die gigantische Eis-r 
mauer des Monte Rosa, die eben im Frühroth erglühte. 
Wir warei) indess noch nicht oben, und es drängte, uns, 
den höchsten Gipfel (c) und eine Rundsicht über die 
schöne Welt, die bei jedem Schritte weiter vor uns sieh 
erschloss, zu gewinnen. Von hier aus muss der Weg über 
den in südwestlicher Richtung auslaufenden Bücken des 
Generoso nach Mendrisio (ggb) und Melano hin*» 
unterführen. Die eigentlichen Gipfel lagen noch mehr 
nördlich. Wir hatten, mehr, oder weniger immer dem steil 
abfallenden Westlichen Abhang des Berges entlang, aber 
auf weichem Grasteppich, noch etwa 500 Fuss zu steigen, 
um den südlichem höhern (c) zu erreichen. Als wir end- 
lich nach etwa IV2 Stunden von unserm Nachtlager aus 
oben ankamen, und mitten in dem grossen, wundervollen 
Gottesgarten uns befanden, der in weiter Runde. uns zu 
Füssen ausgebreitet lag , da lachte das Herz uns vor 
Wowie, und war unsers Staunens lange kein Ende. Mein 
Reisegefährte, den sich mancher Ehemann zum Vorbild 



- 312 - 

nehmen dürfte, konnte nur wiederholen, was er auf unseim 
Qang Ins Muggiothal schon geäussert: „Wäre nur 
meine Frau hier, wie gerne möchte ich ihr gönnen, mit 
uns Zeuge dieses Schauspieles zu sein!* 

Ostwärts, tief unter uns, lag das einsame Breggia- 
tbal, dessen öde, gelbgrüne Weidhänge mit einigen 
Sennhütten und weidendem Vieh, selten mit einem Bau» 
belebt sind. Kein Laut, kein von Lebenslust zeugender 
Jauchzer tönt aber von dort an des Schauenden Obr. 
Darüber hin ragt aus grasigem Bergesrücken der schroffe 
Felsenkegel des Piz Gordona, und noch weiter öst- 
lich, das hohe westliche Ufer des Comersees bildend 
und ihn .verdeckend, ziehen lauge begraste Bergrücken, 
die, sanft ansteigend, zuweilen in einer stumpfen Spitze 
eulminiren. Etwas südlicher öffnet sich als Fortsetzung 
des Breggiathales der obere Theil des Muggiothaleß. 
Von seinem östlichen Abhang blicken freundlich aus den 
vollen Laubmassen der Kastanien- und Waünussbäome 
die enggedrängten Häuser von Cabbio zu uns hinauf. 
Noch weiter südöstlich, das untere Muggiothal gen 
Osten schliessend, erhebt der Monte Bisbin o seinen 
schöngeformten weidenreichen Rücken. Von seiner Spitze 
ragt einsam eine Kirche in die Lüfte. Ein Senne, der 
sich zu uns gesellte, sagte, man sehe ob jener Kiitbe 
bei hellem Wetter Mailand und seinen Dom, was aber 
kaum möglieh, nicht der Entfernung wegen, sondern weil 
Mailand mehr rechts liegen muss. Hätte ich in dieser 
Richtung gesucht, so würde ich vielleicht etwas gesehen 
haben; ich besass jedoch keine Karte, die mieh eines 
Bessern belehrt hätte. Pen östlichen Horizont begrenzen 
die Spitzen, Bergzüge und Hügel der ßrianza, jenes 
paradiesischen Erdstriches, der von den beiden Annen 
des Comersees umfluthet wird, und die Berge, die 
nordwärts von Lecco und Bergamo aufsteigen. Zur 
Rechten des Bisbino würde man Oomo sehen, wenn 
es nicht so tief läge; dagegen zeigt sich deutlich aof 



i 



- 313 — 

dem spitzen Hügel im Süden der Stadt da* alte Casteil 
Baradello. Gen Südost schweift der Blick in die un- 
endlichen Fernen der lombardieren Ebene. Uns näher 
zeigt sich dieses reich gesegnete Land wie ein unermess- 
ücher, zuweilen mit Feidom und Wiesen untermischter, 
in warmes Grün gekleideter Laubwald, aus dessen wellen- 
artig schwellendem Dickicht hundert und hundert blanke 
Dörfer, Städte, Kirchen, Kapellen und Landhäuser im 
Strahle der Morgensonne erglänzen — während es weiter- 
hin als dunkle Fläche erscheint, au» welcher, in Duft 
verschwimmend, hie und da noch ein heller Punkt oder 
Streif unklar hervortritt, bis sie zuletzt in unbestimmten 
Umrissen im dunstigen Horizonte sich verliert. Den nach 
Oben sich lichtenden Dunstmassen sieht man jedoch einen 
bläulichen Gebirgsrücken enttauchen, der schwach, aber 
dennoch in klaren Contouren am fernen südlichen Himmel 
sich zeichnet Es ist der Apennin, der jenseits der vom 
Po bewässerten Niederungen sich erhebt und, seinen Lauf 
nach Südost wendend, in lichten Fernen verschwindet. 
Vermag der Schauende nicht, selbst die Gewässer der 
Adria zu erspähen, so muss er sich mit dem Gedanken 
zufrieden geben, dass die von jenem entferntesten Ende 
des Höhenzuges sich absenkenden Hänge vielleicht davon 
gebadet werden. 

Aus dem Schoosse niedriger, mit reichem Wachsthum 
bekleideter Hügel schimmern im Südwesten die azurne 
Spiegelfläche des Lago di Varese und die kleinen 
Becken des Lago di Monate und Lago di Comabbio. 
Dazwischen und um deren Gestade blinken zahllose, von 
dichter Bevölkerung zeugende Ortschaften und Villen. 
Stattlich zeigt Varese seine weitgezogenen Häuserreihen 
und stolzen Paläste. Gen Norden enthebt sich dieser in 
lachendster Ueppigkeit prangenden Landschaft sanft an- 
steigend der Monte Campo d£ Fiori. An seinem öst- 
lichen Abhang erglänzen, weithin das Land überschauend, 
die weissen Mauern des Wallfahrtsortes Mad,onna del 

20* 



— »14 — 

Monte — ohne Zweifel, ein. herrlicher Standpunkt Ueber 
den Lago di Monate .wird der. Lag*> Maggiore, 
von Arona bis dort, wo der Ticino ihm entßiesat, 
sichtbar. Die bellen Häuser von Arona umsäumen in 
dichter Reihe das blaue Gestade ; von dem dahinter sieb 
erhebenden Gelände schimmern zahlreiche Villen. Am 
diessseitigen Ufer glänzt Angera mit seiner alten Berg- 
veste. Rothe Steinbrüche diessseits und jenseit» des See» 
erhöhen die südliche Wärme dieser Partie. — Der lieb- 
liche Or.tasee wird durch den Motterone und seine 
südwärts streichenden Ausläufer verdeckt j so auch der 
Lago Maggiore, von Arona bis fast nach Stresa, 
durch den weit sich ausbreitenden Monte Gampo d^ 
F i o r i. An den obersten Hängen des rundkuppigen, wei- 
denreichen Motterone erspäht man mit Hülfe des Tubus 
einige jener aus dem Dunkel prächtiger Baumgruppeo 
hervorguckenden, weissgemauerten Sennhütten, die den 
durstigen, nach Milch lechzenden , Wanderer, der sie an* 
einiger Entfernung in Mitte der kahlen Weiden erblickt, 
durch ihre malerische Erscheinung überraschen und ein- 
laden, näher zu treten! ihn aber durch den Schmutz und 
Unrath, die aus. ihrer nächsten Umgebung und ihrem 
Innern ihn .anstrotzen, selbst wenn, reizende dunkeläugige 
Sennerinnen sich darin bewegen, eben so schnell wieder 
zu entfernen vermögen. Am Fusse des Berges, nordwärts 
von den bewaldeten Kuppen des Sasso del Ferro 
überragt, schimmert wieder ein Stück Lago Maggiore; 
.man sieht die Häuser von Streaa und etwas zur Rech- 
ten die hellen Terrassen der Isola bella dem blauen 
.Wasserspiegel enttauchen. Die andern Inseln und Baveao 
.sind verdeckt Zur Rechten Äes Sasso del Ferro, am 
steilen Hang des Ausläufers» den der Motterone nach 
Fariolo hinuntersendet* blinken die weissen Granit- 
brüche, aus denen die grossen Säulen am Haupteingang 
.des Doms von Mailand hervorgegangen. Die Marmor- 
. bräche, welche das Material zum ganzen Bau lieferten, 



- M5 - 

sind etwas mehr nördlich , auf dem Unken Ufer der 
Toeeia, und nicht sichtbar. Weit öffnet sich, nach dein 
Monte Rosa hin tos pittoreske Anzascatlral sich 
verzvfeigend , das Thal von Domo d'Os&ola. Eide 
dichte weisse Dunstschichte lagert auf der Thalsohle und 
läset Nichts erkennen; die Bergzüge, welche das Thai 
ost- nnd westwärts umsehliessen , lassen aber dessen 
Lauf bis weit hinauf verfolgen. Das Beeken des Lago 
Maggiore bleibt nun dem Auge ein grosses Stück weit 
durch hohes Hügelland verborgen. Erst in der Gegend 
von Sasso oder Oggebbiö blickt wieder, ans dunklem 
Grün ein winziges Stück der blauen Ffath hervor, lieber 
dem Monte Caslano und durch die Thalniederung der 
Tresa erscheint jedoch ein grösseres Fragment aus der 
Gegend von Luino. Am jenseitigen Gestade winkt das 
Dorf Oannero; und etwas zur Rechten entsteigen der 
von sonnigem Bergesgrün umbetteten Ultramarinfläche die 
zwei kleinen klippigen Fiseherinseln , mit den grell von 
der Sonne beleuchteten Mauern eines Castells, das einst 
geförchteten Seeräubern zum Aufenthalt diente. Dahinter 
öftnet sich das noch zu Piemont gehörende Val Oa- 
nobbina. Weiter nordwärts benehmen die hohen Ab- 
senker des Monte Tamaro und des Monte Cenere 
jede Möglichkeit vom Lago Maggiore und dem Thal 
des Ticin o etwas zu sehen. 

Geradezu entzückend , so frisch und jugendlich als ob 
heute erst aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, 
ruht uns zu Füssen , im Scboosse malerisch gruppierter, 
reich bewaldeter , Berge und jäher Felswände , da und 
dort von lachenden Ortschaften erblinkend , das vielarmige 
prächtige Becken des Lago dl Lugano. Es liegt noch 
in kühlem Morgendüster, denn es ist noch frühe, und 
Wir spüren auch, dass es kalt mächt Bald nachher aber 
kam jene gewandte Künstlerin, die SOnne, seiner zuerst 
dunkelbläu gefärbten, hie und da in weissen Nuancen 
spielenden, Fläche, jenes das Auge des Schaaenden be- 



— 316 — 

säubernde Blattgrün zu verleihen. Mit Ausnahme weniger 
Partien ist beinahe der ganze See sichtbar. Dicht unter 
uns zeigt sich, von den üppig belaubten Hängen des 
Monte S. Giorgio und dem steilen westliehen Abfall 
des südwärts streichenden Ausläufers des Generoso um- 
schlossen (ggb), die enge Bucht, welche der See nach 
Südost sendet (h). Die jähen, kahlen Felswände, die 
der kurze grasige, in furchtbar steilem Absture nach 
Melano und Rovio abfallende Kamm gen Norden dem 
Auge weist, verdecken Melano und Capo Lago, lassen 
aber das jenseitige Ufer bis fast nach Riva verfolgen. 
Ein Pfad führt von diesem Ort dem einsamen Gestade 
entlang, dessen Einförmigkeit zuweilen durch ein rothes 
Ziegeldach unterbrochen wird, das eher einen Schuppen 
als eine Wohnung zu decken scheint, nach Brugia Ar- 
sizio, am westlichen Fuss des Monte S. Giorgio. 
Die Spitze dieses Berges ist mit einer Kirche gekrönt 
Das Grün seiner weiten Flanken wird nur durch einige 
Felsbänder unterbrochen , die sich unter dem nach Süden 
abfallenden Kamme hinziehen, und durch ausgetrocknete 
gelbe Bachfurchen , welche direkte zum See hinabsteigen. 
Uns noch dichter zu Füssen, am Eingang zum romanti- 
schen Bergkessel, den die kurzen westwärts abfallenden 
Ausläufer des Generoso unter seinen Gipfeln bilden, 
gucken gar traulich aus dem Grün buschiger Kastanien- 
und Wallnussbäume, Maisfelder und frischer Matten dicht 
zusammengedrängt die Dächer von Rovio hervor. Auf 
einem mit Buschwerk bekleideten isolierten Hügel zur 
Rechten steht der Thurm von S. Agata. Unter Rovio, 
zwischen Melano und Maroggia — letzteres der ein- 
zige sichtbare Ort am östlichen Gestade — dehnen sich 
dem See nach, von der Sovaglia und Mara bewässert, 
Maisfelder und mit Maulbeerbäumen bepflanzte Wiesen 
aus. Nordöstlich von Maroggia liegt in tiefer Abge- 
schiedenheit, gen Nord von dem hoben mit horizontalen 
Felsbändern durchzogenen Abhang des Golmo di Crec- 



- 317 - 

eio (ü), westwärts von der tiefen Hügelkette, die dieser 
längs dem See nach Maroggia sendet (kk), ost- und 
südwärts von den Ausläufern des Generoso (1-m) um- 
schlossen, das liebliche heimliche Tal Mara. In tropi- 
scher Lanbesfülle prangen der Grand , die unteren Hänge 
und der dem See entlang sich ziehende Hügelrücken. 
Dicht von Kastanienwaid umhüllt, blicken am Fuss des 
Colmo di Creccio die Häuser von Arogno hervor. 
Ueber Bovio und Arogno, gen Süden zwischen den 
Waldhängen des Monte S. Giorgio und Arbostora 
bald dem Auge sich entziehend, nordwärts aber bis 
Lugano sichtbar, breitet sich der reizendste Tbeil des 
Sees aus. Dem jähen Abfall des Colmo di Creccio 
gegenüber, ihn an Steilheit übertreffend, aber an Höbe 
nicht erreichend, entsteigt dem in zauberischer Farben*- 
pracht schimmernden Wasserspiegel, in kahlen von der 
Sonne schauerlich gerotteten Felswänden der S. Salva» 
tore. Wild und schroff thürmt er sich zu adlerhorst- 
artiger Spitze auf, von der eine Wallfahrtskirche in die 
Lüfte ragt. Gen Süden entsendet er den Monte Ar- 
bostora, dessen langer Rücken und steil zum See hinab 
stürzende Hänge dicht mit Kastanienwald überwachsen 
sind. Seine südlichste, keilartig in den See tauchende, 
Spitze, auf der Morcote liegt, und die darum hemm 
nach Norden sich windende Bucht werden vom Monte 
S. Giorgio ganz verdeckt. Vico Morcote, das weit 
oben* am östlichen Abbang in herrlicher Lage steht, ver- 
mag man kaum noch zu sehen. Mehr nördlich, vom 
Rande des Rückens, blicken heiter aus sattem Grün die 
Dörfer Carona und Ciona zu uns empor. Unter Carona, 
auf der weit in den See hinausreichenden, von blendend 
weissem Gestade umsäumten Landzunge liegt Meli de. 
Helle Strossenbänder, die nach Morcote und Lugano 
führen, schlängeln eich zwischen dem grünen Fuss des 
Arbostora und der ihn bespülenden Fluth. Eine Brücke, 
die von der Spitze der Landzunge an's diesseitige Ufer 



— 318 — 

föbrt , durchschneidet wie ein zierliches wftfsses Band da« 
in Smaragd und Azur spielende Seebecken. 

Ueber den bewaldeten Höhen des Art>östora, vom 
Rücken des nicht weniger reich belaubten Hügelzuges 
der von Figinö an das Östliche Gestade des Agriosees 
bildet, erglänzen die Häuser von Agra, Montagnola 
iind Certenago, und weiter hin sieht man die niedere, 
gtänzendgrüne , Suppe des Monte Caslano, zu seiner 
Linken, am Eingang zum kleinen Tresasee/ <fes lom- 
bärdische Dorf Lavena, und zur Rechten die Häuser 
von Caslano dem tiefblauen Seespiegel sieb entheben. 
Mehr nördlich erfreut das Auge ein Bliek auf den west* 
liehen Thei! des Busens von Agno, auf Agno und das 
dahinter ansteigende , dicht mit Ortschaften und Land- 
häusern belebte , Gelände. Auch in die verborgenen, 
grasigen Schluchten des Brenothales, das im Schoosje 
der hohen Ausläufer des Monte Tamaro sich birgt, ist 
dem Blicke vergönnt zu dringen. Von den nackten Wän- 
den des S. Salvatore und dem bebuschten Abbang des 
Colmo di Creccio eingefasst, rundet sich nordwärts, 
wo der See zu enden scheint, das herrliche, von weissen 
Häuserreihen und Villen erglänzende, Gestade von Lu- 
gano aus. Dahinter erbebt eich ein welliges, reich cui- 
tfvlrtes Hügelland bis zum Fuss des Monte Tamaro, 
Monte Blgoiio, Monte Caval Drossa und Monte 
G'arzfröla, deren döstere Kuppen und mit Sennhütten 
bestreute Abhänge dem lachenden Vordergrunde einen 
ernsten Rahmen gefcen. Etwas links Vom nördlichen Gi- 
pfel desGeneroso, Ober dem weideärefcben Rucken des 
Monte Garzirölä, der dem Hintergründe des Valle 
di €olla entsteigt, erscheint der graugrüne Ramm des 
€amogh& Man sieht die oberen Hänge der Alpe 
Traorne maggiore davon sich absenken, und könnte 
fast auch die Hütten sehen. Nicht dass deren Anblick 
eben geeignet wäre , beim Wanderer , der steh dieselben 
bei Besteigung des Camogtiä schon feuro Nachttarife* 



- 31? - 

gemacht, angenehme Erinnerungen zu erwecken — den« 
sie bieten wohl da? härteste, kaiteste Lager, das er 
irgendwo finden mag. Ihre einzigen Vorzüge sind» dass 
die den Wind überall durchladenden Mauern beständigen 
Luftwechsel gestatten, dass bei Abwesenheit von Unterr 
betten , Decken , Kissen , selbst Heu (die Sennen decken 
sich mit ihren Mänteln) ungebetene Bettgäste nicht pro* 
sperieren können, und dass man dort keine Indigestion 
sich erholen wird, denn Milch und andere Alpenspeisen, 
die dem Wanderer zusagen, werden, ihm. äusserst karg 
zugemessen, an Polenta dagegen, womit der Senne überr 
aus freigebig ist, die. aber, dem nicht daran gewöhnten 
Gaumen kaum behagt , mag er sich . satt essen. — Da 
Herr Studer die Absicht geäussert, heute vom Jörir 
pass aus den Camoghd zu besteigen, war mein Fernr 
robr oft darnach gerichtet; ich konnte aber nichts ejotr 
decken , und es zeigte sich nachher , dass er nicht oben 
war.— Von, Lugano bis zum Dörfchen Cima, das 
westlich von Porlezza.am nördlichen Ufer liegt, verr 
schwindet der See hinter den waldigen Höhen des Colmo 
di Creccio, Monte Caprino und Monte Pinzernona, 
die seinem südlichen Gestade entsteigen. Auch die tie- 
feren Hänge des Monte Br^ sind dem Blicke entzogen, 
nur das schön gelegene, einen grossen Theil des Lu- 
ganersees beherrschende, Dorf dieses Namens ist noch 
sichtbar. Frei und stolz ragt dagegen, weit hinauf mit 
Nadelbolz bekleidet« die Rasenpyramide des Monte 
Boglia über die südlichen Uferberge und das auf sei- 
nem Vorsprung ruhende Dorf empor. Gen Nordost er- 
scbliesst sich dem Auge , mit schwellendem Laubes- 
dickicht erfüllt , und. von blanken Dörfern strahlend , der 
Hintergrund des Intelyithales, und darüber hin, dies- 
seits von grünen Hügeln, nordwärts von blassgrauen, 
wild sich zackenden., Felsen umrahmt, die sich grell 
dem grünen buschigen Berghang entheben, und von deren 
Foss durch leichten Dunstschleier die Häuser. von Por- 



- 320 — % 

lezza funkeln, der in tiefe» Ultramarin gefärbte Busen 
dieses Namens. Ueber dem grasigen Rücken des Monte 
Rada, der das Breggiathal ostwärts schließet und den 
unteren Theil des Intelvithales deckt, im Schoosse 
dunkelgrüner, steil sich bebender, mit leichtem Duft be- 
hauchter Berge, dehnt sich die pittoreskeste Partie des 
Comersees aus, jene wo er sich gabelt Von den Ber- 
gen der Brianza taucht in raschem Fall das felsige 
Vorgebirge von Bellaggio weit in die herrliche Flutb 
hinein» Die Dörfer Bellaggio und S. Giovanni schim- 
mern an seinem westlichen Uferrand , reiche Villen zieren 
seine Hänge. Drüben sieht man Varenna auf dunklem 
Bergesgrund dem See entsteigen , und weiter südlich ver- 
folgt das Auge eine kleine Strecke weit das von Häusern 
erglänzende Gestade des Lago di Lecco. Von S. Gio- 
vanni an südwärts, entzieht sich auch jener von Como 
schnell dem Blicke. Ueber der hübseh geformten dach- 
giebelartigen Rasenkuppe, die zur Rechten von Porlezza 
sich erhebt , und in zwei durch einen fast eben so hohen 
Kamm verbundene Spitzen sich gipfelt, deren westliche 
Monte Galbiga, die östliche Monte Crocione heisst, 
erscheint die dunkle Pyramide des Monte Legnone, 
der den Ausgang des V eltlins beherrscht, und das Auge 
des Reisenden, der vom Splügen herabsteigt, längst be- 
vor er den Comerspe erreicht, durch seine imposante 
hehre Gestalt fesselt. Zu dessen Linken öflhet sich weit 
das dunsterfüllte Thal von Chiavenna; man verfolgt 
den Lauf des ostwärts sich abzweigenden Bergeil, bis 
zu den Höhen, die den Maloggia umstehen, und er- 
kennt den zur Rechten vom Pizzo della Duana über- 
ragten Pass, über welchen man von Soglio aus ins 
Bregalgathal hinüber und nach dem stillen Alpenge- 
lände von Avers gelangen kann. 

Die Einfassung zu diesem in reichem Farben- und 
Sceneriewechsel sich entfaltenden nähern und entfernteren 
Vordergrund bildet ein dicht verschlungenes Gewirre grüner 



— 324 — 

Alpenzüge,, scharfer Felskämme, zackiger Spitzen und 
dunstiger Thäler, die bis. zum Fuss der zahllos sieb 
gipfelnden, von Eis und Schnee starrenden, Alpenkette 
reichen, während diese, von den Grajischen Alpen 
bis zum Ort ler sichtbar, also wenigstens die Hälfte des 
unermeßlichen Horizontes einnehmend, dem Rundbilde 
den Hauptrahmen giebt. 

Erinnert den Schauenden die zunehmende- Wärme 
daran, dass er unter einem südliehen Himmel sieh be- 
findet, und für den Moment an die grüne Scholle ge- 
bunden ist, so mögen wenigstens Phantasie und Auge 
nach Herzenslust auf jenen kühlen Bergeszinnen sieb er- 
gehen. Im fernen Südwesten , dort wo unter weisser 
Dunstschichte Turin seine belebten Strassen ausdehnt, 
siebt man der piemontesischen Ebene die in gol- 
denem Sonnenglanz sich spiegelnden Firngefilde und Eis* 
zacken der Graji sehen Alpen enttauchen. Die grosse 
Entfernung (etwa 30 Stunden) und unser Standpunkt be- 
wirken, dass dieses ausgedehnte Hochgebirgsrevier, das 
von den nordwärts davon sich/erhebenden Höhen gesehen, 
eine so prachtvolle Facade bietet, nur in gedrängtem 
Massiv und im Profil erscheint. Von. diesem Massiv ge- 
trennt, aber der Kette entsteigend, die von demselben, 
indem sie das Val de Cogne vom Val Savaranche 
scheidet, ins Aostathal abstürzt, springt etwas zur 
Rechten r als ob ganz isoliert, die. schlanke spitze Firn- 
pyramide des noch nie erklommenen PicdeCogne ins. 
Auge. Von ihr beherrscht, erschließet sich nordwärts 
die von der Dora baltea durchbrauste Gebirgsspalte. 
An sich selber enge, bildet sie mit ihren nord- und süd- 
wärts sich abzweigenden Seitenschluchten dennoch eine 
bedeutende Lücke zwischen den Grajischen und Pen- 
ninischen Alpen, deren Rundung durch die Kämme 
und Spitzen, die zwischen jenen Seitenschluchten auf- 
steigen , in der Entfernung aber beinahe verschwinden, 
kaum gestört wird. In den Hintergiund des Aosta- 

21 



— 322 — 

thalcs, we mit einem guten Teleseop vielleicht die 
Ruitorgletecher und der Montblanc zu Beben 
wären, vermag das Auge nicht zn dringen. Dem Gebirgs- 
zug, der das Val di Valeise vom Val di Chailant 
trennt, siebt man eine umfirnte Felskuppe en tragen, die 
man im Hinansteigen von Gressoney nach dem Col 
di Val Oobbia beständig in südwestlicher Richtung 
hinter sich hat. Zur Rechten dieser Felskuppe , in der 
Bergkette jedoch die das Val di Valeise vom Valle 
di Sesia abgrenzt, gewahrt man den vom Karrborn 
überragten Einschnitt des Gol di Val Dobbia. Das 
kleine bescheidene Hospia, das auf diesem Uebergang 
steht, und von einem edlen Priester, Namens Sottile, 
an gleichem Zweck wie jenes auf dem grossen St 
Bernhard gestiftet wurde > und wo der leutselige An- 
toine Favre, in seinem menschenfreundlichen Berufe 
einzig von einem Knecht qnd einem grossen Hundepaar 
unterstützt, seit 24 Jahren dem von Unwetter oder der 
Nacht ereilten Wanderer sorgsame Pflege angedeihen iässt, 
ist nicht sichtbar* An der nördlichen Grenze des Strom* 
gebietes der Dora baltea thürmt sich urplötzlich in 
sanftausgeeehweiftem Firnhang stolz und majestätisch der 
Monte Rosa auf. Im Ornate eines mächtigen Gebirgs- 
Kirsten , weitem in reichem Faltenwurf bis tief ins grüne 
Berggewimmel reichenden Firngewand, seine ins blaue 
Firmament tauchende &tirne mit fein dselieiter Krone 
geschmückt, beherrscht er die vom Widerschein seines 
Glanzes strahlende Landschaft. Ihm zur Rechten erscheint 
ein stattliches Gefolge riesiger, eisbepanzerter Kämpen, 
deren leuchtende Gestalten in scharf markirten Umrissen 
dem blauen Himmel sich entheben. Es sind die Strahl- 
hörner, der Alphubel, die M ischabelhömcr, der 
Weißemies, die Fletsehhörner und andere Höben. 
Zur Rechten des Monte Rosa kömmt als einziger Re- 
präsentant des mächtigen Gehirgswalles , der westwärts 
vom Monte Rosa das Aostathal vom Wallis trennt, 



— 323 — 

die höchste graue Spitze des Matter hornes zum Vor-' 
schein. Die Monte Rosakette erscheint um so impo- 
santer, als ihre gewaltige Eismauer, unverkümmert durch 
nach und nach über einander sieh anstufende Bergzüge 
und Spitzen, wie z. B. die Berneralpen vom Bigt 
ans gesehen, unmittelbar und in scharfem Gontrast aus 
niederem , grünem , Bergesgewirre emporstarrt. Mehr öst- 
lich zeigt sich etwas isoliert die beeiste Pyramide des 
Monte Leone, der den Simplonpass und das Thal 
von Domo d'Ossola so schön beherrscht Zur Linken 
des Monte Tamor, in Mitte zwischen Monte Leone 
und den Spitzen des Gotthards, und anscheinend die* 
ser Kette entsteigend, sieht man eine pfeilscharfe Felgen- 
spitze in die Lüfte ragen. Ihre mattere Färbung und 
ausserordentliche Erhebung, die dem Charakter jenes 
Theiles der südlichen WaUiserfcette nicht entspricht, 
lassen jedoch annehmen, dass sie einer entfernteren und 
mächtigeren Gebirgswelt angehöre, und nichts anderes 
als das Finsteraarhorn sein könne. Es guckt her- 
vor, als ob , es , ungehalten über dps Gepränge meiner 
südlichen Rivalen, zeigen wollte, dass es auch noch 
existire. Etwas westwärts erschaut man eine bedeutende, 
abgerundete Felsenkuppe, die ebenfalls den Bern er- 
alpen anzugehören scheint. Vom Dom zu Mailand aus 
gesehen, erscheinen beide in derselben Stellung. Gqnz 
wenig zur Rechten des Gipfels des Monte Tamaro, 
und fast über Lugano, tritt eine glänzende Firnkuppe 
hervor, die gen Süd in schroffer Felswand abstürzt und 
kaum etwas anderes als der Galenstock sein wird. 
Dann folgen die Spitzen des Gottbard, die Medelser- 
hörner, die Rheinwald-Gruppe, das Tambo- 
born, der Gebirgszug, welcher das Thal von Avers 
vom Bergell trennt, und endlich die bei Chiavenqa 
beginnende, zu nackten Felsnadeln und scharfen zerris- 
senen Gräten sich auf werf ende, mehr östlich aber in weite 
blinkende Eisfelder sich ausbreitende und zu zahlreichen 



- 324 — 

Firnkuppen sich gipfelnde B e r n i n a k e 1 1 e. Davea ge- 
trennt erscheint ihr zur Reehteri der Monte della Die- 
grazia, ond im fernen Osten glaubt man aus dichter 
Dunsthülle die Eismassen des Ort ler funkeln zu sehen. 
Denke man sich nun das weite Rund vom blauen wol- 
kenlosen Himmel überwölbt , und den Rasengipfel , auf 
dem man gelagert, von reinen warzigen Lüften umweht, 
welche die fast lästig werdende Wärme mildern, die 
Brust heben und die Seele erquicken, so Ist das Bild 
so complet als eine ungeübte Feder es zu geben, vermag. 

Die Sonne stand schon hoch. Die Seen prangten in 
brillantester Farbenpracht. Kühe, die auf der Spitze 
Kühlung und vielleicht auch leckere Kräuter suchten, 
kamen neugierig uns zu beschnuppern , und Hess man 
sich etwa vom Schlaf übermannen, so war man sicher, 
bald darauf durch das Schnaufen einer dieser traulichen 
Bestien aufgeweckt zu werden, und dicht vor seiner Nase 
ihre feuchten Nüstern zu sehen. Auch zwei Küherjungen, 
die heugierig alles betasteten., was wir bei uns hartes, 
mit denen wir aber kein Wort wechseln konnten, kamen 
uns Gesellschaft zu leisten. Von den schroffen, thurm- 
artig gerundeten, Felsen, welche in der Nähe des nörd- 
lichen Gipfels des Gene ro so gen West abstürzen, wurde 
die Stille durch das Hämmern eines Mannes unterbrochen, 
der Schieferplatten ablöste , die zur Dachbedeckung be- 
stimmt sind, und nachher einem Maulthier aufgeladen 
wurden, das unterdess am weniger steilen östlichen Ab- 
hang weidete. 

Es war nun für uns der Augenblick der Trennung 
gekommen. Herrn Bucher riefen Obliegenheiten nach 
Hause. Er beabsichtigte früh Nachmittags in Argegno 
am Comersee zu sein, um das nach Collco fahrende 
Dampfboot benutzen zu können, und schnell mögliebst 
über Chiavenna und den Splügen zurückzugelangen. 
Nachdem wir 14 Tage Freud* und Leid miteinander ge- 
theilt, sah ich ihn sehr ungerne scheiden. Er war, indem 



— 325 — 

er über den östlichen Abbang des Berges hinuiJterstieg, 
meinen Blicken bald entschwunden. Erst nach geraumer 
Zeit kam er bei den Hütten von Erbone, die in direkter 
Urne vielleicht eine halbe Stunde entfernt sind, als kleiner 
heller Punkt wieder zum Vorschein. Auf mein Zujauehzen 
stand er stille, schritt dann auf einem kleinen Strässchen, 
dem Abbang des Monte Rada entlang, rüstig weiter, 
und war bald verschwunden. 

Auch ich musste endlich daran denken dem Gene- 
rös o Lebewohl zu sagen. Zuerst gedachte ich den Sonnen- 
untergang abzuwarten , und dann in den obersten Hütten 
«am Südabhang des Berges zu übernachten. Es bangte mir 
aber vor dem schlechten Lager und Schmutz, die mich 
dort wahrscheinlich erwartet hätten. Zuletzt entsohloss ich 
mich, nach den Hütten von Orimento aufzubrechen, die 
in der vom Monte d'Orimento und Monte Rada 
gebildeten Einsattlung j durch welche ein Weg ins In - 
telvithal hinunter führt, gar freundlich beisammen stehen, 
und sauber und wohnlich aussahen. Dort muss gut wohnen 
sein, daobte ich. Da öflhet sich dir ein Blick ins In-telvi- 
thal, und südwärts nach den lombardischen Fernen; 
und ich freute mich auf den genussreichen Abend, den 
ich dort verbringen würde. Auf dem Wege nach dem 
nördlichen Gipfel (n) ging ich auf einen Felskopf hinaus, 
der den westlichen Abhang überragte , und mit hohem 
Gras und seltenen Kräutern bedeckt war. Mit Erstaunen 
fand ich darunter, zwar verblüht, die in Gärten gepflegte 
Peonie. Es soll diess ihr einziger Fundort in der Schweiz 
sein. Noch eine andere unerwartete Ueberraschung wurde 
mir hier. Von einer Grashalde, die vom Fuss der etwas 
mehr nördlich abstürzenden Felswände nach der Tiefe 
sich senkte, erklang, mit den metallenen Stimmen der 
Geissenglocken vermischt, eine zweistimmige, mit viel 
Andacht und Innigkeit gesungene Weise, die durch den 
akustisch einwirkenden Bau der zerklüfteten Felswände 
vielleicht gehoben , wundersam vibrierend zu meinem Ohr 



— 826 — 

drang. Ich lauschte wie hiogebatrat, bis die ergreifenden 
Töne sanft ausklingend in den Flöhen verbauchten. Die 
Sänger schienen ein Knabe und ein Mädchen gewesen 
zu sein. 

Am östlichen steilen Abhang der Bergkuppe stieg ich 
nun, Grasbändern entlang und ductb felsige Forchen, die 
mit saftigen Kräutern gefüllt waren« auf den Weg hin- 
unter, der sich um den östlichen Fuss des obersten 
Generoso-Gipfel herumsieht, und gelangte, mich nord- 
wärts wendend* auf einen schönen glatten Rücken, wo 
mir ein letzter Blick auf den Luganersee vergönnt war. 
Kurz darauf verzweigte sieh der Rücken — einen Zweig 
in nordwestlicher Richtung nach dem Val Mara hinab- 
sendend, den andern nordostwärts nach dem Breggia- 
thal. Letzteren verfolgend und ailmälig absteigend, ge- 
langte ich bald in den Bereich monotoner Weidberge, wo 
jede Fernsicht mir verschlossen war. Weiter unten, am 
südlichen Abhang, lagen die Hütten der Alpe Squadrina. 
Eine Art Strauch, den ich nie im Freien wachsend, aber, 
wie mir schien, in Gartenanlagen gesehen, bedeckte stre- 
ckenweise den Rücken, und erhöhte durch seine Einför- 
migkeit, indem er nichts Anderes zwischen sich aufkommen 
Hess, den traurigen Charakter der Gegend. Bald hatte ich 
das grasige unbedeutende Rinnsal der Breggia über- 
schritten, wo ich umsonst nach Wasser suchte, und stieg 
am jenseitigen sonnverbrannten Abhang zu den nahen 
Hütten von Orimento hinan. Es waren alle geschlossen. 
Die Leute, die ich weiter oben mit Heumachen beschäf- 
tigt gesehen, schienen ihre Bewohner zu sein. Nur zwei 
Hunde empfingen mich mit heftigem Gebelle. Seitdem ich 
die Gipfel des Generös o verlassen, war ich wieder auf 
lombardischem Gebiet, ohne dass diessmal eine Seele 
sich darum bekümmerte. Von Aussicht ins Intel vi thal 
war keine Rede, so wenig als nach der lombardisclien 
Ebene. Dort benahm sie das ungleiche Terrain der weit 
and langsam «ich absenkenden südlichen Thalseite, liier 



— 3*7 — 

die Windungen des Breggiathales, und ich gewahrte 
su spät, dass ich in eine recht trostlose Gegend gerathen 
war. Die steinernen Hütten mit ihren hohen Mauern und 
hochgiebligen Schieferdächern, die nicht über die Mauer 
hinausragen, hatten, in der Nähe gesehen, ein recht un- 
heimliches und zugleich unmaleriscbes Aussehen. Endlich 
erschien ein älterer, noch robuster Mann, und öffnete eine 
der Hätten, deren Inneres von Unflath strotzte. Bald kam 
auch ein Bube mit den ausgehungerten, mageren, kleinen 
Kühen angerückt, die in ein Gehäge getrieben, und dort 
unter Fluchen und Zanken der beiden Hirten gemolken 
wurden, aber nur wenig Milch gaben. Die kleine Scbaale, 
die mir auf mein Ansuchen gereicht wurde, stillte meinen 
Hunger nicht, und sonst wurde mir Nichts geboten. 
Nachher langten noch einige mit Heubürden beladene 
Männer und Weiber an, und kochten sich ihr unappetit- 
liches Abendessen, an dem ich, selbst wenn man mich 
dazu goladen, nicht hätte Theil nehmen .mögen« Mit 
leerem Magen und übelgelaunt r verlangte ich, als die 
Nacht anbrach, nach meinem Lager geführt zu werden. 
Man wies mir eine nahe Hütte, wo in hohen Haufen das 
lockere, so eben eingebrachte Heu lag, und tiberliess es 
ntir, im Dunkeln mich darin .zurecht zu finden — was 
nicht eben leicht war. Denn kaum glaubte ich in dem 
mit Disteln und stechenden Stengeln angefüllten Heu mir 
leidentüch gebettet zu haben, eo sank ich mit dem Schwer- 
punkt des Körpers, Kopf und Beine in die Höhe gestreckt, 
keilartig in das luftige Lager hinein — Bald kam auch 
die saubere Rotte der andern, Männer und Weiber,, sich 
im Heu ihr Lager zu suchen. Sie vertieften sich mehr 
in den Hintergrund, wo das Heu wahrscheinlich schon 
längere Zeit lag, und sich gesetzt hatte. 

Unter vergeblichen Versuchen, mir ein erträgliches 
Bette zu bereiten, und zum Uebermass des Unbehagens 
von kleinen Peinigern: geplagt, die sich mir in der Seira~ 
hätte angehängt, erwartete leb sehnlichst den Hag, und 



— 328 — 

wie er durch die Ritzen der hohes Hüttenthüre zu graue» 
begann, war ich auf den Beinen, bemüht, meine in deso- 
latem Zustand sich befindende Toilette zu ordnen. Vor 
Kälte schlotternd, suchte ich vergebens nach Wasser zunr 
Waschen und Trinken. Die Zeche war, im Einklang mit 
dem Genossenen, sehr gering. — Missmuthig. und unaus- 
geruht, zerstochen und zerkratzt, mit einem Wort, ii> 
bedauernswertem Gemüths- und Körperzustand, und nur 
bedacht, so schnell als möglich aus diesem SchmutzpfuhL 
herauszukommen', zog ich ohne Frühstück von hinnen, 
das mir übrigens auch nicht geboten wurde. ' Leichten 
Fusses und eben so leichten Magens, froh, wieder in 
Gottes freier Natur zu sein, schlug ich einen Pfad ein, 
der mich westwärts, längs dem Abbang des Rückens, 
der den Hintergrund des B r e g g i a t h a 1 s gen Norden 
schliefst, nach einem kleinen Plateau brachte, wo ver- 
schiedene Wege sich kreuzten. Ich war wieder im Gan- 
ton Tessin. Der schon erwähnte Strauch kam in Menge 
vor. Ich wählte den Weg, der über einen mit jungem 
Laubwald bedeckten Bergesrücken hinunterführt«, welcher 
der Grenze entlang nordwärts ins Val Mara sich ab- 
senkt. Der Abhang zu beiden Seiten, wenig tiefer als 
der Rücken, war weithin mit undurchdringlichem, Jiobent 
Gebüsche bewachsen, was der Gegend einen einförmigen, 
traurigen Charakter gab. Aussicht war keine. Man sah 
nur nach dem langgezogenen Rücken des Coltao di 
Creccio hinüber, und zur Linken auf die busehumsäumte 
Alpe von Arogno hinab. MeinUnmutb über die schlaf- 
los verbrachte Nacht war durch die frische Luft, Bewe- 
gung und den Blick ins Grüne schon gemildert worden, 
und fand hier willkommenen Anlass, sieb vollends aus- 
zulassen. Sowie ich nämlich das Buschwerk betrat, 'ge- 
wahrte ich zu beiden Seiten des Pfades > in kleinen 
Distanzen, an in den Boden gesteckten Stäbchen oder an 
den Zweigen Vogelschlingen, die aber meist unversehrt 
waren, und die ich mir kein Gewissen machte, im Vor- 



— S2f9 — 

beigeben mit dem Stocke springen zu lassen. Die Beule 
war diesen Morgen sehr gering:. Einmal traf ich ein 
kleines Vögelchen, das ängstlich zappelnd, mit zerknick- 
ten, blutenden Füssen in einer Schlinge hing; ein ander- 
mal einen grösseren Vogel, der noch unversehrt war, und 
losgemacht wurde. Diese Schlingen sah ich auf eine 
Strecke von IV3 Stunden — denn so lange brauchte ich, 
tun über den bewaldeten Abhang, an dem man sich zu- 
weilen gar nicht orientiren konnte, hinunterzukommen. 

Seitdem ich mein Nachtlager verlassen, war mir nuf 
ein Köhler mit seinem kohlenbeladenen Maulthier begegnet. 
Wie ich aber dem Fuss des Abhanges mich näherte, wo 
auf einem kleinen Hügel; der demselben entragt, ein 
Vogelheerd steht, begegneten mir zwei Vogelfänger, def 
eine Schlingen, der andere Stäbchen tragend. Es waren 
recht verkommene Gaunergesichter, die, hätten sie ge* 
wusst, wie es um einen grossen Tbeil ihrer Schlingert 
stand, mich kaum so ungeschoren hätten ziehen lassen. 
Hier kamen Brombeeren in grosser Menge vor, die ich 
mir schmecken Hess. Ich war froh, bald darauf aus den* 
Dickicht heraus und auf das Fahrsträsschen zu kommen 5 , 
das von Lanzo nach Arogno führt. Däneben floss die 
kleine Mara, an der ich endlich den Durst löschen 
konnte. — Hat man den Bach und das Strässchen über- 
schritten, so ist man schon am südlichen Abhang des 
Oolmo di Creccio, dessen westwärts streichender 
Rücken hier sich zu heben beginnt Einen Pfad verfol- 
gend, der horizontal dem Abhang des Berges entlang 
ging, schien es mir bald, als ob er nicht auf den Rücken, 
sondern nach einem einsamen Hause (auf Dufour's Karte 
Casa del Ferraro genannt) führte. Ich verliess ihn 
daher, und arbeitete mich, steil ansteigend, mühevoll 
durch dichtes, fast undurchdringliches Gestrüppe hindurch, 
wo bie und da die Spur von Ziegen sich zeigte. Es war 
eine heisse Arbeit, denn die Sonne brannte schon tüchtig, 
und das dichte Gebüsche Hess kein Lüftchen zu. Zulettit 

21» - 



— 330 — • 

gelangte ich aber doch auf lichtere» Terrain and aaf den 
aussichtsreichen freien Rücken des Colin o di Creceio, 
dessen weit sich ausbreitende östliche Abdachung ffiH 
Weiden und Gestrüppe, zuweilen auch mit verkümmerten 
Buchengruppen bedeckt ist Der Morgen war prachtvoll 
Geröthete Schneekuppen und Felsspitzen tauchten am 
Horizonte hervor, der mehr und mehr sich erweiterte. 
Vor mir her ging ein Vogelfänger nach dem westlichen 
Abfall des Rückens, wohin auch ich, noch immer etwas 
ansteigend, mich wendete. Als ich endlich dessen Ende (f) 
erreicht, und noch einige Schritte über den Abhang hin^ 
untergegangen, wo noch Alles im Schatten lag, und das 
Gestrüppe und dazwischen wuchernde Gras von Ttao 
trieften , da entfaltete sich plötzlich ein wahrhaft bezau- 
berndes, auf die öde Gegend, die ich so eben durch- 
wandert, doppelt wohlthuendes Bild. In der schönsten 
Färbung lag der Spiegel des Lago di Lugano «od 
seine herrliche Umgebung weit ausgebreitet unter nur. 
Drüben tauchte das heitere lachende Lugano aus der 
blauen Fhith, und umkränzte mit seinen blinkenden Häu- 
serreihen und Villen einen grossen Theil des weit sieb 
rundenden, reizenden Busens, den zur Linken die drohen- 
den Wände des S* Salvatore, zur Rechten die grüne 
Pyramide des Monte ßoglia, und im Hintergründe 
die leuchtenden Eishänge des Monte Rosa beherrsch- 
ten. Jenseits der langen Brücke, die heHblinkend und in 
zierlichem Gontraste die grünblaue Fluth durchschneidet, 
spiegeln sieh im Schoosse dunkler Hänge die stillen 
Buchten von Gapo Lago und Morcote; jene von 
Porlezza wird durch den Monte Caprino beharrlich 
dem Auge entzogen. Zur Linken in der. Tiefe guck* 
■wieder Arogno freundlich aus den buschigen Lanbmassen 
der Kastanienbäume hervor. Ein Greissweg führt über 
einen jähen begrasten Kamm (ii) zum Dorfe hinab. Mein 
Ziel waren jedoch die Weinkeller von Caprino, am 
Fusse dos Berges gleichen Namens. 



— 331 — 

Nachdem ich mich, in Ermanglung «Ines Bessern, mit 
Heidelbeeren erfrischt, ging ich in östlicher Richtung «ine 
kleine Strecke wirtick, um auf dem Röcken eines nord- 
wärts sich abzweigenden Ausläufers (o) des Colmo di 
Creccio eine Erhöhung des Monte Caprino (p) zu 
gewinnen, welche diesen Ausläufer etwas überragt und 
sein Ende bildet. Ieh kam bei einer aus Aesten gebauten 
Hütte eines Köhlers vorbei, der hier, Angesichts einer der 
schönsten Landschaften, mit Weib und Kind, einigen 
Hühnern und Ziegen haust. Er hatte den Abhang weit- 
hin seines grünen Schmuckes beraubt. Das dürre Busch- 
werk lag wie abgemäht in regelmässigen Linien auf dem 
ausgedörrten Boden, dem kein Blatt mehr entsprosste, 
und der so aufgelockert aussah, als ob ein einziger tüch- 
tiger Platzregen die ganze Pastete nach dem See hinab 
bätte schwemmen können. Der erwähnte Gipfel des Monte 
Caprino bot wieder ein höchst reizendes Bild; die But&t 
von Porlezza öflnete sich zusehends. Man mag sich 
auf diesen, den See hoch überragenden, Höhen wenden 
*wtohin man will, überall werden sich die entzückendsten 
Ausblicke ersehUessen. — Am westlichen Abhang des 
Vorsprungs hinuntersteigend, gelangte ich über Grashänge 
und durch Buschwerk, wo das Cyelamen seine Wobige- 
TÜche spendete, zu der Sennhütte l'Alpetta. Sie liegt 
In einer Vertiefung, und ist von einem Nussbaum über- 
schaltet — dem ersten, den ich seit Seudelatte ge- 
sehen. Ein kleines Mädchen stand vor der Wohnhütte, 
and einige Schweine wälzten sieh behaglieh im warmen 
Kotb. Das Mädehen hatte sich in einer Schaale Milch 
Brombeeren gequetscht, und war bemüht, sich denTÖtblichen 
Brei mit den Fingern zu Gemüthe zu führen. Nicht in 
den zarten, wie hingehauchten Tönen, worin Eva's Töchter 
reiferen Alters mit sachkundiger Hand die verblichenen 
Rosen ihrer Wangen neu erblühen lassen, sondern mit kecken 
Zügen hatte sich die junge Italiänerin das Gesicht bis 
hinter die Ohren bemak. Sie unterHess nicht, die Ankunft 



— 33.2 — 

«tpes Fremden zu melden, was einige dunkle bärtige 
Gesichter unter die niedere Hüttentbüre brachte, • die mich 
scharf musterten. All* meine Beredsamkeit zusammen- 
nehmend, sprach, ich ohne Zweifel etwas unklar mein 
Verlangen nach Milch aus; denn die Leute sahen sich 
bedenklich an, und schüttelten die Kopie. Da nahm ich 
meine Zuflucht zur Zeichensprache. Emsig in der Luft 
melkend und wieder. aufs Porte-monnaie deutend, sah ich 
ihre Physiognomien alsobald aufleuchten, und mein lacta 
in latte berichtigend, schritt einer der Männer nach der 
gegenüberstehenden Hütte, wo ein Vorrath von Käsen 
im Durchmesser von 1 — 2 Schuhen bis auf die Grösse 
einer Tabacksdose hinunter aufgespeichert war» Er reichte 
mir eine Schmale Milch, die schnell geleert, und bereit- 
willigst wieder gefüllt wurde. Von einem Jungen geleitet, 
bis ich nicht mehr fehl gehen konnte, stieg ich dann au/ 
rauhem, steilem Pfade durch niederes Gestrüppe, das 
freie Aussicht Hess, in nordwestlicher Richtung lange 
abwärts, erreichte endlich den mit frischen Matten, Reben, 
Maulbeer-, Nussr und Kastaqienbäumen umhüllten Fotf 
des Berges, und beim Weiler S. Carlo das. Gestade. 
Ich befand m|ch in einer kleinen, ostwärts von maleri- 
schen Felsen umschlossenen Bucht, die schroff dem gra " 
blauen Wasserspiegel entstiegen, und oben mit Bäumen 
und Gesträuch überhangen waren. Drüben schimmerte in 
weitem Rund, scharf vom Ultramarin des Sees umgrftmt, 
und von pittoresken Gebirgsformen umlagert, das häuser- 
reiche Gestade von Lugano. Rein Laut drang zu °^ r 
herüber aus der geräuschvollen Stadt, nur das Plätschern 
der leicht sich kräuselnden Wellen, und .das leise Rauschen 
der über mir wogenden Baumwipfel störte die heimliche 
Stille des Ortes. In dieser klaren, kühlen Fluth sieb «u 
baden, sie zu zertheilen, war wahre Götterlust* Ein Blaus 
anerbot sich, mich im Kahn nach Lugano hinüber zu 
/ühren. Mein Plan war aber, zuerst die Grotten von 
Caprino zu besuchen, und daijp dem Gestade entlang 



— «ag - 

«u Fass nach . C a m pi ob e zu gehen. Gestärkt und wi« 
neugeboren stieg ich den Pfad hinan, der oBtwärts auf 
das hohe felsige Ufer führte, das oben mit sammtartigen 
Matten bekleidet ist, über welche schlanke Wallnuss- 
und knorrige Kastanienbäume ihr schattiges Gewölbe aus- 
breiten. Bald lichten sich die hohen Laubhallen wieder, 
und das. überraschte Auge, taucht in die von dunkelbe- 
waldeten Bergen umthürmte und von einsamen Ortschaften 
erblinkende Bucht von Porlezza. Unter sich am Gestade 
erblickt man die Mauern und rothen Dächer der Felsen- 
kellen Dort regte, sich indeas keine Seele, kein Laut Hess 
«ich auf mein wiederholtes Rufen hören. Um nicht ver- 
gebens hinunterzusteigen, nahm ich an, sie seien ge- 
schlossen, und verzichtete auf den Genuas des edlen 
Saftes. Da ich wieder in der Tiefe war, durfte ich hoffen, 
bald anderswo mich : erfrischen zu können. 

Nach . S. Carlo zurückkehrend, verfolgte ich den 
Weg, der nach Campione führt Er erhebt sich gleioh 
hinter. dem Weiler zu einer Höhe von 5—600 Fuss, und 
schlängelt sich auf- und abwärts dem Abhang entlang, 
aber nie so tief als das Gestade, das schroff und hoch 
ist. Bald wandelt man auf blumigen, sonnigen Matten, 
wo die bunte. Schaar der Schmetterlinge sich tummelt, 
Käfer schwirren, emsige Bienchen summen, bald über 
.feuchtbegraste Vorsprünge, im Halbdunkel der Kastanien- 
lind Wallnussbäume, zwischen, deren von sonnigem Glanz 
erfüllten, über die Berghälde sich neigenden Blätterwerk 
.die blaue Fluth winkt, bald unter Rebgewinden, Feigen- 
und Maulbeerbäumen; wieder vertieft man sich in eine 
bewaldete Schlucht , wo ein zum See hinab perlender 
Bach Kühlung verbreitet, und einen erfrischenden Trunk 
, spendet, oder man geht an tiefem Abhang entlang, 
während über des Wanderers Haupt nackte Felsen 
ragen. Bei jedem Schritt wird das Auge durch neue Er- 
scheinungen gefesselt. ■ — Ich traf hier mit einem Polizei- 
diener zusammen, der mich eine Strecke weit begleitet?. 



— 384 — 

Eine Art Crispinus en miniature, stahl er Nüsse von den 
Bäumen, reinigte und öffnete sie, und bot mir auch davon 
an. — Hat man eine Kapelle erreicht, von der ein Weg 
links nach Arogno hinüberführt, so geht es schnell nach 
Campione hinunter, das dicht am Gestade liegt, und 
mit üppigem Wachsthum umgeben ist» Es war Mittag 
wie ich, in der Absicht, mir hier gütlich zu thun und 
die beissesten Stunden vorübergehen bu lassen, den Ort 
erreichte* Ich hatte nun seit etwa 30 Stunden nichts 
Solides genossen, und verlangte sehr nach Stärkung. 
Wie ich jedoch die Osteria betrat, das über und über 
-besudelte Tischtuch und die darauf und am Boden zer- 
streuten Fischgräte sah, fand ich nicht den Muth, mich 
der Küche anzuvertrauen. Es kostete mich die grösste 
Ueberwiadung, nur in der säuischen, stinkenden Wirths- 
stube zu bleiben, und auf einen der mit schwarzem, kle- 
brigen Schmutz belegten Stühle mich zu setzen. Dennoch 
musste ich Etwas genlessen, beschränkte mich aber auf 
die in solchen Fallen einzige und beste Ressource, Käse, 
Wein und Brod, die ganz geniessbar waren. Campione 
soll, wie Rovio, Bissone und Bfelide, trotz allem 
Unrath, die Wiege bedeutender Künstler gewesen sein. 
Es ist der einzige Ort der kleinen lombardi-scben 
Enclave. 

Es war 1 Uhr, als ich auf gutem Fahrsträsscben, wo 
kein Lanbdach mehr den Wanderer schützt, und er ohne 
Gnade den sengenden Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, dem 
See entlang weiter zog« Man passiert eine dicht am Ufer 
sich erhebende Kirche, zu der vom Wasser eine pompös 
angelegte Stiege führt. Sie ist mit Gras bewachsen, und 
auch die Kirche scheint der Vernachlässigung Preis ge- 
geben zu sein. Von hier thut sich ein prachtvoller Blick 
in die verschiedenen Buchten des Sees auf. Bis zur 
Brücke, die nach Melide hinüberführt, übrigens nur eine 
kleine Strecke, ist das Ufer sehr monoton. Am diesseiti- 
gen Ende der Brücke ladet eine kleine Wirttackaft zu 



— 335 — 

Erfrischungen ein* Die Brücke ist ein großartiges Werk. 
Der See'sgrund* der wohl hier nicht tief ist, seheint durch 
grosse Massen hineingeworfener Steine erhöbt worden zu 
sein, und auf dieser breiten Basis ruht die steinerne 
Brücke. Sie schweift sich nach unten aus, und hat zum 
Durehpass des Dampfbootes und anderer Fahrzeuge auf 
dieser Seite vier, bei Melide einen Bogen. Man über- 
schreitet sie in etwa 10 Minuten. Der eidgenössische 
Postwagen rasselte eben darüber hin. Keiner seiner In- 
sassen schien der Gegend die geringste Aufmerksamkeit 
zu schenken, und doch ist sie reich an entzückender 
Scenerie. 

Der Weg von Melide nach Morcote ist einer der 
angenehmsten Spaziergänge , und bot zu den Stunden, 
wo ich ihn machte, zwischen 2 und 4 Uhr, behagliche 
Kühle. Die Strasse ist gut, aber nicht belebt; ich traf 
weder Fussgänger, noch Fuhrwerke. Gegen den See ist 
sie fast beständig mit Kastanien- und Wallnussbäumen 
oder Rebgehängen besäumt, die reizende Durchblicke auf 
den blauen Wasserspiegel und die ihn umkränzenden 
Berge gewähren. An der jähen Bergseite siebt man Fel- 
senkeller, welche, einige wenige bei Melide ausgenom- 
men, alle geschlossen waren. Hat man Melide hinter 
sich, so vertieft sich der Blick zuerst in die von hohen 
waldigen Beigbäagen umschlossene Bucht von Capo 
Lago, an deren östlichem Gestade die hellscbimmernden 
Häuser von Maroggia und Melano der blauen Fluth 
sieh entheben. Ob Maroggia entsteigen den in reichen 
Laubesschmuck gekleideten Vorbergen die grünen Halden 
und kahlen, drohenden Wände des Generoso, während 
mehr südlich, dicht über Melano und Capo Lago, 
die von Felsbändern durchzogenen bewaldeten Hänge des 
vom Generoso nach Mendrisio sich absenkenden 
Bergrückens steil emporragen. Betritt man das Gestade 
jenes engen, einsamen Seeannes, der um den Monte 
Arbostora herum sich windet, so nimmt die Land* 



- 336 - 

achaft einen anderen Charakter an. Die wilden Felspartbien 
des Generoso und seines Ausläufers werden dem Blicke 
allmälig durch den Monte 8. Giorgio entzogen, der 
dafür seine eigenen, von oben bis unten in prächtiger 
Laubesfülle strotzenden Flanken weist. Weder Matten, 
Felsen noch Wobnungen beleben diese einsamen Hinge. 
Um so lebhafter erblinken am Waldessaum, von dem 
tiefazurnen See gebadet, die enggedrängten blanken Häuser 
von Brasin Arsizio und noch weiter südlich einige 
vereinzelte Wohnungen. Kaum ein Laut störte' das Schwer 
gen dieser einsamen Bucht Nur hie und da, wo das U/er 
felsig war> hörte man das Plätschern der in den Zerklüf- 
tungen spielenden Wellen. Zuweilen rauschte eine Eidechse 
im Laube, oder schoss mit Pfeilesschnelle Ober die Strasse, 
oder eine vereinzelte Cicade Hess ihr monotones Schwirren 
hören. Ein einziges Segel glitt über die harmlose Wasser 
fläche, dem am südlichen Ende der Bucht liegenden 
Porto zueilend. — Diese Parthie mahnt etwas an dfe 
Highlands am Hudson, so wie sie wenigstens tot 
15 Jahren aussahen, nur dass dort das Wasserbette enger 
ist, und sich in vielfacheren Windungen zwischen den 
dichtbewaldeten, aber nicht so hohen Hügeln dabincietot, 
deren Fuss in langen Zwischenräumen mit einem Hau* 
oder einer Ortschaft belebt war. Nähert man sich Mor- 
cote, so wird das Gestade schroffer und felsiger. An 
manchen Stellen musste der Felsen weggesprengt werdet 
um Raum für die Strasse zu gewinnen. — Einige Männer 
und Weiber des Ortes begegneten mir: In ihren Mienea 
und zerlumptem Aeussern waren Elend und Verkomme " 
heit recht deutlich zu lesen. Welche stürzten sich fttf 
mich, um mich nach dem jenseitigen Porto hintiberio- 
föhren, und etwas Weniges zu verdienen. Nach einem 
Wirthshaus fragend, vernahm ich mit Befremden, dass 
eigentlich kein solches existiere , dass aber ein Bäcker 
zuweilen Fremde aufnehme , und ab Ereigniss wurde 
erwähnt, dass jüngst ein Engländer bei ihm logirt, der 



— #37 — 

hieber kam, um zu fische». Hein Staunen über die Ab«- 
Wesenheit eines derartigen Institutes mehrte sich, als ich 
eine weit und stattlich dem Gestade entlang sieh dehnende 
Ortschaft fand. Die Häuser wären städtisch gebaut. Einige 
trugen an ihren Facaden reiche architektonische Verzie- 
rungen, die von ehemaliger Pracht zeugten; aber alle 
sahen unwohnlich aus, und befanden sich im Zustand 
der Verwahrlosung und des Verfalles. 

Ein Mann , der es übernommen mich »im Bäcker zu 
führen, wies mich durch ein enges dunkles Gässchen, 
dessen Pflaster — wie mir schien Granit — so glatt war, 
dass ich Mühe hatte mit meinen genagelten Schuhen mich 
darauf zu halten, nach einer hinteren Häuserreihe, die 
an den steilen Bergeshang sich anlehnt. Kaum hatte der 
>wtirdige Bicker, der auf seinem Balkon stand, von Wei- 
tem uns kommen sehen, und mein Geleitsmann ihm zu- 
gerufen, dass ich bei ihm Quartier zu nehmen wünsche, 
als er sieh feierlich gegen eine derartige Bescheerung 
verwahrte. Er nehme Niemand auf, ich möge gehen 
wohin ich wolle , war sein Bescheid. Nur die wie eine 
Zauberformel wirkende Bemerkung meines Führers, ich 
komme von St Gallen , er werde mich doch nicht ab- 
weisen wollen, vermochte seine Entrüstung über mein 
Zumuthen etwas zu legen, und ihn gastfreundlicher zu 
stimmen. Als ich ihn versicherte, dass ich mit Wenigem 
vorlieb nehme, und ihn durchaus nicht incommodieren 
wolle, war er bald nur Lächeln und Freundlichkeit, was 
Ach indess nicht zu hoch anschlug. Er versprach, mir 
bis 7 Uhr Etwas zum Abendessen, bereit zu halten, und 
ich suchte dann möglichst schnell der engen Gasse zu 
entrinnen, um den vielversprechenden Abend im Freien 
zuzubringen. Ich stieg die Treppe hinan , welche «teil 
zur Hauptkirche des Ortes hinaufführt, die auf einer 
Felsenterrasse erbaut ist, wo man die Dächer von Mor- 
cote und den See so dicht unter sich bat, dass man 
darüber zu schweben meint. Auf diese Kirche und die 

22 



- 33S — 

dam gehörenden fitbiultohkeittn , auf die massive 313 
Stufen zählende Stiege — der Stolz der Bewohner von 
Moroole — , die jetzt Alle dem vollkommensten Verfall 
Preis gegeben sind , und den pittoresken Effekt abge- 
rechnet, einen recht traurigen Anblick gewähren, mögen 
vor nicht gar langer Zeit Hunderttausende vergeudet wor- 
den sein. Siebt, man neben dieser * zur Ehre des Aller* 
höchsten so weit getriebenen, Verschwendung die Amratli 
und VerdienstLosigkeit der Bewohner, so drängt sieh un- 
willkürlich der Gedanke auf, ob diese Summen nicht ge- 
deihlicher und ihm mehr au Gefallen hätten verwendet 
werden können. Morcote hat nämlich hoch eine Kirche 
im Orte selbst, die «hne Zweifel vollkommen geengt 
hätte. — Von der hofartigen Terrasse der Kirche offen- 
bart sieh dem Auge ein herrliches Landschaftsbild, das 
mich reichlich für den Abstecher nach Morcote lohnte. 
Weit nach Süden hin und nach .Norden zur Linken und 
zur Rechten, um die steilen Hänge des Arbosto-ra 
hemm, breitet sieb das tief-atttrne Seebecken aus. Ost- 
wärts wird es von den reichbewaldeten Hängen des 
Monte S« Giorgio and Poncio.no d'Arxo, west- 
wärts .von niedrigen , ebenfalls dicht belaubten Högel^ 
reihen , die in schroffen Wänden nach dem See abfallen, 
umschlossen, während sich gen Süd eine Lücke Sähet, 
durch welche der Blick nach den duftigen Ebenen dar 
Lombardei schweift. Vom südlichen finde der Bucht 
funkeln im StrahL der Abendaonna aas dichtem Dunsfr- 
johleier die weissen Häuser von Porto, und erheitern 
etwas das sonst monotone, düstere Gestade. Neben mir 
weidete eine Heerde Schafe unter der Hut Von zwei 
Mädchen, die gan« charmant sangen* Dieselbe Andacht 
und Innigkeit, die den Gesang der Sänger auf dem Ge- 
nerös o so rührend machte, dieselbe ungekünstelte) 'kind- 
liche Naivetät wehte durch das einfache Lied. Hört mato 
hei ans Kinder singen* so ist es fast als ob man den 
Schulmeister tait singen hörte -r hier scheint jede* Ton 



— *3« — 

det Ausdruck der innersten Regungen dfes JugendMcheh 
Gemüthes za sein. 

Der im Racken der Siehe «teil rieh bebende Abhang 
Mäd mich ein , noch höher au steigen. Den breiten Weg 
bei Seite* lassend , der hinter der Kirche wir Rechten in 
weiten Windungen hinanführt, verfolgte ich einen kleinin 
Pfad , welcher durch ausgedörrtes Gestrüppe und * über 
^Gestern nach dem klippigen Grate führte , der das scharfe 
südlichst© Ende des Monte Arbestora bildet. Die Kirche 
steht auf diesem Grate; dicht dahinter ist er aber un- 
nahbar, weil abgeschlossene, mit Beblauben und Frueht- 
bttmnen bepflanste, Terrassen daran herum angelegt sind. 
In dem von der Sonne ausgebrannten Brdreich, iwfscben 
den Klippen des Grates, fielen nur verschiedene nie ge- 
sehene Ffiansen auf. Wenn irgendwo, müssten hier Vi- 
pern vorkommen, von denn es, nach Aussage der Reise- 
handbücher, an diesen Gestaden wimmeln soll. Zeh sah 
aber während meines gausen Aufenthaltes am Luganer- 
eee auch nicht eine. Der Grat führte mich bald cur 
Mauer des < Casteües , das einst auf diesem Vorsprang 
stand, und etwa 700 Puss über den See sich erheben 
mag. Vorrageade Steine boten eine sichere Stiege cur 
ErkMmmung der Mauer, die sich um einen weiten freien 
Rasenplan herumzieht, der tekhlich mit Kirschlorbeer- 
und andern Biumen beschattet ist. Wäre dieser Hat« 
in der Nabe eines civiüsierten Ortes, er würde häufig 
au Picknfcks und andern Anlässen bqnutut werden, oder es 
stände «ine gute Wirthsehafr eben. Denn der Ausblick 
ist einsr 4er reitendsten, und aasgedehnter als von der 
soeben Terlaasenen Platefonn, obsehon dort das Gemäuer 
der Kirche, die von Bebenguirteden und anderen Schling- 
pflanaen überwucherte Terrasse und Felsen, und die retben 
Dächer vod Morcote dem Bilde eine viel reiebere Staf- 
fage geben , als hier die ausgedörrten , gelben Abhänge. 
Am «ördKohen Rande des Basenplans sind einige Häuser; 
dahinter hebt sich sanft ansteigend de« weite waidige 



_ 340 — 

Rücket) des Monte Arbo stora. Ich hatte halb and 
halb im Sinne , nächsten Morgen über diesen Rücken des 
S; Salvatore zu gewinnen, gab aber den Plan auf» als 
ich sahj wie dicht er bewaldet ist, dass ieh vielleicht 
Mühe hätte durchzukommen, und möglieber Weise keine 
Aassicht hätte. 

Als die Sonne von der lieblichen Landschaft Abschied 
genommen, stieg ich, den Grat rechts lassend, über den 
weiter unten mit Kastanienbäumen bekleideten Abhang 
hinunter, und war bald auf dem breiten Weg, der zur 
Kirche hinabführt und auch mit baisbrechend , glatten 
Steinen belegt ist. Nachdem ich einen letzten Blick von 
der Terrasse auf das schon in die Schatten der Däm- 
merung sich hüllende Seebecken geworfen, stieg ich vor- 
sichtig die glatte Stiege hinunter. Auch die Schafe traten 
den Rückweg an, hie und da in einer Kapelle am Wege 
verweilend und sie verunreinigend. — Der Abend war 
so schön, dass ich nur ungerne, aber dennoch ganz aal- 
gelegt, einem copiösen Abendessen scharf zuzusetzen, das 
dunkle Gässehen aufsuchte , wo mein Wirth wohnte. Die- 
ser war ein merkwürdiger Patron. Er hatte sich irgendwo 
einige Worte französisch angeeignet, und wenn ich glaubte, 
ihm etwas klar vordemonstriert zu habm-, worin sein un- 
aufhörlich wiederholtes und immer mit Lächeln begleite- 
tes si, si, st, oder oui, out, oui mich bestätigte, so 
stellte sieb nachher heraus, dass er von Allem kein Jota 
verstanden. Sein Haus war das reinlichste, das ich in 
diesen Gegenden gefunden. Im Abendessen dagegen sah 
ich mich bitter getauscht Es war armselig und mager. 
Die MSaestra, nur Reis, Wasser und Petersilie, kaum 
gekocht, machte ein Sehnen nach den Specktöpfen von 
Scudelatte in mir rege. Das Lager wurde mir zu 
oberst in dem alten Hause angewiesen. In den unteren 
Etagen lagen Haufen von Seidenwünner-Cocons. Nach- 
dem ich mich an den Bildern ergötzt, die an der weissen 
Mauerwand hingen, und nach dem schmalen sternbesäe- 



— 341 — 

tea Himmelsstreiten gesehaut, den die duokelo Dächer 
wir zu sehen vergönnten, und der einen schönen Tag zu 
verkünden schien , legte ich mich ohne Arg auf das weite 
Bette. Ruhe sollte mir jedoch keine werden. Während 
ich doch gar nicht erhitzt war, schien mir bald als läge 
ich im Feuer drinn. Nachdem ich mich einige Stunden 
herumgewälzt, immer hoffend der Schlaf werde zuletzt 
Alles überwinden, machte ich Licht» und fand nun zwar 
ein reines Bette, das aber schon Jemand, wohl die Ge- 
beine des Engländers in seine Falten aufgenommen hatte. 
Ein munteres Völkchen , ungehalten dass seine Beute ihm 
entronnen, tummelte sich in diabolischen Sprüngen darauf 
herum. Nachdem ich einer dicken, verdächtig -dunkeln 
Decke ihren Platz für den Rest der Nacht auf dem Bo- 
den aalgewiesen , und die lästigen Gäste vertilgt , fand ich 
wohl Ruhe, nicht aber den mir so bedürftigen Schlaf. 
Dass ich unter solchen Umständen früh wieder reisefertig 
war, und mich, sehnte, ins Freie zu kommen, ist begreif- 
lich. Die Zubereitung des Kaffees, den ich Abends be- 
stellt, Jag noch in weiter Ferne, denn die Wirthin hatte 
schon das Weite gesucht Da es aUem Anschein nach 
einen heisseu Tag geben sollte, und ich die kühlen 
Morgenstunden benützen wollte, verzichtete ich darauf, 
und verliess Moreote um 5 Uhr, indem ich die Strasse 
einschlug, die um den westlichen Fuss des Monte Ar- 
boatora herum nach Figino führt In einem der kleinen 
. Gemüsegärten, welche ausser dem Orte * zwischen der 
Strasse und dem See angelegt sind , sah ich die Bäckerin, 
barfnss und sonst sehr en Neglige*, beschäftigt, Kraut zu 
schneiden. Jetzt noch eine schöne Frau, mag sie früher 
eine auffallende Schönheit gewesen sein» Statt eines Kaf- 
fees , musste ich mit einem „bnon viaggio" und einem 
Blick ihrer grossen schwarzen Augen mich begnügen. — 
Die Strasse führt dicht dem Gestade entlang , und ist zu 
beiden Seiten fast beständig mit Kastanien« und Wail- 
nnasbäufioen überhangen. Auch die steilen felsigen Hänge 



- 142 - 

des Arbostora Bind gans mit KastaoienwaM bedeckt 
Der Berg erhebt sieb so hart an der Strasse, dass den 
Bewohnern von Morcote fast kein Boden sum Pflanzen 
von Feldfrüchten bleibt. Man passiert vieie Felsenkeller, 
die mit starken Thüren und guten Schlössern versehen 
sind, was wohl noth wendig, denn die Gegend ist einsam 
und bis Figino kaum bewohnt. Die Strasse ist gut, 
seheint aber wegen Mangel an Verkehr selten gebraucht 
zu werden, nnd ist mit Gras bewachsen. Diese Partie 
des Luganersees ist wohl die wenigst ansiehende. Der 
See ist breiter, das jenseitige Ufer entsteigt in eenk- 
vedifen niedrigen Felsenmauern der blauen Fläche. Hebet 
•ihrem bewaldeten Rücken ragen in einiger Entfernung, 
nur allmälig sich erhebend und eben so dicht umlaubt, 
abgerandete, unmalerische Berge empor. Nachdem man 
•den Westlichen Vorsprung des Monte Arbostora um- 
gangen , ändert steh plötzlich die Scenerie. Vom Fbss, 
den Hängen und Höhen des bewaldeten Rückens, der 
hinter Figino sich erhebt, ostwärts das Scairolo- 
thal, westwärts den Busen von Agno beherrscht, er- 
glänzen im Morgenstrahl stas Kastanienwaldesdunkel hei- 
tere Dörfer, Kirchen und Landhäuser. Drüben erbebt sieh, 
vom lieblichen See fest ringsum bespült , der dichtbelaubte 
Monte Caslano, und mehr nördlich die mit weissen 
Häusern besäeten Abhänge des Monte Tamaro. Bei 
Figino verlies» ich das Gestade nnd verfolgte die Sttaase, 
welche dureh's Scairolotbal nach Lugano Jährt. 
Sie zieht sich diefat dem Fusse des Arbostora ent- 
lang, durch kühle schattige Gründe, reichfcewtfsaerte Wie- 
sen und Frachtgelder, an denen die gfosse Trockne dieses 
Sommers spurlos vorübergegangen. Etwas vor Gianda 
schlug ich einen Pfad ein, der steil ansteigend, maleri- 
sche Partien und aussichtsreiche Punkte bietet, und mich 
nach Carabbia brachte > ein reisend gelegenen Dorf, 
durch welches die Strasse von Carona nach Lugano 
führt. Bisher war ich immer 'im Schatten gegaagtn, und 



- 343 — 

selbst hier vermochte die Sonne noch nicht mich *u err 
reichen. Von Carafobia stieg ich in nordöstlicher Rieh? 
tung den mit schöner Vegetation bekleideten Abhang 
hinan. Bald erreichte ich Weideland, das mit jungem 
Buchenwald abwechselte, und eine freie Terrasse, wo 
der Weg sich theilt. Nordwärts führt er horizontal dem 
Abhang entlang durch Buchenwald, ostwärts. nach dem 
freien Grat des Berges, den die Felsenklippe des S. Sal- 
vatore hoch fiberragt. Ich wählte den erptern, verlor 
aber bald jede Spur, und stieg aufs Gerathewohl, in 
nordöstlicher Richtung, jähe mit lichtem Wald bedeckte 
Grashalden hinan. Nachdem eine dichtbegraste Bergkante 
erreicht und umgangen war , befand ich mich auf eine* 
von der Westseite der höchsten Koppe nordwärts sieh 
absenkenden, spärlich bewaldeten Grashalde, die ich. über- 
schritt. Hier vernahm ich Stimmen, und bald darauf ger 
rieth ich auf den Weg , der von L u g a n o auf den Berg 
führt, erreichte die umwaldete Kuppe, dpa Haus, welches 
unter der Kirche steht, und endlich das Plateau, auf 
welchem diese sich erhebt Es war etwa 8. Uhr: 

Während der etwa 2500 Fuss höhere Monte Ge- 
ne ro so 4ine fast ins Unendliche sich ausdehnende Fern- 
sicht bietet , ist der Blick hier beinahe ringsum gehemmt 
durch die »Berge des transcenerischen Teasina, 
die in grösserer oder kleinerer Entfernung daa Bedke« 
den Luganersees umgeben. Mit Ausnahme der Walr» 
liserkette, vom Monte Rosa bis zum Monte Leone, 
«st nichts vom weiten Alpenrund au sehen, dessen An- 
blick und Entzifferung immer so grosses Interesse ge- 
währen, und auch nach den Fernen Ob er Italiens sind 
nur spärliche Einblicke gestattet. Für die Abwesenheit 
jenes weiten Horizontes wird indess dem Schauenden 
Ersatz in der zunächst ihn umgebenden Landschaft,. -die 
an Farbenpracht, Glanzeifülle und Lebendigkeit, an Raieh- 
thum und Abwechslung der Scenerie wohl Alles übartriflfc, 
was ich bisher gesehen. Man befindet «ich in Mitte <fer 



- 344 - 

paradiesischen Gegend, nach der das Auge vom Gene- 
roso aus sich sehnte, und fiberblickt somit wenigstens 
das Schönste von dem, was jener bietet, nur dass hier 
diese Partien , weil näher gerückt, noch glanzvoller, 
lebendiger sich präsentieren. Fast überall umspielen blau- 
grüne Flutben den S. Salvatore, und umfächeln mit 
Kühlung seine von der Sonne durchglühten Wände. Kaum 
-weiss der Wanderer wohin er zuerst den trunkenen Blick 
wenden soll; es ist in diesem bezaubernden Bilde nichts, 
'das ihn abstösst, wohin er siebt wird er gefesselt. Dort 
lacht ihm heiter und lustig, mit hundert und hundert 
Wohnungen besäet, das sonnige Gelände von Ponte 
Tresa und Agno entgegen, lebhaft von der azurnes 
Spiegelfläche der. Buchten gleichen Namens sich abhe- 
bend, während darüber hin ein Stück des Lago Mag- 
giore winkt. Nordwärts, dicht zu Füssen, breitet sich, 
von der Natur mit jeglichem Reize ausgestattet, der 
Busen von Lugano, die ihn umkränzende Stadt, das 
dahinter sieh erhebende reichgesegnete Fruchtgelünde, der 
kleine, Muzzanosee aus, und stolz thront über dem 
entzückenden Erdenwinkel die Pyramide des Monte 
Boglia. Welchen Gontrast bietet, wenn das Auge mehr 
rechts sich wendet, die bis an sein Ende sich enthüllende, 
hier von steilen in Waldesdüster gekleideten Hängen, dort 
von kühnen Felsnadeln umragte Bucht von Porlezza, 
deren einsame Gestade nur selten von einer kleinen Ort- 
schaft erglänzen! — Wie unvergleichlich schön ruht in 
der Tiefe, am Fnss der grausenerregenden, ostwärts ab- 
stürzenden, Felswände des S. Salvatore, von hohen 
Bergen umkränzt, der magisch gefärbte Seespiegel! Wie 
jugendlich frisch schimmern aus dem sonnigen Grün be- 
waldeter Hänge die Arme, welche er nach Capo Lago 
und. Morcote sendet, und welche Weihe verleiht nicht 
dem Ganzen die majestätische Riesengestalt des Monte 
Rosa, der mit dem Purpurglanze seines Eispanzers das 
grüne Bergesgewitnmel überschüttet! Es ist ate ob Matter 



- HS - 

Natur mir das Schönste, was die Südseite der Alfcten zu 
biete» vermag, würdig erachtet hätte dem glanzvollen 
Bilde als Hintergrund zu dienen. 

Wo jene so Ueberschwengliches gethau, um Auge 
und Herz zu erfreuen, sollte man denken, wäre der 
Mensch nicht zurückgeblieben, und hätte sich bemüht, 
durch Annehmlichkeiten, die kein Wanderer gerne ver- 
miest, den Aufenthalt auf dieser Höhe noch genuss- 
t eicher oder wenigstens erträglicher zu machen. Eine 
Kirche steht nun zwar oben ; ihre kahlen Hauern stechen 
recht traurig gegen den schönen Oottesgarten ab. Wenige 
Tage ausgenommen ist sie wahrscheinlich das ganze Jahr 
geschlossen, und ihr einziger Nutzen scheint darin zu 
besteben, dass ihre Mauern dem Besucher das Fremden- 
buch ersetzen, denn sie sind über und Über beschrieben; 
oder dass sie vor den sengenden Sonnenstrahlen schützen, 
wenn man sich auf der nicht von der Sonne beschienenen 
Seite dicht daran hinlegt — denn kein Baum beschattet 
diesen heissen Felsenplan — , Yortheile, die jedoch da- 
durch, dass sie einen freien Umblick verhindert, wieder 
aufgehoben werden. Will der Wanderer ausruhen , so legt 
er sich auf den kümmerlich begrasten Boden, oder er 
setzt sich an den Rand der Felswand, die furchtbar steil 
zum See abstürzt — keine Bank ladet dazu ein. Und wie 
steht es mit Erfrischungen auf dieser Höhe, die jener des 
^reudenberges bei St. Gallen oder Uetliberges bei 
Zürich gleichkömmt, wo so reichlich für die Bedürfnisse 
des Besteigers gesorgt ist? Nicht ein Tnmk Wasser ist zu 
haben, geschweige denn etwas Solideres. Aber der Weg, der 
nach Lugano hinabführt, ist doch gewiss gut? Man er- 
röthet beinahe zu bekennen, dass er eine grosse Strecke 
weit jenen baebrinnenartigen Charakter hat, wo der spitzen 
Steine wegen grobe Bergschuhe ebenso sehr am Platze sind, 
wie bei einer rauhen Gebirgspartte. Dennoch entblöden sich 
die Bewohner Lugano's nicht, darüber zu klagen, dass 
ihre Gegend nicht nach Verdienen gewürdigt wird , und 

22* 



- 346 — 

Vergleiehungen mit den stark frequentierten Gegenden 
der nördlichen Schweiz anzustellen. 



Ein Jahr später, am 24* August 1858,. fuhr ich mit 
dem Dampfboot von Lugano nach Bissone. Es war 
das dritte Mal, dass ich die Partie machte, und ich 
musste mir wiederholt gestehen , dass eine . Fahrt auf 
diesem Seebecken oder ein Gang an seinem Ufer, zu 
deren Verherrlichung reiche Vegetation, hübsche Fels- 
particn, magische Licbteffekte so Vieles tfaun, noch grös- 
seren Genuas bieten , als wenn man den See aus bedeu- 
tender Höhe überblickt, wo jene Einzelheiten dem Auge 
verloren gehen. Knüpfen sich an seine Gestade auch 
nicht die Erinnerungen, welche dem Schweizer die Buch- 
ten des ihm durch seinen ganzen Charakter nahe ver- 
wandten Vierwaldstättersees so theuer machen, ent- 
behren sie des Rahmens der hohen.Eis- und Schneehäupter, 
die als dauernde Zeugen dessen, was dort ein schlichtes 
Hirtenvolk zur Wahrung seiner Freiheit gethan, auf die 
stillen Gewässer hernieder schauen , so gewähren sie durch 
ihre erhabenen malerischen Reize, durch die herrlichen, 
beständig wechselnden, Einblicke in die mannigfach ge- 
wundenen Buchten, die hier in bezaubernden Licbtreflexen, 
dort in dunkeln Schatten spielen , durch die erstaunlichen 
Gontraste zwischen reichbebauten lachenden Ufern, schauer- 
lichen Felswänden und bewaldeten Berghalden,, immer wie- 
der neue unaussprechliche Genüsse. 

Das Dampfboot war gedrängt voll von Landleuten, 
die den Markt in Lugano besucht. Auf meine Erkun- 
digung, ob in Rovio, dem Dorfe am westlichen Ab- 
hang des Gen er oso, wohin die Reise ging, ein Unter- 
kommen zu finden, vernahm ich, dass dort kein Hangel 
an Wirthshäusern sei. Am lieblichen Gestade von Bis- 
sone, das mit mächtigen alten Linden beschattet ist, 
stieg ich aus, um zu Fuss nach Maroggia zu gehen, 



- 347 - 

weil dort nicht angehalten wird. Die Strasse führt dicht 
dein See und dem darüber sich hebenden Bergeshang 
entlang, and gewährt' reisende Aasblicke. Hat man Ma- 
roggia hinter sich, so tritt der Abbang zurück; es dehnt 
sich ein flaches Gestade von Feldern and Wiesen aus, 
durch deren Mitte die langweilig gewordene Strasse führt. 
Zar Linken, über der wilden Schlucht, der die kleine 
Sovaglia entströmt, sieht man die jähen Grashalden des 
Gen er 080 und seine nackten Felsterrassen sich thürmen. 
Der Berg bat hier seine plötzlichste Erhebung, innert 
einer halben Stunde beträgt sie beinahe 4400 Fuss. Bald 
nachdem man die Sovaglia überschritten, gelangt man 
zu einer kleinen Kapelle, von weleher ein gutes Fahr- 
strässchen nach Rovio hinauf geht. Eine malerische 
umwaldete Brücke führt wieder über die Sovaglia, die 
man weiter oben in hohem ungebrochenem Falle als silber- 
schäumenden Faden einem dunkeln Felsentrichter entStürzen 
sieht. Im Zickzack steigt nun die Strasse den dicbtbe- 
waldeteri Abhang hinan, der keine grossen Bäume, aber 
viele Arten aufzuweisen hat. Akazien, Linden, Eichen, 
Ahorne, Pappeln, Kirsch-, Nuss-, Kastanien- und Pfirsich- 
bäume, mit Reben und anderen Schlingpflanzen umrankt, 
vermengen sich zum Dickicht, und verbreiten erquickende 
Kühlung und Schatten. Je höher man steigt, um so ent- 
zückender wird der Blick auf die Bucht von Capo Lago 
und die sie umsäumenden Ortschaften. Hie und da laden 
umschattete Bänke zur Rast ein. Wohlgerüche umwehen 
den Wanderer, und sucht er nach deren Ursprung, so 
blickt ihn aus dunklem, feuchtem Grund freundlich das 
Cyclamen an. Da wo die Strasse den weitesten Rank 
gen West macht, enthüllt sich eine herrliche Ansicht des 
See's von Capo Lago bis Melide. Vom Rücken des 
Arbostora schimmert das Dorf Carona, zu Füssen 
Maroggia und Melano. Hoch oben, am Hang der 
dicht hinter letzterem Orte sich erhebt,, und von Fels- 
wänden überragt , erglänzt eine Kirche. Südwärts von 



— 348 — 

Capo Lago dehnt eine üppig begrünte, mit Bäumen 
bepflanzte, Wiesenfläche sich aus, die hier von den be- 
waldeten Abhängen des Monte Generöse, dort von 
denen des Monte S, Giorgio umschlossen, und von 
dem bellen Band der Strasse, die nach Mendrisio 
führt, durch*ogen wird. Nachdem die Strasse jene west- 
lichste, letzte Biegung gemacht, zieht sie sich sanft an* 
steigend ostwärts nm den Abhang herum, und lenkt 
plötzlich nach dem Thalkessel ein, an dessen rechtseiti- 
gern Gelände Bovio liegt. Es war etwas nach 4 Ohr; 
die Fahrt nacb B i 8 s o n e hatte kaum ! / 2 Stunde ,. der 
Gang zu Fuss l x Jz— 2 Stunden gedauert Wie ein kleines 
Eden erschloß« sieb vor mir das abgeschiedene Bergthal. 
Sein Vordergrund ist mit frisebgrünenden Wiesen, Wein- 
ranken und massigen Baumgruppen erfüllt; der schnell 
sich schliessende Hintergrund wirft sich zu steilen, da 
und dort bewaldeten, Grasbängen auf , denen weiter oben 
schroffe Felsterrassen entsteigen. Die üppige Natur des 
Südens und die Alpenwelt des Nordens haben sich hier 
vereinigt, ein überaus anziehendes, romantisches Land- 
schaftsbild zu Tage zu fördern. Ich freute mich, den in 
reiche Farbenpracht sich schmückenden Abend im Freien 
zuzubringen; der Zufall wollte jedoch, dass ich, kaum 
im Angesicht des Dorfes, dessen Curate begegnetet der 
in der Nähe seines Hauses, dein ersten des Ortes, lust- 
wandelte, und mich zu sich hereinzog. Das Hans steht 
neben der Kirche; sein Eingang ist mit einer schönen 
Trauerweide überschattet Der leutselige Alte äusserte 
grosse Freude, einen Fremden zusehen* Er kramte seine 
Raritäten vor mir aus« Auf seiner Keller'schen Karte 
musste ich ihn bis Basel auf der Reise begleiten, die er 
einst nacb Strassburg und Cöln gemacht. Eine italiänisch- 
deutsche Grammatik sollte unserer sehr lückenhaften Con- 
vention nachhelfen. Ein gleichfalls zu Rathc gezogenes, 
altes Lexicon in verschiedenen Sprachen, womit ein Basler 
Antiquar ihn beglückt, sebieu der Stolz des würdigen 



— 349 — 

Pastors zu sein. Es enthielt ab werthvolle Zugabe eine 
Abhandlung «über die edle Waidmannskunst. — In Ab- 
wesenheit anderer dienstbarer Geister wurde ein lljäbri- 
ger Junge beauftragt, mir eine Tasse Kaffee su bereiten, 
die ganz befriedigend ausfiel Wie mich der Herr Curate 
versicherte 9 war es sein erster Versuch, und als solober 
schon geeignet , das Herz seines Protektors mit. der Hoff«* 
nung su erfüllen, dereinst den Damen seines Schützlings 
neben Vjry und Soyer am culiuarischen Himmel glänzen 
eu sehen. Da es mich drängte , ins Freie su kommen 
und eine« Unterkommens mich su versichern , empfahl ich 
mich dem Herrn Curate, der mich bis zum Wirtbshaas 
begleitete , das ganz nahe war — zur Linken des Weges, 
der nach Arogno führt Es ist, wenn vielleicht nicht 
das einzige, doch das beste des Ortes. Ein grosses ge- 
deckte« Brunnenbassin, wie man es hier zu Lande oft 
sieht, steht davor. Der Wirth schien das Glück, midi 
beherbergen su sollen, nicht würdigen zu können, und 
obscbpn mein Begleiter anempfehlende Worte für mich 
einlegte, erklärte er rundweg t mir kein Bette geben su 
können, weil seine beiden Betten von zwei Maurergesellen 
eingenommen würden , und dass ich mit einem Strohlager 
vorlieb nehmen müsse. Zu dieser Eröflhung machte ich 
ein etwas saures Gesicht ~ in einem Dotfe von nahezu 
500 Einwohnern, kaum eine Stunde von der grossen 
Strasse entfernt, nifht einmal ein Bette zu finden, war 
ich nicht gefaset — bereute aber w der Folge, mich 
nicht sogleich damit zufrieden gegeben zu haben* Der 
Herr Curate dachte nicht daran, mir ein Bette anzubie- 
ten. Seine Neugierde, die mich um den schönen Abend 
und um die Gelegenheit, mich allenfalls nach einem 
bessern Lager umzusehen, gebracht, war befriedigt, und 
er überliess mich Jnrdertun meinem Schicksal. Freilich 
machte gegenseitige Spracbunkenntniss, die keine erquick- 
liche Unterhaltung zuliess, ein längeres Beisammensein 
auch nicht wünscbbar. 



— 350 — 

Ueber den auf den Monte Generoso einzuschla- 
genden Weg hatte er mir nichts sagen können, obschon 
der Berg dicht vor seiner Nase aufsteigt Ich benutzte 
daher die wenigen hellen Augenblicke, die mir blieben, 
um mich zu orientieren. Durch eine lange dunkle, aber 
gut gepflasterte, in der Mitte mit Steinplatten belegte, 
Gasse gelangte ich an's östliche Ende des Ortes, wo ein 
rauher steiniger Weg sogleich ziemlich steil hinanfahrt, 
und der von den Hängen des Generoso gebildete Berg- 
kessel fast ganz übersehen werden kann. Etwas weiter 
hinten zweigt sich ein' Pfad in südöstlicher Richtung ab. 
Er fuhrt über die Sovaglia ah's linke Thalgelände, 
und den sehr steilen, mit Grashalden und Tannenwald 
bekleideten, nördlichen Abhang des nach Melano abstür- 
zenden Ausläufers des Generoso hinan, auf den Kamm 
dieses Ausläufers und zu den nordostwärts sich erheben- 
den Gipfeln. Der andere Weg geht ostwärts nach dem 
Hintergrund des Bergtrichters, über den von Norden kom- 
menden Zufluss der SoVaglia, an den Fuss der directe 
zu den Gipfeln des Generoso ansteigenden Hänge, 
dann eine Strecke weit jenem Zufluss entlang, und zuletzt 
wieder in östlicher Richtung über jähe Grashalden auf 
den höchsten, vom nördlichen Gipfel des Berges nord- 
wärts sich absenkenden Kamm. Der Letztere schien mir 
der bequemere zu sein, und ich wurde in meiner Mei- 
nung durch einen hinzugekommenen Mann, der französisch 
sprach, und nachher auch durch meinen Wirth bestärkt 

Ein ganzer Trupp Wildheuerinnen, ihr Anrücken durch 
das laute Klappern ihrer Holzsohlen verkündigend, mit 
enormen heugefüllten Kreuzen auf dem Rücken; kam eben 
von den höchsten Hängen des Berges herunter. Munter 
und aufgewerkt, einige derselben von auffallender Schön- 
heit, bildeten sie eine originelle Gruppe. Ihr einsiger 
männliche Begleiter war auch im Feldzuge gegen die 
Preussen gewesen. Stolz, so viel zu wissen, glaubte er 
mir das wenige Deutsch zum Besten ggben zu müssen, 



— 351 — 

das er im Thurgau im Umgang mit seihen Lagerkame- 
raden, den Milchzuaven *), erlernt, aber ein etwas schiefes 
Lieht auf seine Instrnktoren warf. Als ich durch die lange 
Gasse des einem Städtchen ähnlichen Dorfe nach der 
Osteria zurückkehrte , war es Nacht. Mein Wirth war 
sonst ein zuvorkommender Mann. Auf seinen Reisen als 
Bilderhändler durch Italien, Frankreich und Belgien hatte 
er die Welt kennen gelernt, und wusßte wohl, wie es in 
einem Wirthshause aussehen sollte. Es schien ihn gewurmt 
zu haben, dass er mich aufs Stroh beschieden — denn 
wie ich kam, kündete er mir an, dass er mir nun ein 
Bette bereitet — eine Nachricht, die mich weniger freute, 
als man, glauben möchte, weil hier zu Lande ein Stroh- 
lager manchem Bette vorzuziehen ist Da es der Mann 
jedoch gut meinte, wollte ich ihm nicht die Beleidigung 
antbun, dennoch auf dem Strohlager zu bestehen* Seinem 
andern Ich schien ich auch nicht gelegen gekommen zu sein 
— sie würdigte mich keines Wortes, nicht eines Blickes. 
Im Ganzen genommen war mir daher gar nicht behaglich 
zu Muthe, und ich wünschte mich sehnlichst wieder aus 
der dunkeln, trostlosen Kneipe heraus. Zum Nachtessen 
wurden mir einige weichgesqttene Eier, Käse, Wein und 
Brod aufgetischt — eine Minestra nicht zu vergessen, wie 
die Familie des Wirthes sie jeden Abend isst Sie sah 
.nicht unappetitlich aus, war aber zu wenig gekocht, 
. und entbehrte einer, schmalzenden Ingredienz. Sonst 
schwamm mancherlei darin herum — Fideje und Macca- 
roni, Reis und Bohnen, auch kleine lauchgrüne Stückchen, 
die ich für Gurken hielt, auf meine Anfrage aber sich 
als Kürbisse herausstellten. Was ich nie geglaubt hätte, 
als man mir die Schüssel auftrug, ist, dass ich sie leerte, 
und sogar in einiger Versuchung war, eine zweite zu 



*) Ehrentitel, den sich die Mannschaft an» Innerrboden durch 
ihre unerwarteten Leistungen in besagtem Feldzag', erworben. 



— »52 — 

verlangen. Das Lager würde mir zu oberst im Haus in 
einem weiten Gemach angewiesen, das zum Theil mit 
altem Gerumpel und AcketgerSthen angefüllt war, und 
zwei Betten enthielt Ans dem einen guckten zwei Köpfe 
hervor, Es waren die beiden Maurer, die für diese Nacht 
beisammenschliefen, damit ieh ein Bette bekomme. Eine 
Besichtigung meines Lagers liess nichts Arges ahnen, die 
Lehrtücher waren reinlich, nnd ich legte mich sorglos zu 
Bette, nachdem ich Ohr und Geld unteres Kopfkissen ge- 
legt Da waren es aber zuerst die Maurer, die mich nicht 
zu Schlafe kommen Hessen, indem sie laut plauderten, 
als ob sie afflein Wären, bis ich ihnen auf portugiesisch 
ein energisches „assim nao posso dormirl* zurief, worauf 
sie augenblicklich schwiegen, und sich nicht mehr maks- 
ten — was mich sehr überraschte, weil ich nicht erwar- 
ten durfte, von ihnen verstanden zu werden, obschon sich, 
wie ich nachher fand, nicht darüber zu wundem war, 
indem die einzige Abweichung vom Italienischen in dem 
Wörtchen assim besteht, und selbst dieses, richtig ausge- 
sprochen, dem cos) des Italieners sehr ähnlich lautet 

An Schlaf war nach wie vor nicht zu denken. Ich 
spürte bald, dass ich die ganze, Abwechslung liebende, 
Bevölkerung der Matraze in Aufruhr gebracht Nachdem 
ich verschiedene Male Licht gemacht, und die Frevler 

* erwischt zu haben glaubte , aber immer von Neuem be- 
unruhigt wurde, ward mir endlich klar, dass ich nur 
Nachzügler ertappt — Gattinnen, die ihre Minner adf 
dem blutdürstigen Zuge begleitet, und deren zu süssen 
Hoffnungen berechtigender Embonpoint ihnen nicht ge- 
stattete, so schnell zu entrinnen — dass aber das Gros 

* der leichtfüssigen Armee, sowie es Unrath merkte, durch 
das lockere Gewebe des Leintuches verschwunden, und ha 
die Falten der schmutzigen Matratze sich verkrochen. Gegen 
solche Uebermacht war nicht anzukommen, ich musste 
mich oigeben, wünschte aber sehnlichst den Morgen her- • 
bei. — Wie ich so meine Betrachtungen Über die An- 



- 353 - 

f 

nehmlicbkeiten des Fussreisen* In diesen Gegenden machte, 
sah ich einen der Maurer sachte aus dem Bette steigen. 
Jetzt gilt's meinen Taschen einen Besuch abzustatten, 
dachte ich — darf aber leider keine Räubergeschichte 
ausspinnen, und muss als gewissenhafter Historiker und 
zur Ehre der Maurer berichten, dass die Wanderung zur 
Thüre hinausging , und der Mann , um mich nicht im 
Schlafe zu stören, eben so sachte zurückkam, und unter 
die Decke kroch. 

Es war 3 Uhr, als ich durch die stille Morgenluft 
das Klappern von Holzschuhen und geläufige Weiber- 
zungen vernahm. Es waren WUdheuerinnen, welche die 
Kühle zur Ersteigung der steilen Hänge benutzen wollten. 
Kaum vom Schweigen erlöst, daß der Schlaf ihnen auf-* 
erlegt, seinen es, als ob sie bemüht wären, darzuthun, 
dass es eigentlich sündhafte Vermessenheit ist, anderswo 
als zwischen ihren Lippen das Perpetuum mobile suchen 
zu wollen. In der Absicht, sie einzuholen, hatte ich mich 
schnell reisefertig gemacht. Bis ich aber den Wirth wach 
gerufen, etwas genossen . und die Zeche berichtigt (die so 
billig war, dass man sich wirklich nicht wundem darf, 
wenn die Leute um solcher Kleinigkeit wegen sich nicht 
gerne incommodieren lassen), verging einige Zeit, und als 
ieh in den dunkeln Morgen hinaustrat, war weit und 
breit nichts zu hören, als das Sprudeln des Brunnens 
und der Lärm meiner eigenen Schuhe. Der Himmel 
glänzte noch voller Sterne« Erst als ich in den Hinter?* 
grund des kleinen Thaies kam, fing es an, über den 
dunkeln Kämmen de» Generoso zu lichten. Der Weg, 
den ich gewählt, verzweigte sich bald. .Ich hätte viel- 
leicht besser gethan, noch etwas nordwärts, zuhinterst 
in die Schlucht zu gehen, die von den Hängen von 
S. Agata und des Generosp gebildet wird, und dann 
erst ostwärts emporzusteigen — schlug aber den eben so 
begangenen Weg ein, der directe.im Zickzack hinaufführte« 
Auf beulen kömmt man hinauf; nur darf man sich nicht 

23 



— 354 — 

etwa durch kaum betretene Seitenpfade verleiten lassen, 
abseits zugehen. Uebrigens ist nicht ratbsam, von Rovio 
aus ohne Führer den Berg zu besteigen; von den andern 
Seiten mag es ohne Gefahr geschehen. 

Es ging lange steil hinan, über würzig duftende Gras- 
halden und durch dichten Buchenwald. Bald entfaltete 
sich hinter mir, links und rechts von den hohen Aus- 
läufern des Generoso eingefasst, eine sehr romantische, 
contrastreiche Landschaft. In der Tiefe erschloss sich 
das dunkelumgrünte Seebecken. Durch den scharfen Ein- 
schnitt zwischen S. Agata und den ostwärts sich er- 
hebenden Hängen des Generoso erschien die aben- 
teuerliche Felszacke des S. Salvatore. Im Westen 
tauchte, des ersten wärmenden Grosses des Tagesge- 
stitnes harrend, die edle Gestalt des Monte Rosa 
empor. — Es lag viel Heu an den Hängen, aber nir- 
gends regte sich ein Mensch, so dass ich hie und da, 
wo der Weg sich verzweigte, in Verlegenheit war. leb 
hatte einen hübschen, mit sammetartigem Grasteppich 
bekleideten, Vorsprung erreicht, und war nicht mehr 
weit vom Fuss der obersten Flühe. Zerfallene Mauern 
bekundeten, dass einst eine Hütte hier gestanden. Ein 
seh wacher Ffad führte südwärts unter den Felsen hin, 
und vielleicht nachher zwischen denselben hinan auf den 
höchsten Kamm. Ich schlug den betretenern ein, der 
mich in nordöstlicher Richtung nach den obersten süd- 
liehen Hängen der Schlucht brachte, welche bei S. Agata 
sich öffnet; sah dann, wie der Pfad durch die tiefste Rinne 
der Schlucht nach deren nördlichen Hängen führte, dort 
mit dem Wege, der von unten durch die Schlucht hin- 
aufgeht, zusammentraf, und nachher den höchsten Kamm 
erreichte, — betrat aber bald einen schwächern Steig, der 
über einen reiebbegrasten Rücken mehr direkte nach dem 
nördlichen Gipfel hinauf zu geleiten schien Anfangs 
ging es sachte hinan, nach und nach aber wurde es 
steiler, und jede Spur von Tritten verschwand. Ich merkte, 



- 355 — 

das* ich auf Irrwegen «rar. Wie es aber einem reuigen 
Sünder etwa geht, der gerne au! den Pfad der Tugend 
zurückkehrte, wenn er sich nicht allzuweit davon entfernt 
sähe , ging es mir jetzt. Obschon der Grashang , in wel- 
chen der Rucken auslief, bei näherer Bekanntschaft sich 
weit steiler zeigte, als es von Unten geschienen, und zu 
bangenerregender Jähe nach den weiter oben darüber sieh 
thürmenden Felsen hinanstieg, war ich doch schon so 
hoch, dass ich nicht zurückgehen mochte. Ich hatte auch 
schon einige Schritte gethan, die ich abwärts kaum hätte 
wagen dürfen. Der üppige Graswuchs bot indess den 
Händen einen sichern Halt, und wenn ich etwa einen 
plötzlich vor mir sich erhebenden, mit Gras überhaftge- 
nen, Absatz nicht zu erklimmen vermochte, und vor 
Furcht, das Gleichgewicht zu verlieren, auf dem schma- 
len Basengesimse mich kaum zu regen wagte, half ein 
tiberhangender Weidenstrauch mir aus der Noth. Mit der 
einen Hand fest angeklammert, vermochte ich mit der 
andern seine äussersten Zweige zu erreichen, und alimälig 
seine tieferen starkem Partien zu erfassen und mich daran 
hinaufzuschwingen. Eine felsige Rinne, die sich nach der 
mehrerwähnten Schlucht hinunterzog, unterbrach nachher 
den Abhang. Jeder Versuch , sicher hinüber zu gelan- 
gen, war vergebens, und ich sah mich geflötbigt, ein 
Stück weit über die glatten Felsabsätze der Rinne hin* 
unterzusteigen, und weiter unten den Uebergang zu ver- 
suchen , der endlich gelang« Der Abhang war immer noch 
sehr jähe, aber nicht mehr von Absätzen umzogen. 
Sträucher und äusserst üppiges Gras, das über die Kniee 
reichte , erleichterten dessen Erklimmung. Himbeeren 
kamen in Menge vor; ich liess sie jedoch unbeachtet — 
es drängte mich die Gipfel zu > erreichen , denn mir im 
Rücken strahlte die Walliserkette bereits in aller 
Glorie. Bald gerieth ich zwischen Felsköpfe und auf 
kurzen Alpenrasen. Auf dem nordwärts sich absenken- 
den Hauptkamme, ungefähr dort wo der gute Weg aus- 



— 356 — 

mündet, stand ein Jäger, der mir erstaunt zusah; sein 
Hund jagte mit heftigem Gebelle am Abbang herum. 
Die letzten jähen Grashalden , die ich hinankletterte, 
waren tief aufgewühlt, was ich mir anfangs nicht er- 
klären konnte , bis liegengebliebene Bruchstücke von 
Schieferplatten mich darauf brachten , dasa ich in der 
Spar mich befand, welche in ihrem raschen Plug zur 
Tiefe die als unbrauchbar weggeworfenen ßcbieferstücke 
machen, und dicht unter den Felsen, wo die Schiefer- 
platten abgelöst werden. Zum Glück war Niemand an 
der Arbeit. 

Es war etwas nach 6 Uhr, als ich die Gipfel er- 
reichte. Obscbon durch meine schlecht ausgefallene Spe- 
kulation ziemlich aufgehalten, hatte ich nicht mehr als 
etwa 2 l / 2 Stunden zur Ersteigung gebraucht. Der Tag 
war einer der schönsten, die je am Horizonte erschienen. 
Der Generoso macht seinem Namen Ehre, auch heute 
war er in seiner freigebigsten Laune. Scbneeberge, Feta- 
kämme, grüne Alpenzüge, Ebenen, Seen lagen in wun- 
dervoller Klarheit vor mir ausgebreitet, und ich hatte 
alle Gelegenheit mich noch vertrauter mit dem Rundbilde 
zu machen. Mailand konnte ich auch diessmal nicht 
entdecken. Bevor die Sonne sich neigt und die West* 
sehe der Stadt beschienen ist, mag es der Lage des 
Standpunktes wegen nicht leicht sein, sie cu finden, und 
selbst dann wird man jene Seite nur im Profil oder sehr 
verkürzt sehen, während z. B. auf dem mehrere Stunden 
von Mailand entfernteren Col di Culmo, dem lieber- 
gang von Gimasco nach Pella am Ortasee, der bei- 
nahe 20 Stunden entfernte Dom dem dunkeln Rande des 
Horizontes wie eine von der niedergehenden Sonne mit 
Purpur Übergossen« Schneekuppe entragt, und mit der 
schimmernden Häuserfläche, die ihn utngiebt, einen ma- 
gischen, unvergesslicben Eindruck hervorbringt Nimm* 
man das Fernrohr zur Hand , so gewahrt man sogar die 
Mannoroadeln , die seinen Zimten entsteigen, und nri* 



— 357 — 

ihrem 'Glänze die duftige Atmosphäre wie mit einer Art 
Heiligenschein erfüllen. 

Ich war diessmal ganz allein. Später kamen einige 
Jäger, darunter ein Curatc, von Scudelatte her. Sie 
gingen an mir vorbei nach den nördlichen bebuschten 
Abhängen , um dort Geflügel zu schiessen. Auch einige 
Wildheuerinnen , in Begleitung eines älteren Mannes rück- 
ten von Roncapiano an, um auf dem der Ostsette der 
Gipfel entlang führenden Weg nach derselben Gegend 
sich zu verfügen. Sie Hessen den Mann ziehen, stiegen 
zu mir hinauf, setzten sich neben mich, und bemäch- 
tigten sich als neugierige Evastöchter meines Tubus, mit 
dessen Gebrauch sie bekannt gemacht sein wollten. Es 
waren Fräulein von dunkelbraunem Teint, denen man 
ansah, dass das Wasser an diesen Hängen nicht abon- 
dant ist. 

Um 1 1 Uhr — der Horizont fing an sich zu um* 
wölken — stieg ich den schon beschriebenen Weg nach 
Scudelatte hinunter. In der schön gelegenen, von 
einem Lindenbaum überschatteten, Sennhütte kehrte ich 
zu, um meine Freunde zu begrüssen. Vater und Mutter 
waren jedoeh abwesend, wahrscheinlich heuen gegangen, 
aber eine rosige Einderschaar war in bester Eintracht 
mit einigen Schweinen um's Feuer gelagert, welch' letz- 
tere bei meinem Erscheinen Reissaus nahmen. Dae älteste 
Mädchen, ein hübsches Kind, brachte mir Milch bis ich 
satt war. Ausser dem schon erwähnten Milchkeller nahm 
ich diessmal unter einer der Hütten einen gewölbten Be- 
hälter wahr, der zum Sammeln des Regenwassers bestimmt 
ist. Ein Brunnen war wirklich weit und breit nicht zu 
sehen. v Bald darauf erreichte ich Scudelatte, wo Alles 
mit dem Einthun des Heues beschäftigt war. Auf der 
Terrasse traf ich unseren gefalligen Wirth, der erstaunt 
und erfreut war, mich wieder in diesen Landen zu sehen. 
Ein Mann, der neben ihm stand, gab sich als den Jäger 
zu erkennen, der sich heute früh an meiner Verlegenheit 



— 358 — 

geweidet Auf dem holperigen Wege, der über den 
steilen Abbang hinunter fahrt, hatte ich bald die 
nen Wasserbecken der Breggia erreicht, wo ich 
voriges Jahr gebadet Die Hitze war so arg , das Wasser 
sprudelte so klar von einem Becken in's andere, der 
Felsengrand schimmerte in so lockendem Farbenspiel, 
dass es grosse Ueberwindnng kostete, heute nicht ein 
Gleiches zu thun. Ich hatte jedoch vor, noch über den 
Monte Bisbino nach dem Gomersee hinabzusteigen, 
eine Partie von 4 — 5 Standen; es war schon i Uhr, 
die grosse Hitze benahm mir die Lust, mich sonderlich 
au beeilen, und es blieb mir daher keine vorige Zeit 
Das Bad auf den Abend verschiebend, schlenderte ich 
langsam nach Muggio hinauf. Der von hohem Laub- 
gewölbe überschattete Brunnen war verwaist, sein ein- 
schläferndes Platschern tönte allein durch die Mittags- 
stille. In Muggio regte sich keine Seele, man war 
entweder am Heuen oder des dolce far niente pflegend. 
Auf guter Strasse kam ich nach Cabbio, das ebenfalls 
wie ausgestorben schien. Nachher senkt sich die Strasse 
ziemlich schnell zur Schlucht des Valle della Grotta 
hinab. Seinen mit frischen Matten geschmückten, reich- 
belaubten Seiten , die sich tiefer unten zu felsiger Schlucht 
verengen , deren geröthete Wunde malerisch vom üppigen 
Grün abstechen, entwindet sich, in lebhaftes Blau ge- 
färbt, der steinige Grund in bunten Farben schimmernd, 
ein kleiner wasserreicher Fluss, der sich bald darauf mit 
der Breggia vereinigt Nachdem ich die Brücke pas- 
siert, verliess ich die Strasse, und schlug einen schmalen 
Fasssteig ein, der sehr steil ansteigend, über feuchte 
Matten und unter Nuss- und Kastanienbäumen zu einer 
von Bäumen umhüllten, schön gelegenen, Kapelle hin- 
aufführte. Sie steht auf dem Vorsprung eines kleinen 
Ausläufers des Monte Bisbino, und dicht am Wege, 
der vom Dorfe Bruzella her, das südwestlich liegt, ins 
Valle della Grotta hineinführt. 



— 359 — 

Hier geniesst man einen entzückenden Rückblick in 
den Hintergrand des Muggiothales, an dessen Hängen 
wie Schwalbennester die kleinen Ortschaften Ronca- 
piano und Scudelatte kleben, auf die aus buschigen 
Laubmassen hervorguckenden Dörfer Muggio und Cab~ 
bio, und die am jenseitigen Abhang winkenden Ort- 
schaften Monte und Casima. Die Gipfel des Gene- 
roso staken tief im Nebel drinn. — In südöstlicher 
Richtung ging es nun lange und steil hinan, zuerst unter 
knorrigen Kastanienbäumen , dann über Weiden und durch 
Gestrüppe. Ein Kreuz , das auf einem höheren Vorsprung 
steht und scharf am Himmel sich zeichnete, diente mir 
als Richtschnur. Die Luft war so schwül, dass bald 
Alles an mir triefte, und ich genötbigt war, eines Klei- 
dungsstückes nach dem anderen mich zu entledigen. Ich 
bereute fast, den mühsamen Marsch bei dieser Tageszeit 
unternommen zu haben, war aber dazu gezwungen, wenn 
ich nicht wieder mit einem schlechten Quartier vorlieb 
nehmen wollte. Als ich endlich den busch- und weiden- 
reichen Bergesrücken erreicht, welcher den unteren Theil 
des Muggiothales ostwärts, und sein Seitenthal, das 
Valle della Grotta, südwärts scbliesst , war das 
Mühsamste überwunden. Ich sah vor mir die langersehnte, 
mit einer Kirche gekrönte, Spitze des Monte Bisbino, 
eben im Begriff, sich in Nebel zu hüllen. 

Den südlichen Abhang des Rückens entlang, der in 
einem Bogen, zuerst in östlicher, dann in südlicher 
Richtung nach der Spitze hinauf sich zieht, und das 
kleine alpenreiche Valle Greggio schliesst, das ober- 
halb Gernobbio sich öffnet, ging es- sanft hinan. An- 
genehme Kühle herrschte hier oben. Zahlreiche Vieh- 
heerden weideten an den Abhängen des kleinen Thaies. 
Da und dort schimmerten Sennhütten in der dunstigen 
Nachmittagssonne. In der Nähe einer zerfallenen Hütte 
quillte, von einem Busche beschützt, aus einer nur wenige 
Fuss weit von Rasen entblössten Felsplatte, an einer 



- 360 - 

Stelle, wo man es am wenigsten erwartete, eine sehwache 
Quelle/ an der ich den brennenden Durst löschte. Ein 
Hirte machte mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt 
auf der Grenze sei , was ich auch aus der Karte ersehen 
konnte. Es schien indess gerade, als ob mein Aussehen 
ihn veranlasste, mir die Bemerkung als wohlwollende 
Warnung zugehen zu lassen. Man musa sich nämlich 
vorstellen, dass meine Garderobe auf einer dreiwöchent- 
lichen, oft mit Regen untermischten, Tour ihre Frische 
complet eingebüsst hatte. Ein wolkiger Himmel hatte so 
lange auf den Röcken meines Drillchroekes herunterge- 
schaut, dasB sein getreues Gonterfei sich darauf abge- 
prägt zu haben schien. Mein Panama hätte im Regen 
und Sonnenschein bleichen können, wenn nicht mächtige 
Reagentien, der Rauch der Sennhütten und Staub der 
Heulager ins Spiel getreten wären. Die Anfangs rund- 
umnagelten Sehube sahen aus wie das lückenhafte Ge- 
bisa eines alten Hansdrachen. — Bald darauf hatte ich 
die beharrlich in Nebel sich hüllende Spitze des Monte 
Bisbino erreicht. Es machte so frisch, dass ich mich 
beinahe mit dem ganzen Inhalt meiner Reisetasche affu- 
bliren musste, um nicht zu frieren. Nach Besichtigung 
der innen und aussen schauerlich öden, unheimlichen 
Kirchenmauern, die über und über beschmiert sind, er- 
ging ich mich auf der um die Kirche herum sieh ziehen- 
den Terrasse, die mit einer hölzernen Ballustrade ver- 
sehen ist, sehnlichst des Augenblickes harrend, wo der 
Nebel sich lüften würde. Er hob sich auch wirklieh bald, 
ganz wie der Vorhang eines Theaters, und vor mir er- 
schleuß sich urplötzlich eine in sonniges, glänzendes Grün 
gekleidete Landschaft, in deren Schooss das südlichste, 
reich mit Villen besetzte, Ende des Comersee's und 
die lachende Stadt prangten, während darüber hin die 
duftigen Ebenen der Lombardei sich ausbreiteten. So 
überraschend dieser Akt war, so fand ich mich dennoch 
in den Erwartungen getäuscht, die ich mir vom Monte 



- 361 - 

Bisbino gemacht. Statt, wie ich hoffte, einen grossen 
Theil des Seeannes zu übersehen, der von Bellaggto 
nach Corao sich zieht, fand ich, bis über Cernobbio 
hinaus den ganzen See durch die hoben Uferberge ver- 
deckt. Die Alpenkette war der tiefen Wolken wegen 
keinen Falls zu sehen , wird aber auch bei hellem Wetter 
kaum sichtbar sein, und durch den. Monte Generoso 
und seine hohen Ausläufer verdeckt werden. Der Monte 
Bisbino erhebt sich zu wenig über 4000 Fuss Höhe. 
Ausser dem Rücken, der das Valle (Telia Grotta 
vom Valle Greggio scheidet, und nachher den un- 
teren Theil des Muggiothales gen Osten c^hliesst, 
sendet er einen kürzeren Ausläufer direkte gen Süden, 
der das Valle Greggio im Osten umzieht. An diesem 
Ausläufer liegen die Alpen di Buco, di Gambä, di 
Piazzola. Durch einen hohen, nordostwärts mit dem 
See parallel streichenden, Rücken ist er mit den mehr 
nordwärts sich erhebenden Uferbergen verbunden. Von 
diesem Rücken zweigt sich vielleicht 5 oder 10 Minuten 
unter der Spitze des Bisbino ein kurzer Absenker ab/ 
der mit dem vorgedachten gleich läuft, und ein kleines 
Thal bildet, dessen Bach sich mit jenem des Valle 
Greggio ob Cernobbio vereinigt Den letztgenann- 
ten Ausläufer zu gewinnen, wo sich mir ein grösserer 
Theil des Sees dicht zu Füssen erschliessen musste, und 
dann über dessen Rücken nach Rovenna hinunter zu 
steigen, war mein Plan. 

Kaum hierüber im Reinen, erblickte ich dicht unter 
mir, am sehr steilen südlichen Abhang der Spitze, eine 
bis jetzt nicht beachtete kleine Hütte. Vor deren Ein- 
gang sah ich etwas sich regen, und, wie mir schien, 
Waffen blinken. Schnell mich zurückziehend und das 
Fernrohr zur Hand nehmend, krieche ich sachte wieder 
an den Rand der Terrasse und gucke hinunter. Mit Er- 
staunen gewahre ich nun zwei Grenzwächter eiligst sich 
aufraffen, und rasch den Abhang des Rückens hinanstei- 

23* 



- 362 — 

gen, der von der Spitze gen Süd abfällt, and die beiden 
kleinen, ob Cernobbio sieh öffnenden, Th&ler scheidet. 
Ich was8te nicht, wem sie nachsetzten. Vielleicht hatten 
sie mich gesehen, bevor ich eine Ahnung von ihrer 
Nähe hatte. Möglicher Weise hielten sie mich für einen 
Schmuggler, der von der Spitse des Berges sehen wollte, 
ob auf der andern Seite Alles geheuer sei. Ohne andern 
Grand sie auszuweichen, ah dass ich nicht in meiner 
Reiseroute gestört, oder um ein halbes Dutzend Zwanzi- 
ger erleichtert werden mochte — eine Alternative, welche 
die Grenzjäger auf dem Jöripass letztes Jahr Herrn 
Regienfogsstattbalter S tu der gestellt — , war diese ge- 
nug, ein Zusammentreffen mit ihnen zu vermeiden zu 
suchen. Hätte ich nach der Schweiz zurückgewollt, 
ich wäre längst, bevor sie mich erreichen konnten, wie-* 
der auf ihrem Gebiet gewesen. Mein Plan ging aber 
nach wie vor nach dem Comersee. Ich jagte daher 
den nordostwärte sich absenkenden Kamm hinunter, wo 
die Grenzjäger, wenn ihr Lauf zur Kirche hinaufging, 
mich kaum seilen konnten, bevor sie diese erreichten. 
Um ihnen die Möglichkeit zu nehmen, mich im Laufe 
zu sehen, hielt ich mich an den nördlichen Rand des 
Kammes. Dass diess nöthig war, bemerkte ich, wie ich 
zurückblickte , und die beiden Männer während eines 
Momentes noch im raschen Hinansteigen des Rückens 
begriffen sah, den ich hier erklommen. Als ich wieder einen 
Blick zurückthat, sah ich, dass die Hetze wirklich mir 
galt. Der eine der Grenzwäohter erschien eben auf der 
Ostseite der Terrasse, und rannte in vollem Laufe den 
Kamm hinunter, mir nach. Weiteres Rennen hätte midi 
nur verdächtig machen können. Ich setzte mich auf einen 
Stein, zog die Karte heraus, lichtete das Fernrohr, und 
betrachtete aufmerksamst den eigentümlichen BergkessiL, 
den unter mir, von weidenreiclien Bergesrüoken um- 
schlossen, einige kleine, mit WaldeBgrtin erfüllte, fächer- 
artig ins Valle della Grotta ausmündende Tbäfer 



— 368 — 

bildeten* I* wenig Augenblicken ratend der Jäger neben 
mir — ein bildschöner, bäumiger junger Mann. Er hatte 
Alles weggeworfen , was ihn im Laufe hindern kennte; 
Ein Fernrohr guckte ihm zur Tasche heraus. Iah sah 
bald, da» ich mit keinem jener Raubritter an thun hatte. 
Zuerst Bleute er mich auf anständige Weise zur Rede, 
warum ich diesen ausserordentlichen Weg und nicht die 
breite Strasse zum Eintritt in die Lombardei gewählt; 
worauf ich ihm begreiflich su machen suchte, dasa leb 
mich an keinen Weg gebunden halte. Dann verlangte 
er meinen Pass su sehen. Nachdem ich Um auch in die* 
sem Punkt befriedigt, und er sich einen Augenblick an 
den Geheimnissen meiner Reisetasche geweidet, und wir 
einige anssergeschäfiliche Worte gewechselt, schieden wir 
als gute Freunde, er wieder nur Kirche hinansteigend, 
ich den Kamm verfolgend , bis dort wo der schon er» 
wähnte Ausläufer nach Kovenna hinunter sich abzweigt 
Der Gang über dessen sanft abfallenden Rücken war 
überaas lohnend. Bei einer, in vollem Angesiebt des 
See's Hegenden, von Bäumen umschatteten Sennhütte, 
die sogleich Wohnhaas ist, bekam ich einen Trunk gute 
Müeh. Nähert man sich dem tieferen Ende des Rückens, 
so sieht man dort drei hohe hölzerne Kraue stehen, 
deren wettergebleicbte , in den letzten Sonnenstrahlen 
schimmernde, Arme sich scharf vom Azur des* See* 
spfegels abhoben. Es ist diess wohl einet der schönsten 
Punkte am Gomersee. Ich dankte dem Zufall, der 
mich hieber geführt. Das prachtvolle, von hohen dunkel- 
grünen Bergen umbettete, dicht mit blinkenden Ort- 
schaften und Villen besäumte Wasserbecken war von 
Gomo bis wohl fast nach Caseno sichtbar, und prangte 
im reichsten Farbenschmelz eines Haliänischen Abends. 
Mir zu Füssen fiel der Abhang, oben mit Kastanien- 
bäumen, weiter unten mit Weinbergen bekleidet, steil 
nach Rovenna ab, dessen hellrothe Dächer gar freund*- 
Heb und einladend in Mitte des üppigen Rebengeländes 



— 364 — 

sich ausbreiteten. Gerne hätte ich länger verweilt; der 
Abend begann aber schon seine Schatten über die Berge 
und den See zu lagern, und bis Rovenna hatte ich 
noch eine Stunde zu gehen. 

So wie man den äussersten Vorsprung des Rückens 
verlassen, kömmt man zu einer Gruppe Hütten, die pit- 
toresk zwischen Kastanienbäumen sich bergen. Am Fasse 
eines epheuumrankten Felsens quillt eine Quelle, deren 
WasBer an dem trockenen Abhang von grossem Werttte 
sein muss, und sorgfältig in ein weites steinernes Becken 
aufjgefasst wird. — Eine breite, mit eisglatten kleinen 
Steinen gepflasterte Strasse, auf der man nur sehr be- 
hutsam vorrücken darf, führt von hier in weiten Win- 
dungen hinunter, und bietet beständig zauberische Aus- 
blicke auf den See. Eben hatte ich eine weite Biegung 
auf jähem, grasigem Pfade abgeschnitten, und war im 
Begriff, wieder auf die Strasse zu springen, als ich — 
plumps! — in Mitte eines D&achements von Gensdarmen 
mich befand, die ebenfalls nach Rovenna hinabstiegen; 
die Bäume waren Schuld, dass ich sie nicht vorher ge- 
sehen. — Heute hat's der Kuckuck gesehen! — dachte 
ich. Kaum von meinem Staunen erholt, wieder: gleiches 
Verhör von Seite des Chefs wie auf dem Berge. Ich 
sprach ihn französisch an , er aber sprach zufällig deutsch. 
Das Resultat war, dass wir als die besten. Freunde zu- 
sammen bergall gingen. Er war ein ganz charmanter 
junger Mann. Sein Deutsch hatte er während eines Auf- 
enthaltes in Steierm&rk erlernt. Der Streif zug, dea er 
heute in die Berge unternommen , galt einem Spitzbuben, 
der aber nicht gefunden werden konnte. Die Mannschaft 
bestand aus auserlesenen kräftigen, schmucken Burschen, 
deren Behendigkeit und Grazie ich nur bewundern konnte. 

Obschon die Sonne längst untergegangen, war es so 
schwül, als ob der Bergeshang Wärme ausathmete. Je 
tiefer wir kamen, desto unerträglicher wurde die Hitze. 
Wie die jungen Leute, von Oben bis Unten zugeknöpft 



— 365 - 

und bewaffnet, es aushielten, begreife ich nicht. Als wir 
Rovenna erreichten, war es dunkel. Mein Begleiter, 
der mit seiner Bande hier blieb, bemühte sich umsonst, 
mir ein gutes Quartier zu verschaffen. - Der Besitzer des 
Wirthshauses selbst rieth mir an, noch nach Cernobbio 
hinunter zu gehen, was ich auch am geratensten fand, 
so nngerne ich einen Schritt weiter ging. Es lag mir 
jedoch daran, wieder einmal eine ruhige Nacht zu ver- 
bringen, und so tappte ich im Finstern die heillos glit- 
scherige Strasse hinunter. 

In Cernobbio fand ich eine ziemlich anständige 
Osteria , ein gutes Abendessen und reinliches Bette. Auch 
noch ein anderer höchst unerwarteter Genuas ward mir. 
Ein gut eingeübter Männerchor, wie ich ihn in einem 
italiänischen Dorfe nicht gesucht hätte, und man ihn bei 
uns auf dem Lande vergebens suchen würde, liess in der 
Nähe seine Lieder durch die laue Nacbtluft ertönen. Als 
ich mich zur Ruhe legte, gab er sogar unter den Fen- 
stern der Osteria noch Etwas zum Besten. Unter den 
angenehmen Eindrücken dieser Klänge, denen ich gerne 
länger gelauscht hätte, verfiel ich in einen köstlichen 
Schlaf, um am Morgen neugestärkt nach Como und 
Mailand, aufzubrech en. 



Inhalt, 



Seite 

Georg Hoffmann 1 

i. Der kleine Windgellen von G. Hoffmann 7 

2. Der Oberalpstock von G. Hoffraann 29 

Mit Abbildung. 

3. Der Kreutzlistock von G. Hoffmann 41 

4. Der grosse Windgellen von G. Hoffmann .... 47 

Mit Abbildung. 

5. Der Mont Velan von G. Studer 65 

Mit Abbildung. 

6. Der Grand Gombin von G. Sluder 107 

Mit Abbildung. 

*I. Die Gemmi und das grosse Rinderhorn von G. Studer. 145 
Mit Abbildung. 

8. Der Tödi von Melch. Ulrich 177 

Mit Abbildung. 

9. Der Monte Rosa von M. Ulrich und J. J. Weilenmann. 25* 

Mit Abbildung. 

10. Der Monte Generoso von J. J. Wettenmann . ... 295 
Mit Abbildung. 



«0 



V( 



Bei Friedrich Schulthess 
erschienen : 



in 



Zürich sindU* 



Berg- »nd Gletscher - Fahrten in den Hochalpen 
der Schweiz. Von G. Studer, Bf. Ulrich, J. J. 
Weilenmann. Mit 8 Abbildungen. 8° br. Fr. 5. — 

Bthlr. 1. 10 Ngr. 

Dasselbe in besondern Abdrücken and zwar : 

Die Ersteigung des Mont Yelan, Grand Combin 
und des Rinderhornes von G. Stader, Regierungs- 
statlhaller. Mit 3 Abbildungen 8<> br. Fr. 2. — 16 Ngr. 

Tödi von M. Ulrich, Professor. Mit 1 Ab- 
bildung. 80 br. Fr. 1. 50 Rp. — 12 Ngr. 

Monte Rosa und Monte Generös© , von 

M. Ulrich und J. J. Weilenmann. Mit 2 Abbil- 
dungen. 80 br. Fr. 2. — 16J¥gr. 
$g{ __ beiden Windgellen, der Kretizlistoek und der 
Oberalpstock. Aus dem Nachlasse von Georg H off- 
mann. Mit 2 Abbildungen. 8<> br. Fr. 1. 50 Rp. — 

12 Ngr. 

Mousson, Alb., die Gletscher der Jetztzeit. 8° br. 

Fr, 2. 80 Rp. — 27 Ngr. 

— — die Physik auf Grundlage der Erfahrung. 
Mit vielen gravirten Abbildungen. 1. II. ts Heft. 8<>4>r. 

Fr. 8. 60 Rp. — Rthlr. 2 12 Ngr, 

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September 1858. 8° br. Fr. 1. 40 Rp. — 12 Ngr. 

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durcbschnilten und einer geblogischen UebersichUkarte. 
2 Bände. 80 br. Fr. 21. 20 Rp. — Rthlr. 6. 



1 



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